DIW-Studie bestätigt das Rentendilemma in Deutschland

Auch in Sachsen müssen immer mehr ältere Menschen weiterarbeiten, weil die Rente nicht reicht

Für alle LeserNicht nur in Sachsen macht sich das Rentendilemma der jüngeren Generationen immer stärker bemerkbar. Es ist ein gesamtdeutsches Thema, stellte am Mittwoch, 12. September, auch das Deutsche Institut für Wirtschaftsforschung (DIW) in einer Studie fest. 50 Prozent der heute 55- bis 64-Jährigen haben eine Versorgungslücke, bekommen rechnerisch also weniger Rente, als sie zum Leben brauchen. Und Riester und Rürup ändern daran so gut wie nichts.

Der Hauptgrund dafür sind – neben dem immer weiteren Absenken des Rentenniveaus durch die Bundesregierung – vor allem schlecht entlohnte Jobs. Weshalb das Rentenproblem in wachsendem Ausmaß ein ostdeutsches Problem ist. Worauf insbesondere die linke Landtagsabgeordnete Susanne Schaper immer wieder hinweist.

Gerade erst hat sie ja wieder nach den Zahlen der sächsischen Ruheständler gefragt, die auch mit 65 und älter noch arbeiten. Manche sicher freiwillig, die meisten aber gezwungenermaßen, weil die Rente, die sie bekommen, zum Leben nicht reicht. Und das oft nach 40, 45 Jahren Berufstätigkeit. Aber Rente „belohnt“ ja nicht Lebensarbeitszeit, sondern jene, die schon im Arbeitsleben gut verdient haben. Wer dann gar noch eine Betriebsrente bekommt, ist fast aus dem Schneider. Aber auch die gibt es im Osten kaum.

In den letzten drei Jahren ist die Zahl der Menschen in Sachsen, die auch nach dem 65. Geburtstag sozialversicherungspflichtig beschäftigt sind, um etwa 30 Prozent (Männer) bzw. um 47 Prozent (Frauen) angestiegen. Mithin arbeiten derzeit insgesamt 11.900 Personen im Freistaat auch im Rentenalter weiter, kann Susanne Schaper aus der neuesten Antwort der Staatsregierung auf ihre Anfrage hin herauslesen.

Die Zahl der geringfügig Beschäftigten über 65-Jährigen stieg stetig von 20.950 Männern und 16.335 Frauen im Jahr 2015 auf 26.500 Männer bzw. 22.300 Frauen im Jahr 2017. Den stärksten Anstieg mit insgesamt 49,7 Prozent im Vergleich zu 2015 gab es im Landkreis Görlitz, gefolgt vom Erzgebirgskreis (42,6 Prozent) und Dresden (42,2 Prozent).

„Es gibt verschiedene Gründe dafür, dass auch in Sachsen immer mehr Rentnerinnen und Rentner weiterarbeiten – den Fachkräftemangel, sicher auch den freien Willen mancher, aber auch zu geringe Renten. Die Zahlbeträge werden laut der Deutschen Rentenversicherung immer kleiner – erhielten Männer, die zum 31.12.2016 im Osten in Rente waren, noch durchschnittlich 1.118 Euro, waren es im Neuzugang 2017 nur noch 968 Euro“, geht die sozialpolitische Sprecherin der Linksfraktion, Susanne Schaper, auf die wahrscheinlichen Ursachen der wachsenden Zahl arbeitstätiger Senioren ein.

„Daran werden auch die jüngsten Ankündigungen der Bundesregierung nichts ändern, die Riester-Rente weiter zu stärken. CDU und SPD legen keine wirklichen Vorschläge vor, um die gesetzliche Rentenversicherung so auszubauen, dass sie allen einen würdevollen Ruhestand sichert. Niemand soll mehr dazu gezwungen sein, nach dem Renteneintritt weiterzuarbeiten!“

Das deutsche Rentensystem hat mehrere Baufehler. Dazu gehört die enge Kopplung an die Höhe der Einkünfte, was dazu führt, dass Menschen, die schon im Berufsleben schlecht bezahlt wurden, auch noch im Alter finanzielle Unterstützung beantragen müssen. Dazu gehört auch die Beitragsbemessungsgrenze, sodass sich gerade Gutverdiener aus der solidarischen Rentenfinanzierung in Teilen zurückziehen können.

Auch die „Süddeutsche“ fand die Studie des DIW bedenkenswert und unterstreicht die Folgerung der Wissenschaftler: „Die Wissenschaftler wollen nicht nur das Rentenniveau stabilisieren. Sie raten auch dazu, Geringverdienern höhere Altersbezüge zu geben. Gutverdiener sollen auf ihr ganzes Gehalt Beiträge zahlen statt wie bisher nur bis zu einer Grenze von knapp 7.000 Euro. Die Bundesregierung plant eine höhere Grundrente für langjährig Beschäftigte mit wenig Einkommen.“

Das klingt in der Mitteilung des DIW etwas theoretischer. Aber auch dort fehlt der Hinweis nicht, dass das österreichische Rentensystem, das eigentlich im Sinn genauso gestrickt ist wie das deutsche, sichtlich bessere Ergebnisse liefert.

Das DIW: „Die AutorInnen empfehlen neben einer stärkeren Fokussierung auf die Gesetzliche Rentenversicherung vor allem über die Aufweichung des strikten Äquivalenzprinzips nachzudenken, womit die Höhe der Rentenleistungen nicht mehr eins zu eins an die Einzahlungsbeiträge gekoppelt wäre wie bisher.“

„Gerade Geringverdienenden sollten dann höhere Leistungen zugutekommen, während die Beitragsbemessungsgrenze für die oberen Einkommensgruppen aufgehoben werden sollte“, empfiehlt Studienautor Markus M. Grabka. Zudem könnten bessere Anreize zur Bildung privaten Vermögens gesetzt werden, zum Beispiel durch eine Umleitung der staatlichen Zuschüsse für Riester-Renten in Richtung einer kapitalgedeckten Zusatzrente nach dem schwedischen Fondsmodell – eine Diskussion, die in Deutschland unter dem Begriff „Deutschlandrente“ schon seit längerem geführt wird.

Und so sieht es auch Susanne Schaper: „Erste und längst überfällige Schritte wären die Abschaffung von Beitragsbemessungsgrenzen, damit Spitzenverdiener sich nicht weiter eines Teils ihrer Verantwortung entledigen können, sowie eine Rentenversicherungspflicht für Selbstständige und Beamte. Auch die sächsische Landesregierung steht in der Verantwortung, auf der Bundesebene für ein solidarisches Versicherungsmodell zu streiten, das alle einbezieht. Aber dazu braucht es eine andere politische Mehrheit, auch in Sachsen.“

54.500 Vollzeit-Beschäftigten in Leipzig droht im Alter Hartz IV

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