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Das Viertel wächst, die Mieten steigen: Mit Zuzug, Neubau und Sanierung geht auch Verdrängung einher

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    In nur zehn Jahren, von 2010 bis 2020, ist Leipzig um fast 100.000 Einwohner/-innen gewachsen. Vor allem dort, wo zuvor viele Häuser leergestanden haben, gibt es Zuzug. Die meisten Einwohner/-innen zog es von 2014 bis 2019 nach Volkmarsdorf: Der Stadtteil ist um fast ein Drittel gewachsen. Doch nicht nur dort entstehen Neubauten oder werden Häuser saniert. Und nicht nur in Volkmarsdorf steigen die Mietpreise.

    Dieter Rink, Stadtsoziologe am Helmholtz-Zentrum für Umweltforschung (UFZ), hat beobachtet, dass zwischen 2010 und 2020 besonders die Gebiete rund um die Innenstadt Einwohner/-innen dazugewonnen haben.„In den 2000er Jahren war es zunächst eine Schiene entlang der Aue: Connewitz, die Südvorstadt, Schleußig, das Waldstraßenviertel und das Bachstraßenviertel“, erklärt Rink, „In den 2010er Jahren war dann vor allem der Westen beliebt, aber auch in den letzten Jahren haben Lindenau, Altlindenau und auch Leutzsch noch weiter zugelegt. Seit etwa 2015 ist der Osten im Kommen.“

    Grund dafür seien neben dem früher noch vorhandenen Leerstand vor allem die niedrigen Preise für attraktive Wohnungen, insbesondere die aus der Gründerzeit.

    Höhere Preise bei Neuvermietung

    Leipzig ist eine Mieterstadt. Im Jahr 2020 haben laut Statistik der Stadt 87 Prozent aller Leipziger/-innen zur Miete gewohnt. Sowohl das Angebot als auch die Preise für Mietwohnungen sind in den letzten Jahren gestiegen. Von 2010 bis 2019 sind in der gesamten Stadt mehr als 15.000 Baufertigstellungen von Wohnungen gemeldet worden.

    Während bei einer Neuvermietung im Jahr 2012 im Schnitt 5 Euro pro Quadratmeter anfielen, sind die Durchschnittspreise 2019 auf 7 Euro gestiegen. Im Neubau kostet der Quadratmeter im Schnitt sogar mehr als 10 Euro. Die Bestandsmieten haben sich ebenfalls erhöht, aber nicht in gleichem Maße: Im Jahr 2010 betrug die Nettokaltmiete im Schnitt 5,12 Euro pro Quadratmeter, 2019 sind es 6,03 Euro gewesen.

    Die relativ stabilen Bestandsmieten sind laut dem Stadtsoziologen Dieter Rink auch der Grund, weshalb er im Osten Leipzigs bislang kaum Verdrängungsprozesse beobachtet hat: „Durch Neubauten und sanierte Gründerzeithäuser entsteht ein gewisser Druck auf umliegende Häuser und Straßenzüge, beispielsweise durch den Mietspiegel. Aber das geschieht erst allmählich.“

    Im Westen der Stadt gebe es dagegen Indizien dafür, dass einkommensschwache Haushalte sich die Miete nicht mehr leisten können und in äußere Viertel wie Grünau ziehen.

    Im Westen: Verdrängung trifft Alteingesessene

    Roman Grabolle kann das bestätigen. Er berät Menschen zu kooperativen Wohnprojekten und beobachtet die Situation im Leipziger Westen seit 2008. Manche der sogenannten „Pionier/-innen“, die vor etwa zehn Jahren in Stadtteile wie Plagwitz und Lindenau gezogen sind, haben sich ihm zufolge schon früh Wohnraum gesichert oder inzwischen ein ausreichendes Einkommen, um höhere Mieten zu zahlen.

    „Härter trifft es die Alteingesessenen, die zum Beispiel seit 20 oder 30 Jahren in Lindenau leben. Die untere Mittelschicht versucht, sich noch irgendwie zu halten. Die meisten Ärmeren sind bereits verdrängt worden“, sagt Grabolle.

    Die soziale Struktur habe sich dadurch in den letzten Jahrzehnten massiv verändert. Grabolle kennt diverse Fälle, in denen Menschen ihre Mietwohnung verlassen mussten. Spezifische Daten zu Verdrängung in Leipzig gibt es allerdings nicht.

    Im Osten: Junge Familien bleiben

    Im Osten hat auch Ralf Elsässer vom lokalen Quartiersmanagement die Entwicklung im Blick. Ihm zufolge ziehen vor allem junge Erwachsene in Stadtteile wie Neustadt-Neuschönefeld oder Volkmarsdorf.

    Zeitung
    Die letzte LZ des Jahres 2021, Nr. 97 Titelblatt. Foto: Screen LZ

    „Früher sind viele Leute wieder weggezogen, wenn sie eine Familie gegründet haben, weil sie in Konflikt mit der sozialen Struktur des Stadtteils gekommen sind“, berichtet Elsässer, „Sie wollten ihre Kinder meist nicht in eine Kita oder Schule im Leipziger Osten geben.“ Seiner Wahrnehmung nach sei die soziale Struktur diverser geworden und junge Familien würden öfter bleiben.

    Noch gebe es in den Vierteln einen Bestand an Wohnungen mit niedrigem Sanierungsstandard und niedrigen Mieten, doch die Angebotsmieten steigen rasant.

    „Es ist eher nicht so, dass Menschen ausziehen müssen, weil sie sich ihre aktuelle Wohnung nicht mehr leisten können“, erklärt Elsässer, „Der viel häufigere Fall ist, dass Leute, die ihre Wohnung verlassen, Schwierigkeiten hätten, dort wieder einzuziehen.“ Ähnlich wie der Stadtsoziologe Dieter Rink rechnet er nicht damit, dass in naher Zukunft Menschen massiv aus dem Leipziger Osten verdrängt werden.

    Weiteres Wachstum, rauerer Wohnungsmarkt

    Auch wenn aktuell nicht mehr so viele Menschen nach Leipzig ziehen wie noch vor wenigen Jahren, sagen Forscher/-innen des Hamburger Gewos-Instituts für Stadt-, Regional- und Wohnforschung weiteres Wachstum voraus. Wie sich das auf das Leben in den Stadtteilen auswirken wird, ist ungewiss.

    Laut Roman Grabolle, der die Mietsituation im Leipziger Westen beobachtet hat, gibt es kaum noch wohnpolitische Instrumente, um Verdrängung entgegenzuwirken, die die Stadt nicht bereits einsetzt. Der Wind auf Leipzigs Wohnungsmarkt werde in Zukunft rauer, glaubt er.

    Lesen Sie mehr zum Schwerpunkt Wohnen unter www.l-iz.de/tag/wohnen

    „Das Viertel wächst, die Mieten steigen: Mit Zuzug, Neubau und Sanierung geht auch Verdrängung einher“ erschien erstmals am 17. Dezember 2021 in der aktuellen Printausgabe der Leipziger Zeitung (LZ). Unsere Nummer 97 der LZ finden Sie neben Großmärkten und Presseshops unter anderem bei diesen Szenehändlern.

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