Elektrisch von Leipzig nach Chemnitz: Verkehrsminister will vorzugsweise über Bad Lausick

Wenn es nach dem Sächsischen Staatsministerium für Wirtschaft, Arbeit und Verkehr geht, dann ist man bei den Planungen für eine elektrifizierte Bahnstrecke von Leipzig nach Chemnitz im Jahre 23 der Deutschen Einheit endlich einen Schritt weiter gekommen. "Die Planungen für den Ausbau und die Elektrifizierung der Eisenbahnstrecke zwischen Chemnitz und Leipzig werden konkreter", meldete das Ministerium am Samstag, 6. April.

Die DB Netz AG und das SMWA haben nun mit der Streckenführung über Bad Lausick die Vorzugsvariante festgelegt, für die nun die Vorplanung erstellt werden soll, teilte das Ministerium mit. Fernverkehrszüge können die Innenstädte von Chemnitz und Leipzig auf dieser Strecke in rund 50 Minuten miteinander verbinden.

Bislang kommt man auf der Direktverbindung Leipzig – Chemnitz mit dem RegionalExpress in 59 Minuten von Leipzig nach Chemnitz.

„Die wesentlichen Vorteile dieser Variante sind die konkurrenzfähige Reisezeit sowie die fahrgastfreundlichen Umsteigebeziehungen zu den übrigen Fernverkehrslinien im Leipziger Hauptbahnhof“, erklärte Sachsens Staatsminister für Wirtschaft, Arbeit und Verkehr, Sven Morlok. „Zudem erlaubt der Ausbau dieser Strecke darüber hinaus auch den perspektivischen Einsatz moderner, elektrisch angetriebener Fahrzeuge im Schienenpersonennahverkehr zwischen Leipzig, Bad Lausick, Geithain und Chemnitz.“

Die Bahnstrecke zwischen Chemnitz und Leipzig soll fernverkehrstauglich ausgebaut werden, um Chemnitz – und damit die dynamisch wachsende Region Südwestsachsen – besser an den Schienenfernverkehr anzuschließen. Den Vertrag zur vorlaufenden Variantenauswahl für den Ausbau und die Elektrifizierung hatten Staatsminister Morlok und der Konzernbevollmächtigte der Deutschen Bahn AG für den Freistaat Sachsen, Artur Stempel, am 4. Januar 2013 unterzeichnet.

Auf Grundlage der jetzt getroffenen Variantenentscheidung bereiten der Freistaat Sachsen und die Deutsche Bahn AG nunmehr die konkrete Planungsvereinbarung vor. Diese soll bis Mitte 2013 unterzeichnet werden. Die Vorplanung einschließlich einer belastbaren Kostenschätzung für das Ausbauvorhaben soll im Sommer 2014 vorliegen.

Der Streit um die richtige Trassenwahl wird das nicht beenden. Und ein Bautermin rückt damit auch noch nicht in Sichtweite. Enrico Stange, Sprecher für Landesentwicklung und Infrastruktur der Fraktion Die Linke im Sächsischen Landtag, hält die Ankündigung denn auch für „einen verspäteten Aprilscherz.“

„Was der Staatsminister für Wirtschaft, Arbeit und Verkehr heute kurz und knapp als Vorzugsvariante für einen Ausbau und die Elektrifizierung der Bahnstrecke zwischen Leipzig und Chemnitz über Bad Lausick und Geithain präsentiert, ist eher ein verspäteter Aprilscherz denn ein konkurrenzfähiges Zukunftsprojekt“, erklärte er noch am Samstag zur Vertragsunterzeichnung. „Selbst wenn eine Reisezeit von Hauptbahnhof zu Hauptbahnhof von annähernd 50 Minuten erreicht würde – die tatsächliche Konkurrenz zur Bahn bewegt sich auf der Straße, auf einer bei Betriebsaufnahme der ausgebauten Bahnstrecke längst fertig gestellten und von Pendlerinnen und Pendlern sowie anderen Reisenden dann angenommenen Bundesautobahn mit wesentlich geringerer Reisezeit und der umgehenden Chance, an den eigentlichen Zielort zu gelangen. Ob ein Reisezeitgewinn von unter 10 Minuten einen millionenschweren Ausbau rechtfertigt, steht zudem zu bezweifeln.“

Es ist die B 72, die wohl noch vor 2020 Leipzig und Chemnitz auf direktem Weg verbinden wird. Wenn der letzte Bauabschnitt von Borna bis zur Anschlussstelle an der A 38 nicht ausgebremst wird, könnte er 2015, spätestens 2016 in Betrieb gehen. Für die Elektrifizierung der Bahnstrecke nach Chemnitz ist eine Aufnahme in den Bundesverkehrswegeplan noch nicht einmal beantragt.Aber Stange sieht noch viel mehr Probleme: „Darüber hinaus benötigen die Fahrgäste auf einer angenommenen Bahn-Fernverkehrslinie nicht nur fahrgastfreundliche Umsteigeverbindungen im Hauptbahnhof Leipzig. Die sind jetzt schon zumeist Realität für den übergroßen Anteil der Nahverkehrsverbindungen nach Leipzig wie für die Fernverkehrsanbindungen. Was wirklich wichtig wäre, sind fahrgastfreundliche Umsteigeverbindungen an den Zwischenhalten Bad Lausick und Geithain und die Weiterführung mit schnellen Bahn-Nahverkehrsangeboten nach Borna und Grimma. Zu diesem Thema allerdings hält Sven Morlok nur Kürzungen und ab 2015 mit der neuen ÖPNVFinVO Schienenpersonennahverkehr-Abbestellungen bereit, wovon wahrscheinlich auch die Verbindung Borna – Frohburg – Geithain betroffen sein wird. Zwischen Bad Lausick und Borna oder Grimma bestehen keinerlei Bahnanbindungen. Deshalb würde eine Streckenführung über Borna und Geithain die Bedürfnisse der Region besser berücksichtigen.“

