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Von Fischen, Katzen und Zugezogenen

Von Benjamin Damm und Angela Fuchs (Sprecher/-innen der AG Debate)
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    Sollte ein sogenannter „Zugezogener“ Oberbürgermeister einer Stadt werden dürfen oder nicht? Als ob es derzeit keine anderen, relevanteren Probleme gäbe, beschäftigte diese Frage Dr. Thomas Feist, Kreisvorsitzender der CDU Leipzig sowie sächsischer Landesbeauftragter für Jüdisches Leben und gegen Antisemitismus am vergangenen Sonntag. „Wenn eine Katze im Fischladen Junge bekommt, sind das dann Fische?“ fragte er im Leipziger Fernsehen am Abend des Zweiten Wahlgangs zur OBM-Wahl in Leipzig.

    So absurd es erscheinen mag, aber stellen wir uns auch einmal die Frage: braucht man quasi „Leipziger Gene“, muss man die raue Luft der Leipziger Straßen schon in der Wiege geatmet, das „Leipziger Allerlei“ von klein auf verinnerlicht haben, um ein „guter Oberbürgermeister“ zu sein? Oder kann man auch als „Zugezogener“ – quasi Außenseiter, nicht qua Geburt legitimierter – verstehen, was für Leipziger/-innen gut ist und was nicht?

    Kann man überhaupt da zu Hause sein, wo man sich wohlfühlt, und sich eben auch dort einbringen? Oder geht das nur da, wo der Zufall die Mutter zum Gebären zwang?

    Jetzt mal ernsthaft

    Ist das wirklich eine Frage, mit der man sich heute beschäftigen muss? Ist es wirklich nötig zu erklären, was daran problematisch ist? Offensichtlich, denn auf erste Kritik reagierte Thomas Feist via Twitter mit einem Video, in dem der Komiker Eberhard Cohrs die Frage nach Katze und Fisch stellte, und bezeichnete keck seine Kritiker als „Kulturbanausen“. Dass Eberhard Cohrs Angehöriger der Waffen-SS war und als SS-Rottenführer zur Wachmannschaft des Konzentrationslagers Sachsenhausen gehörte, schien Feist kurzerhand entfallen zu sein. Denn als Beauftragter für Jüdisches Leben war dies hoffentlich nicht die „Kultur“ von der er sprach.

    Doch auch dass der Pegida-Gründer Lutz Bachmann im Juli 2016 eben jene Frage nach Fisch und Katze twitterte, um gegen Geflüchtete zu hetzen, scheint Thomas Feist nicht zur Revidierung seiner Aussage zu bewegen. Stattdessen präsentiert er sich auf Twitter als Opfer und schreibt: „‚Ein Leipziger für Leipzig‘ ist etwas anderes als ‚Deutschland den Deutschen‘. Wer beides gleichsetzt unterstellt böswillig etwas falsches.“

    Nein, lieber Herr Feist.

    Verantwortlicher für jüdisches Leben in Sachsen: Dr. Thomas Feist beim Gedenken zum Anschlag in Halle am 10. Oktober 2019 in Leipzig. Foto: L-IZ.de
    Verantwortlicher für jüdisches Leben in Sachsen: Dr. Thomas Feist beim Gedenken zum Anschlag in Halle am 10. Oktober 2019 in Leipzig. Foto: L-IZ.de

    Mal davon abgesehen, dass Sie das so nicht gesagt haben, sondern die Übersetzung der Katzenmetapher eher „Leipzig den Leipzigern“ ist; ist lokalpatriotisches Gehabe nichts anderes als (allgemein) patriotisches Gehabe: Die Überhöhung der eigenen Gruppe und der eigenen Identität, durch Herabsetzung und Ausgrenzung der „Anderen“. Dies dann auch noch am zufälligen Ort der Geburt festzumachen ist an Blödsinnigkeit kaum zu übertreffen. Während die eigene Partei allerorts mit der AFD auf Kuschelkurs geht noch solche Aussagen, ganz im AfD-Duktus, zu tätigen, hinterlässt einen üblen Beigeschmack.

