Mosern aus dritter Hand: Wie die Leipziger AfD Fake News produziert

Für alle LeserLEIPZIGER ZEITUNG/Auszug aus Ausgabe 41Es ist ja noch nicht lange her, da musste die LZ-Schwesterzeitung im Netz, L-IZ.de, am 1. März etwas irritiert vermelden, dass es der AfD Sachsen gemeinsam mit der Leipziger Fraktion der Partei reichlich egal scheint, wer sich so als Journalist und Fotograf in Leipzig beruflich die Lebenszeit des Tags und des Abends um die Ohren schlägt. So nahm die AfD Sachsen einfach fünf Fotos der L-IZ.de widerrechtlich direkt von der L-IZ-Seite herunter und in ihre Parteipublikation „Sachsen Aktuell“ auf. Kurz darauf gabs dann Falschmeldungen von einer Diskussions-Veranstaltung der Friedrich-Ebert-Stiftung.
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Gleichzeitig verbreitete die AfD eins der fünf Bilder, welches eine Gegendemo zu ihrer Parteiveranstaltung in der Alten Handelsbörse zeigt, noch auf Facebook. Garniert mit einer parteitypischen Unterschrift „Linke Szene macht ihrem Ruf alle Ehre.“.

Zu sehen ist auf dem Bild des L-IZ – Fotografen Alexander Böhm unter anderem ein Banner mit der Aufschrift „FCK AfD“. Der Fotograf hat Strafanzeige gestellt, die Netz-Zeitung hat eine übliche Abmahnung des Urheberrechtsverstoßes an die Partei verschickt. Und wird nun, nachdem die AfD trotz Mahnungen keinen Veränderungsbedarf sieht, am Ende des kommenden Gerichtsprozess laut deutschem Urheberrecht Steuergeld von der AfD einfordern.

Doch während die L-IZ-Redaktion nun schon intern über erste Spendenziele für den Geldsegen von der sich gern als „anständig“ gebenden Partei berät, erhöht sich bei den wahlkampfhungrigen „Blauen“ weiter die Taktrate im Pressesegment.

Denn anschließend versuchte die AfD Leipzig am Donnerstag, 9. März, die eine „Lügenpresse“ (LVZ) gegen die andere „Lügenpresse“ (L-IZ) in Stellung zu bringen. Und verdrehte dabei selbst mehrfach in einer eigenen Pressemitteilung die Tatsachen, um diese dann an Medien zu senden, die von den Hintergründen keine Ahnung haben konnten.

Lügenpresse oder Lügen-AfD?

L-IZ.de-Mitgründer und LZ-Macher Robert Dobschütz hätte am Dienstagabend, 7. März, in einer Podiumsdebatte der Friedrich-Ebert-Stiftung behauptet, die AfD verweigere der L-IZ.de mehrfach Interviews. Sie bezichtigte einen „L-IZ-Journalisten“ einfach mal der Lüge. Denn ein anderer war nicht da, bleibt Robert Dobschütz übrig. Im Originalzitat: „Es fiel auch die Behauptung von einem Journalisten der ‚LIZ‘- Leipziger-Internet-Zeitung, wir würden etliche Interviewanfragen nicht beantworten, das ist schlichtweg gelogen!“

Woher die AfD Leipzig das hatte, sagte sie zwar in der Pressemitteilung nicht, doch ein Verdacht lag nahe. Denn irgendwie schrieb die LVZ in einer journalistisch verkürzten Zusammenfassung der Aussagen einer Podiumsdebatte der Friedrich-Ebert-Stiftung am Dienstag, 7. März, in ihrer Ausgabe vom 9. März: „Etliche Interviewanfragen an Legida und AfD seien unbeantwortet geblieben, so Dobschütz. Die Frage sei also, ob auf der anderen Seite überhaupt jemand reden möchte.“

Teil-Audio 1 Aussagen über Legida, Pegida am 07. März 2017, Robert Dobschütz

Dumm, dass der L-IZ.de und der LZ ein Mitschnitt des Abends vorliegt. In diesem ist deutlich zu vernehmen, dass Dobschütz diese Aussage lediglich für Legida mit Blick auf die Vergangenheit traf. Die „Bewegung“ war drei Interviewanfragen ausgewichen, trotz der Angebote eines beidseitigen Tonmitschnitts. Zur AfD wunderte er sich weit später am Diskussionsabend, warum diese auf die Anfrage zur „#BTW Wahlarena“ bis zum Einsendungstermin am 5. März 2017 nicht reagiert hatte.

Mosern aus dritter Hand

Die AfD, sicher aber der bekannte Leipziger Pressesprecher Ralf Nahlob, hatten am Abend des 7. März selbst wohl keine Zeit, mal im Studio 3 am Listplatz vorbeizukommen, um sich an der über zweistündigen demokratischen Debattenkultur mit dem Publikum zu beteiligen. Und so blieb ihm wohl nur, die „Lügenpresse“ LVZ zu lesen und eigene Mitteilungen daraus zu stricken. Also irgendwie eine Meinungsmache aus dritter Hand zu produzieren und an die „Junge Freiheit“, die „BILD“ und andere Medien zu versenden, die am Abend auch keine Zeit hatten, dabeizusein.

Teil-Audio 2 Aussagen über die AfD am 07. März 2017, Robert Dobschütz

Womit Nahlob und seine Partei wohl aus der sonstigen Praxis heraus nicht rechnen konnten, da sie die falschen Behauptungen auch an die L-IZ.de gesandt hatten: Robert Dobschütz antwortete ihnen über den gleichen Verteiler und konterte die Lügen vor den Augen der anderen Medien per Mail aus. Am Ende stellte er ein Ultimatum, in dem er die Löschung seiner angeblichen Äußerung verlangte. Die anderen Medien schwiegen betreten, Artikel, wie von der AfD erhofft, gab es keine. Die AfD selbst änderte still und leise zumindest die entsprechende Mitteilung Dobschütz betreffend auf ihrer Facebookseite und verstummte ebenfalls.

Die Ente fliegt weiter

Denn wie in der nun beschriebenen Schablone formuliert die AfD Leipzig zum Abend des 7. März 2017 als Nächstes: „Auch wurde überhaupt nicht die Radikalisierung des linken Lagers thematisiert.“ Das behauptet jemand, der vom Geschehen nicht die geringste Ahnung hat. Denn genau das war ebenfalls Thema am 7. März (Anm. d. Red.: sogar von Beginn an, siehe Audio 1). Sogar ein richtig streitbares unter anderem zwischen Bürgerrechtler Tobias Hollitzer und Robert Dobschütz, noch Stunden nach dem Podium – auch mit Blick auf den 12. Dezember 2015 und auf den 18. März 2017.

Es bleibt also die Frage, was man der AfD überhaupt glauben kann, wenn sie Pressemitteilungen versendet? Die Ente jedenfalls fliegt immer mit. Zumindest hat die AfD nun begonnen, die Wahlkampffragen der L-IZ und der LZ zu beantworten. Ein Direktkandidat hat seine ersten Antworten mittlerweile eingesandt.

Hinweis d. Redaktion: Der Text wurde nach der Erst-Veröffentlichung in der LEIPZIGER ZEITUNG an die aktuellen Geschehnisse (bei den Abmahnungen, Unterlassungsansprüche etc.) seither leicht angepasst.

Die BTW17 – Wahlarena der L-IZ & der LEIPZIGER ZEITUNG

* Audio *AfDLügenpresseLeipziger Zeitung
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