8.7 C
Leipzig
0,00 EUR

Es befinden sich keine Produkte im Warenkorb.

Die Situation bei Lok Leipzig im Detail – Es ist Zeit für etwas Neues

Anzeige

Mehr zum Thema

Mehr
    Anzeige
    Anzeige

    Nach dem zweitschlechtesten Saisonstart der jüngeren Geschichte, nur zwei Siegen aus acht Spielen und mehreren leblosen Auftritten stehen Vorstand und Aufsichtsrat des 1. FC Lok vor der Entscheidung, Trainer Heiko Scholz nach fast fünf Jahren zu demissionieren oder die Identifikationsfigur auf einen anderen Posten im Verein wegzuloben, denn Fakt ist: Lok braucht eine Veränderung. Eine Analyse.

    Eine Reaktion der Mannschaft hatte Lok-Präsident Thomas Löwe nach dem schlimmen 0:1 beim BFC am Monatsanfang erwartet. Elf Tage hatte Heiko Scholz Zeit, sein Team auf den kommenden Gegner Erfurt einzuschwören. „Wir haben teilweise mehr geredet als Fußball gespielt“, sagte dieser anschließend. Gebracht hat es nicht viel. Lok holte letztlich einen Punkt, war aber rund die Hälfte der Spielzeit wieder – um es vorsichtig auszudrücken – zurückhaltend. In Auerbach wären die Messen bei normalem Spielverlauf schon nach 20 Minuten gelesen gewesen.

    Der Gastgeber vergab jedoch gleich drei Riesenmöglichkeiten, um nach einem Schnitzer von Torhüter Hanf kurz nach der Pause doch zu treffen. Die geforderte Reaktion kam also nicht – und wenn, dann nicht nachhaltig. Mit acht Punkten aus acht Spielen ist Lok nur 13. Eigentlich wollte der Klub zu diesem Zeitpunkt Tuchfühlung auf die Spitze haben, eine Euphorie entfachen. Das kommende Heimspiel gegen Germania Halberstadt ist dagegen richtungsweisend, ob es nicht doch vorerst um das Überleben im Tabellenkeller geht. Bei einer weiteren Niederlage wäre Halberstadt vorbei und Lok mindestens nur noch 14.

    Das Lok-Podium: Maik Georgi, Djamal Ziane, Heiko Scholz (Trainer), René Gruschka (Team-Manager), Torsten Woitag (Geschäftsführer) und Christian Hanne. Foto: Jan Kaefer
    Ein Bild aus besseren Tagen. Heiko Scholz zwischen seinen Spielern im Sommer 2016. Foto: Jan Kaefer

    Aber wo trennten sich die Wege von Erfolg und Heiko Scholz nach drei Jahren stetiger tabellarischer Verbesserung?

    Zur anfänglichen Euphorie dieser Saison hatte nicht nur beigetragen, dass Lok in der Vorbereitung den Drittligisten FSV Zwickau mit 3:0 geschlagen hatte oder Angstgegner Meuselwitz mit demselben Ergebnis beim Saisonauftakt nach Hause geschickt wurde. Es waren auch die Transfers, die Scholz und Hoppe eingerührt hatten: aufgrund ihrer Erfahrung und/oder ihrer Statistik entweder sehr gute bis gute Regionalliga-Kicker oder auf lange Sicht ernst zu nehmende Konkurrenten. Im Vergleich zum BFC beispielsweise, der noch in der letzten Augustwoche drei Spieler verpflichtete, hatte Lok die Kaderplanung zu einem enorm frühen Zeitpunkt abgeschlossen – allerdings nicht ohne Fehler.

    Paul Maurer, wichtige Korsettstange der Vorsaison, wurde nicht gehalten, ging zu Köln II, obwohl er nach eigener Aussage gern bei Lok geblieben wäre, es nur um 200 Euro Gehaltserhöhung pro Monat ging. Das Team reiste ohne Maurer schon Ende Juni ins erste Trainingslager nach Österreich, Mitte Juli ins zweite nach Aschersleben, trainierte unter guten Bedingungen. Entsprechend formulierte Scholz auch das Saisonziel. „Wir wollen uns verbessern zur Vorsaison als wir Sechster wurden und peilen die Plätze 1 bis 3 an.“ Möglich schien das allemal. Dass der Chemnitzer FC einen Lauf mit acht Siegen aus acht Partien haben würde, war nicht abzusehen und ist auch außergewöhnlich. Mit der Kritik an der Mannschaft hat das nichts zu tun.

