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Der Leipziger Arbeitsmarkt im September 2021: Wie die Logistikbranche sich die Arbeitskräfte sichert und die Gastronomie ihre Leute verlor

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    „Die Arbeitslosigkeit ist im September deutlich gesunken. Das ist eine Entwicklung, die wir im September regelmäßig beobachten, aber der Rückgang war der stärkste der letzten 10 Jahre. Die Herbstbelebung auf dem Arbeitsmarkt in Leipzig fällt überproportional gut aus und dieser erholt sich weiter von den pandemiebedingten Einflüssen“, erklärte am Donnerstag, 30. September, der Vorsitzende der Geschäftsführung der Agentur für Arbeit Leipzig Steffen Leonhardi zur Entwicklung auf dem Arbeitsmarkt im September 2021. Man möchte es ja nur zu gern glauben.

    Aber so funktionieren Arbeitsmärkte nicht. Auch wenn Leonhardi noch hinzufügte: „Mehr Menschen kommen in Arbeit und weniger als in den letzten Monaten melden sich arbeitslos. Auch der erhebliche Rückgang der Arbeitslosigkeit im Vergleich zum September des vorigen Jahres ist ein unübersehbares Zeichen für die positive Entwicklung.“Dafür kann er natürlich nichts. Das sind die Schablonen, mit denen die Arbeitsagentur in Deutschland die Zahlen interpretiert. Schablonen, die ursprünglich aus den Managements der freien Wirtschaft stammen und Arbeitslosigkeit lediglich auf einen „Markt“ hin definieren, der Arbeitsplätze „schafft“ oder eben nicht.

    Das gehört zu den großen Illusionen unserer von Wachstum berauschten Gesellschaft, dass das so ist und dass jeder mit jedem im Wettbewerb um einen Arbeitsplatz steht. Als wäre das ein Produkt, das frei gehandelt wird und auch wieder verschwinden kann, wenn die Nachfrage nachlässt. Was so eben nicht stimmt.

    Die falsche „Schöne neue Welt“

    Auch wenn viele Unternehmer glauben, sie seien es, die Arbeitsplätze schüfen. Also Plätze, auf denen Menschen nur allzu glücklich sind, ihre Arbeitskraft zum Wohle eines anderen verkaufen zu können. Das trifft nicht mal auf die Arbeitsplätze in der Arbeitsagentur Leipzig zu.

    Aber ganz unübersehbar wurde das so gravierende Corona-Jahr nicht einmal dazu genutzt, sich über die Herkunft von „Arbeitsplätzen“ überhaupt Gedanken zu machen. Und das, obwohl zeitweilig kein anderes Thema medial so präsent war wie die „systemrelevanten Berufe“, ein Begriff, der selbst schon verräterisch ist und ein System sehen will, wo es um die simplen Existenzbedingungen einer ganzen Gesellschaft geht. Also um Arbeit, die geleistet werden muss, damit eine Gesellschaft wie die unsere funktioniert.

    Diese Berufe sind nicht systemrelevant, sondern existenziell. Und sie werden auch nicht von cleveren „Anbietern“ geschaffen (auch wenn große Teile unserer Daseinsvorsorge von diversen Regierungen privatisiert wurden), sondern von uns – der Allgemeinheit, unseren Bedürfnissen und Notwendigkeiten. Sie sind der Kern unserer Gesellschaft.

    Sogar dann, wenn von Technologie besessene Pioniere aus dem Silicon Valley allen Politikern, die ihnen ihr Ohr leihen, einreden, man könnte praktisch fast alles durch Roboter und Künstliche Intelligenz (KI) ersetzen. Sie glauben tatsächlich, dass der Mensch völlig ersetzbar ist und dass Aldous Huxley mit „Schöne neue Welt“ keine Dystopie, sondern eine realistische Zukunftsvision geschrieben hat. Natürlich werden sie ihn nicht gelesen haben.

    Sie sind literarisch meistens völlig ungebildet. Aber Huxley hat sich ja diese Welt nicht einfach nur ausgedacht. Sie war auch zu seiner Zeit durchaus Selbstverständnis einer Kaste, die das Nicht-Arbeiten-Müssen für einen erstrebenswerten Zustand hielt. Und hält, bis heute. So etwas aber verändert das Denken. Auch das über die „Dienstboten“ da draußen.

    Die Leute fehlen – jetzt erst recht

    Die sich meist nicht so verstehen, nicht mal dann, wenn sie schäbig behandelt werden, weil sie auch Jobs annehmen müssen, in denen sie sich überhaupt nicht wohlfühlen, sondern nur ausgenutzt. Doch während die einen alles tun, Arbeit aus dem Leben der Menschen verschwinden zu lassen, stehen die anderen Schlange für Arbeitsangebote, ohne die der Laden schlicht nicht läuft.

