Im Juli veröffentlichte das Leipziger Liegenschaftsamt die lang erwartete Gesamtkonzeption „Landwirtschaft im Stadtgebiet von Leipzig“, und dann auch erst einmal nur Teil 1 „Ausschreibungskriterien und Regeln zur Bereitstellung von landwirtschaftlichen Nutzflächen der Stadt Leipzig“. Seit vier Jahren warten nicht nur die Stadträte der Grünen darauf. Auch die Bauern, die Landwirtschaftsflächen bei der Stadt gepachtet haben.

Denn Landwirtschaft muss sich ändern – und zwar ziemlich radikal. Die Zeiten, dass einfach weiter in der rücksichtslosen Weise produziert wird wie bisher, sind vorbei.

Das betonte am Donnerstag, 17. August, auch Dr. Guy Pe’er, Wissenschaftler am Deutschen Zentrum für integrative Biodiversitätsforschung (iDiv) und dem Helmholtz-Zentrum für Umweltforschung (UFZ). Sein Arbeitsgebiet ist die Landwirtschaft, sind Bodenökologie und Biodiversität. Themen, an denen UFZ-Forscher seit Jahren arbeiten und wozu sie mittlerweile Berge von Arbeiten vorlegen können.

Denn nicht die Stadtbürger leiden unter den multiplen und parallelen Krisen dieser Zeit – den Folgen des Klimawandels, der schwindenden Biodiversität, aber auch den steigenden Preisen für landwirtschaftliche Produkte, die natürlich ihren Grund haben.

Denn Trockenheit, Dürre, schwere Regenfälle, Wald- und Feldbrände, all das sorgt für unsichere Ernten, so Dr. Guy Pe’er, und gefährden auch unsere Ernährungssicherheit. Landwirte weltweit müssen also umdenken, müssen lernen, auf industrielle Anbaumethoden zu verzichten und dafür ökologisch und nachhaltig zu wirtschaften.

Die Gretchenfrage nach den Pestiziden

Also so zu wirtschaften, wie es ein ganzes Bündel von Stadtratsanträgen 2019 forderte. Und wie es der jetzt vom Liegenschaftsamt vorgestellte Punktekatalog zur Vergabe der städtischen Pachtflächen erstmals abbildet.

Da steckt viel Arbeit drin. Das würdigen auch die Grünen und loben die Ansätze des vorgestellten Landwirtschaftskonzepts, dessen erster Teil im Herbst von der Ratsversammlung beschlossen werden soll. Die Stadtratsfraktion fordert aber auch noch ein paar Nachbesserungen. Insbesondere reiche die Zielstellung, den Anteil an Pestiziden zu senken, bislang nicht aus.

Pachtbewerber, die in ihrer Bewerbung die Senkung des Pestizideinsatzes angeben, bekommen dafür sogar Punkte, obwohl diese Senkung längst schon Bundespolitik ist. Und auch nicht zielführend, wie Jürgen Kasek, umweltpolitischer Sprecher der Grünen-Fraktion, betont. Ziel sollte eigentlich ein Pestizideinsatz gleich Null sein, wie es der BUND z. B. fordere.

Und auch Dr. Guy Pe’er sieht das Ziel darin, dass Bauern wieder lernen, ohne Pestizide zu arbeiten und sich wieder mit natürlichen Insenktenbekämpfern anfreunden. Denn wenn die Felder wieder mehr Grün- und Gehölzstreifen bekommen, gibt es auch wieder mehr Feldvögel, die sich auf die Jagd auf Insekten spezialisiert haben.

Pressekonferenz mit Dr. Guy Pe’er, (iDiV, UFZ), Jürgen Kasek (Grüne) und Dr. Jan Brunner (Arbeitsgemeinschaft bäuerliche Landwirtschaft e.V., Mitteldeutschland). Foto: Sabine Eicker
Pressekonferenz mit Dr. Guy Pe’er, (iDiV, UFZ), Jürgen Kasek (Grüne) und Dr. Jan Brunner (Arbeitsgemeinschaft bäuerliche Landwirtschaft e. V., Mitteldeutschland). Foto: Sabine Eicker

Außerdem müsse es erklärtes Ziel sein, dass mindestens 30 % der Flächen bis 2030 ökologisch bewirtschaftet werden, fordern die Grünen.

Was freilich auch wieder ein viel zu niedrig gestecktes Ziel ist. Denn nur 30 Prozent des Leipziger Stadtgebiets sind überhaupt noch landwirtschaftliche Fläche – stets bedroht durch immer heftigere Flächenkonkurrenzen z. B. durch neue Wohngebiete, Kiesabbau oder Gewerbeflächen. Und von diesen 30 Prozent gehören nur 19 Prozent der Stadt.

Das Landwirtschaftskonzept bezieht sich eben nur auf landwirtschaftliche Flächen, die der Stadt gehören, und sieht ein Punktesystem vor, welches bei der Flächenvergabe und Vertragsgestaltung zur Anwendung kommt.

Das Konzept könnte Vorbild werden

„Es ist gut, dass das Konzept jetzt vorliegt und Landwirt/-innen damit endlich Planungssicherheit bekommen und auch langfristige Verträge auf städtischen Flächen wieder möglich werden. Insgesamt zeigen die ersten Feedbacks aus Fachkreisen, dass Leipzig mit dem Programm auf dem richtigen Weg ist“, sagt Jürgen Kasek.

