Leipzig ist keine reiche Stadt. Das ist ein Problem: Denn wenn die Wirtschaft kriselt, sinken nicht nur die Gewerbesteuereinnahmen. Gleichzeitig steigen auch die Sozialausgaben wieder. Und das von einem ohnehin schon hohen Niveau aus. Den traurigen Titel „Armutshauptstadt“ hat Leipzig zwar vor Jahren schon an darbende Städte im Ruhrpott abgegeben. Aber wie groß der Sockel wirklich armer Menschen in Leipzig ist, zeigt jetzt eine neue Zahl, welche die Linksfraktion abgefragt hat.

Es sind zwar vor allem die Wirtschaftsvertreter, die über die Bürokratie in Deutschland klagen. Aber unter dieser Bürokratie leiden auch all jene Menschen, die auf soziale Unterstützung durch den Staat angewiesen sind. Oft wissen sie nicht einmal, welche Leistungen ihnen zustehen und wo sie diese beantragen können. Und meist ist selbst das Antragsverfahren so kompliziert, dass viele Menschen lieber auf den Papierkrieg mit den Ämtern verzichten und sich eher einschränken mit ihrem kärglichen Einkommen.

Um diesem Menschen das Leben ein wenig leichter zu machen, gibt es in Leipzig den Leipzig-Pass, der zur Inanspruchnahme diverser vergünstigter Leistungen berechtigt. Doch auch dieses Angebot nahmen nicht alle wahr, die dazu berechtigt waren.

Erst eine neue, barriereärmere elektronische Variante der Beantragung hat die Zahlen deutlich steigen lassen. VOIS BONUS heißt es.

„Das Fachverfahren VOIS BONUS wurde im Mai 2025 eingeführt“, teilte das Sozialamt auf Anfrage der Linksfraktion jetzt mit.

„Am 15.05.2025 wurden die ersten Leipzig-Pässe ausgestellt. Bis zum 12.01.2026 wurden insgesamt 60.359 Leipzig-Pässe unter Anwendung des Fachverfahren VOIS BONUS ausgestellt. Die Leipzig-Pässe für Leistungsberechtigte nach dem Wohngeldgesetz und Asylbewerberleistungsgesetz wurden automatisch versandt. Auch Empfänger/-innen von Leistungen nach SGB XII und SGB VIII erhielten den Pass automatisch, sofern die Stadt Leipzig Kostenträger war.

Bei Vorliegen einer Einverständniserklärung der Empfänger/-innen von Leistungen nach dem SGB II zur Übertragung von Sozialdaten an die Stadt Leipzig wurde der Leipzig-Pass ebenfalls automatisiert versandt.
Eine detailliertere statistische Auswertung für die Empfänger/-innen von Leistungen nach dem SGB II und dem SGB VIII ist nicht möglich.“

Über 30.000 Antragsteller mehr

Die Zahl der Antragsteller ist durch VOIS BONUS deutlich gestiegen. „Im Jahr 2024 wurden insgesamt 44.583 Leipzig-Pässe ausgegeben“, benannte das Sozialamt die Zahlen aus dem Vorjahr. Und im Folgejahr stiegen diese deutlich an: „Im Jahr 2025 und bis zum Stichtag 12.01.20262 wurden insgesamt 77.825 Leipzig-Pässe ausgegeben, davon 17.466 über das alte Fachverfahren Fabius und 60.359 über das neue Fachverfahren VOIS BONUS.“

Anspruchsberechtigt sind sogar noch mehr Menschen. Für das Jahr 2024 nannte das Sozialamt zum Beispiel 92.449 Anspruchsberechtigte. Wieviele Leipzigerinnen und Leipziger im Jahr 2025 tatsächlich Anspruch auf einen Leipzig-Pass haben würden, war am 25. Februar, als die Anfrage in der Ratsversammlung beantwortet wurde, noch nicht klar.

Denn gerade im Bereich der Wohngeldberechtigten – zu denen nun einmal auch viele Haushalte mit niedrigen Einkommen aus Arbeit, aber ohne SGB-II-Anspruch gehören – ergeben sich die konkreten Zahlen erst mit deutlicher Verspätung, nämlich nachdem die Wohngeldanträge positiv beschieden wurden. Deswegen werden zu den 79.050 Leipzig-Pass-Berechtigten im Jahr 2025 noch einige Tausend hinzukommen.

Weniger Barrieren

„Die Anzahl der Wohngeldempfänger/-innen unterliegt aufgrund der rückwirkenden stichtagsbezogenen Auswertung durch nachträgliche Bewilligungen oder Aufhebungen Veränderungen. Für das Jahr 2025 sind etwa 15.400 Anträge offen, die die Zahl der Wohngeldempfänger/-innen rückwirkend erhöhen werden (vgl. Antwort zu Anfrage VIII-F-02214)“, erklärte dazu das Sozialamt. Sodass 2025 mit fast 95.000 Leipzigerinnen und Leipzigern gerechnet werden muss, die einen Anspruch auf den Leipzig-Pass haben.

Dass VOIS BONUS die Beantragung deutlich erleichtert hat, thematisierte am 25. Februar der Linke-Stadtrat Dr. Volker Külow. Und Sozialbürgemeisterin Dr. Martina Münch bestätigte das. Was zumindest ein kleines Blitzlicht in jene Welt wirft, in der ein einfaches elektronisches Beantragungsverfahren eine Menge Bürokratie abbauen kann und Menschen, die sich vorher vor dem Papierkrieg fürchteten, den Weg zur Beantragung erleichtert.

Was würde eigentlich passieren, wenn sämtliche sozialen Leistungen in Deutschland so ganz selbstverständlich beantragt werden könnten und die Anspruchsberechtigten sogar direkt erfahren, welche Leistungen ihnen zustünden? Es würde zumindest eine Menge Bürokratie ersparen.

Und am Ende gerade jenen Menschen helfen, auf denen aktuell regierende Politiker mit einer Unkenntnis herumtrampeln, die schon erschreckend ist.

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