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Nur "Alle für einen" funktioniert: Deutsches Zentrum für Integrative Biodiversitätsforschung in Leipzig gegründet

Ralf Julke
Pressekonferenz zur Gründung des Zentrums.
Pressekonferenz zur Gründung des Zentrums.
Foto: Ralf Julke
Vielleicht kommt die Gründung zu spät. Vielleicht kommt sie gerade noch zum richtigen Zeitpunkt. Am Montag, 14. Mai, nahm das Deutsche Zentrum für Biodiversitätsforschung (iDiv) in Leipzig offiziell seine Arbeit auf. Die Kooperationspartner aus Jena, Halle und Leipzig trafen sich zur ersten Mitgliederversammlung und wählten erst einmal ihr Direktorium. Der Sprecher der Bewerberrunde, Prof. Dr. Christian Wirth, ist auch Direktor des neuen Zentrums.

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Seine Geschäftsräume wird das iDiv ab Herbst vorerst in der Bio City Leipzig beziehen. "In der zweiten Phase ist dann der Bau eines eigenen Gebäudes geplant", sagt Wirth.

Für die drei Bewerberuniversitäten war der Sieg in der Bewerberrunde, zu der zuletzt noch Oldenburg, Berlin und Göttingen gehörten, auch eine Bestätigung für zehn Jahre erfolgreiche Vorarbeit. Alle drei Universitäten habe schon Lorbeer in der Biodiversitäts-Forschung gesammelt und Wissen angehäuft.

Biodiversität, das ist die Vielfalt der Lebewesen auf Erden. Jedes einzelne Biotop funktioniert nur, weil tausende Arten miteinander konkurrieren, in Symbiosen und Stoffkreisläufen leben. Das passiere, so erklärt Prof. Helge Bruelheide, Geobotaniker an der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg, den Journalisten beim ersten Pressetermin eher beiläufig, im Hintergrund, vom Menschen meist unbemerkt. Menschen merken es meist erst, wenn ein Kreislauf zusammenbricht - entweder weil die Bodenflora verschwindet, weil der Acker übernutzt wurde, oder wenn Ernten ausbleiben, weil die Bestäuberinsekten ausgerottet wurden.

Die letzten Jahre haben nicht nur die Medien, sondern auch die Politik für das Thema sensibilisiert. Selbst hartleibige Verfechter der Agrochemie und der industriellen Landnutzung haben begriffen, dass die Menschen ihre Ernährungs- und Lebensgrundlagen gefährden, wenn sie so weitermachen wie bisher. Dabei steht die Biodiversitätsforschung tatsächlich erst am Anfang - auch 150 Jahre nach Darwins ersten Arbeiten zum Thema. 1,3 Millionen Arten sind bekannt. Hochrechnungen gehen aber davon aus, dass es zehn mal mehr gibt auf der Erde.

Doch jeden Tag sterben schon nach jetzigem Kenntnisstand 100 Arten aus, verschwinden einfach vom Erdboden, weil Regenwälder abgeholzt werden, Flusssysteme begradigt, Feldraine gepflügt und Felder überdüngt werden oder mit industriell designten Pflanzen ganze Länder in eine Monokultur verwandelt werden.

Selbst die bisher separierten Forschungen in den drei mitteldeutschen Bundesländern haben Berge von Daten ergeben. "Auch die müssen jetzt zusammengeführt werden", sagt Wirth. Es muss empirisch geforscht werden und praktisch. Es müssen große und kleine Ökosysteme erforscht werden - auf ihre Reaktion auf äußere Einflüsse genauso wie auf ihr Funktionieren im Detail. Einige Kooperationsprojekte zwischen den drei beteiligten Universitäten laufen schon seit Jahren. Aber Prof. Klaus Dicke, Rektor der Friedrich-Schiller-Universität, der schon in die jahrelange Vorbereitung der Ausschreibung eingebunden war, ist sich sicher: "Allein hätte das keiner von uns dreien gepackt."

Pressekonferenz zur Gründung des neuen Forschungszentrums.
Pressekonferenz zur Gründung des neuen Forschungszentrums.
Foto: Ralf Julke

Prof. Georg Teutsch, Direktor des Helmholtz-Zentrums für Umweltforschung, das sich in einem Drittel seiner Forschungen sowieso mit Biodiversität beschäftigt, geht sogar einen Schritt weiter: "Selbst zwei Universitäten hätten nicht genügt, diese Ausschreibung zu gewinnen." Denn anerkannt hat die Deutsche Forschungsgemeinschaft (DFG) mit der 30-Millionen-Förderung der Region auch den Mut, die Ländergrenzen zu überspringen und tatsächlich einmal alle Ressourcen für so ein Projekt in die Waagschale zu werfen. Denn es ist ein Mega-Projekt.

Vergleichbares hat es in der deutschen Forschungslandschaft in den letzten 20 Jahren nicht gegeben. Und es ist - auch wenn das von den Beteiligten bisher noch niemand so interpretiert hat - ein deutliches Signal an die drei Landesregierungen: Die drei Bundesländer können nur erfolgreich sein, wenn sie sich auch politisch endlich dazu aufraffen, ihre Ressourcen zu bündeln. Dann werden sie - und das hat bislang noch kein einziger Ministerpräsident in dieser Weltecke begriffen - tatsächlich konkurrenzfähig.

