Während die Parteien in Leipzig noch über eventuelle Kandidierende für die Wahl zum Leipziger Oberbürgermeister beraten, Dirk Thärichen darüber nachdenkt zu kandidieren und andere eventuelle Kandidatinnen und Kandidaten vornehme Zurückhaltung üben, ist einer zum 13. Februar vorgeprescht.
In seiner Presseinformation schrieb der parteilose Lars Kulesch: „Ich trete als parteiloser Kandidat an und möchte in den kommenden Monaten mit den Leipzigerinnen und Leipzigern offen ins Gespräch kommen.“ Wir haben uns mit ihm getroffen und ein lockeres Gespräch über seine Person und seine politischen Ambitionen geführt.
Herr Kulesch, Sie haben Ihre Kandidatur für das Amt des Oberbürgermeisters von Leipzig als parteiloser Kandidat bekannt gegeben. Sie haben bereits kommunal- und landespolitische Erfahrung. Warum wollen Sie sich das antun?
Warum will ich mir das antun? Ich bin 2004 sehr früh in die Partei Die Linke eingetreten. Schon zu Schulzeiten wusste ich, dass ich Politik machen möchte. Bis 2012 habe ich bei den Linken vielfältige Erfahrungen gesammelt – in der Landes- und Kommunalpolitik. Als Aufsichtsrat des Zoos Rostock war ich eng mit der Bürgerschaftsfraktion in Rostock verbunden.
2012 bin ich ausgetreten. Ich war damals ein junger Mensch, dem seine Ideale zu wichtig waren, um sich verbiegen zu lassen. Ich habe erlebt, wie Politik tatsächlich funktioniert – nicht nur in einer Partei, sondern fraktionsübergreifend. Gleichzeitig wurden meine Kinder geboren, und ich habe mich für einige Jahre aus der aktiven Politik zurückgezogen. Später habe ich noch mitgeholfen, das Bündnis Grundeinkommen in Sachsen auf die Wahlscheine zur Bundestagswahl zu bringen.
Warum also jetzt? Weil ich schon seit Längerem gemerkt habe: Ich möchte wieder Politik machen – aber ohne Partei. Sachpolitik scheitert oft an Parteizwängen. Das Oberbürgermeisteramt ist für mich das Amt, in dem parteiloses, verbindendes Arbeiten am besten funktionieren kann.
Der Oberbürgermeister ist ja zum einen der Chef der Stadtverwaltung, zum anderen ist er natürlich die 71. Stimme im Stadtrat. Haben Sie denn schon Verwaltungserfahrung?
Ich habe noch keine Verwaltung geführt. Als Scrum-Master leite ich Teams mit etwa 15 Personen – das ist natürlich nicht mit einer Stadtverwaltung vergleichbar. Aber Verwaltungserfahrung kann man lernen. Wichtiger ist die Haltung zur Führung: klar, strukturiert, respektvoll. Ich lerne schnell und arbeite mich zügig in komplexe Themen ein.
Haben Sie denn eine Vision für Leipzig? 2027 ist die Oberbürgermeisterwahl, die Wahlperiode geht bis 2034. Was kann man in sieben Jahren real erreichen oder anschieben?
Eine der größten Herausforderungen ist das Wachstum. Leipzig ist attraktiv, das ist gut – bringt aber Probleme mit sich, vor allem beim Wohnungsmarkt. Ich halte ein Wohnbauforum für dringend notwendig, in dem alle relevanten Akteure zusammenkommen. Das kann man in sieben Jahren definitiv anschieben. Wie viel umgesetzt wird, hängt von den Rahmenbedingungen ab. Klar ist: Wir brauchen viele bezahlbare Wohnungen – keine High-End-Projekte.
Der Kinderboom flacht bei Kitas und Grundschulen ab, aber bei weiterführenden Schulen bleiben die starken Jahrgänge bis etwa 2040. Schulen sollten nicht nur Lernorte sein, sondern Orte, an denen junge Menschen gern lernen.
Auch der ÖPNV sollte ausgebaut werden. Innenstadtring und Zentrum stoßen beim Autoverkehr schon jetzt an Grenzen. Wir müssen alle Verkehrsarten mitdenken und ÖPNV, Rad- und Fußverkehr deutlich stärken.
Sie wollen auch die Stadtgesellschaft wieder zusammenbringen, das ist ja nun ein hehres Ziel. Wie möchten Sie das anstellen?
Es ist ein hehres Ziel – und man kann es nie allen recht machen. Aber wir erleben derzeit eine gesamtgesellschaftliche Polarisierung. Das halte ich für gefährlich. Wir brauchen eine gute Diskussionskultur. Wir müssen streiten können – aber respektvoll. Unterschiedliche Sichtweisen gehören dazu.
Wirtschaft, Wohnen, Soziales und Kultur müssen zusammen gedacht werden. Wenn es den Menschen gut geht – wenn Kinder gut betreut werden, Schulen funktionieren –, profitiert auch die Wirtschaft. Als Oberbürgermeister sehe ich mich als Vermittler: zwischen Fraktionen, zwischen Wirtschaft, sozialen Trägern, Kultur und Verwaltung.
Man muss als Oberbürgermeister viel moderieren, manchmal muss man aber auch mit der Faust auf den Tisch hauen. Können Sie das auch?
