Poggenburg in Markkleeberg. Oder: „Geht doch erst mal arbeiten!“ + Audio

Für alle Leser70 Besucher sind es wohl hochgerechnet, die am gestrigen 31. Mai den Weg zum Kurzvortrag vom „Extremismusbeauftragten“ André Poggenburg (AfD) in den großen Saal des Ratskellers „Zur Linde“ schaffen. Abzüglich der zehn Besucher natürlich, deren Jugend bereits so gar nicht zum restlichen Publikum passen will und welche im hinteren Teil des halbleeren Saales Platz genommen haben. Als Poggenburg dann erklärt, dass er (erwartungsgemäß) nur etwas zum Linksextremismus sagen wolle, geht der erste Arm aus dieser Gruppe nach oben, um eine Frage zu stellen. Später wird es laut. Als eine überforderte AfD-Security eingreift, schreit eine junge Frau: „Fass mich nicht an!“
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Vielleicht sollte man die AfD angesichts der gestrigen Veranstaltung gerade im Umland von Leipzig noch einmal neu betrachten, wenn man das ausbleibende Besucherinteresse in Markkleeberg neben die immer wieder durch andere sächsische Parteien vermutete Bedeutung legt. Wer angesichts des Namens André Poggenburg Andrang an der polizeilich gut bewachten Tür erwartet hatte, sah sich jedenfalls enttäuscht.

Bis auf ganz wenige Ausnahmen findet sich an diesem Abend kurz vor 19 Uhr ein Club alter weißer Herren ein, vor der Veranstaltung gibt es Bierchen und Gartenkneipenatmosphäre. Hier kennt man sich – eine ältere Frau fuchtelt kurz mit dem Schirm herum, zeigt Abwehrbereitschaft, wenn irgendetwas losgehen sollte. Auf Nachfrage erklärt sie, sich am 27. Mai in Berlin den Weg mit Pfefferspray freigekämpft zu haben.

Von einer Presseakkreditierung kann keine Rede sein, auf Nachfrage weiß man nicht, bei wem man sich als Journalist anmelden könnte. Draußen vor der Tür bei „Leipzig nimmt Platz“ gibt es Trommelklänge aus den Boxen – die Gegendemo vor dem Haus bleibt auf Abstand und fröhlich. Drinnen Andrang am Ausschank, die meisten Getränke gibt’s am Tresen für 1,50 Euro das Glas, die Bedienung freut sich gemeinsam mit den Gästen über den schön gemalerten großen Saal der „Linde“.

Dass einen hier kurz das Wort DDR anweht, ist kein Zufall, das ganze Haus ist neu gemacht, doch die Menschen tragen das Gestern herein. Hier muss man schon was geleistet, mindestens das Land wieder aufgebaut haben, um welches man sich nun sorgt – dann gehört man dazu. Ein kleiner Teil scheint aus Neugier gekommen zu sein: Ein freundlicher Herr fragt höflich nach, woher man sei – die Antwort von der L-IZ.de wird mit einem anerkennenden Nicken goutiert. Unklar bleibt, ob man es hier schon mutig findet, als Journalist aufzutreten.

Die Vorstandsriege des Kreisverbandes Leipziger Land ist wie das Publikum nahezu ausnahmslos in der Nähe des Rentnerdaseins oder schon mittendrin – mit „Frauenquote“, wie AfD-Kreisvorstand Edgar Naujok bei der Vorstellung der einzigen Frau im Vorstand betont. Nein, kein Altherrenwitz hinterher, aber fast – denn Elke Gärtner (Schriftführerin im Vorstand) mache auch wichtige Arbeit – neben den Erinnerungen und Zuarbeiten für ihn. Er selbst sei ja aus dem Westen, aber schon lange hier. Das scheint Naujok wichtig zu sein.

Angesichts des Themas „Für Frieden und Demokratie – gegen Extremismus“ an diesem Abend gibt Naujok noch einige Episoden seiner Reise zur AfD-Demonstration am 27. Mai in Berlin zum Besten, schildert Gewalt gegen die AfD („Teer von einer Brücke“), fragt, ob es wirklich erst so weit kommen muss. Im Saal zeigt jemand für ihn auf eine nicht vorhandene Uhr am Arm – fertigwerden, Poggenburg wartet bereits in der ersten Reihe sitzend und so richtig kommt die Stimmung bislang nicht in Fahrt.

Nicht verpassen möchte Naujok jedoch, das „trotz der Wärme“ so zahlreich erschienene Publikum darauf hinzuweisen, dass es nun 2019 zur Sache ginge. 240 Bewerber brauche man bei den Kommunalwahlen und habe nur rund 90 AfD-Parteimitglieder im Landkreis Leipzig, so Edgar Naujok, da sehe man schon „da gibt’s ein kleines Defizit“. Nicht mal AfD-Mitglied muss man sein, nur „bei gesundem Menschenverstand“ und wer „in unserer Region sofort was ändern möchte“, der kann sich hier beteiligen.

Am Ende Applaus im Saal, das muss vorerst an Mitmachen genügen, nun soll’s deftiger werden.

Endlich kanns losgehen. André Poggenburg freut sich über den Applaus. Foto: L-IZ.de

Endlich kann’s losgehen. André Poggenburg freut sich über den Applaus. Foto: L-IZ.de

Die Extremismustheorien á la Poggenburg

Dass es stark unterkomplex ist, was André Poggenburg anschließend zum Thema „Extremismus“ anbietet, fällt hier nur wenigen auf. Nachdem der Rechtsextremismus vom Tisch ist (darum soll es heute entgegen der Plakatankündigungen nicht gehen, er sei ja auch Vorsitzender der „Linksextremismus-Kommission in Sachsen-Anhalt“), bleibt noch der von links. Also nicht „links selbst“, das sei in Ordnung findet der AfD-Landtagsabgeordnete aus Sachsen-Anhalt, so wie rechts zu sein. Unterdessen rotiert das erste Mal im Hintergrund eine Bilderfolge von etwa sieben bis acht Motiven mit angezündeten Polizeiautos, beschmierten AfD-Büros und einer Szene von den G20-Krawallen.

