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Eine Chronologie zu rechtem Terror und Behördenversagen: Das Zwickauer Terrortrio

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    Die Cover-Gestaltungen ähneln sich natürlich. Auch der Inhalt tut es zwangsläufig. Im Juli hatten Christian Fuchs und John Goetz ihr Buch zur rechtsradikalen Terrorzelle "NSU" vorgelegt, jetzt gibt es eines von den beiden Berliner Journalisten Maik Baumgärtner und Marcus Böttcher. Statt "Die Zelle" heißt es freilich "Das Zwickauer Terrortrio".

    Und es wird – das ist absehbar – nicht das letzte zum Thema bleiben. Kaum eine Woche vergeht, in der nicht neue Entdeckungen zu den drei in Zwickau abgetauchten Neonazis Uwe Mundlos, Uwe Böhnhardt und Beate Zschäpe gemacht werden. Und zwar in den Akten diverser Geheimdienste, die sich seit den 1990er Jahren intensiv mit den drei Jenaer Jungnazis beschäftigt haben. Gerade aktuell die Aktenbestände des Militärischen Abschirmdienstes (MAD), der 1995 versuchte, Uwe Mundlos anzuwerben.

    Während Fuchs und Goetz sehr einfühlsam versuchen, das Handeln der drei Abgetauchten zu analysieren und die Ursachen und Zusammenhänge zu verstehen, betrachten Baumgärtner und Böttcher das Ganze eher aus dem kritischen Blickwinkel von Journalisten, die schon längst nicht mehr überrascht sind, wenn ein weiteres Behördenversagen, eine weitere amtliche Vertuschungsaktion, eine weitere Ämtertrickserei ans Licht kommt.

    Für sie rückt viel stärker die Frage in den Mittelpunkt, warum die drei Jenaer Bombenbastler 1998 so problemlos im benachbarten Sachsen – erst in Chemnitz dann in Zwickau – untertauchen konnten. Da spielen logischerweise die Netzwerke eine Rolle, auf die sich die Drei von Anfang an verlassen konnten. NPD-Kader und Bekannte aus dem sächsischen „Blood and Honour“-Netzwerk waren die ersten, bei denen die Drei nach ihrer Flucht Hilfe fanden. Von Anfang an spielten die einerseits guten Vernetzungen der deutschen Neonazis eine Rolle, während sich auf der anderen Seite die Ermittlungsbehörden gegenseitig in die Schusslinie kamen. In Thüringen arbeiteten Verfassungsschutz und Landeskriminalamt augenscheinlich sogar direkt gegeneinander.Und die Animositäten zwischen Sachsens und Thüringens Behörden halten ja bekanntlich bis heute an. Während die sächsischen Schlapphüte den Thüringern für ihre jüngste Aufarbeitung nur lückenhafte und teilweise geschwärzte Akten überließen, stellte der sächsische Untersuchungsausschuss zu seinem Erschrecken fest, dass auch in Sachsen nach dem 4. November 2011 reihenweise Akten geschreddert wurden. Die Verantwortlichen behaupten zwar, sie hätten mit der „NSU“-Zelle nichts zu tun. Doch schon die Tatsache, dass es dabei um Akten zum mittlerweile verbotenen „Blood and Honour“-Netzwerk ging, dürfte hellhörig machen.

    Dass dann bei den Morden und Bombenanschlägen ab 2000 auch die involvierten Ermittler in Westdeutschland falsche Ermittlungsansätze wählten und es später sogar fertigbrachten, wichtige Beweisstücke zu vernichten, ergänzt das Bild nur, macht aber auch deutlich, warum die drei abgetauchten Neonazis so lange morden konnten. Ihre Mordserie gegen Migranten hielt bis 2006 an. 2007 setzten Mundlos und Böhnhardt noch den Mord an der Polizistin Michèle Kiesewetter und die Schwerstverletzung ihres Kollegen obendrauf.

    Danach riss die Mordserie scheinbar ab. Dass die „NSU“ hinter der Ceska-Mordserie steckte, erfuhr die Öffentlichkeit erst durch das im November versandte „Paulchen Panther“-Video, in dem die Anschlagserie unverfroren gefeiert wird.

    Baumgärtner und Böttcher haben die ganzen bis heute bekannten Daten und Ereignisse chronologisch abgehandelt. Etwas verwirrend ist, dass viele Akteure, die in der Presse schon bekannt wurden, hier aus persönlichkeitsrechtlichen Gründen mit neuen Alias-Namen versehen wurden.

