Manchmal ist es schon verwunderlich, wie im Jahr 2021 immer noch genauso über die überfällige Energiewende diskutiert wird wie seinerzeit im Jahr 1998. Als es erstmals zu einer Rot-Grünen-Regierung kam und die PR-Abteilungen der Fossil-Lobby mit aller Kraft Zweifel säten, ob das Land nach Abschaltung der alten Kraftwerke nicht einfach vor dem wirtschaftlichen Bankrott stünde. Augenblicklich wird ja wieder über die Kernkraft als großer Heilsbringer geredet, obwohl deren Zeit nun tatsächlich zu Ende geht.

  • Deutschlands verbliebene sechs Kernkraftwerke gehen in diesem und nächstem Jahr vom Netz. Eine DIW-Studie bestätigt jetzt: Die Abschaltung der letzten Atommeiler in Deutschland führt nicht zu Versorgungsengpässen. Zu diesem zentralen Ergebnis kommen Modellrechnungen der Abteilung Energie, Verkehr, Umwelt am Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung (DIW Berlin).

„Wenn die letzten sechs Kernkraftwerke bis Ende 2022 vom Netz gehen, hat dies keine nennenswerten Auswirkungen auf die Stromkapazitäten insgesamt, die Lichter in Deutschland werden nicht ausgehen“, erklärte Studienautorin Claudia Kemfert bei Veröffentlichung der Studie am 24. November.

„Im Gegenteil: Die Abschaltung ebnet den Übergang zum überfälligen Ausbau der erneuerbaren Energien. Kernenergie war von Anfang an unwirtschaftlich und geprägt von nicht kalkulierbaren Risiken.“

In einem speziellen Strommarktmodell beleuchten die Wissenschaftler/-innen, wie sich die Abschaltung der sechs Kraftwerke auf die Stromflüsse und den Energiemix auswirkt. Die Kernkraftwerke Brokdorf, Grohnde und Grundremmingen C (gehen Ende 2021 vom Netz) sowie Neckarwestheim 2, Isar 2 und Emsland (gehen Ende 2022 vom Netz) haben zusammen eine Nettoleistung von acht Gigawatt. Damit wurden im vergangenen Jahr 11,3 Prozent des Stroms in Deutschland erzeugt.

Installierte Leistung der Kernkraftwerke in Deutschland und Endlagersuche. Grafik: DIW
Installierte Leistung der Kernkraftwerke in Deutschland und Endlagersuche. Grafik: DIW

Die Ökonom/-innen kommen zu dem Schluss, dass der Rückgang der Kernkraft übergangsweise zu einem höheren Einsatz von fossilen Energien sowie Importen führt, was die CO2-Emissionen kurzfristig ansteigen lässt. Diese dürften aber durch den beschleunigten Ausbau erneuerbarer Energien rasch zurückgeführt werden. Um den Netzbetrieb stabil zu halten, müsste das Engpassmanagement zudem leicht angepasst werden, das heißt Kraftwerkseinspeisungen müssten regional gesenkt oder erhöht werden.

„Dies ist aber problemlos möglich, weil die dafür zusätzlich benötigte elektrische Energie noch im üblichen Schwankungsbereich der vergangenen Jahre liegt“, erläutert Studienautor Christian von Hirschhausen.

Auch mittelfristig bleibt die Versorgungssicherheit gewährleistet, wenn das deutsche Stromsystem auf erneuerbare Energien in Verbindung mit Speichern und gesteigerter Flexibilität umsteige, bilanzieren die Ökonom/-innen. Dabei sei es wichtig, dass an einer Einbindung in das europäische Stromsystem festgehalten werde, um Schwankungen auszugleichen.

„Wenn die letzten sechs Kernkraftwerke bis Ende 2022 vom Netz gehen, hat dies keine nennenswerten Auswirkungen auf die Stromkapazitäten insgesamt, die Lichter in Deutschland werden nicht ausgehen“, so Claudia Kemfert.

Auswirkungen im Osten

Aber die Abschaltung hat direkte Auswirkungen auf die Kohlekraftwerke im Osten, so verblüffend das klingt. Denn da alle sechs Kernkraftwerke im Westen stehen, muss die Stromproduktion Ost/West neu austariert werden.

Mit den Worten der Studie: „Die Maßnahmen des Engpassmanagements sind regional unterschiedlich. Im Referenzszenario müssen Kraftwerke im Westen und Süden Deutschlands ihre Erzeugung steigern und im Osten senken, um für einen stabilen Netzbetrieb zu sorgen. Im Szenario ohne Kernkraft muss die Leistung im Westen zusätzlich erhöht und im Osten zusätzlich gesenkt werden.“

Endlagersuche als nächster Schritt der Atomwende

Die DIW-Energieexpert/-innen sehen den endgültigen Abschied vom Atomstrom zudem als wichtige Voraussetzung für eine erfolgreiche Endlagersuche, die bis 2031 abgeschlossen sein soll. Mit der Abschaltung der letzten Reaktoren besteht Planungssicherheit über die zu entsorgenden Mengen an radioaktivem Abfall.

„Gesellschaftliche Akzeptanz für die Auswahl eines Endlagers gibt es zudem nur dann, wenn nicht mehr am politisch beschlossenen Ende der kommerziellen Nutzung von Kernenergie gerüttelt wird“, so Studienautor Ben Wealer. „Atomenergie ist ein Auslaufmodell, Laufzeitverlängerungen oder Investitionen in vermeintlich sichere neuartige Kernkraftwerke wären ein Irrweg.“

Daher sprechen sich die DIW-WissenschaftlerInnen auch dagegen aus, Atomkraft als nachhaltige Energie in die EU-Taxonomie – ein Klassifizierungssystem für klimafreundliche Wirtschaftsaktivitäten – aufzunehmen. Stattdessen sollten Subventionen in die Kernenergie europaweit gestrichen und nicht neu eingeführt werden.

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