    Es geht uns nicht darum, ob Ihnen der Hintergrund des Zitats geläufig war, oder ob er es bewusst gewählt hat oder nicht. Uns geht es darum, die ideologische Nähe aufzuzeigen, und wem man mit solchen Aussagen in die Hände spielt.

    Vom Grundverständnis ist es auch weder besonders christlich noch demokratisch, eine pluralistische Gesellschaft derart zu verneinen – dann bleibt der CDU nur noch die Union. Hurra Hurra, wir sind wieder wer.

    Wenn sie das Gedankenexperiment wagen wollen, sich einmal vorzustellen wie Leipzig ohne Einflüsse aus anderen Städten, anderen Regionen, anderen Ländern und Kulturen aussähe? Dann wäre es wohl nur bei der Kleinmesse geblieben und Leipzig nie zu einem wirtschaftlichen und kulturellen Hotspot geworden.

    Wir haben bisher die Zusammenarbeit mit Ihnen als Beauftragten für Jüdisches Leben und gegen Antisemitismus als sehr angenehm und fruchtbar empfunden, und hätten diese gerne weiter ausgebaut. Jedoch sehen wir uns aufgrund der getätigten Aussagen dazu genötigt, erst einmal auf Abstand zu gehen.

    Wir wünschen uns eine ausführliche Stellungnahme Ihrerseits.

    Debate ist eine Arbeitsgruppe der Partei DIE LINKE. Leipzig. „Debate“ ist Jiddisch und bedeutet „Auseinandersetzung“. Diese fordern wir – vor Allem mit Antisemitismus!

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    2 KOMMENTARE

    1. Warum stellt er aus gerechnet beim Oberbürgermeister von Leipzig diese Frage. Seit 30 Jahren wir gesagt, dass wir ein Deutschland sind. Müsste Herr Feist dann nicht konsequenter Weise fragen mit welchen Menschen andere öffentliche Ämter besetzt sind?

    2. Ich bin ja nun wirklich kein Fan von Burkhard Jung, aber dieser seltsame Vergleich von diesem Herrn Feist ist mehr als albern.

      Von kleinen Dörfern ist man es ja gewohnt, dass Familien noch teilweise nach vier Generationen als „Zugezogene“ bezeichnet werden.

      Aber doch nicht in einer Großstadt, und erst recht nicht in Leipzig. Hier wirkt so ein Vergleich vor allem albern.

      Schauen wir in die Vergangenheit: zunächst war Leipzig mal ein slawisches Dörfchen. Erst ab 900 zogen dann vermehrt Siedler dazu und langsam entstand etwas, was man als Städtchen mit Burgwart bezeichnen kann. Und das waren Zugezogene aus Westdeutschland usw. damals (Bayern, Franken, Flamen etc.).

      Als sich die wichtigen Handelsstraßen Via Regia und Via Imperii etabliert hatten und Leipzig nach und nach eine Handelsstadt wurde, kamen weiterhin natürlich auch wieder „Fremde“ regelmäßig in die Stadt, spätestens über Einheiratungen. Hieronymus Lotter, Bürgermeister und stadtprägender Bauherr (Altes Rathaus und viele andere historische Gebäude) wurde in Geyer geboren. Dr. Heinrich Stromer, Gründer von Auerbachs Keller, kam aus der Oberfpalz.

      Und das blieb noch lange so. Viele prägende Leipziger entstammten auch Hugenottenfamilien, also ursprünglich Franzosen, bspw. Albert Dufour-Féronce oder die Familie Riquet, vor deren Geschäftshaus heute nochzahlreiche Touristen stehen, um diesen prächtigen Bau zu fotografieren. Und auch jüdische Pelzhändler aus Osteuropa haben Leipzig maßgeblich geprägt bis ins 20. Jahrhundert. Franz Dominic Grassi, auf den als Stifter das Grassimuseum zurück geht, entstammt einer italienischen Kaufmannsfamilie.

      Sowas sollte man aber als Leipziger, der sich auch für seine Stadt interessiert, wissen…

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