Der zweite City-Tunnel spielte beim SPD-Stadtparteitag gar nicht die zentrale Rolle

Für alle LeserDas ist die Gefahr von Nebensätzen. Der zweite Tunnel für Leipzig klang einfach gut, also tauchte er auch in der Berichterstattung der Leipziger SPD zu ihrem Kreisparteitag auf. Er steht auch im Beschluss, dort aber gar nicht an erster Stelle. Und schon gar nicht als Nahfristprojekt, betont Holger Mann, Vorsitzender der Leipziger SPD. Der eigentliche Antragstext bietet viel konkretere Vorschläge, die auch zeitnah umzusetzen sind.

Die Passage zum zweiten City-Tunnel lautet: „Wir wollen zudem Visionen für die Zukunft der S-Bahn vorantreiben und unterstützen Prüfaufträge für einen Ost-West-City-Tunnel und einen S-Bahn-Ring um Leipzig.“

Sie taucht inmitten eines ganzen Kapitels auf, in dem sich der SPD-Beschluss mit dem ganzen Themenkomplex S-Bahn-Netz beschäftigt. Denn so, wie es derzeit ist, hat es überall Löcher, die es für viele Leipziger und Umlandbewohner schlicht nicht nutzbar machen.

Es fehlen wichtige S-Bahnstationen – auch im Leipziger Stadtgebiet, die Takte sind nicht wirklich S-Bahn-tauglich, zu wenig Zugmaterial ist unterwegs und etliche wichtige Verbindungen (wie die nach Zeitz, Markranstädt und Merseburg) fehlen.

Einiges davon wurde ja schon im Nahverkehrsplan des ZVNL thematisiert, der die Grundlage werden wird für die Ausschreibung des S-Bahn-Netzes ab 2025. Einiges taucht auch in den vielen Änderungsanträgen zum Nahverkehrsplan der Stadt Leipzig auf.

In der Summe macht der Beschluss des SPD-Stadtparteitags aber deutlich, was für ein Potenzial in diesem S-Bahn-Netz eigentlich brachliegt.

„Leipzigs S-Bahn ist eine Erfolgsgeschichte“, heißt es dort. „Die S-Bahn wird ein Schlüssel für eine nachhaltige und soziale Stadt der Zukunft sein: sie verbindet Stadt und Umland klimafreundlich und sie bringt Gewerbegebiete und umliegende Städte mit ihren Wohnungen und Infrastrukturen näher an Leipzig. Leipzig hört nicht an der Stadtgrenze auf, Leipzig ist Zentrum einer Metropolregion, die in Zukunft noch besser durch die S-Bahn verbunden sein soll. Um die Erfolgsgeschichte der S-Bahn weiterzuentwickeln machen wir die folgenden Vorschläge.“

Und das beginnt schon beim Ausbau der seit 2014 existierenden Infrastruktur. Denn da ist deutlich mehr drin.

Die SPD-Vorschläge:

„Wir wollen die bestehende Infrastruktur stärken und belastbarer machen. Das Nadelöhr City-Tunnel wollen wir durch den Einsatz digitaler Signaltechnik (ECTS-II) weiten. Mit ECTS-II ist theoretisch ein 2-Minuten-Takt im Tunnel möglich. Auch ohne die neue Technik sollen schon kurzfristig durch einen 4-Minuten-Takt mehr Züge im Tunnel unterwegs sein (13 Züge 24 pro Stunde je Richtung).

Wir wollen die bestehenden S-Bahnhöfe aufwerten. Hochfrequentierte S-Bahnhöfe sollen so schnell wie möglich vollständig überdacht werden, damit beim Umsteigen niemand im Regen stehen muss. Zudem wollen wir neue Umstiegspunkte zwischen dem Regionalverkehr und der S-Bahn schaffen und dafür den Bahnhof Leutzsch, Paunsdorf und Leipzig Nord attraktiver machen. Am Bahnhof Leipzig Nord sollen in Zukunft alle S-Bahnen in Richtung Norden halten können.