    Diese entzündet sich vor allem an der fehlenden spielerischen Klasse. Scholz wird von zahlreichen Fans, aber auch von ehemaligen Spielern des 1. FC Lok vorgeworfen, er hätte keine klare Spielidee.

    Heiko Scholz und René Rydlewicz kennen sich aus gemeinsamen Leverkusener Zeiten.Rechte:Bernd Scharfe
    Scholz als Signalgeber im Frühjahr 2018. Rechte:Bernd Scharfe

    Diese Saison tut sich Lok extrem schwer, Tore zu erzielen, was beispielsweise im Spiel gegen Babelsberg an der Chancenverwertung lag, in anderen Spielen wie beim BFC, in Auerbach, gegen Bischofswerda oder bei Viktoria Berlin jedoch auch daran, dass die Mannschaft sich kaum Chancen erspielt. Letztes Jahr kaschierten die vielen Standard-Treffer manches Defizit. Sagenhafte zwölf Tore erzielte Lok in Spielen mit der Dreierkette durch Standards, 18 aus dem Spiel heraus. Vierzehnmal lag Lok in diesen Spielen vorn, siebenmal durch einen Standard. Diese machten in engen Spielen den Unterschied.

    Dieses Jahr wird Lok wie bei Viktoria Berlin zeitig anlaufen und hat dann im Spiel nach vorn nicht die nötige Ruhe oder kann wie gegen Bischofswerda keine Lösung gegen das Abwehrpressing des Gegners präsentieren. Und die Standard-Tore können diese Defizite nicht auffangen. Von den neun geschossenen Toren muss man ein Eigentor abziehen, vier erzielte Lok per Standard, vier aus dem Spiel heraus. Nur ganze zweimal lag Lok in dieser Saison in Führung, nie zur Pause. In der Halbzeit lag die Truppe sogar in fünf von acht Spielen zurück – als ein Team, was eigentlich zu den besten drei Mannschaften gehören wollte und könnte.

    In der Vorsaison hatte das Trainerteam nach den Verletzungen von Max Pommer, Sascha Pfeffer und Nils Gottschick auf eine 3er-Kette im Defensivverbund umgestellt. Gerade gegen den BFC konnte man sehen, dass Stürmer und Außenbahnspieler viel zu oft mit dem Rücken zum Tor am Ball waren und keine vernünftige Spielfortführung stattfand. Die Gegner hatten sich auf dieses System eingestellt. Im Zentrum ist Lok ganz oft in Unterzahl gewesen, war über außen zu, blieb als Handlungsoption nur noch der Rückpass.

    Nach dem Spiel gegen Erfurt erklärte Scholz, dass „mit der Viererkette mehr Sicherheit in unser Spiel kam“. Folglich lief Lok in Auerbach im 4:4:2 auf. Allerdings ohne die doppelt besetzte Außenbahn durch ein Hinterlaufen auszunutzen oder die Stürmer tief zu schicken. Stattdessen mussten sich Pfeffer, Linksbeiner, und Salewski, Gottschick, Rechtsbeiner, die Bälle immer auf den starken Fuß legen, um zu flanken. In der Mitte hatten Atici und Steinborn jedoch keine klare Kopfballchance, auch weil der Gegner durch die umständliche Flankenaktion immer noch zwei Sekunden mehr hatte, sich zu sortieren.

    Lok-Trainer Heiko Scholz: "Wir wollen diese Saison genießen". Foto: Jan Kaefer
    Lok-Trainer Heiko Scholz. Foto: Jan Kaefer

    Aus dem Auerbach-Spiel bleibt allerdings auch hängen, dass es zurzeit nicht nur eine Frage des Systems, sondern auch der Mentalität ist. Spieler wie Misch oder Hanf machten im Vogtland überdurchschnittlich viele Fehler, Neuzugänge wie Schulze, Wolf, Sindik oder Atici sind derzeit kein Faktor im Spiel, zumindest kein verbessernder. Wolf und Sindik waren Stützen in ihren alten Vereinen. Adler holte sich eine sinnlose rote Karte ab. Und Kapitän Zickert zeigte in den letzten Wochen auch nicht die gewohnt zuverlässigen Leistungen.

