Quartalsbericht 1/2017: Leipzig, die gelassene Stadt

Für alle LeserAlles fließt. Menschen ziehen um. Großstädte wachsen. Und auch Leipzig wächst weiter. So kann man es nachlesen im neuesten Quartalsbericht der Stadt. Kurz vor Silvester schrammte Leipzigs Bevölkerungszahl ja schon knapp an der 580.000. Für den März war es dann amtlich: 582.277 Menschen waren im Leipziger Melderegister verzeichnet.
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Das waren 11.282 mehr als vor einem Jahr. Damit ist die Zuwanderung nach Leipzig ungebrochen, auch wenn der Spitzenwert von 16.000 im Jahr 2015 nicht wieder erreicht wird. Eher die Werte davor. Denn 2015 und 2016 war Leipzigs Zuwachs auch durch die zuwandernden Flüchtlinge geprägt. Allein 2015 machten die Zuwanderer aus den Hauptflüchtlingsländern 2.439 aus, im Folgejahr sogar 3.495.

Das klamüsern Andreas Martin und Andrea Schultz in ihrem Beitrag „Trends der Wanderungsentwicklung“ im Bericht fein säuberlich auseinander.

Nur zum Vergleich: Über 8.300 Personen wanderten aus den alten Bundesländern zu. Seit nunmehr genau acht Jahren hat Leipzig einen positiven Wanderungssaldo mit den alten Bundesländern. Und das sind nicht nur Studierende, die ja meist nach ihrem Studium wieder in die Heimat zurückkehren. Das sind auch immer mehr Menschen mit fertigem Berufsabschluss, die in Leipzig einen adäquaten Job gefunden haben und hier auch erst einmal samt Familie bleiben.

Wenn sie hier denn eine passende Wohnung finden. Denn dass es auf dem Leipziger Wohnungsmarkt nicht mehr alles gibt, was man sucht, ist seit 2014 klar. Seit 2014 hat Leipzig nämlich mit seinen Umlandgemeinden einen negativen Wanderungssaldo. Das ist die Differenz zwischen Zu- und Abwanderung. Aus Orten wie Markkleeberg, Markranstädt, Taucha und Großpösna ziehen weniger Menschen um Richtung Leipzig als in umgekehrter Richtung hinausziehen aufs Land.

Ins Grüne. Wahrscheinlich wirklich ins Grüne. Wer es sich leisten kann, sucht sich wieder ein ruhigeres Domizil draußen vor den Toren der Stadt. Die beiden Landkreise profitieren direkt vom Bevölkerungswachstum in Leipzig, womit sich eine Entwicklung fortsetzt, wie sie Westdeutschland mit seinen Vororten und Speckgürteln längst etabliert hat.

Was ja nichts Schlechtes ist: Es geht immer um die ganze Region. Und wenn sich hier – in und um Leipzig – neue Unternehmen niederlassen und Personal nachfragen, dann bringt das den ganzen Standort voran. Es schafft Arbeitsplätze (allein in Leipzig im Schnitt 8.000 pro Jahr), was wieder den Zuzug verstärkt.

Das eine verstärkt das andere. Man kann regelrecht zuschauen, wie eine Metropolregion in Miniatur funktioniert. Oder im Keimstadium. Denn gerade die Zahlen der Zuwandernden aus den alten Bundesländern zeigen, dass ein solcher Wachstumskern auch ohne die kleinteilige Landespolitik funktioniert. Die Stadt, die mitten in diesem Netz aus Straßen, Fluglinien, Datenautobahnen liegt, wächst, weil sie wie ein Magnet funktioniert.

Kluge Regierungen würden das befördern, weil das ganze Land davon profitiert. Der Sog Leipzigs ist so groß, dass die Stadt seit 2011 Jahr für Jahr das Ranking der zuwachsstärksten deutschen Großstädte anführt – gerechnet pro 1.000 Einwohner.

Trotzdem, so betont Ruth Schmidt, Leiterin des Amtes für Statistik und Wahlen, werde man sich demnächst wieder hinsetzen und eine neue Bevölkerungsprognose errechnen. Die letzte hat man vor einem Jahr vorgestellt – und damit auch den Oberbürgermeister erschreckt. Denn danach hätte Leipzig im Jahr 2030 zwischen 700.000 und 720.000 Einwohner.

Den nächsten Schock erlebten die Statistiker selbst, als die Zuwanderung 2016 dann doch nicht so hoch ausfiel, gerade mal im Bereich der niedrigsten gerechneten Variante.

Das Problem ist: Wenn so viel Dynamik in der Zuwanderung liegt wie in Leipzig, werden schon die Prognosen über 13, 14 Jahre höchst unsicher. Ein kleiner Ausreißer in der Rechnung, und man bekommt 760.000 Einwohner als Antwort. Das war die höchste Variante. Oder doch eher 670.000, wie in der niedrigen Variante.

„Zurzeit befinden wir uns eher im Bereich der niedrigen Variante“, sagt Ruth Schmidt. Also muss noch einmal gerechnet werden, weil das sofort Auswirkungen hat auf die Fragen: Wie viel neue Wohnungen braucht man in den nächsten 5, 10 Jahren? Wie viel neue Schulen? Wie viel neue Kitas? Was geschieht mit dem ÖPNV? Und wirken sich nicht auch – wenn vorhanden – die Verfügbarkeiten dieser fundamentalen Infrastrukturen erneut auf den Zuzug aus?

Die beiden Punkte Kita und Schule sind noch viel unsicherer, nicht nur weil die Geburtenzahl ständig steigt, sondern weil die zuwandernden Familien von Erwerbstätigen natürlich auch ihre Kinder mitbringen. Rund 1.000 Kinder zusätzlich jedes Jahr, da wird auch der Sozialbürgermeister noch nervöser. Nervös ist er ja schon.

Wohin geht die Reise?

Der Statistiker Peter Dütthorn schätzt, dass sich der Zuwachs ohne die Flüchtlinge im Bereich der Zahlen vor 2015 einpegelt: irgendwo zwischen 11.000 und 12.000 zusätzliche Leipziger pro Jahr.

Da im Mai die Bevölkerungszahl 583.643 erreicht wurde, ist um den Jahreswechsel (vielleicht sogar vor Weihnachten) mit dem Erreichen der Zahl von 590.000 Einwohnern zu rechnen. Und wer weiterrechnet, sieht dann im Jahr 2018 die Zahl 600.000 auftauchen.

Und erst einmal deutet nichts darauf hin, dass sich die Zuwanderung deutlich abschwächt.

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BevölkerungswachstumQuartalsbericht
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