Ich kann klare Ansagen machen. Ich weiß sehr genau, was ich will, und kann das kommunizieren. Aber ich bin kein „Basta!“-Typ. Menschen müssen verstehen, warum Entscheidungen getroffen werden. Dann können sie diese immer noch kritisieren – aber sie stehen nicht im luftleeren Raum.
Sie kommen, Ihren Arbeitsstil betreffend, aus einer sehr speziellen IT-Richtung. Meinen Sie, das agile Arbeiten, wie Sie es mit Scrum gewohnt sind, lässt sich auch in der Verwaltung einsetzen?
Ja, zumindest in Teilen. Agiles Arbeiten bedeutet: klare Ziele definieren, Zeiträume festlegen, Ergebnisse überprüfen und regelmäßig reflektieren. Was hat funktioniert? Was nicht? Was verbessern wir? Es geht um Fokus, Priorisierung und permanente Lernbereitschaft. Diese Haltung kann auch einer Verwaltung guttun.
Nicht nur in Leipzig herrscht zurzeit, wahrscheinlich noch längere Zeit, der Sparzwang. Ob Kultur, Soziales oder andere Bereiche: Allen drohen Streichungen. Da macht man sich als Oberbürgermeister schon unbeliebt. Wie gehen Sie damit um, nicht immer beliebt zu sein?
Unbeliebte Entscheidungen gehören dazu. Wichtig ist, sie nicht persönlich zu nehmen. Wenn die finanziellen Mittel begrenzt sind, müssen Prioritäten gesetzt werden. Ich vergleiche das gern mit einer Familie: Wenn das Geld knapp ist, muss man entscheiden, was wirklich wichtig ist.
Gerade Kinder- und Jugendangebote sollten wir möglichst erhalten. Etwas zu schließen geht schnell. Es wieder aufzubauen dauert lange und kostet am Ende mehr.
Wie würden Sie sich pauschal politisch einordnen? Links, rechts, Mitte, liberal, konservativ, progressiv? Finden Sie sich unter diesen schönen Ausdrücken irgendwo wieder?
Ich würde mich als linksliberal bezeichnen. Beim Politik-Navi der Uni Potsdam lande ich zwischen Grünen, Linken und SPD. Wäre ich in Westdeutschland aufgewachsen, wäre ich vielleicht bei den Grünen gelandet. Ich komme jedoch aus Frankfurt (Oder), dort waren die Linken stark. Das hat mich geprägt. Geprägt haben mich auch Persönlichkeiten wie Regine Hildebrandt und Gregor Gysi.
Ich bin aus der Partei Die Linke ausgetreten, weil ich gemerkt habe, dass Parteibeschlüsse mit meinen Überzeugungen kollidieren. Ich wollte mich nicht verbiegen.
Kurz noch etwas zu Ihrer Vita: Sie sind 1983 geboren, haben angefangen, Schiffbau zu studieren, zu Medientechnik gewechselt und arbeiten jetzt in der IT. Was gibt’s da noch zu ergänzen?
Ich habe Schiffbau studiert und bin später zu Medientechnik gewechselt. Ich war Mitarbeiter im Landtag Mecklenburg-Vorpommern und 2011 Landtagskandidat für Die Linke. 2012 war dann der Umzug nach Leipzig. Nach der Geburt unserer Kinder habe ich unter anderem im Freizeitpark Belantis gearbeitet – „arbeiten, wo andere Urlaub machen“. Danach war ich bei Ab-in-den-Urlaub.de in der Qualitätssicherung, später bei Sixt Leasing und heute bei Allane als Scrum-Master tätig.
Kommen wir zum Schluss,: Haben Sie noch etwas, was Sie dem Wahlvolk gern mitgeben möchten?
Für die Wahlperiode 2027 bis 2034 kann man finanziell wenig versprechen. Aber wir können diese Zeit nutzen, um effizienter und effektiver zu werden und uns strategisch besser aufzustellen.
Ich würde mir wünschen, dass Leipzig ein Standort für Wasserstofftechnologie wird. Das Kraftwerk im Leipziger Süden ist perspektivisch wasserstofffähig. Unabhängig von einer konkreten Technologie müssen wir Zukunftsbranchen fördern – vor allem Start-ups und Gründerinnen und Gründer aus unseren Hochschulen. Nicht nur Großkonzerne, die Fördergelder mitnehmen und weiterziehen.
Die kommenden Jahre werden für die Kommunen schwierig. Umso wichtiger ist ein gemeinsames Bewusstsein: Wir stehen vor Herausforderungen – aber wir passen aufeinander auf und nutzen die Chancen, die sich bieten.
Herr Kulesch, ich bedanke mich für das Gespräch.
Der erste Kandidat für das Amt des Oberbürgermeisters hat seinen Hut in den Ring geworfen. Lars Kulesch hat auf seiner neuen Webseite die wichtigsten Daten zu seiner Person und auch einen klaren Zeitplan für seine Kandidatur hinterlegt. Ob der Termin „Freitag der 13.“ für den Schritt ,an die Öffentlichkeit zu gehen ,ein gutes Omen ist, werden wir am Wahlabend wissen.
Wir werden selbstverständlich auch mit anderen Kandidierenden sprechen und auch in den verschiedenen Phasen des Wahlkampfes Lars Kulesch nochmals zu verschiedenen Themen präzise befragen.
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