    Seit Wochen bester Mann ist einer, der die vergangenen Jahre auch immer mal wieder draußen saß oder nur 70 Minuten spielen konnte. Ohne die starken Leistungen von Paul Schinke wäre die Lok noch häufiger bieder und langweilig. Schinke musste in Auerbach wegen muskulärer Probleme zur Pause in der Kabine bleiben, Lok erspielte sich in der zweiten Halbzeit keine echte Torchance und die Zuschauer konnten den Eindruck gewinnen, dass es auch nicht gewollt war. Das bestätigt ein Spieler, der lieber nicht mit Namen in der Zeitung stehen wollte, aber denselben Eindruck von seinen Mitspielern gewonnen hat.

    Zur Wahrheit gehört aber auch, dass mit Robert Berger, Benjamin Kirsten und Markus Krug gleich drei – auf ihre Art – wichtige Spieler verletzt sind. Kirsten strahlte schon im vergangenen Jahr deutlich mehr Sicherheit aus als Hanf, der jedoch starke Trainingsleistungen zeigte, Berger ist auf außen die dynamischere Option zu Schulze und Krug, nur als Standby-Profi eingeplant, wäre als Kämpfer gerade in dieser Phase wichtig. Nur: Bei der Kaderplanung muss das Trainerteam eventuelle Ausfälle berücksichtigen und das Verletzungspech ist kein außergewöhnliches. Alle drei hatten sich noch im August verletzt, trotzdem sah man keinen Grund zu handeln.

    Auffällig ist zudem, dass Lok im ersten Saisonspiel gegen Meuselwitz phasenweise begeisterte, die Neuzugänge allesamt eine gute Partie machten und Steinborn gar zweimal traf (seine einzigen Treffer bisher). Danach wurde es immer schwächer. Das hat natürlich auch mit der Negativspirale zu tun, aber der Vorwurf, Scholz und Hoppe könnten Spieler nicht besser machen und Spieler, die woanders glänzten, würden bei Lok nur nebenherlaufen, steht schon länger im Raum. Dabei muss man natürlich berücksichtigen, dass ein Kemal Atici in Fürstenwalde ein ganz anderes Umfeld für seine 15 Treffer hatte. Zwischen Lok und seinem Ex-Klub liegen von der Erwartungshaltung, von der Leistungsdichte und vom Zuschaueraufkommen Welten und wenn es dann nicht läuft, wird es schwer, den Weg heraus zu finden.

    Die Fragen lauten allerdings: Warum läuft es nicht und wie gehen die Spieler mit dieser Phase um? Zusätzlich zur beschriebenen Situation kritisieren ehemalige Spieler, die beispielsweise nach Berlin abgewandert sind, im Nachhinein die „mittelalterlichen Trainingsmethoden“ von Scholz. Der Umgang mit der Situation ist zudem frappierend. Drei rote Karten in dieser frühen Phasen der Saison ramponieren nicht nur das Mannschafts-Image des FCL, sie sind auch in ihrem Zustandekommen – zweimal kurz vor Schluss durch grobes Foulspiel im Niemandsland des Spielfelds – einerseits Ausdruck von Hilflosigkeit, andererseits auch von Frust.

    Und selbst dass es nicht läuft, ist unter Scholz nichts Neues. In den letzten beiden Spielzeiten hatte Lok jeweils Phasen mit sechs, sieben Spielen ohne Sieg. Doch damals konnte dies das Trainerteam mit dem Hinweis auf die Amateurbedingungen abbügeln. Das geht diese Saison eben nicht mehr.

