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Historische Dokumente enthüllen eine sächsische Staatsaffäre

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    Am Freitag, 30. September, wird das neue Buch von Otto Werner Förster im Restaurant "Zill's Tunnel" vorgestelt. An historischer Stätte. Denn da, wo seit 1887 / 1888 das vom Plagwitzer Brauereibesitzer Naumann erbaute Haus des heutigen "Zill's Tunnel" steht, hatte auch Johann Georg Schrepfer einst seinen "Coffeeschank". Am 30. September ist Schrepfer wieder der Held des Abends.

    Auch wenn er wohl in seinem ganzen Leben nie ein Held war. Gewesen wäre er es schon gern. Legenden über seine Husarenzeit und sein französisches Offizierspatent hat er selbst gern erzählt. Am Ende wurden ihm seine Heldenmärchen zum Verhängnis. Da hatte der 1738 in Nürnberg geborene Sohn des Johann Schrepfer, des Gastwirts „Zum Roten Ross“ am Weinmarkt 14, zu viele Prahlereien vom Stapel gelassen – und zu viele hochgestellte Persönlichkeiten vor den Kopf gestoßen. Vielleicht sogar kräftig über den Löffel balbiert.

    Otto Werner Förster nennt sein Buch über den Tod eines „Geistersehers“ im Untertitel: Eine vertuschte Staatsaffäre. Über diese Staatsaffäre berichtete auch Matthias Donath in seinem jüngst erschienenen Buch „Die Geisterseher“. Man merkt schon am Titel:  Hier haben zwei Forscher zufällig dasselbe Feld beackert. Und die Hintergrundtapete ist das wohl berühmteste Buch über all diese Vorgänge, die in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts für Furore sorgten: Friedrich Schillers unvollendet gebliebener Roman „Der Geisterseher“, der seine Wurzeln in Leipzig und Dresden hat und zwei Figuren verarbeitet, die in der Scharlatanerie dieser Jahre eine berühmte Rolle spielten – neben dem Leipziger Coffeeschenk Schrepfer auch der berühmte Giuseppe Balsamo alias Alessandro Cagliostro, der sich einige Zeit nach dem gewaltsamen Tod Schrepfers in Sachsen blicken ließ.

    Schrepfers Tod findet bei Donath noch keine Neuinterpretation: „Schröpfer fühlte sich bedrängt und sah den einzigen Ausweg in einem dramatischen Abgang“, schreibt er. Und schildert dann den Selbstmord, wie er seit über 200 Jahren kolportiert wird. Es ist nicht der einzige Fakt, den Otto Werner Förster bezweifelt. Er hat nicht nur das Obduktionsprotokoll einem Leipziger Gerichtsmediziner zur Prüfung vorgelegt. Er hat sich auch mit den amtlich geschilderten Tathergängen beschäftigt und sich jene Briefe besorgt, die Schrepfer (alias Schröpfer) noch in den Nachstunden vor seinem scheinbaren Freitod schrieb – an seinen Bruder Johann George, an seinen Feund Bölling alias Gerhardt Adolph Belling und an den Freimaurer und Kaufmann Du Bosc, datiert zwei Stunden vor seinem Ende, wie es Schrepfer selbst schrieb.

    Ein Bild, das man sich ausmalen kann: Am Abend des 7. Oktober 1774 besuchen ihn der sächsische Kammerherr Johannes Rudolph von Bischoffwerder, der Dresdner Kammerherr Christian Friedrich  von Hopfgarten, die Kaufleute Petri und Fröhlich (beide aus Görlitz) und der Leipziger Advokat Johann Heinrich Hoffmann. Bis 1 Uhr sollen sie – laut Vernehmungsprotokoll – bei Punsch im Freundeskreis beieinander gesessen haben. Es sind nur die Protokolle, die darüber berichten. Und nur Petri, Fröhlich und Hoffmann wurden vernommen. Die Dresdner Kammerherren unterstanden nicht der Leipziger Justiz. Und die zweifelte zumindest, wie es aussieht, an den Aussagen. Erst ein recht langer Brief des sächsischen Ministers Friedrich Ludwig von Wurmb, zwei Wochen nach den Ereignissen geschrieben, führte augenscheinlich zur Niederschlagung der Ermittlungen.

    Denn nicht nur Bischoffwerder war in die Vorgänge verwickelt, sondern auch Wurmb selbst sowie Carl Herzog von Kurland, in dessen Palais in Dresden kurz zuvor die für Aufsehen sorgenden „Geisterbeschwörungen“ Schrepfers stattgefunden hatten. Doch nicht die Geisterbeschwörungen waren der Skandal, sondern der Versuch Schrepfers, die hohen Herren in Dresden mit dem Märchen über eine geheimnisvolle Finanztransaktion auszutricksen. Auch wenn Wurmb das in seinem langen Brief an den König vehement abstreitet, scheinen die hohen Herren in Dresden – verlockt von einem Millionenversprechen – dem Leipziger Gastwirt ein paar ordentliche Vorschüsse gegeben zu haben.

    Doch das Versprechen auf die in Kisten in Frankfurt deponierten wertvollen Scheinchen wollten sie gern eingelöst sehen. Wer schmeißt schon mit der Wurst nach dem Schinken, wenn er den Schinken nicht bekommt? – Und alles Ausweichen Schrepfers half nicht mehr – in jener Nacht vom 7. zum 8. Oktober 1774 stellten ihn die „Freunde“ bei einem Besuch in seinem Haus wohl zur Rede. Anders ist das Szenario wohl auch nicht ausmalbar, nach dem Schrepfer sich noch in der Nacht hinsetzte und Abschiedsbriefe schrieb, bevor alle sechs um 5 Uhr in der Frühe aufbrachen zu einem Spaziergang ins Rosental.

