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Warum Leipzig so viele Heimzentrierte hat und eindeutig zu wenig liberales Bürgertum

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    Da waren wir noch nicht mal ganz durch mit der „Bürgerumfrage 2017“, da kommt schon der Quartalsbericht, der sich in einem Aspekt direkt auf die Bürgerumfrage bezieht. Denn 2017 haben Leipzigs Statistiker versucht, die Lebensstiltypen der Leipziger zu ermitteln. Denn einfach mit Begriffen wie Mittelklasse, Oberklasse, reich oder arm kommt man den Lebenswelten der Menschen nicht wirklich auf die Spur.

    Deswegen hat zum Beispiel Gunnar Otte eine Lebensstiltypologie entwickelt, mit der sich verschiedene Milieus in einer modernen Stadtgesellschaft differenzieren lassen – einmal ganz grob in „traditionell“, „teilmodern“ und „modern“ unterscheidbar, aber auch durch Haushaltsausstattung differenzierbar. Und ein bisschen freute sich ja Verwaltungsbürgermeister Ulrich Hörning darüber, dass Leipzig zumindest ein durchaus beachtliches Potenzial moderner und leistungszugewandter Einwohner hat.

    Und dafür eine eher kleine Gruppe konservativer Traditionalisten. Was ja zur Stadt passt, die so gerne modern, innovativ und unterhaltungssüchtig sein möchte. Was trotzdem die Frage aufwirft: Für wen wird in Leipzig tatsächlich Politik gemacht?

    Für die „Aufstiegsorientierten“, die nach der Bürgerumfrage immerhin 27 Prozent der Stadtgesellschaft stellen, Menschen also, die sich voll reinhängen, um Karriere zu machen, Geld zu verdienen, Familie zu gründen und ansonsten den „Mainstream der modernen Freizeitkultur“ genießen?

    Sieht fast so aus.

    Oder doch eher für die „Heimzentrierten“, immerhin satte 25 Prozent, die Häuslichkeit über alles stellen.

    Das sind die beiden Gruppen, die in Leipzig dominieren. Auch im Stadtrat.

    Der Vergleich mit westdeutschen Städten wie Augsburg zeigt, dass in Leipzig vor allem ein Milieu besonders winzig ist: das der „liberal Gehobenen“, also Leuten, die nicht nur im Beruf Selbstverwirklichung suchen, sondern im Hochkulturgenuss. Dazu braucht man Geld. Stimmt. In Augsburg gehören 15 Prozent der Bevölkerung dazu, in Leipzig nur 7 Prozent. Das ist wohl der wichtigste Unterschied.

    Bei den Hedonisten liegt man wieder fast gleichauf, da hat Leipzig 16 Prozent und Augsburg 15. Das sind vor allem Menschen, die mit starker Konsumorientierung und mit Liebe zur Jugendkultur auffallen, innovationsfreudig und genusssüchtig sind.

    Die Leipziger Lebensstiltypen. Grafik: Stadt Leipzig, Bürgerumfrage 2017
    Die Leipziger Lebensstiltypen. Grafik: Stadt Leipzig, Bürgerumfrage 2017

    Man merkt schon, dass so eine Sortierung über den Lebensstil den Blick auf die Stadtgesellschaft deutlich ändert. Auf einmal verblüfft es gar nicht mehr so sehr, dass es in unserer politischen Avantgarde so dünn aussieht. Die speist sich nicht wirklich aus diesen Milieus. Politik macht Arbeit, schon im Ehrenamt.

    Und es ist zu erwarten, dass politisch Aktive eher aus dem Milieu der Reflexiven kommen (7 Prozent der Leipziger), Leuten also, die Kultur und akademische Bildung für zentral halten und ein globales Lebensgefühl mit eigenverantwortlicher Persönlichkeitsbildung verbinden. Denn wer die Welt (über Politik) verändern will, braucht ein hohes Maß an Reflexion.

    Aber wo findet man denn nun die Armen und Beleidigten?

    Zu einem großen Teil bestimmt unter den Heimzentrierten, vielleicht auch unter den „Unterhaltungssuchenden“, denen Otte auch eine gewisse Depolitisiertheit und Deklassierungserfahrung bescheinigt – immerhin 9 Prozent der Stadtgesellschaft.

    Und ganz gewiss gehören die „Konventionalisten“ hierzu mit ihrem hohen Sicherheitsbedürfnis und ihrem konservativen Wertekanon (4 Prozent). Fast marginal sind in Leipzig die „traditionellen Arbeiter“ (5 Prozent) und die „konservativ Gehobenen“ (1 Prozent).