Ein brennendes Asylbewerberheim ist nicht darunter, der Hinweis, dass es sich bei G20 um Straßen-Riots mit unzähligen eher weniger politischen Akteuren gehandelt hat, entfällt.

Die Botschaft: die AfD ist das Opfer, die Linksextremen das Problem, Deutschland ist im Ausnahmezustand. Die neue Verfassungsschutzstatistik aus Sachsen 2017 zeige ja auch das eigentliche Problem. Was André Poggenburg dann allerdings kaum lesbar für das Publikum an die Wand wirft, stellt eher das Gegenteil dar: die weit über 1.000 rechtsextremen Propagandadelikte fallen bei ihm rasch unter den Tisch, was zu ersten Widersprüchen der zehn jungen Besucher führt. Dass die rechten Gewalttaten die der (laut Verfassungsschutz) Linksextremen ebenfalls weit übertreffen auch und dass die Zahlen hinter Poggenburg seinen Worten widersprechen, fällt nicht auf.

Wenn Zahlen zur Verfügungsmasse für die eigene Ideologie werden. Foto: L-IZ.de

Wenn Zahlen zur Verfügungsmasse für die eigene Ideologie werden. Foto: L-IZ.de

Bei der AfD scheint auch intern der Unsinn noch zu funktionieren, dass Worte und Hass nichts mit Taten derer zu tun haben, die sie dann ausführen. Hier gilt zudem: wenn ein Hakenkreuz an der Wand steht, dann könnten das auch Linksextreme gewesen sein, die den Rechten schaden wollen, so bereits Naujok vorab.

Und noch einmal rotieren die Bilder, darunter immer wieder eine BILD-Schlagzeile – wenn’s nützt, sagt die „Lügenpresse“ die Wahrheit. Ansonsten lässt es Poggenburg zivil angehen. Der leichte Einschlag Goebbelscher Rhetorik, dieses kurze Überschlagen der Stimme und die teils groteske Überbetonung im Wort kommt heute in Poggenburgs Vortrag immer nur beim Wort „Deutschland“ vor, den Rest der Zeit ist für heute kein Tabubruch, keine Grenzüberschreitung geplant.

Hier in Markkleeberg scheint es Poggenburg offenbar angeraten, die AfD eher als bessere, neue und wirklich konservative CDU zu präsentieren – man ahnt, was die Gäste des Abends früher gewählt haben.

Das Bild hängt schief

Deshalb ist es auch wichtig, wenn André Poggenburg betont, die AfD könne gar keine extremistische Partei sein, denn die AfD-Mitglieder selbst übten ja keine Gewalt aus, also nicht persönlich. Das muss als Beweis genügen, der Rahmen ist da schon längst verschoben, das Bild hängt schief und rechtsextreme Straftaten fallen vom Himmel.

Als die Gruppe junger Menschen endgültig zu rumoren beginnt, nachdem sich bereits minutenlang ein junger Mann beharrlich zu Wort meldet, möchte Poggenburg erst seinen „Extremismus-Vortrag“ beenden, Debatte ist jetzt nicht geplant. Was er offenbar nicht richtig wahrnehmen kann, längst hat sich eine Phalanx aus eher ungeschult wirkendem Personal am Rande der lauter werdenden Protestler aufgebaut, bereit zum Zugriff.

Kurz darauf schreit eine junge Frau aus der hinteren Saalmitte empört auf: „Fass mich nicht an“. Denn genau das hat der hochgewachsene ältere „Security“ gerade getan, wie ein MDR-Video im Netz und eines, welches der L-IZ-Redaktion vorliegt, aus verschiedenen Blickwinkeln zeigen. Die Situation eskaliert für etwa 45 Sekunden. Anschließend glaubt sich die blaue Sicherheitstruppe zudem im Recht, von einem anwesenden Journalisten die Löschung eben jener Filmaufnahmen zu verlangen – „ein Gesetz sage das“, so das wenig sachdienliche Argument des übergriffigen AfD-Hilfssheriffs. Das Wort „illegale Aufnahmen“ macht die Runde, entgegen einschlägiger Presserechte bei einer öffentlichen Versammlung nimmt man vermutlich an, Presse darf nur zeigen, was die AfD schön findet.

Dann geht die Gruppe lieber, gedrängt von AfD-Anhängern, um draußen von der Polizei in Empfang genommen zu werden. Die AfD-Anhänger brüllen hinterher: „Raus“ und „geht doch erst mal arbeiten“, das Bild vom „arbeitsscheuen Gesindel“ ist hier fest unter weißen Haaren und Glatzen verankert.

Ihren Versuch, sich in der Veranstaltung irgendwie mit André Poggenburg argumentativ zu duellieren, bezahlen die jungen Menschen anschließend mit einem polizeilichen Platzverweis, die Debatte unterbleibt. „Überzogene Härte“ nennt es Jürgen Kasek anschließend draußen auf dem Platz. Drinnen im Saal ist man wieder unter sich. Ruhig, geordnet und demokratisch frei von Widerspruch.

Der Tumult & „Fass mich nicht an“

 

* Audio *AfDLeipzig nimmt Platz
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