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Leipzigs Arbeitslosenquote fällt auf 8,7 Prozent, die Nachfrage steigt

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    In der deutschen Arbeitsmarkt-Berichterstattung geht es ja eher drunter und drüber. Man tut zwar gern so, als wüsste man, wie man Arbeitsmärkte steuert. Aber eigentlich ist das eher eine von den Wissenschaften, mit denen Wirtschaftsminister so ungern konfrontiert werden wie Wirtschaftsinstitute. Deswegen schiebt sich trotzdem irgendwas zusammen. Denn dummerweise wollen die Menschen - trotz aller politischen Trauermienen - arbeiten.

    Geld verdienen auch. Dazu sind sie ja sogar regelrecht gezwungen, weil Möchtegernvater Staat mit der Peitsche dasteht und jeden sanktioniert, der bei drei nicht seine Sozialschulden bezahlt hat.

    Deswegen definieren sich Unternehmen, Produkte und Beschäftigungsangebote eben nicht nur über den Preis der „Ware Arbeit“, wie man auch am IWH Halle noch immer glaubt. Die Sache ist deutlich komplexer. Ein sehr vernetztes Zusammenspiel aus Konsumenten, Produzenten, Geldgebern, Kreditmarkt, Vermarktern, Staat und Angebot, aus Dienstleistung und Export, aus Infrastrukturen … die werden eh meist vergessen, wenn es um Erklärungen dafür geht, warum es in einer Region funktioniert, in der anderen nicht. Nichts ist so voller falscher Legenden wie die Vorstellungen über Wirtschaft, Märkte und Lebensstrukturen.

    Und weil das so ist und die Möchtegern-Steuerleute keine Ahnung haben, sinkt die Arbeitslosigkeit.

    Das ist jetzt zugespitzt. Stimmt aber für Leipzig und Sachsen. Für Letzteres nur halb, denn gleichzeitig bluten ja ganze Regionen aus, weil die verantwortlichen Politiker Demografie mit pflegebedürftigen Senioren verwechseln und mit Familien, Lebenswünschen und modernen Arbeitswelten nichts anfangen können.

    Und nichts ist so eng mit der Entwicklung der regionalen Wirtschaft verquickt wie die Lebensentwürfe der jungen Menschen. In den 1990er Jahren als Tragödie erlebt, als flächendeckend die großen Industrien in Sachsen abgewickelt wurden und die jungen, gut ausgebildeten Sachsen zu Hunderttausenden in den Westen abwanderten.

    Seit zwei Jahren sogar sachsenweit als Überraschung erlebt, weil die Bevölkerung nicht mehr schrumpft und – ach du Schreck – die Kinderzahlen wieder steigen.

    Man könnte durchaus auf die hübsche Idee kommen, dass „Familienfreundlichkeit“ ein Wirtschaftsfaktor ist – und natürlich auch darüber staunen, was alles dazu gehört und wie viel Schaden Politiker anrichten, die einer familienunfreundlichen Wirtschaftsphilosophie Vorschub geben. Und die neoliberalen Ideen sind es allesamt.

    Dass Leipzig irgendwie als Attraktor funktioniert, wird auch mit der jüngsten Meldung der Leipziger Arbeitsagentur zum Arbeitsmarkt im Juni deutlich.

    „Die Dynamik am Leipziger Arbeitsmarkt hält weiter an. Der Rückgang der Arbeitslosigkeit setzt sich kontinuierlich fort, erfreulicherweise profitieren davon auch die Älteren und die Langzeitarbeitslosen. Die positive Entwicklung bei den gemeldeten Stellen zeigt, dass wir weiter in Aktivierung und Qualifizierung investieren müssen, um die Nachfrage nach Arbeitskräften in der Region zu decken“, erklärte am Donnerstag, 30. Juni, die Vorsitzende der Geschäftsführung der Agentur für Arbeit Leipzig, Reinhilde Willems, bei der Vorstellung der monatlichen Arbeitsmarktentwicklung.

    Insgesamt waren im Juni 25.456 (Vormonat 26.342) Männer und Frauen in Leipzig arbeitslos gemeldet. Der Rückgang im Vergleich zum Mai betrug 886 Personen – gegenüber Juni des Vorjahres sogar 1.684 Personen.

    Bei den unter 25-Jährigen ging die Arbeitslosigkeit gegenüber Mai 2016 um 150 Personen zurück. Mit 2.136 Arbeitslosen unter 25 Jahren liegt die Zahl allerdings über dem Niveau des letzten Jahres, betont die Arbeitsagentur. Aber das hat vor allem mit den jungen Asylsuchenden zu tun, die derzeit in die Obhut des Jobcenters überwiesen werden.

    Aber auch bei den über 50-Jährigen ging die Arbeitslosigkeit um 211 Personen gegenüber Mai 2016 zurück. Damit waren im Juni 7.400 ältere Arbeitslose gemeldet, 853 weniger als vor einem Jahr. Und das hat immer stärker damit zu tun, dass viele Leipziger Firmen ihre älteren Fachkräfte mittlerweile zu halten versuchen. Nicht nur, weil sie wissen, dass die verfügbaren Arbeitskräfte auf dem Markt knapp geworden sind, sondern weil sie damit auch wichtiges Knowhow im Unternehmen behalten. Der Effekt ist dann eher nicht, dass mehr Ältere in Jobs vermittelt werden, sondern dass weniger über 50-Jährige in Arbeitslosigkeit geraten.