    Leipzig unterscheidet sich also von einer Stadt wie Augsburg vor allem im Fehlen des gehobenen liberalen Bürgertums, das ja 1945 vertrieben wurde und nach 1990 erst wieder langsam zu Geld kommt. Dafür ist der Anteil der „Heimzentrierten“ mit 25 Prozent gegenüber Augsburg mit 12 Prozent ausgesprochen hoch. Aber auch wieder vergleichbar mit Erfurt (23 Prozent) und Nürnberg (22 Prozent), beides Städte, die wirtschaftlich genauso rudern wie Leipzig.

    Es sieht also ganz so aus, als würden wirtschaftlich prekäre Verhältnisse viele Menschen erst zu „Heimzentrierten“ machen, zu Leuten, deren Welthorizont vor allem durch das Fernsehen geprägt wird, die sich auch aus finanziellen Gründen auf Haus, Heim und Familie konzentrieren.

    Man muss das nicht verurteilen. Wahrscheinlich ist es sogar folgerichtig, denn genug freies Geld zur Verfügung zu haben bedeutet eben in großem Ausmaß auch soziale, kulturelle und gesellschaftliche Teilhabe. Wenn aber das Geld vom Arbeiten gerade so reicht, den Familienladen am Laufen zu halten, dann bleibt kaum noch Zeit und Kraft, sich um die Stadt, die Gesellschaft und die Politik zu kümmern. Dann konsumiert man dann eher, was einem Politik so serviert, nimmt es als gegeben hin.

    (Oder mal ganz frech dazwischenformuliert: Wer Niedriglöhne propagiert, will, dass Menschen sich nicht mehr um Politik kümmern. So erzeugt man Politikverdrossenheit.)

    Wäre da nicht das dumme Gefühl, dass dann eben andere ihre Politik für sich machen und die emsigen Arbeiter und Angestellten nur noch als Schwungmasse für ihre Politik benutzen, die mit den Bedürfnissen der Mehrheit nichts mehr zu tun hat.

    Und man ahnt, warum „Hartz IV“ so ein Feuer unter der Gesellschaft entfaltet hat, denn es ängstigt natürlich vor allem die, die mit ihrem Geld gerade so zurande kommen und froh sind, ihr Leben aus eigener Kraft gestalten zu können. Und die stolz darauf sind, dass sie es schaffen. Das muss immer mit hinzugefügt werden.

    Aber man findet sie eben viel zu selten in der Politik, um ihre eigenen Wünsche und Interessen zu artikulieren. Sie delegieren das augenscheinlich lieber (oder gezwungenermaßen), sodass natürlich das Bild entsteht, Politik werde von einer „abgehobenen Elite“ gemacht, auch wenn es nur lauter gebildete Spezialisten sind, die nur ihren Lebensstiltyp kennen, aber nicht den der Menschen, die die Mehrheit unserer Stadtgesellschaft ausmachen.

    Wobei man das natürlich nach den Aspekten traditionell, teilmodern und modern gruppieren kann. Die Mehrheit (59 Prozent) ist nun einmal „nur“ teilmodern, steht also mit einem Fuß in traditionellen Sichtweisen, ist aber auch offen für moderne Entwicklungen. Das muss man im Kopf erst mal verbinden können. Und die meisten verbinden es auf ihre Weise, ohne zu ahnen, dass sie von einigen Parteien doch gleich wieder in links und rechts, multikulti und Heim&Herd geteilt werden. Oder verbal radikalisiert und aufgeputscht, sodass sie sich instrumentalisieren lassen.

    Obwohl 59 Prozent Teilmoderne eben auch bedeuten, dass die Mehrheit tatsächlich Veränderungen mitmacht – vielleicht nicht so mutig und übermütig wie die 32 Prozent Modernen. Man bevorzugt lieber kleinere Schritte und bessere (und ehrliche) Kommunikation.

    Auch das steckt ja in den Ergebnissen der Umfrage. Gerade die Heimzentrierten sind eben keine optimistischen Leute, da ähneln sie den Konventionalisten und traditionellen Arbeitern. Sie fahren auch seltener Fahrrad und ihr Gesundheitszustand ist deutlich schlechter als etwa bei den Reflexiven (48 zu 87 Prozent). Man merkt schon: Auch Gesundheit, Bildung, Mobilität haben mit Geld und Lebenseinstellung zu tun.