    Und diese Angebote gibt es gerade in Leipzig nach wie vor in großer Zahl. Schon zum Ausklang des letzten Lockdowns zeichnete sich ab, dass viele Branchen wieder genau da standen, wo sie vor Ausbruch der Pandemie schon standen: Ihnen fehlen die Leute.

    Es gibt nicht genug Nachwuchs. Fachkräfte sind rar. In Leipzig macht sich schon lange bemerkbar, dass Sachsen ein schrumpfendes Land ist. Der Nachzug aus den Landkreisen ist deutlich zurückgegangen. Und das bedeutet Fachkräftemangel in ganz elementaren Branchen. Selbst in der Corona-Zeit ist der Arbeitsmarkt nicht zur Ruhe gekommen, haben tausende Leipziger/-innen aus vom Lockdown betroffenen Betrieben den Beruf gewechselt, weil das Geld zur Finanzierung ihrer Familien einfach nicht ausreichte. Und das Erstaunliche: Es gibt immer noch Betriebe mit Kurzarbeit.

    Kurzarbeit im August

    Im August 2021, dem jüngsten statistisch ausweisbaren Monat, haben immer noch 36 Leipziger Unternehmen Kurzarbeit angezeigt, meldete die Arbeitsagentur Leipzig am Donnerstag. Diese Anzeigen umfassten 4.496 sozialversicherungspflichtig Beschäftigte. Besonders betroffen waren Unternehmen der Kfz- und der Kfz-Teilefertigung (11), der Vermittlung und Überlassung von Arbeitskräften (6) und der Lagerei (3).

    Das sind zwar deutlich weniger Betriebe als noch zu Jahresbeginn. Aber die Zahl der Betroffenen Beschäftigen zeigt, dass es vor allem große Betriebe sind, die immer noch auf Kurzarbeit setzen. Die Entwicklung seit Jahresbeginn: Im Januar 2021 haben 3.463, im Februar 3.510, im März 3.028, im April 2.835 und im Mai 2.631 (jüngster statistischer Datenstand) Betriebe Kurzarbeit abgerechnet. Zum Höhepunkt der Kurzarbeit im April 2020 waren es 4.759 Betriebe.

    Im Januar 2021 haben die Leipziger Unternehmen für 25.183 Beschäftigte, im Februar für 24.907, im März für 19.546, im April für 19.696 und im Mai für 16.859 Beschäftigte Kurzarbeitergeld bezogen. Im April 2020 lag diese Zahl bei 50.956 Beschäftigten.

    Die Beschäftigungsentwicklung in Leipzig

    Während viele Betriebe in der Corona-Zeit Kurzarbeit anmeldeten, suchten andere weiterhin Personal. Die Arbeitsagentur hat zwar jetzt erst einmal nur die aktuellen Beschäftigtenzahlen für den März. Aber einige Entwicklungen fallen darin natürlich auf. In Leipzig gab es Ende März 2021 (jüngster statistisch verfügbarer Stand) 277.991 sozialversicherungspflichtig Beschäftigte.

    Das waren im Vergleich zum Vorquartal 1.463 oder 0,5 Prozent weniger, so die Arbeitsagentur Leipzig, dafür im Vergleich zum Vorjahresquartal 2.076 oder 0,8 Prozent mehr. Die Zahl der sv-pflichtig Beschäftigten ist in Leipzig sogar im Corona-Jahr gestiegen. Im März 2020 waren es nur 275.915 Beschäftigte.

    Entwicklung der Zahl der sv-pflichtig Beschäftigten in Leipzig. Grafik: Arbeitsagentur Leipzig
    Entwicklung der Zahl der sv-pflichtig Beschäftigten in Leipzig. Grafik: Arbeitsagentur Leipzig

    Aber die Arbeitsagentur kann auch zeigen, welche Branchen tatsächlich Leute eingestellt haben – und welche sogar Personal einbüßten. Und so wird auch sichtbar, was die langen Lockdowns in der Leipziger Gastronomie angerichtet haben. Es gibt kaum noch ein Restaurant, das derzeit nicht händeringend nach Köchen und Servicekräften sucht. Denn diese wichtigen Fachkräfte sind scharenweise abgewandert: 1.271 Menschen haben seit März 2020 die Leipziger Gastronomie verlassen, haben sich andere Jobs gesucht.

    Aber die Gastronomie ist nicht die einzige Branche, die massiv Personal verloren hat. Im Wirtschaftsbereich „Handel, Instandhaltung/Reparatur Kfz“ sind 1.138 Beschäftigte verloren gegangen. Selbst im verarbeitenden Gewerbe gingen 847 Beschäftigte verloren, und selbst im Baugewerbe, das ja in der Corona-Zeit nicht wirklich zum Stillstand kam, verschwanden 309 Beschäftigte. Das alles sind Zahlen, die hätten in einem Leipzig vor 20 Jahren noch von einer veritablen Wirtschaftskrise erzählt. Aber davon kann keine Rede sein. Denn alle diese Wirtschaftsbereiche suchen händeringend nach Leuten.

