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Auch Leipzigs City kann den Uniformisierungs- und Anonymisierungstendenzen nicht entkommen

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    Mit der drohenden Schließung der Karstadt-Filiale in Leipzig wird ein Prozess sichtbar, der schon länger anhält. Die Ladenvielfalt in den deutschen Innenstädten verschwindet. Nicht nur die der kleinen, inhabergeführten Läden. Eine ganze Einkaufslandschaft gerät ins Rutschen – auch weil der Online-Handel den Läden die Kundschaft abgräbt. Eine Piraten-Anfrage und eine ausführliche Antwort der Baubürgermeisterin.

    Denn auf die besorgte Anfrage der Piraten-Stadträtin Ute Elisabeth Gabelmann zum drohenden Verlust der Ladenvielfalt in Leipzigs Innenstadt hat jetzt Baubürgermeisterin Dorothee Dubrau ausführlich geantwortet. Und ganz unüberlesbar steht auch die Stadt Leipzig der Entwicklung sehr hilflos gegenüber. Wie kann man eine Einkaufsvielfalt retten, wenn weltweite Billigketten die Verkaufsflächen übernehmen und die riesigen Online-Händler den kleinen Handelstreibenden das Geschäft kaputtmachen?

    Fragen und Antworten einfach mal in voller Länge:

    Wie viele Geschäfte der Leipziger Innenstadt sind inhabergeführte nicht-filialisierte Einzelhändler? Wie viele davon bieten Waren des täglichen Bedarfs an? Wie viele Geschäfte der Leipziger Innenstadt waren im Jahr 2000 inhabergeführte nicht-filialisierte Einzelhändler? Wie viele davon boten Waren des täglichen Bedarfs an?

    Es gibt bundesweit seit mehreren Jahrzehnten einen grundlegenden Strukturwandel im stationären Einzelhandel, der sich im Zuge des Bedeutungsgewinns des Online-Handels noch intensiviert hat. Die mit dem Wandel einhergehenden Konzentrationsprozesse auf Anbieterseite sind in den einzelnen Marktsegmenten unterschiedlich stark ausgeprägt und in den prägenden Sortimenten der sogenannten „Waren des täglichen Bedarfs“ (insbes. Nahrungs- und Genussmittel sowie Drogeriewaren) besonders weit fortgeschritten.

    Im Lebensmitteleinzelhandel entfallen, so das Bundeskartellamt 2014, rd. 85 % des Lebensmittelumsatzes auf lediglich sechs bzw. durch die zwischenzeitlich erfolgte Übernahme von Kaisers-Tengelmann jetzt nur noch auf fünf Wettbewerber. Im Drogerieeinzelhandel sind nach der Schlecker-Insolvenz mit den verbliebenen drei großen Marktteilnehmern schon nahezu oligopolähnliche Marktverhältnisse festzustellen.

    In Leipzig sind diesbezüglich ähnliche Strukturen und Entwicklungen zu beobachten, wobei dem Leipziger Einzelhandel zumindest im Jahre 2009 noch eine vergleichsweise individuelle Prägung durch das Gutachterbüro GMA attestiert wurde. Uniformisierungs- und Anonymisierungstendenzen wie in anderen Großstädten waren dem bundesweit tätigen Gutachterbüro zur Folge „in Leipzig noch nicht profilprägend“.

    Eine konkrete Quantifizierung des aktuellen Filialisierungsgrades sowie die Darstellung einer entsprechenden Entwicklung im Leipziger Stadtgebiet kann aufgrund der aktuell noch laufenden turnusmäßigen Einzelhandelsbestandserhebung im Leipziger Stadtgebiet noch nicht erfolgen. Ich verweise hier auf den voraussichtlich im 1. Quartal 2019 erscheinenden Monitoringbericht Einzelhandel, welcher die aktuellen Kennwerte zum Leipziger Einzelhandelsbesatz analysiert und auch Aussagen zum Filialisierungsgrad enthalten wird.

    Welche Gründe sieht die Stadt in der zahlenmäßigen Verringerung inhabergeführter nicht-filialisierter Einzelhändler?

    Die Gründe für die bundesweit zu beobachtenden Konzentrationsprozesse im Einzelhandel sind im Wesentlichen in marktseitigen Prozessen und betriebswirtschaftlichen Aspekten zu suchen und entziehen sich weitgehend einer kommunalen Steuerung. Um keinen Vortrag zur Ökonomie des Einzelhandels zu halten, möchte ich beispielhaft nur die größere Einkaufsmacht, systematischere Marktbeobachtung, stärkere Nutzung der Möglichkeiten der Digitalisierung, größere Skaleneffekte und höhere Werbeausgaben auf der Handelsseite nennen. Im Verbund mit der größeren Mobilität vieler Verbraucher, dem sich geändert habenden Konsumentenverhalten sowie der Schwierigkeit vieler Einzelhändler einen Nachfolger zu finden, entstand und entsteht die Einzelhandelsstruktur, wie wir sie vorfinden und wie sie sich aktuell weiter verändert.