    Radfahrer am Dittrichring. Foto: Ralf Julke
    Radfahrer am Dittrichring. Foto: Ralf Julke

    Und in der Auswertung zur „Bürgerumfrage 2017“ findet man auch eine Liste mit allen Ortsteilen und den jeweiligen Anteilen von Lebensstiltypen. Und man staunt nicht wirklich, die Anteile von Heimzentrierten in Großzschocher (46 Prozent), Grünau-Nord (37) und Schönefeld-Ost (36) besonders hoch zu finden, während die Aufstiegsorientierten eher in Schönau (47 Prozent), Baalsdorf (44) oder Grünau-Ost (39) zu Hause sind.

    Natürlich findet man die Reflexiven dann eher mit hohen Werten rund ums Zentrum verteilt. Ganz ähnlich ist es mit den liberal Gehobenen, die besonders stark im Waldstraßenviertel vertreten sind. Traditionelle Arbeiter findet man eher in Mockau-Nord, Unterhaltungssuchende in Lindenau und Konventionalisten in Holzhausen und Marienbrunn.

    Kleine Überraschung: Die Hedonisten, also die, die das Leben so gern genießen, sind eher in Neustadt-Neuschönefeld, Volkmarsdorf und der Südvorstadt zu Hause. Das dürfte schon zu denken geben, gerade wenn man bedenkt, dass man nicht wirklich massig Geld braucht, um sein Leben genießen zu können. Manchmal reicht ein ordentlicher Cappucino mit Gebäck im nächsten Café der eigenen Wahl, oder ein schöner Döner oder ein Bierchen mit Leuten, mit denen man sich über alles unterhalten kann.

    Was die Lebensstiltypen im Quartalsbericht anstellen, darüber berichten wir auch noch.

    Eine Muntermacher-LZ Nr. 61 für aufmerksame Zeitgenossen

     

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    5 KOMMENTARE

    1. Manches im Artikel verstehe ich nicht. Z.B. „Wenn aber das Geld vom Arbeiten gerade so reicht, … dann bleibt kaum noch Zeit und Kraft…“ Wieso fehlen Zeit und Kraft? Fehlt es nicht am Geld, das man für die Teilnahme am „gesellschaftlichen Leben“ sehr oft braucht. Und fühlen sich die Betroffenen nicht durch die finanzielle NICHT-Wertschätzung durch „Hungerlöhne“ vom politischen Leben ausgestossen? Und wird den Menschen nicht immerzu vorgelogen es gäbe keine Alternative zum jetzigen „Leben“ und es sei alles so ungemein kompliziert, dass nur „sehr kluge“ Menschen, die auch viele Strapazen auf sich nehmen, unser „Leben“ gestalten können?

    2. Augsburg? – Im Ernst? Wie macht sich denn in Augsburg die stärkere Schicht des liberalen Bürgertums bemerkbar? Wenn ich da bin, empfinde ich es als konservative, kleinkarierte und behäbige Zuckerbäckerstadt.

    3. Ich glaube, Herr Otte hat in seiner „Typologie der Lebensführung“ den überheblichen Soziologen vergessen.
      Es ist meiner Meinung nach zur Zeit leider ein sehr weit verbreiteten Phänomen, die geistige „Reflexivität“ mit der Höhe des Einkommens gleichzusetzen.

    4. Tut mir leid, bei der „Typologie der Lebensführung“ stimme ich dem Soziologen Herrn Otte nicht überein. Reflexivität an eine gehobene Ausstattung zu koppeln finde ich schon sehr seltsam. Insgesamt fällt auf, dass Leuten mit weniger Einkommen auch eine einfachere Lebenssicht attestiert wird. das ist schon dreist- manche sind nicht zu blöd viel Geld zu verdienen, sondern die Art und Weise unter der das zur Zeit abläuft, stößt sie ab. Sie haben andere Werte- oder ist hier unterschwellig mit gehobener Ausstattung geistige gemeint?

    5. „Kleine Überraschung: Die Hedonisten, also die, die das Leben so gern genießen, sind eher in Neustadt-Neuschönefeld, Volkmarsdorf und der Südvorstadt zu Hause.“
      Überraschend dürfte dabei aber wohl nur die Südvorstadt sein. Wer in den letzten 3 Jahren häufiger mal entlang der Eisenbahnstraße unterwegs war, dürfte die vielen, vielen Hipster kaum übersehen haben.
      Ganz besonders intensiv ist es am Donnerstag Abend zu sehen, dann kommt noch der halbe Westen zu Besuch.

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