    Hier macht sich mit aller Wucht der Nachwuchsmangel bemerkbar, den irgendwie in Sachsen niemand so richtig ernst nimmt.

    Natürlich ist das auch das Ergebnis einer jahrzehntelang gepflegten Niedriglohnpolitik. Was die suchenden Unternehmen vor doppelte Probleme stellt, denn sie stehen jetzt auf einmal in direkter Konkurrenz um Arbeitskräfte mit riesigen Unternehmen, die locker Löhne zahlen können, die über dem üblichen Schnitt liegen. Auch für eine Tätigkeit wie in der Logistik. Denn dorthin sind viele der Leute abgewandert, die mit Kurzarbeit zu wenig Geld zum Leben gehabt hätten.

    Beschäftigungsentwicklung nach Wirtschaftsbereichen. Grafik: Arbeitsagentur Leipzig
    Beschäftigungsentwicklung nach Wirtschaftsbereichen. Grafik: Arbeitsagentur Leipzig

    Im Bereich „Verkehr und Lagerei“ wuchs die Beschäftigtenzahl binnen eines Jahres um 1.857. Und gerade die großen Logistikkonzerne von DHL bis Amazon suchen immer noch, wollen ihr Geschäft noch weiter ausbauen.

    Werden jetzt alle Leipziger/-innen zu Logistikern? Nicht wirklich. Denn während das verarbeitende Gewerbe aktuell seine Probleme hat, wächst ein Wirtschaftsbereich in aller Stille, den man kaum wahrnimmt, aber der das Wirtschaftsprofil der Stadt Leipzig zunehmend prägt: „Information und Kommunikation“. Hier wuchs die Zahl der Beschäftigten übers Jahr um 773.

    Das waren sogar mehr als im gebeutelten Gesundheitswesen, wo es einen Beschäftigtenzuwachs von 531 gab.

    Und noch immer sind bei der Arbeitsagentur 9.643 freie Stellen gemeldet, 17,5 Prozent mehr als im Vorjahr. Auch das Gastgewerbe sucht wieder. Hier sind zumindest schon mal 282 Stellen gemeldet.

    Der Leipziger Arbeitsmarkt im September in Zahlen

    Der Rückgang im Vergleich zum Vormonat August betrug bei den Unter-20-Jährigen 102 auf 456 und bei den Unter-25-Jährigen 428 auf 2.077 Personen.

    In der Altersgruppe ab 50 Jahren, fiel die Arbeitslosigkeit um 165 auf 6.052 Personen.
    Der Zugang in die Arbeitslosigkeit aus der Erwerbstätigkeit betrug in den letzten vier Wochen 1.939. In Erwerbstätigkeit meldeten sich 2.545 vorher arbeitslose Menschen in der gleichen Zeit ab.

    Die Wirtschaft und die Verwaltung haben in den letzten vier Wochen 1.572 freie Stellen, das waren 466 weniger als im davor liegenden Monat und 31 mehr als vor einem Jahr, zur Besetzung gemeldet.

    Zum statistischen Zähltag im September betrug die Arbeitslosenquote in Leipzig 6,8 Prozent (Vormonat: 7,2 Prozent). Im September 2020 lag diese Quote noch bei 8,2 Prozent.

    Arbeitsmarktentwicklung nach Rechtskreisen SGB III und SGB II

    Im September waren 7.019 Menschen in der Arbeitsagentur im Rechtskreis SGB III arbeitslos gemeldet. Das waren 717 weniger als im Vormonat und 2.698 weniger als vor einem Jahr.

    Im Jobcenter Leipzig im Rechtskreis SGB II waren 14.972 Menschen arbeitslos registriert. Das waren 705 weniger als im August 2021 und 1.422 weniger als vor einem Jahr. In Leipzig gab es im September 31.522 Bedarfsgemeinschaften. Das waren 351 weniger als im Vormonat und 2.562 weniger als im September des Vorjahres.

    Das Jobcenter Leipzig betreut aktuell 39.582 erwerbsfähige Leistungsberechtigte. Im Vergleich zum Vormonat betrug der Rückgang 413. Im Vergleich zum Vorjahr sank die Zahl um 3.118 Personen.

    „Aufgrund der anhaltenden Herbstbelebung rechne ich auch im nächsten Monat mit einem weiteren Rückgang der Arbeitslosigkeit“, beschreibt Leonhardi die Aussicht auf die Entwicklung des Arbeitsmarktes in Leipzig im Oktober.

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