    Wie hoch schätzt die Stadt die Auswirkungen des Prozesses ein, zum Beispiel, dass Kunden zum Erwerb alltäglicher Produkte oder Dienstleistungen oft längere Wege zurücklegen müssen und somit vermehrt auf den ÖPNV oder das Auto zurückgreifen müssen?

    Eine tatsächliche Quantifizierung kann die Verwaltung nicht vornehmen. Deutlich ist aber, dass es einerseits durch die Konzentrationsprozesse zu einer zunehmenden Entdichtung der Standorte von Einzelhandelsbetrieben und in der Konsequenz zu weiteren Wegen für den Konsumenten kommt, und andererseits durch zunehmende Onlinebestellungen zu ebenso zunehmendem Auslieferungsverkehr. Die Stadt steuert hier aktiv und durchaus erfolgreich mit dem von ihnen beschlossenen Stadtentwicklungsplan Zentren entgegen, in dem wir

    – das engmaschige Netz der über 40 Zentrenstandorte im Stadtgebiet (und die darin verorteten Einzelhandelsstrukturen) unter Schutz gestellt haben,
    – lediglich an diesen zentralen und gut an den ÖPNV angebundenen Standorten Wettbewerb zulassen,
    – außerhalb der Zentren eine Verdichtung des Anbieternetzes zulassen, sofern neue Ansiedlungen angemessen dimensioniert sind und nicht dem Bestand und der Entwicklung der Zentren schaden sowie
    – indem wir Einzelhandelsansiedlungen mit Zentren- und Nahversorgungsrelevanz an peripheren Standorten im Rahmen unserer Steuerungsmöglichkeiten proaktiv und reaktiv unterbinden.

    Diese Maßnahmen tragen maßgeblich dazu bei, kurze Wege für den Verbraucher zu sichern und lange Anfahrtswege zu vermeiden.

    Welche Anreize haben Besucher der Stadt, ausgerechnet Leipzig als Shopping-Ziel zu wählen, wenn sich dieselben Geschäfte und Sortimente in jeder größeren Stadt finden?

    Einerseits könnte ich die Frage als rhetorische Frage auffassen, da, wie dargestellt, die Stadt keinen nennenswerten Einfluss darauf hat, ob und in welchem Umfang die gleichen Filialisten wie in anderen Städten auch in Leipzig den Einzelhandelsmarkt bespielen.

    Da Einkaufen, insbesondere in der Innenstadt, sich aber auch über das Gesamterlebnis Innenstadt und die Kombinationsfähigkeit mit weiteren Aktivitäten definiert, heißt die Antwort: Die Pflege von Architektur und öffentlichem Raum, die gute Erreichbarkeit der Innenstadt und die hier verorteten vielfältigen kulturellen Angebote und Institutionen sowie historischen Orte tragen ganz wesentlich dazu bei, dass Leipzig und seine Innenstadt auch in dieser Beziehung erfolgreich bestehen können, wie z. B. die Ergebnisse der größten bundesweiten Innenstadtbefragung „Vitale Innenstädte“ von 2016 nahelegen.

    Im Ergebnis der repräsentativen Befragung erhielt Leipzig von den befragten Passanten die beste Bewertung aller deutschen Großstädte (Durchschnittsnote 1,9). Insbesondere die Attraktivität des öffentlichen Raums, die architektonischen Qualitäten und die Lebendigkeit der Innenstadt wurde positiv hervorgehoben. Hier ist die Stadt Leipzig in einem engen wechselseitigen Austausch mit diversen Innenstadtakteuren, um die Rahmenbedingungen diesbezüglich noch weiter zu optimieren (z. B. die Ausgestaltung des Weihnachtsmarktes etc.).

    Werden Leipziger Unternehmen immer mehr Shops auflegen und die Leipziger rund um die Uhr beliefern?

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      1 KOMMENTAR

      1. Freunde und Bekannte und Verwandte sind jedesmal genauso fasziniert wie ich von der Innenstadt gegenüber dem Hauptbahnhof. Schaut man in andere Städte, ob nun im Ruhrpott, in Hamburg, Berlin usw, so findet man wohl kaum vergleichbares. Auf doch recht kleiner Fläche solch eine Vielfalt! Vom 50%-Rausverkaufsladen bis zur teuren Boutique ist alles dabei. Gastronomie aller Coleur, Kultur und Kunst an jeder Ecke, auch mal Kitsch. Und es gibt sogar einen kleinen Discounter für den schnellen Einkauf. Also ich finds toll. Besonders die kleinen Läden in den Höfen. Ketten und Inhaberläden in schöner bunter Mischung. Das gibts woanders so nicht.

        Ja, die Ketten setzen natürlich auf den Wiedererkennungseffekt. Inhabergeschäfte haben es sicher schwerer, schon finanziell sich gegen die große Konkurrenz durchzusetzen. Da wäre Förderung schon wichtig. Oder auch mal ein Mietnachlass von Seiten der Eigentümer, eben um die Vielfalt zu erhalten, die ja den doch besonderen Reiz unserer Innenstadt ausmacht.

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