Selbst für Teutsch, der mit dem UFZ ja eigentlich längst auf der nationalen und internationalen Ebene der Forschung arbeitet, ist der Zuschlag fürs iDiv ein Qualitätssprung. "Wir haben jetzt auch für uns eine Entwicklungsmöglichkeit erreicht, die wir vorher nicht hatten."

Denn es soll ja nicht nur geforscht werden. Von Anfang an soll das neue Forschungszentrum auch in andere Fachbereiche an den Universitäten übergreifen. Prof. Beate Schücking, Rektorin der Uni Leipzig, fällt da sofort das Thema Medizin ein. Denn nicht nur die Tropen-Medizin, die in Leipzig klassisch ein Forschungsschwerpunkt ist, beschäftigt sich zwangsläufig auch mit Biodiversität. Auch alle modernen Seuchen haben damit zu tun - auf Mikroebenen logischerweise, über deren Wirken und Zusammenspiel die Mediziner noch viel zu wenig wissen. Die Politik sowieso. Was richten Müllberge, Medizinrückstände und Nanopartikel in den Öko-Systemen an?

Aber auch die Tatsache, dass für die nächsten zwölf Jahre über 30 Millionen Euro in das iDiv fließen sollen, zeigt, dass sich die deutsche Politik sehr wohl bewusst ist, dass die Biodiversität - neben der Klimaforschung - zum zweiten Mega-Thema der nächsten Jahre geworden ist. Und die Zeit drängt. Niemand weiß wirklich, wann vom Menschen ausgelöste Prozesse tatsächlich irreversibel umschlagen und Folgen zeitigen, die mit den verfügbaren Ressourcen nicht mehr zu bewältigen sind. Niemand weiß auch, wie sehr der Mensch bestimmte Öko-Kreisläufe schon zerstört hat, wie dramatisch sich der Zusammenbruch einzelner Systeme auswirken wird.

Prof. Christian Wirth, Prof.  Beate Schücking und Prof. Klaus Dicke.
Prof. Christian Wirth, Prof. Beate Schücking und Prof. Klaus Dicke.
Foto: Ralf Julke
Die wissenschaftliche Arbeit vor Ort soll baldmöglichst aufgenommen werden. Die Berufungsverfahren für die acht Professuren durch die jeweiligen Universitäten sind bereits eingeleitet. Erste Stellenbesetzungen werden zunächst im Verwaltungssektor und beim Aufbau des Synthesezentrums sDiv erfolgen, die Ausschreibungen sind in Kürze zu erwarten.

Dieses sDiv soll jährlich zwölf Workshops mit hochkarätigen Wissenschaftlern aus aller Welt organisieren. Ein Fachbeirat mit acht internationalen Wissenschaftlern aus den USA, Frankreich, England und der Schweiz soll die Etablierung des Zentrums begleiten. Und gleichzeitig geht es jetzt an die Suche nach den besten Wissenschaftlern, die man bekommen kann. Es geht um 85 wissenschaftliche und 45 nichtwissenschaftliche Stellen, die schnellstmöglich besetzt werden sollen. "Die Stellen müssen hochrangig besetzt werden", sagt Wirth. "Wir müssen jetzt im Rennen um die besten Köpfe schnell vorankommen."

Denn je schneller das Zentrum mit fundierten Ergebnissen an die Öffentlichkeit geht, umso eher kann es Wirkung entfalten. Dabei würdigt Beate Schücking insbesondere die Rolle des UFZ, das sich von Anfang an in die Bewerbung eingebracht hat. "Hier ist die Kompetenz auf politischer Ebene schon vorhanden", sagt sie. "Das ist für uns ein enormer Vorteil."

Aber auch die Kommunikation in die Öffentlichkeit soll "exzellent" werden. Da will man mit der Klaus Tschira Stiftung kooperieren, die unter anderem Mittel für eine Abteilung Öffentlichkeitsarbeit bereit stellt. Man darf gespannt sein. Denn auch wenn das Thema mittlerweile immer mal wieder mit einzelnen Katastrophen durch die Medien geht, bleibt es komplex. Und man darf bei der neugierigen Öffentlichkeit nicht unbedingt damit rechnen, dass selbst das schulische Grundverständnis für die Forschungen Darwins vorhanden ist.

Helge Bruelheide: "Es muss auch dem einfachen Bürger klar werden, wie die Dinge funktionieren." Und weil auch Politiker in diesem Sinn "einfache Bürger" sind, müssen Verfahren gefunden werden, politische Entscheidungsprozesse zu beeinflussen.

2015 wird die Arbeit des iDiv erstmals evaluiert. Aber Georg Teutsch geht davon aus, dass der Termin nur eine Zwischenstation in der auf zwölf Jahre geplanten Förderung sein wird. "Wir beteiligen uns ja finanziell ebenfalls an der Förderung des Zentrums", sagt er. Mit 1 Million Euro pro Jahr. Dazu Sachleistungen im Wert von einer weiteren halben Million. Und nach Auslaufen der DGF-Förderung steht die Helmholtz-Gesellschaft Gewehr bei Fuß, das Zentrum in eigener Regie weiterzuführen.

Gebraucht wird es dringend. Und Mitteldeutschland wird mit dem iDiv in den nächsten zwölf Jahren auf jeden Fall das deutsche Forschungszentrum in Sachen Biodiversität. Und weil man Kompetenzen nun wirklich nicht verschenken will, hat man die Sprecher der drei unterlegenen Bewerberkonsortien aus Berlin, Göttingen und Oldenburg am Montag gleich mit ins eigene Konsortium berufen.


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