Die bestehende Infrastruktur soll aber auch durch weitere S-Bahnhöfe ergänzt werden. Dabei setzen wir uns vor allem ein für

– Haltepunkte an allen wichtigen Leipziger Gewerbegebieten, insb. in Seehausen (Neuansiedlung Florena) und Radefeld (Porsche),
– mehr Haltepunkte im Stadtgebiet, bspw. an der Arno-Nietzsche-Straße (Haltepunkt Marienbrunn), in Sellerhausen an der Strecke nach Anger Crottendorf und zwischen dem Hauptbahnhof und Gohlis
– die Verlegung und des Ausbau des Bahnhofs Paunsdorf, um in Zukunft auch ein Haltepunkt für S-Bahnen aus Anger-Crottendorf zu sein.“

Auch zu neuen Strecken im S-Bahn-Netz hat sich die SPD positioniert:

„Wir wollen die Verbindungskurve von Grünau nach Makranstädt vorantreiben. Damit das S-Bahn-Netz weiter wachsen kann, unterstützen wir die Ertüchtigung der Strecken nach Chemnitz, Zeitz, Merseburg und Grimma unabhängig davon, ob die Strecken elektrifiziert oder fit für Wasserstoff-S-Bahnen gemacht werden. (…)

Die S5 nach Altenburg bei einem Halt in Markkleeberg. Foto: Ralf Julke

Die S5 nach Altenburg bei einem Halt in Markkleeberg. Foto: Ralf Julke

Ab 2025 soll das S-Bahn-Netz schrittweise ausgeweitet werden. Wir verfolgen damit das strategische Ziel, die S-Bahn auch als Verkehrsmittel für Strecken innerhalb von Leipzig attraktiv zu machen, weil in der wachsenden Stadt die Wege immer weiter werden. Zudem soll das Umland näher an Leipziger heranrücken und die Anbindung an Gewerbegebiete am Stadtrand soll deutlich verbessert werden. Dafür braucht es mehr umstiegsfreie Verbindungen und perspektivisch auf allen Strecken einen 15-Minuten-Takt durch mehrere Linien. Deshalb setzen wir uns ein für

– die Verlängerung der S3 im Süden nach Borna,
– die Verlängerung der S6 im Norden bis Bitterfeld,
– die Verlängerung der S1 im Osten bis Wurzen,
– die Verlängerung der S2 im Süden nach Altenburg nach dem Vorbild der S 5
– die Prüfung einer zusätzlichen Linie von Leipzig Engelsdorf nach Schkeuditz

Perspektivisch wollen wir die neu ausgebauten Strecken in das S-Bahn-Netz integrieren und es über Kleinzschocher, Großzschocher und Knautkleeberg nach Zeitz, über Paunsdorf, Mölkau, Baalsdorf und Liebertwolkwitz nach Chemnitz, nach Grimma, über Leuna Merseburg und nach Weißenfels ausweiten.“

Und auch zu einer deutlichen Verbesserung im Wagenpark macht die SPD Vorschläge:

„Die Zeit überfüllter Züge, fehlender Zugteile und Zugausfälle soll der Vergangenheit angehören. Dafür soll das S-Bahn-Netz ab 2025 mit einer ausreichenden Anzahl von Zügen bedient werden. In den Ausschreibungen ist daher eine notwendige Mindestanzahl von Zügen vorzuschreiben, statt auf Vertragsstrafen zu setzen.

Die Züge, die für die Leipziger S-Bahn eingesetzt werden, sollen über mehr sogenannte Flutungsfläche und Türen verfügen, als bisher, damit Fahrgäste auch in eine volle S-Bahn noch zusteigen können und das Ein- und Aussteigen möglichst schnell abläuft. Doppelstock-S-Bahnen kommen deshalb für uns nicht infrage, wir setzen uns für Züge nach dem Vorbild anderer deutscher Großstädte wie Berlin, München oder Frankfurt ein.“

Und auch die LVB sollten deutlich mehr Direktanschlüsse an die S-Bahn-Stationen schaffen, die jetzt oft genug noch in der Luft hängen.

„Die S-Bahn kann nur funktionieren, wenn die S-Bahnhöfe gut mit Bus, Straßenbahn, Park+Ride und Fahrradparkhäusern erschlossen sind. In den nächsten Jahren wollen wir in diesem Bereich wesentliche Fortschritte erzielen.

Dafür wollen wir die Station am Wilhelm-Leuschner-Platz zu einem zweiten zentralen Umsteigepunkt entwickeln und so den Hauptbahnhof entlasten. Das wollen wir bei der Weiterentwicklung des Straßenbahnnetzes beachten und eine Fahrradgarage am südlichen Eingang zur S-Bahn-Station am Wilhelm-Leuschner-Platz errichten.