Dem Fass den Boden schlage jedoch ein weiterer „Vorzug“ der Vorzugsvariante aus. „Denn mit der Ankündigung, der Ausbau und die Elektrifizierung der Strecke machten einen perspektivischen Einsatz elektrisch getriebener Nahverkehrszüge möglich, offenbaren vor allem der ‚Partner‘ Deutsche Bahn AG, aber auch Minister Morlok, welch‘ schräger Geist dahinter steht“, meint Enrico Stange. „Wenn also der DB AG künftig die Bedienung durch eigenwirtschaftlichen Fernverkehr zu teuer wird und sich für sie viel mehr Geld durch Trassen- und Stationspreise im Nahverkehr verdienen lässt, den Zweckverbände und Fahrgäste bezahlen müssen, liegt es auf der Hand, was das Ende von dem Lied sein wird: Chemnitz wird wieder nur durch Nahverkehr erreichbar sein, zwar etwas schneller, aber der Deutsche Bahn Konzern wird mehr Geld verdienen.“

Sinnvolle Alternativen würden anders aussehen, stellt er fest: „Mit dem Ende dieses Jahres in Betrieb gehenden Mitteldeutschen S-Bahn-Netz (MDSB) werden elektrisch getriebene Fahrzeuge Richtung Borna, Altenburg, Zwickau eingesetzt. Das MDSB zeigt, wie vernetzte Verkehre tatsächliche Mobilität in den ländlichen Raum bringen können. Diese Chance zu nutzen und auszubauen, wäre Gebot der Stunde. Und ein neuer Bahn-Fernverkehr zwischen Leipzig und Chemnitz muss dringend die Mobilitätsbedürfnisse zwischen Leipzig und Chemnitz beachten, sonst wird er für die Region wertlos.“

Aber eine Einbindung ins Mitteldeutsche S-Bahn-Netz haben augenscheinlich weder der Freistaat Sachsen noch die DB AG vor. Und Eva Jähnigen, verkehrspolitische Sprecherin der Fraktion Bündnis 90/Die Grünen, sieht mal wieder nur ein schönes Stück Papier, für dass es auf Jahre hinaus keine Finanzierung gibt.

„Unverändert sehe ich keine Strategie der Regierung Tillich zur Aufnahme des Streckenausbaus Chemnitz – Leipzig in den neuen Bundesverkehrswegeplan. Ohne diese werden weder die Fernverkehrsanbindung nach Chemnitz noch die Elektrifizierung Realität. Ob die Vorauswahl einer Ausbaustrecke allein hier weiter hilft, bleibt offen“, sagt sie. „Die sächsische Regierung wird nachweisen müssen, dass mit dem Streckenausbau erhebliche Fahrgastpotenziale erschlossen werden. Das geht mit dem von uns Grünen vorgeschlagenen Integralen Taktfahrplan Sachsentakt 21. Die derzeit von CDU und FDP betriebene ‚Bahnabbauplanung‘ im Land ist ganz sicher der falsche Weg, um im Bund Elektrifizierungsprojekte umsetzen zu können.“

Ein Zeichen für eine überregionale Wieder-Anbindung von Chemnitz ans Schienennetz sieht sie in der Absichtserklärung nicht. Jähnigen: „Sachsen darf nicht länger ins Blaue hineinplanen, sondern muss bundesweit Druck für die Fernverkehrsanbindung von Chemnitz machen. Der zwischen der Landesregierung und der DB AG im Sommer 2012 vereinbarte Bahn-Masterplan könnte ein hilfreicher Schritt dazu sein. Hat der Ministerpräsident diesen Ansatz etwa aufgegeben?“

Eine berechtigte Frage. Sie will deshalb mit einer Anfrage im Landtag der versprochenen Bahnplanung und den fachlichen Gründen für die Streckenauswahl nachgehen.

Nachtrag 8. April, 12.25 Uhr. Gerade meldet das Sächsische Verkehrsministerium, das die Strecke Leipzig-Chemnitz für den Bundesverkehrswgeplan angemeldet wurde: „Mit sehr hoher Priorität wurde auch die Aufnahme des Streckenausbaus und der

Elektrifizierung Chemnitz – Leipzig angemeldet, um das Oberzentrum Chemnitz – und die dynamisch wachsende Region Südwestsachsen – zeitgemäß in das nationale Netz des Schienenpersonenfernverkehrs einbinden zu können.“ – Die Red.

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