    Dass dem so ist, zeigt eine andere Zahl: Die Zahl der Langzeitarbeitslosen ist im Juni zwar weiter zurückgegangen. Im Juni waren 8.425 Menschen langzeitarbeitslos (minus 211 Personen). Im Vergleich zum Juni 2015 gab es aber nur 486 Langzeitarbeitslose weniger. Der Bestand dieser nun wirklich schwer Vermittelten sinkt deutlich langsamer als der Gesamtbestand.

    Gründe dafür sind in der Regel hohe Vermittlungshemmnisse von fehlender Qualifikation über mangelnde Flexibilität bis hin zu fehlenden unqualifizierten Tätigkeiten. Der Leipziger Arbeitsmarkt ist nun einmal schon lange einer, auf dem Ungelernte und Schlechtqualifizierte weder in der Produktion noch in der Dienstleistung reelle Chancen auf Dauerbeschäftigung haben.

    Neu hinzu kommen jetzt natürlich die Asylsuchenden, um die sich nicht nur das Jobcenter bemüht, sondern auch die Wirtschaft.

    4.349 Ausländer sind gegenwärtig in Leipzig arbeitslos gemeldet. Das waren 127 weniger als im Mai 2016 und 896 mehr als im Juni 2015.

    Worauf konzentriert sich die Arbeitsagentur da? – „Durch eine Investitionsoffensive auch im zweiten Halbjahr 2016 werden wir auch gezielt Jüngere und Menschen mit Migrationshintergrund für den Arbeitsmarkt fit machen. Wir setzen auf die betriebsnahe Förderung und haben die Kontingente für Eingliederungsleistungen bei Arbeitgebern erhöht, sehen gleichzeitig einen Bedarf für längerfristige Qualifizierungen“, so Reinhilde Willems.

    Die Chancen, dass diese Programme greifen und die Emsigsten und Ambitioniertesten relativ schnell in Arbeit kommen, sind hoch.

    Denn augenblicklich sind in Leipzig so viele freie Arbeitsstellen gemeldet wie lange nicht.

    Die Wirtschaft und die Verwaltung haben aktuell 5.427 freie Stellen, das waren 334 mehr als im Mai und 822 mehr als vor einem Jahr, zur Besetzung gemeldet. Logisch, dass die offizielle Arbeitslosenquote unter die 9 gerutscht ist: Zum statistischen Zähltag im Juni betrug die Arbeitslosenquote in der Stadt Leipzig 8,7 Prozent (Vormonat: 9,0 Prozent). Im Juni 2015 lag sie noch bei 9,4 Prozent.

    Und das hilft zumindest ein wenig, die Zahl der im Jobcenter Betreuten wieder ein Stück weit abzubauen.

    Im Rechtskreis SGB II (das ist der Bereich des Jobcenters) waren 20.073 Menschen arbeitslos registriert. Das waren 693 weniger als im Mai 2016 und 1.380 weniger als vor einem Jahr. In Leipzig gab es im Juni 40.614 Bedarfsgemeinschaften. Das sind 170 weniger als im Vormonat und 1.625 weniger als im Juni des Vorjahres. Das Jobcenter Leipzig betreut aktuell 49.778 erwerbsfähige Leistungsberechtigte. Im Vergleich zum Vormonat betrug dort der Rückgang 249 Personen. Im Vergleich zum Vorjahr sank die Zahl um 2.243 Personen.

    Und in der Arbeitsagentur selbst sind die Zahlen relativ stabil: Im Juni waren 5.383 Menschen im Rechtskreis SGB III in der Arbeitsagentur arbeitslos gemeldet. Das waren 193 weniger als im Vormonat und 304 weniger als im Juni 2015.

    8,7 Prozent Arbeitslosigkeit sind zwar im Bundesvergleich noch hoch. Aber wenn man bedenkt, dass die Arbeitslosenquote in Leipzig 2005 (dem „Hartz IV“-Jahr) bei 20,8 Prozent lag, dann hat man zumindest ein Gefühl dafür, was da in Leipzig seit 2005 passiert ist. Und das hat wahrscheinlich wenig bis nichts mit „Hartz IV“ zu tun, aber eine Menge mit dem Faktor wachsende Stadt und der bundesweit ab 2005 einsetzenden wirtschaftlichen Erholung.

    Die sächsische Arbeitsagentur meldet für Juni übrigens einen Rückgang der Arbeitslosenzahl für Sachsen um 5.165 auf 156.945, was eine Quote von 7,2 Prozent ergibt. Was nicht heißt, dass die Landkreise da draußen fleißiger Jobs geschaffen haben als Leipzig, sondern dass die wachsenden Großstädte mit ihrem wachsenden Job-Angebot immer weiter Arbeitskräfte aus den ländlichen Regionen anziehen. Dieser Konzentrationsprozess auf die „Schwarmstädte“ geht also munter weiter.

    Was man unter Schwarmstädten versteht, haben wir im unten verlinkten Beitrag erzählt.

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