Neben der S-Bahn-Haltestelle Wilhelm-Leuschner-Platz soll – insbesondere dort wo perspektivisch neue Stadtquartiere entstehen – auch an allen weiteren Haltestellen die Errichtung von Fahrradgaragen überprüft werden.

(…)

Tram, Bus und S-Bahn müssen besser aufeinander abgestimmt werden. Bus- und Straßenbahnhaltestellen mit Umstieg in die S-Bahn sollen in Zukunft immer nach den S-Bahnhöfen benannt und deutlich gekennzeichnet werden. Um ÖPNV und S-Bahn besser zu verbinden, wollen wir bei der Umsetzung des Nahverkehrsplans zahlreiche Einzelmaßnahmen berücksichtigen:

– S-Bahnhof Leutzsch: Verlängerung der Linien 67 und 74.
– S-Bahnhof Wahren: Verlängerung Tram 10
– S-Bahnhof Essener Straße: Bessere Umstiegshaltestelle für Linie 80, 85 an der Essener Straße in der Unterführung
– S-Bahnhof Messe: Anbindung von Wiederitzsch an S-Bahn Messe durch neue Strecke und Taktverdichtung für Linie 87
– S-Bahnhof Thekla: Veränderte Linienführung 70 und 79 durch Heiterblickstr. und Braunstr. mit Halt direkt am S-Bahnhof Thekla
– S-Bahnhof Heiterblick: Anbindung durch Bus von Thekla nach Paunsdorf oder Quartiersbus für Gewerbegebiet prüfen
– S-Bahnhof Engelsdorf: Haltestelle für 72, 73 und 172 direkt auf der Brücke am Bahnhof Engelsdorf
– S-Bahnhof Anger Crottendorf: Verlängerung der Linie 60
– S-Bahnhof Stötteritz oder S-Völkerschlachtdenkmal: 139 Verlängerung Linie 74
– S-Bahnhof Stötteritz: Verlegung der Haltestelle direkt an den S-Bahnhof
– S-Bahnhof Plagwitz: Verlegung Bushaltestelle in die Unterführung
– S-Bahnhof Lützschena: Anbindung mit einem Quartierbus prüfen.“

***

Die SPD-Fraktion im Stadtrat hat zwar auch schon einige Änderungsanträge zum neuen Nahverkehrsplan gemacht, der am Mittwoch, 11. Dezember, auf der Tagesordnung des Stadtrats steht. So umfangreich freilich waren die Änderungsanträge bislang noch nicht. Andererseits macht schon die schiere Zahl der bislang eingegangenen Änderungsanträge deutlich, wie unzufrieden eigentlich alle Stadtratsfraktionen mit dem vorgelegten Entwurf der Verwaltung sind.

SPD-Stadtrat Heiko Bär hat gerade Antrag Nr. 37 eingereicht, in dem es ebenfalls um etwas sehr Elementares geht: „Der Oberbürgermeister wird beauftragt, die mit Beschlussvorlage Nr. VI-DS-08001 vorgelegte Fortschreibung des Nahverkehrsplans der Stadt Leipzig mit den nachfolgenden Ausführungen zu ergänzen bzw. zu ändern:

Mindestbedienungsstandards in den Außenbereichen

In den Außenbereichen der Kategorie d wird in der Haupt- und Normalverkehrszeit eine mindestens dreimal, in der Schwachverkehrszeit eine mindestens zweimal stündliche Haltestellenbedienung festgelegt. Anruf-Linien-Taxis ersetzen diese Bedienungsanforderungen nicht.

In den Außenbereichen der Kategorie e wird in der Haupt- und Normalverkehrszeit eine mindestens zweimal stündliche Haltestellenbedienung festgelegt.

Begründung:

Die Erhöhung der Mindeststandards zu den Zielstandards soll die Attraktivität des Nahverkehrs gerade dort verbessern, wo sie bisher am geringsten ist.“

Man kann auf die Debatte zum Nahverkehrsplan wirklich gespannt sein.

SPD-Vorschläge zum Leipziger Nahverkehr: Der teure Traum vom zweiten Tunnel

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