    Förster stellt nicht ohne Betonung fest, dass es da wohl auch im Jahr 1774 noch finster war – am Rosentaltor mussten die Herren auch noch die fälligen Torgroschen beim Wächter bezahlen, um die Stadt verlassen zu können. Und wenige Schritte weiter soll dann Schrepfer – so schreibt es Bischoffwerder in einem Brief – einen Wutanfall bekommen haben, sich von der Gruppe absentiert haben und dann hörten die fünf Begleiter höchst überrascht einen Pistolenschuss.

    Und wo andere Leute jetzt tatsächlich überrascht und ratlos gewesen wären, reagierten die Herren wie verabredet. Sie schafften Schrepfers Leichnam gleich ins nahe gelegene Lazarett, waren um 6 Uhr – es war immernoch dunkel! – zurück in der Stadt und Bischoffwerder schrieb sofort einen Brief an Herrn von Wurmb, in dem er den Minister – der ganz zufällig an diesem Tag durch Leipzig kam – über Schrepfers Tod informierte und so nebenbei auch mitteilte, dass es mit den nun fälligen Wechseln wohl nichts mehr werde.

    Briefe und Protokolle hat Otto Werner Förster in staatlichen und Privatarchiven ausgegraben und seinem Buch als gut bestückten Anhang beigegeben. Sie allein reichen aus, um eine Vorstellung davon zu bekommen, wie der Leipziger Gastwirt sich mit Forschheit und Tricksereien einen Ruf erarbeitete als Freimaurer und Geisterbeschwörer. Letzteres durchaus im Zusammenhang mit einer Entwicklung, die auch Donath in seinem Buch beschreibt. Denn gerade in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts artete ein gut Teil der Freimaurerer in reinen Mystizismus und Geheimbündelei aus – forciert besonders durch die Bewegung der Gold- und Rosenkreuzerei.

    Der Grund dafür ist aber – so wie es Förster sieht – ein durchaus politischer, wie man ihn auch aus modernen Zeiten kennt: Die bürgerlich getragene Freimaurerei war natürlich auch konservativen Kreisen ein Dorn im Auge. Und mit der Rosenkreuzerei wurde durchaus auch erfolgreich versucht, die Freimaurerbewegung zu infiltrieren und deren eigentliche Aufklärungs-Arbeit zu untergraben. Einen ähnlich destruktiven Effekt hatte der zunehmende Hang von Adligen, in der Freimaurerei nicht nur Tritt zu fassen, sondern auch Einfluss zu bekommen. Was dann die Entstehung solch obskurer Gesellschaften wie der „Strikten Observanz“ mit ihrer beeindruckenden Titelei und dem Verteilen pompöser „Ullern“, wie es Förster nennt, zur Folge hatte. Es war die Zeit, in der wirklich engagierte Freimaurer, denen eine aufgeklärte Gesellschaft tatsächlich am Herzen lag, Abstand nahmen vom Freimaurerwesen.

    Was übrig blieb, war ein gut vorbereitetes Spielfeld für Scharlatane wie Cagliostro und eben auch Schrepfer, der seine selbstgegründete Freimaurerloge und die recht professionellen „Geisterbeschwörungen“ Anfangs wohl auch als Marketing-Maßnahme für seinen Coffeeausschank betrachtete. Bis ihm das Malheur geschah, das so vielen kleinen Tricksern geschieht – sie wollen mal richtig groß tricksen. So wie die großen eben.

    Und das war dann nichts, was die hohen Herren aus Dresden in einem öffentlichen Gerichtsprozess ausgebreitet wissen wollten. Grund genug für Förster, an der von den Spaziergänger-Freunden erzählten Selbstmord-Geschichte zu zweifeln. Bis hin zum Obduktionsprotokoll, das durchaus auf eine kräftige Beihilfe zum Selbstmord hindeutet.

    Für Lutz Geyer, den heutigen Betreiber von „Zill’s Tunnel“ (der so seit 1841 heißt) ist die Geschichte natürlich ein Teil der langen Geschichte seines eigenen Restaurants, das heute ein beliebtes und gutbürgerliches ist. Schrepfers  Coffee-Schanck befand sich im Vorgängerbau an gleicher Stelle. Und auch Schepfer war hier nicht der erste. 1769 hatte er hier das Weißledersche Coffee-Haus erworben. Die Tradition von „Zill’s Tunnel“ ist also sogar noch viel älter, als sie Lutz Geyer heute auf seiner Website erzählt. Das Kapitel Schrepfer gehört nun dazu. Lutz Geyer fungiert für Försters faktenreiches Buch als Herausgeber.

    Noch beginnt seine Zeitrechnung mit dem Jahr 1785, als Herr Burkhardt hier seinen „Biertunnel“ hatte. Seit 1774 – seit Schrepfers Tod – ist Carl August Schmidt, der neue Ehemann von Schrepfers Witwe, hier als Gastwirt eingetragen. Und vor Schrepfer betrieb Johann Heinrich Weißleder seit 1763 hier seinen „Coffeeschank“. Was für Lutz Geyer eigentlich heißt: In zwei Jahren dürfte er mindestens das 250jährige feiern.

    Otto Werner Förster „Tod eines ‚Geistersehers'“, Taurus Verlag Leipzig, Leipzig 2011, 19,80 Euro

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