Debatte im TdjW: Demokratie? Schafft sich selbst ab

Für alle LeserLZ/Ausgabe 48Die Bundestagswahl 2017 war eine „Zäsur“, da sind sich nun allmählich alle einig. Die SPD in der Opposition, die FDP nicht nur wieder im Bundestag, sondern womöglich direkt in Regierungsverantwortung und die CDU mit einem klaren Dämpfer. Ach, deshalb nicht? Richtig, da war ja noch etwas – die AfD mit rund 5,8 Millionen Wählerstimmen und einem Ergebnis von 12,6 Prozent. Gesamtdeutsch muss man aus sächsischer Sicht wohl dazuschreiben, denn hier holten die Rechtsausleger sagenhafte 27 Prozent, in Leipzig immerhin noch 18,3 und über 61.000 Wähler an die Urne.
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Weniger also, seufzte mancher fast schon erleichtert, weniger als dieses Sachsen da im Osten. Und vor allem weniger als in anderen Ländern. Frankreich erlebte eine Stichwahl mit Marine le Pen vom rechtsradikalen Front Nationale, die USA scheint vor allem mit sich und um Fassung rings um ihren Twitter-Präsidenten zu ringen, in Italien kocht es ebenfalls und der Blick nach Osteuropa lässt zum Beispiel in Polen ahnen, dass auch ganz ohne Flüchtlinge ein Rechtsruck im Gange ist.

Und seit dem 24. September ging es munter weiter, Schlag auf Schlag. In Österreich rettete erst kürzlich ein sehr junger Mann die Mehrheit für die Alpen-CDU, indem er die „Austria first“-Parolen der FPÖ ein bisschen smarter verpackte. Und sich so ein Bündnis mit den heimattümelnden Nationalisten einhandelte.

Dies alles geht natürlich auch an den Kulturschaffenden der Stadt Leipzig nicht vorüber, vor allem nicht am seit jeher engagierten Team des Theaters der Jungen Welt. Und so ist am 4. November 2017 der Deutsche Bühnenverein zu Gast und fragt „Schafft sich die Demokratie selbst ab?“. Am Samstag geht es um 11:30 Uhr los und die Themen haben es in sich.

Globalisierung, Klimawandel, Migration, soziale Gerechtigkeit, die Dekonsolidierung der Demokratie mit ihren Grundfreiheiten – ein ziemlicher Brocken Themen, die erst in verschiedenen Einleitungsbeiträgen und anschließend in Diskussionsrunden bearbeitet werden sollen. Im Zentrum die Frage: „Ist die Demokratie im Niedergang oder kann sie, gestärkt durch die Überwindung der gegenwärtigen Herausforderungen, auch zukünftig das tragfähige Modell für das Zusammenleben in unserer Gesellschaft sein?“

Vorab fragte die LZ den Gastgeber und Intendanten des TdJW, Jürgen Zielinski, wohin am 04.11. die Reise geht. Und wie er selbst die Themenlage sieht.

Sehr geehrter Herr Zielinski, in der Ankündigung zur Veranstaltung lautet eine der Fragen, ob „die Demokratie im Niedergang sei oder ein Zukunftsmodell“ bleibt. Welche Demokratie ist dabei gemeint?

Die Fragestellung ist eher als „Wach-Macher“ zu verstehen. Es geht um die einfachen Parolen, die von populistischen Parteien als Stimmenfang undifferenziert verwendet werden und vor allem darum, über die komplexen Wirkungsfaktoren der sog. Politikverdrossenheit zu sprechen.

Im Veranstaltungstitel steckt mit der „Selbstabschaffung der Demokratie“ eine Ahnung, die bei steigenden Wahlbeteiligungen (Bundestagswahlen (2009: 70,8 Prozent, 2013: 71,5 Prozent, 2017: 76,2 Prozent) sowie steigenden Eintrittszahlen in Parteien sich – was den parlamentarischen Teil betrifft – wie begründet?

Mit einem hohen Anteil von AfD-Stimmen und den Folgewirkungen des diskutierten und geforderten Rechtsrucks! Wohin dies führen kann, sehen wir ja leider derzeit in vielen Ländern – Österreich, Polen, Türkei, Ungarn, etc. All das verlangt einen differenzierteren Diskurs.