    Lok-Präsident Thomas Löwe. Foto: Jan Kaefer
    Lok-Präsident Thomas Löwe steht eine schwierige Entscheidung bevor. Foto: Jan Kaefer

    Darüber hinaus wird Scholz vorgeworfen, auf Pressekonferenzen immer dasselbe zu erzählen. Manche Journalisten kokettierten damit, das Scholz’ Statement schon vor der PK fertig zu haben. „Hallo erstmal, wir haben ein herrliches Traditionsduell gesehen, tolle Unterstützung von den Rängen. Ich kann meiner Mannschaft keinen Vorwurf machen, sie hat alles gegeben. Euch alles Gute.“ Mehrere dieser Aussagen finden sich immer wieder in den Analysen der über hundert Spiele unter Heiko Scholz.

    Das wäre nicht schlimm, wenn es auch immer zugetroffen hätte. Selbst bei schwachen Partien stellte sich der Trainer vor seine Mannschaft. Nach der 0:1-Niederlage beim BFC war es daher regelrecht revolutionär, dass Scholz öffentlich seine Führungsspieler angriff und von einer Enttäuschung sprach. Fairerweise muss man sagen: Geholfen hat es nicht, gegen Auerbach hat ihn die Mannschaft erneut im Stich gelassen. Aber auch das kritisierte der Trainer offen.

    Dieser Umschwung in der Öffentlichkeit und die Umstellung nach 32 Spielen mit der Dreierkette zeigen, dass auch der Trainer erkannt hat, dass die Situation prekärer ist als sonst. Genützt haben die auch von außen geforderten Veränderungen ironischerweise nichts. Ohnehin ist man als Trainer dann in einem Dilemma. Wer nichts ändert, wenn es nicht läuft, wird stur genannt, wer etwas ändert als wankelmütig.

    Die Signale nach dem Spiel aus den Lok-Gremien waren nach dem Desaster im VfB-Stadion zu Auerbach wenig zweideutig. Präsident Thomas Löwe ließ mitteilen: „Die heutige Leistung war eine Zumutung für alle Fans und all diejenigen, die uns finanziell unterstützen, um eine wettbewerbsfähige Mannschaft an den Start zu bringen.“ Olaf Winkler sagte: „Großen Worten mit den damit verbundenen Zielen folgte die Bauchlandung. Professionell müssen wir jetzt analysieren und entsprechende Maßnahmen zur Verbesserung der sportlichen Situation ergreifen.“

    Letztlich wird oft vergessen, dass hinter allem Menschen stecken oder wie es Scholz regelmäßig predigte: „Es ist nur Fußball.“ Der gebürtige Görlitzer war 2013 gekommen als die Mannschaft mit einem Punkt aus sieben Spielen Letzter der Regionalliga und kein Geld vorhanden war, tiefgründig nachzubessern. Lok konnte sich Scholz auch eigentlich nicht leisten, weswegen dieser seinen Geldgeber, ETL, mitgebracht hat und für Lok begeisterte.

    Ohne Franz-Josef Wernze wäre Lok fünf Jahre später nicht in der Lage gewesen, auf Profibedingungen umzustellen, was bei 17 auslaufenden Verträgen die richtige Entscheidung war. Hoppe und Scholz müssen sich nicht vorwerfen lassen, dass sie nicht fleißig arbeiten. Die Verpflichtung von Scholz war ein Zeichen nach außen. Dass eine derartige Identifikationsfigur zurück nach Leipzig kam, überraschte. Und mit seiner kumpeligen, sympathischen Art war Scholz lange Zeit der Liebling bei den Fans und im Umfeld. Daher muss bei aller Kritik das richtige Maß gewahrt bleiben.

    Jetzt liegt es an ihm, die Schlüsse aus der Situation zu ziehen und sein Denkmal zu schützen. Klar ist: Das Engagement von ETL hängt nicht an Heiko Scholz. Die Partnerschaft würde weiterbestehen. Die Suche nach einem Nachfolger sollte mittlerweile begonnen haben. Heiko Scholz als Sportdirektor wäre die sauberste Lösung.

    VfB Auerbach vs. 1. FC Lok Leipzig 1:0 – Spiel schlecht, Perspektive grausig

    Anzeige
    Werbung

    Mehr zum Thema

    Mehr
      Anzeige
      Werbung

      Topthemen

      - Werbung -

      Aktuell auf LZ

      Anzeige
      Anzeige
      Anzeige