„Allerdings reicht es nicht, lediglich zu fordern, dass der Einsatz von Pestiziden verringert werden soll. Das ist im Einzelfall nicht überprüfbar und verbessert die Situation nicht. Wir erinnern daran, dass Leipzig beschlossen hat, dass auf städtischen Flächen kein Glyphosat eingesetzt werden darf.“

Aber ob und in welchem Ausmaß es noch Änderungsanträge zum vorgelegen Konzept gibt, ist noch offen. Denn am 21. August wollen sich die Fraktionen von Grünen, Linken und SPD mit Akteuren der Landwirtschaft, der Wissenschaft und der Umweltverbände aus dem Leipziger Raum zusammensetzen, um mit ihnen die möglichen Schwächen im Punktesystem noch abzuklopfen.

Denn es sind ja die Landwirte, die mit den neuen Rahmensetzungen umgehen müssen, wenn sie eine städtische Fläche pachten. Wenn sie gar einen Komplettumbau von klassischer hin zu nachhaltiger Landwirtschaft vorhaben, braucht das die üblichen Pachtzeiträume von zwölf Jahren, damit sich die Investition auch rechnet.

Und am besten, so betont Dr. Jan Brunner, Geschäftsführer der Arbeitsgemeinschaft bäuerliche Landwirtschaft Mitteldeutschland (AbL), ist auch nach der Pachtfrist eine Fortsetzung der ökologischen Bewirtschaftung gesichert. Sonst ergibt das Ganze ja wenig Sinn.

„Wir freuen uns, dass Leipzig vorangeht und eine gemeinwohlorientierte Verpachtung etablieren möchte“, sagte Brunner am Donnerstag, der ebenfalls der Einladung der Grünen ins Neue Rathaus gefolgt war.

„Ein solches Verfahren verbessert die vor dem Hintergrund steigender Landpreise und außerlandwirtschaftlicher Investoren prekäre Lage für bäuerliche Betriebe und Existenzgründungen. Die Stadt Leipzig würde damit eine zukunftsorientierte, umweltschonende Landwirtschaft fördern, welche die regionale Versorgung der Leipziger/-innen mit guten, lokal erzeugten Lebensmitteln stärkt. Es ist nun wichtig, dass das ausgearbeitete Konzept schnellstmöglich erlassen und im Dialog mit bäuerlichen Verbänden umgesetzt wird.“

Beschluss muss im Herbst kommen

Denn nicht nur aufgrund der vielen gleichzeitigen Krisen drängt die Zeit. Etliche Pächter haben in den letzten Jahren immer nur Ein-Jahres-Verträge bekommen, weil seit den Stadtratsbeschlüssen ein Moratorium verhängt war. Langfristige Pachtverträge soll es erst wieder mit den neuen Kriterien geben. Und die muss der Stadtrat erst einmal beschließen, damit das Liegenschaftsamt dann die einzelnen Lose ausschreiben kann.

Aber im September wird das wohl noch nicht klappen, eher im Oktober, ist sich Kasek sicher. Aber Klarheit sollte unbedingt noch in diesem Jahr geschaffen werden, damit ab Oktober 2024 die neuen Pachtverträge in Kraft treten können.

Ein Feld für die Forschung

Und das zugrunde liegende neue Punktsystem findet die Wissenschaft sogar vorbildlich, wie Dr. Guy Pe’er, betont: „Wissenschaftler/-innen haben die Idee eines Punktesystems lange Zeit sehr begrüßt. Es gibt zahlreiche gute landwirtschaftliche Maßnahmen, und im Idealfall sollten die Landwirt/-innen so viele wie möglich davon anwenden. Dies kann geschehen, wenn es mit Anreizen verbunden ist: Je mehr man tut, desto höher ist der Gewinn. Wenn das Punktesystem angenommen wird, kann Leipzig bei einem wichtigen Übergang zu einer nachhaltigen Landwirtschaft weltweit führend werden.“

Für die Forscher am iDiV und am UFZ hat die Umstellung aber noch einen besonderen Reiz, denn mit Monitorings wollen sie den Prozess begleiten – und die Pächter können und sollen möglichst auch mitmachen, die positiven Veränderungen insbesondere in der Artenvielfalt zu registrieren und zu zählen.

Wobei auch Jan Brunner anmerkte, dass ein Punkt bislang noch vernachlässigt wurde: die Vermarktung der dann ökologisch produzierten Früchte. Denn schon heute klagen die Bauern, die in Mitteldeutschland ökologisch wirtschaften, dass sie ihre Produkte regional gar nicht absetzen können, weil schlicht die Vermarktungsstrukturen fehlen.

Das bleibt also als weiterer Handlungsauftrag für die Stadt. Wie genau dann ein möglicher Änderungskatalog für die Ratsversammlung aussehen kann, wird dann der von den Fraktionen der Grünen, der Linken und der SPD organisierte Runde Tisch mit Expert/-innen aus Landwirtschaft, Wissenschaft und Umweltverbänden am 21. August zeigen.

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