Eigentlich hätten wir an dieser Stelle auch einfach den Artikel von April 2017 noch einmal hochladen können. André Schollbach, Landtagsabgeordneter der Linken, wollte es unbedingt noch einmal wissen. Vielleicht interessierten sich ja doch noch ein paar Leute für die 2015 mit so viel Pomp veröffentlichten Tagebücher des ehemaligen sächsischen Ministerpräsidenten Kurt Biedenkopf. Aber Oliver Schenk kann ihn nicht trösten.

Oliver Schenk ist Chef der Staatskanzlei, wo auch zu Stanislaw Tillichs Zeiten solche milden Gaben entschieden wurden, auch wenn bis zuletzt der Streit öffentlich ausgetragen wurde, ob nun Stanislaw Tillich selbst entschieden hatte, die Herausgabe der Biedenkopf-Tagebücher staatlich zu sponsern und dafür 300.000 Euro aus der Staatsschatulle locker zu machen.

Was man ja verstanden hätte, wenn es nicht nur um den späten Ruhm des betagten Alt-MPs gegangen wäre, sondern – zum Beispiel – um ein echtes Forschungsprojekt. Denn die Regierungszeit von Kurt Biedenkopf 1990 bis 2002 ist ja mittlerweile auch schon Geschichte. Und sie umfasst ein Kapitel, das sich gerade als Dauerbrenner und tickende Zeitbombe entpuppt: die Deindustrialisierung Sachsens, die Arbeit der Treuhand und den Beginn von Millionen gebrochenen Berufskarrieren.

Millionen Sachsen haben – wie andere Ostdeutsche auch – das Gefühl, um ihre Lebensleistung getrogen worden zu sein. Das ist seit 2017 auch quasi amtlich. Denn als für den Sachsen-Monitor die Bürger mal wieder befragt wurden (übrigens ein Projekt, das die SPD angeregt hat), äußerten 61 Prozent der Befragten, die Leistungen der Ostdeutschen für den Aufbau der neuen Bundesländer würde nicht ausreichend gewürdigt, und 44 Prozent bestätigten, sich wie „Bürger 2. Klasse“ zu fühlen.

Und ein Wert ist gegenüber der Umfrage von 2016 besonders stark gestiegen: der zur Aussage, nach der Wiedervereinigung sei vielfach neues Unrecht geschaffen worden – der Wert war von 47 Prozent Zustimmung auf 58 Prozent hochgeschnellt.

Es gibt also eine Menge Gründe, jetzt zu untersuchen, was da ab 1990 schiefgelaufen ist und warum. Vielleicht hätte es keiner ändern können – vielleicht waren wichtige Entscheidungen trotzdem falsch. Aber gerade diese Umbruchzeit immer wieder nur zu verklären, wird weder die Gemüter beruhigen, noch zu einem neuen respektvollen Umgang miteinander führen. Wobei gerade Kurt Biedenkopf in der letzten Zeit zu Recht kritisiert wurde für seine großväterliche Art, den Rassismus in Teilen Sachsens zu beschönigen.

Da gibt es nichts zu beschönigen. Doch die Auseinandersetzung mit dem Thema hat „König Kurt“ auch in seiner Zeit als Ministerpräsident wohlweislich gemieden. Damit sammelt man ja keine Schönwetter-Punkte.

Die Online-Ankündigung der LVZ zum Biedenkopf-Interview. Screenshot: L-IZ
Die Online-Ankündigung der LVZ zum Biedenkopf-Interview. Screenshot: L-IZ

Aber seine Tagebücher verraten nicht wirklich viel über seine frühe Amtszeit. Selbst die Rezensionen, die dazu erschienen, fielen eher müde aus. Und es steht auch zu vermuten, dass sie, wenn sich wirklich auch nur ein wenig brisanteres Material in ihnen befunden hätte, weder vom Freistaat subventioniert worden wären, noch je veröffentlicht.

Ein paar hundert Bände wurden 2015 noch verkauft oder verschenkt oder der Presse zugesandt. Und dann war Stille im Karton. Schon 2016 verkauften sich die Bücher nicht mehr. Also überwies die Konrad-Adenauer-Stiftung, die den Zuschuss vom Freistaat bekommen hatte, auch keine Gelder aus dem Verkaufserlös an die Staatskanzlei.

Und 2017?

Bis auf ein paar telegene Auftritte des Ex-Ministerpräsidenten blieb auch hier die Biedenkopf-Renaissance aus. Vielmehr trat zum Jahresende auch Stanislaw Tillich zurück, der für die milde Buchspende ja irgendwie verantwortlich war.

Und der Chef der Sächsischen Staatskanzlei, Oliver Schenk, antwortet recht lakonisch auf André Schollbachs neue Anfrage: „In welcher Höhe führte die Konrad-Adenauer-Stiftung e. V. bislang Einnahmen aufgrund wie vieler verkaufter Bücher jeweils welcher Bände aus der publizistischen Verwertung der Tagebücher des Herrn Prof. Dr. Kurt Hans Biedenkopf im Siedler-Verlag an den Freistaat Sachsen ab?“

Antwort: „Es wird auf die Antworten zu den wortgleichen Kleinen Anfragen Drs.-Nr. 614755 und 6/9098 verwiesen. Aufgrund der Verkaufsentwicklung im Jahr 2017 wird die Konrad-Adenauer-Stiftung e. V. auch in diesem Jahr keinen weiteren Verkaufserlös an den Freistaat Sachsen abführen.“

Das nennt man dann wohl einen publizistischen Misserfolg.

Biedenkopf-Tagebücher haben sich als echter Flop erwiesen

 

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Es ist erstaunlich, dass der Landtagsabgeordnete André Schollbach die Sache nicht zu den Akten legt, sondern das Thema weiterverfolgt. Dafür zolle ich ihm Dank. Wenn man bedenkt, dass einem Literaturverein in Sachsen 2015 die Projektförderung von einer Landesinstitution aufgrund eines finanziellen Engpasses versagt wurde (und da wäre schon 1 % der Kostenübernahme der Goldschnitt-Biedenkopf-Ausgabe hilfreich gewesen), müsste sich hier endlich einmal eine Prüfungskommission damit beschäftigen.
Zum Beispiel hätte man bereits 2015, 2016 und 2017 den Sächsischen Verlagspreis vergeben können (und das vielfach), um die Büchermacher im Freistaat zu unterstützen. Freilich nicht an den Siedler Verlag in München, der zur Verlagsgruppe Random House gehört.

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