Die Verkehrswende in Mitteldeutschland wird nicht funktionieren, wenn nicht das S-Bahn-Angebot deutlich ausgebaut wird. Einige Erweiterungen etwa nach Plauen, Naumburg, Grimma, Döbeln und Riesa ab 2025 sind ja schon in Arbeit. Aber nach Vorstellungen der Leipziger SPD-Fraktion könnte man ja noch viel größer denken – etwa mit einem neuen S-Bahn-Ring um die ganze Stadt und einem zweiten Tunnel von Ost nach West. Eine Stadtratsanfrage, die ja schon ihre Vorläufer in der Ratsversammlung hatte.

„Auf Antrag der SPD-Fraktion hat der Stadtrat Ende 2018 eine Voruntersuchung für eine Erweiterung des Leipziger S-Bahn-Netzes mit dem Alternativvorschlag gemäß Verwaltungsstandpunkt beschlossen“, ging die SPD-Fraktion auf die schon vor einigen Jahren gestellten Anträge in diese Frage ein.

Eine Ring-S-Bahn?

„Auch wenn die Idee einer Ring-S-Bahn bislang nicht im Nahverkehrsplan des ZVNL verankert ist und eine Ersteinschätzung des zuständigen Aufgabenträgers wenig Realisierungschancen aufzeigt, wollte sich die Stadt Leipzig dafür einsetzen, diese Idee tiefgründiger zu betrachten, z. B. vergleichend oder ergänzend zu den planerischen Überlegungen zu einem Ost-West S-Bahn-Tunnel. – Uns ist bewusst, dass ein solches Projekt eine längerfristige Aufgabe darstellt. Auch haben wir Verständnis, dass aufgrund der Gesamtsituation im ÖPNV/SPNV infolge der Corona-Pandemie derzeit der Fokus darauf gerichtet ist, die Finanzierung des Bestandsnetzes zu sichern.“

„Der Stadtratsbeschluss beinhaltet das Ziel, parallel zu einem Ost-West-S-Bahn-Tunnel auch Alternativen für den Ausbau des S-Bahn-Netzes, wie z. B. einen S-Bahn-Ring zu prüfen“, antwortet jetzt das Planungsdezernat auf die Anfrage.

Und betont: Natürlich habe man die Sache nicht vergessen. Aber da ging erst einmal das neue S-Bahn-Netz 2025 vor. Denn darauf warten die Leute in Plauen, Naumburg, Grimma, Döbeln und Riesa schon lange. Für viele Pendler wird damit der Arbeitsweg nach Leipzig mit der S-Bahn überhaupt erst möglich.

Erst einmal das Netz 2025

„In den letzten 24 Monaten hat sich die Geschäftsstelle des ZVNL in Zusammenarbeit mit externen Projektpartnern intensiv mit der Vorbereitung und Ausgestaltung der Ausschreibung MDSB2025plus befasst. Im Rahmen dieser Arbeiten, insbesondere des sehr umfangreichen Betriebsprogramms und der Kostenprognose, wurden immer auch Maßnahmen einer Erweiterung des Netzes hinsichtlich einer Ring-S-Bahn mitbetrachtet und mit dem derzeitigen Eisenbahnverkehrsunternehmen diskutiert. So wurde am 26.06.2020 auch eine Befahrung mit einem Sonderzug zu Teilen einer möglichen Ring-S-Bahn durchgeführt“, erläutert das Planungsdezernat.

So ganz vergessen ist der SPD-Vorschlag also nicht. „Außerdem fand ein intensiver Austausch zwischen dem ZVNL und der Stadt Leipzig statt, um eine Prioritätenliste der sinnvollen Untersuchungen für die Infrastrukturentwicklung im SPNV in der Region zu erstellen. Die Gespräche konnten aufgrund der Vielzahl der zu betrachtenden Projekte und noch mehr beachtenswerter Randbedingungen noch nicht zum Abschluss gebracht werden. Ziel ist es, mit dieser Prioritätenliste dann das Gespräch mit DB Station & Service sowie DB Netz zu suchen.“

Aber die Botschaft für die nähere Zukunft lautet eben doch: „Im Rahmen der Ausschreibung MDSB2025plus konnte letztendlich eine Ring-S-Bahn aufgrund fehlender finanzieller Mittel und fehlender infrastruktureller Voraussetzungen nicht berücksichtigt werden. Im Rahmen der nunmehr zu erstellenden Fortschreibung des ZVNL-Nahverkehrsplans wird dieses Thema aber mit untersucht.“

Die Frage nach der Finanzierung

Und wie sieht es mit dem immer wieder kolportierten Ost-West-Tunnel aus?

„Planerische Überlegungen zu einem Ost-West S-Bahn-Tunnel stellen eine sehr hohe Herausforderung dar, die nur unter Beteiligung der DB AG durchgeführt werden können, da diese Anlage als S-Bahn nur im Besitz und damit dem Fachplanungsvorbehalt der DB AG angegangen werden kann“, betont das Planungsdezernat.

„Aufgrund der bisherigen hohen Belastung des ZVNL – aber auch der DB-Dienststellen in der Region – wurde dieses Thema noch nicht angegangen. Auch dieses Thema wird im Zusammenhang mit der Fortschreibung des ZVNL-Nahverkehrsplans wieder zu diskutieren sein.“

Das Hauptproblem werden die Kosten sein. Zum Ost-West-Tunnel für die S-Bahn gibt es zumindest Basiszahlen. Denn beim existierenden City-Tunnel kennt man die Gesamtkosten: 930 Millionen Euro. Auch im Rahmen der Szenarien-Diskussion war der Ost-West-Tunnel Thema. Aber er war nicht Teil des Nachhaltigkeitsszenarios, das der Stadtrat dann 2018 beschlossen hat, sondern steckte im „Gemeinschaftsszenario.“

Allein die vage Kalkulation eines Ost-West-Tunnels für die S-Bahn erhöhte die hier prognostizierten ÖPNV-Investitions-Kosten von 1,38 auf 3,972 Milliarden Euro. Der Tunnel wurde also auf 2,5 Milliarden Euro geschätzt. Das übersteigt die Möglichkeiten des ZNVL genauso wie die des Freistaats oder die der Stadt Leipzig.

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