    Recht detailliert beschreiben die Autoren die Szene, aus der die drei Terroristen stammten, und die gerade von den diversen Landesämtern für Verfassungsschutz lange Zeit verharmlost wurde. Es ist eine scheinbar diffuse Szenerie aus Gruppierungen, die sich der offenen rechtsextremen Parteienlandschaft immer nur vage annähern. Eher ist es umgekehrt – wie in Sachsen erlebt – dass sich die scheinbar angepasste NPD der gewaltbereiten Kameradschaftsszene annähert. Was bei den letzten Kommunalwahlen unter anderem auch dazu führte, dass ein paar führende Akteure aus diesem Milieu in Kommunalparlamente einzogen.

    Immer wieder fallen diese freien Netzwerke durch gewalttätige Aktionen auf. Auf ihr Konto gehen fast alle auch von der Polizei registrierten Gewalt- und Propagandadelikte. Auch die Leute, die nach gewalttätigen Überfällen oder auch Morden vor Gericht landen, stammen oft aus diesem Milieu, in dem nicht nur der Faschismus verherrlicht wird, sondern auch der gewalttätige Kampf gegen die Demokratie erklärtes Ziel ist. Wenn sich staatliche Ermittler einmal zu einer Durchsuchung entschließen, stoßen sie immer wieder auf Waffenarsenale, Propagandamaterial und all jenes Liedgut, in dem gegen Andersdenkende, Andersliebende und Menschen aus anderen Kulturen gehetzt wird.

    Und die drei Jenaer sind früh in dieses Milieu abgetaucht, haben sich dort radikalisiert und haben – bevor sie 1998 abtauchten, weil ihnen die Polizei auf der Spur war, Jena mit ihren Bomben und Bombenattrappen terrorisiert.Eigentlich ein ganz eigenes Thema, das immer wichtiger wird: Wie entstehen solche Milieus? Und was kann man dafür tun, dass junge Menschen da nicht hineingeraten? – Denn solche Milieus (und darin ähnelt der „NSU“ der RAF) – bringen es mit sich, dass sich hermetische Denkwelten entwickeln. Man kommuniziert nur noch innerhalb des eigenen Milieus, bildet Haltungen aus, die einen innerhalb dieses Milieus stärken und anerkannt machen. Und es spielt keine Rolle mehr, was außerhalb dieser hermetischen Welt gedacht, gesagt, diskutiert wird. Man kommuniziert nicht mehr mit den „Anderen“. Man versucht – Hitler hat es ja im ganz großen Maßstab genau so gemacht – seine radikalen Vorstellungen der Welt mit rücksichtsloser Gewalt aufzuzwingen.

    Und der Fehler nicht nur der damaligen Demokratien war es, das nicht ernst zu nehmen und zu verharmlosen.

    Solche psychologischen Muster aber sind nicht harmlos. Über 180 Todesopfer rechter Gewalt allein seit 1990 sind eine deutliche Sprache. Die Vorfälle in Rostock-Lichtenhagen haben sich ja gerade erst zum 20. Mal gejährt.

    Und Radikalisierte, die ihr Ziel darin sehen, gegen Andersseiende mit blanker Gewalt vorzugehen, gibt es ja nicht nur in Deutschland. Auch die internationale Vernetzung und Vorbildwirkung dieser rechtsextremen Akteure wird immer wieder unterschätzt. „Blood and Honour“ etwa war ein Import aus Großbritannien. Timothy James McVeigh, der beim Bombenanschlag auf das Murrah Federal Building in Oklahoma City 168 Menschen tötete, taucht in diesem Buch genauso als mögliches Vorbild für die drei Rechtsterroristen aus Jena auf wie die beiden schwedischen „Lasermen“.

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    Das Zwickauer Terror-Trio
    Maik Baumgärtner; Marcus Böttcher, Das Neue Berlin 2012, 14,95 Euro

    Rechtsextremer Terror ist keine rein deutsche Erscheinung. Und das Erschütternde an der „NSU“-Geschichte ist eher, dass die amtlichen Ermittler von Anfang an derart systematisch versagten, Ermittlungen sogar verhinderten. Es gibt reihenweise Punkte in der Chronologie, an denen die Zelle hätte auffliegen können und viele Morde hätten verhindert werden können.

    Weitere Bücher zum Thema werden noch viel mehr Material dazu bieten. Und so langsam darf auch die Öffentlichkeit fragen: Warum wurde so systematisch versagt? Und warum werden jetzt bergeweise Akten vernichtet, die vielleicht nichts mit „NSU“ zu tun haben, aber jede Menge mit dem gewaltbereiten Milieu, aus dem der rechte Terror kam?

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