Als wichtigste Handlungsfelder der Gesamtgesellschaft werden Globalisierung, Klimawandel, Migration und soziale Gerechtigkeit im Zusammenleben genannt. Könnte es sein, dass alle genannten Felder direkt korrespondieren und es eher um das derzeitige Grundmodell des „globalen Kapitalismus“ und die Frage „Wie weiter damit?“ geht?

Kann nicht nur sein, ist so. Und die Wirkungsfaktoren des globalen Kapitalismus gilt es kritisch zu betrachten, auf die teils fatalen Folgen hinzuweisen und politisches Bewusstsein zu schaffen. Heimat-Begriff- und Leitkulturdiskussionen sind da nicht hilfreich und eher „Scheingefechte“, die auf die aktuellen, komplexen Fragen keine angemessenen Antworten geben können.

Vor der Veranstaltung attestiert die thematische Ausrichtung einen „weltweiten Aufschwung populistischer und autoritärer Kräfte, deren Ziel die Dekonsolidierung der Demokratie“ sei. Nahezu alle populistischen Bewegungen argumentieren für mehr „Volksentscheide“, „Politik für das Volk, nicht für Konzerne“ und erreichen damit vormalige „Nichtwähler“. Worin könnte der „Aufschwung der Kräfte“ begründet sein?

Darüber wurde nach der Wahl so viel spekuliert, dass ich in unserer Diskussion eine Chance sehe, genau daran anzuknüpfen. Teilweise sind die Motive von AfD-Wählern und Pegida-Demonstranten höchst widersprüchlich bis absurd. Doch alle scheinen eine Gemeinsamkeit zu haben: Die Angst vor Privilegien-Verlust bzw. sozialem Abstieg und die Wut auf „die da oben“: „Meine Versicherung hat den Schaden nicht bezahlt – also sind alle da Oben schuld“. „Meine Straße vor der Haustür ist kaputt – keiner hilft uns; keiner liebt uns“.

Welches sind für Sie die „Grundfreiheiten unserer Gesellschaft“, die es zu verteidigen gilt und welche Rolle spielt darin das Theater der Jungen Welt?

Ich denke, dass ein Kinder- und Jugendtheater einmal mehr die besondere Aufgabe hat, im Sinne der Demokratiebildung und der politischen Bildung, Spiel- und Beteiligungsformate anzubieten, die in einem „geschützten Theaterraum“ Menschen unterschiedlicher Herkunft, Bildung etc. zusammenzuführen und ihnen emotionale Seh- und Fühlerfahrungen zu vermitteln, jenseits der Schulmedizin. Die Demokratie-Diskussionskultur muss leidenschaftlich gelebt werden. Nur so können demokratiefeindliche Tendenzen geschwächt werden.

In der Zeit von Fake-News, in der Sprache zunehmend verkürzt wird und verroht oder gar die Faust Sprache ersetzt,  bietet das Theater viele Begegnungsmöglichkeiten und Ausdrucksformen – auch im Sinne des generationsübergreifenden Dialogs, der zur festen Programmatik des TdJWs gehört.

Vielen Dank für das Gespräch.

Informationen zur Veranstaltung (anmeldepflichtig für Besucher): Einleitungsbeiträge kommen von Dr. Skadi Jennicke (Bürgermeisterin und Beigeordnete für Kultur der Stadt Leipzig), Dr. Andreas Eberhardt (Vorstandsvorsitzender der Stiftung Erinnerung, Verantwortung und Zukunft (EVZ)), Michael Lüders (Politik- und Islamwissenschaftler und Publizist) und Dr. Oliver Tolmein (Autor, Journalist und Rechtsanwalt). Anschließend gibt es die Möglichkeit, sich in moderierten Tischgesprächen aktiv an der Debatte zu beteiligen. Mehr Informationen & Anmeldung unter www.tdjw.de

Die neue LZ Nr. 48 ist da: Zwischen Weiterso, Mut zum Wolf und der Frage nach der Zukunft der Demokratie

DemokratieLeipziger ZeitungTdJWbtw17
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