Ökolöwe kritisiert das fahrlässige Naturschutzdenken bei Bootsplanungen im Leipziger Auwald

Gibt es etwas Neues von der Grünen Keiljungfer? Ja. Sie lebt. Und das ist auch gut so, kommentiert der Leipziger Ökolöwe einen etwas burschikosen Artikel, den die LVZ am Donnerstag, 5. November, veröffentlicht hatte. "Neue Kartierung belegt große Vorkommen", hieß der. Große Vorkommen bedeuten ja wohl, dass in der Pleiße auch gebaggert werden darf, oder?

Vor einem Jahr mussten ja bekanntlich die Baggerarbeiten in der Pleiße beendet werden, weil der Ökolöwe Einspruch erhob. An der Pleiße befindet sich der Lebensraum der streng geschützten Grünen Keiljungfer, einer Libellenart. Die Landesdirektion gab dem Einspruch statt, denn irgendwie war das bei den Arbeiten zur Störstellenbeseitigung nicht bedacht worden. Die Baugenehmigung lag sogar schon so weit zurück, dass sie drohte auszulaufen. Der Zweckverband Kommunales Forum Südraum Leipzig war also im Zugzwang. Doch mittlerweile hatten sich auch die Rahmenrichtlinien geändert. Im Vorfeld hätte zwingend eine Umweltverträglichkeitsprüfung passieren müssen.

Auch die Lebensräume der Grünen Keiljungfer hätten kartiert werden müssen. Das ist nun im Auftrag des Zweckverbands auch passiert, sogar umfassender, als ursprünglich vom Ökolöwen insistiert. In diesem Fall war es die Landesdirektion, die wünschte, dass nicht nur die Abschnitte an der Pleiße südlich des Connewitzer Wehrs kartiert wurden, sondern praktisch der ganze Leipziger Gewässerknoten – die komplette Pleiße bis zur Mündung ins Elsterflutbett, Teile der Weißen Elster, der Kleinen Luppe, der Neuen Luppe und der Nahle.

Und der vom Zweckverband beauftrage Gutachter Dr. Jens Kipping, der auch jüngst das Reporting zum Eisvogel-Vorkommen gemacht hat, wurde natürlich fündig.

„Von selten also keine Spur“, kommentierte das dann die LVZ. Da könne dann doch wohl einfach weitergebaut werden. Steffi Raatzsch, Geschäftsführerin des Zweckverbandes „ist aber nicht nur daher zuversichtlich, dass ihr am Freitag eingereichter Antrag auf Ausnahmegenehmigung zum Weiterbau in der Pleiße von der Landesdirektion positiv beschieden wird.“ Man wolle ja auch in der kühleren Jahreshälfte bauen – von August bis Februar. Und da man mit Schwimmbagger arbeite, würden auch die Ufer verschont.

Doch auf diese zumindest eigentümliche Einstellung zum Naturschutz ging am Freitag der Ökolöwe ein.

Und fragt sich schon, was das für eine Argumentation sein soll, wenn man in einem Artenschutzgebiet eine streng geschützte Art in einer zum Glück nicht zu kleinen Population findet. Die Kartierungen deuten ja nun erst einmal an, dass sich der Bestand der europaweit streng geschützten Libellenart „Grüne Keiljungfer“ im südlichen Auwald erholt hat.

„Zum Glück, denn das ist genau das, was mit europäischen Schutzgebieten, wie dem Leipziger Auwald, erreicht werden soll: Der Schutz von Lebensräumen stark gefährdeter, teilweise vom Aussterben bedrohter Tier- und Pflanzenarten“, weist der Ökolöwe auf die simple Grundlage seines Einspruchs hin. Schutzgebiete sind nun einmal dazu da, damit sich seltene Arten wieder erholen können. „Das bedeutet im Klartext: Selbst wenn der Leipziger Auwald beginnt, sich zu einem ‚Hotspot‘ der Grünen Keiljungfer zu entwickeln, ist die Art europaweit stark gefährdet. An diesem Maßstab muss die Verbreitung gemessen werden.“

Und da reiche nicht der Blick auf den kleinen Abschnitt im südlichen Auwald. „Überdies ist der Zustand der Natura 2000-Schutzgebiete als Ganzheit im Auwald nach wie vor noch nicht stabil“, stellt der Ökolöwe fest. „Das wird er auch nie, wenn Gremien wie der Zweckverband Kommunales Forum Südraum Leipzig konsequent die sogenannte Störstellenbeseitigung in der Pleiße vorantreiben möchten: Die Pleiße soll unbedingt von ihren natürlichen Untiefen befreit und so für Motorboote schiffbar gemacht werden. Damit endlich die ersehnten Touristenströme, sogar per Yacht aus Hamburg, durch den Auwald schippern können. Das erhoffen sich zumindest Leipzig und angrenzende Kommunen. Und dafür werden seit neustem auch Gutachten über Vorkommen geschützter Arten so interpretiert, als wären Eisvogel und Grüne Keiljungfer Allerweltsarten, die fast plageartig in den Auen vorkommen.“

„Die Schiffbarmachung jedoch mit hohen Artenzahlen versuchen zu rechtfertigen, entspricht so ziemlich genau der Umkehrung des EU-Rechts: Schutzgebiete werden eingerichtet, damit sich Bestände erholen“, betont  Anja Werner vom Ökolöwen. „Sind sie erholt, kann das nicht die Rechtfertigung dafür sein, sie mit intensiver Nutzung wieder zu zerstören. Dann kann höchstens eine naturverträgliche Nutzung erdacht werden, welche es Erholungssuchenden möglich macht, die einmalige Vielfalt zu erleben.“

Aus Sicht der Naturschützer bedeutet gerade der Nachweis der Grünen Keiljungfer im geplanten Bauabschnitt, dass eine Baugenehmigung hier eigentlich nicht erteilt werden dürfte, weil auch die Störstellenbeseitigung ein Eingriff in einen geschützten Lebensraum ist. Der Leipziger Auwald ist der größte zusammenhängende Auwald innerhalb einer europäischen Großstadt und bedeutender Lebensraum vieler selten gewordener streng geschützter Tier- und Pflanzenarten – und der ökologische Zustand ist in weiten Teilen nach wie vor bedenklich bis desolat. Umso schwerer wiegen Eingriffe an Stellen, in denen sich Habitate wieder leidlich stabilisiert haben.

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