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Undercover bei singenden Nazis: Blut muss fließen

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    Die Diskussionen um die rechtsextremistische Terrorzelle "NSU" bringen einiges an den Tag, was Verantwortliche im Land seit Jahrzehnten am liebsten einfach versteckt, negiert und aus der Wahrnehmung gestrichen hätten. Nicht nur Politiker und Ermittler haben versagt. Auch Medien haben die zunehmende Radikalisierung des rechten Spektrums jahrelang ausgeblendet. Und Journalisten wie Thomas Kuban zumeist allein die gefährliche Arbeit tun lassen.

    „Blut muss fließen“ ist nicht nur ein Buch, das jetzt erstmals umfassend die rechte Konzertszenerie beschreibt. Es ist auch nicht nur das Begleitbuch zu dem auf der Berlinale gezeigten Dokumentarfilm gleichen Titels von Peter Ohlendorf, in dem auch viele Rechercheergebnisse von Thomas Kuban erstmals gezeigt wurden. Das Buch ist auch eine Anklage. Und diese gilt zuallererst dem Öffentlich-Rechtlichen Rundfunk in Deutschland.

    Es wird viel debattiert über empfangsfähige Geräte und die Pauschale für jeden Haushalt und jede Betriebsstätte. So diskutieren Kassenwarte. Was aber bei all den GEZ-Debatten immer schnellstmöglich unterbunden wurde, war die simple Frage: Wofür geben die Fernsehsender eigentlich die Milliarden aus? Wieviel davon kommt wirklich dem gesetzlichen Programmauftrag zugute, der sich direkt auf Artikel 5 des deutschen Grundgesetzes bezieht: die Meinungs- und Informationsfreiheit. „Die Pressefreiheit und die Freiheit der Berichterstattung durch Rundfunk und Film werden gewährleistet. Eine Zensur findet nicht statt“, heißt es da.

    Doch wer die Programme der diversen deutschen Rundfunkanstalten wahrnimmt, sieht nicht viel davon. Die so wichtigen Reportagen und Polit-Magazine laufen im Randprogramm oder gar gleich mitten in der Nacht. Nachrichtensendungen sind zu News-Maschinen verkommen. Dafür füllen ausufernde Talkshows mit immer den selben Gästen die Abendprogramme. Und der Großteil der Sendezeit ist mit Sport und Unterhaltung gefüllt, deren Informationswert gegen Null gehen.

    Eine Zensur findet nicht statt?

    Zensur findet auf vielerlei Weise statt. Dazu braucht es nicht einmal eine Zensurbehörde. Beharrlich und nachhaltig haben die Parteien, die in all den verschiedenen Rundfunkräten sitzen, in den letzten Jahren ihre Vorstellungen von einem zumutbaren Rundfunkprogramm durchgedrückt – sie haben die Auswahl der Intendanten beeinflusst und damit die Programmpolitik vorgegeben. Und sie haben mit dafür gesorgt, dass sich die Gebührendiskussion senderintern in eine Effizienzdiskussion verwandelte. Mit einem der obskursten Maßstäbe, die es gibt: der Einschaltquote. Die Einschaltquote wurde zur heiligen Kuh – und selbst die maßgeblichen unabhängigen Medien tanzen diesen wilden Tanz Tag für Tag mit, schreiben Moderatoren und Serien in Grund und Boden, wenn die „Einschaltquote nicht stimmt“, jubeln Talkshows hoch, selbst wenn die Quintessenz am Ende nur totale Erschöpfung war, widmen überflüssigen Vorabendserien ganze Kolumnen, um ihren Lesern zu erklären, wie genial die Volksbespaßung verfilmt wurde.
    Völlig verstummt ist die Kritik daran, dass mit den GEZ-Milliarden zwar Fußballmillionäre, überbezahlte Talkmaster und jodelnde Volksmusiker finanziert werden – aber der eigentlich zum Auftrag gehörende Journalismus längst nur noch ein Feigenblatt in zurechtgestutzten Mini-Formaten ist.

    Was unter anderem zum Ergebnis hat, dass die Öffentlich-Rechtlichen als Finanziers wichtiger Recherchen zum Innen- und Untergrundleben der Republik fast komplett ausfallen. Gleiches gilt übrigens auch für die Filmförderung in Deutschland. Man finanziert in seiner Besessenheit von Erfolg und Rendite nur noch das, was man eh schon kennt. Und immer mehr davon. Darunter leiden nicht nur Journalisten. Darunter leidet auch die Gesellschaft.

    Denn das, was Leute wie Thomas Kuban machen, ist Selbstausbeutung. Sie wagen sich – ohne Sender- oder Redaktionsauftrag – in ein Milieu, in dem sie, wenn sie enttarnt werden, Leib und Leben riskieren. Davon gibt es nicht viele in Deutschland. Das braucht Mut. Und Kuban gehört zu den Mutigen. Irgendwann Ende der 1990er hatte er die Nase voll von den oberflächlichen und nichtssagenden Berichten der Verfassungsschützer und sonstiger Glanzlichter, die in Deutschland so tun, als würden sie beobachten, was in den rechtsextremen Netzwerken passiert. Bericht um Bericht entlarvt, dass die Verfassungsschützer von den Milieus, über die sie sich hunderte Seiten lang auslassen, auch nichts wissen. Jahrelang haben sie sich auf ihre V-Leute verlassen.

    Da und dort erzählten sie auch davon, welche Wirkung als Einstiegsdroge die Nazi-Konzerte spielen. Aber waren sie drin? Wussten sie, was dort geschieht? – Kuban wagte sich in die Szene, legte sich das nötige Skinhead-Outfit zu, besorgte sich die Musik, machte sich mit den Texten der dort abgefeierten Lieder vertraut und suchte den Kontakt zu den Veranstaltern, bis er in die Kreise eindrang, in denen man mit Informationen über Konzerte und Bands versorgt wird.

    Dutzende von solchen subversiv organisierten Konzerten besuchte er – filmte etliche davon mit einer Knopflochkamera, die glücklicherweise auch bei den nach und nach aufkommenden Leibesvisitationen nicht entdeckt wurde. Denn bis 2003 erstmals Bilder von einem Nazi-Konzert, das Kuban besucht hatte, im deutschen Privatfernsehen ausgestrahlt wurden, gab es keine Bilder aus solchen Konzerten, die oft als Geburtstagsparty oder geschlossene Veranstaltung getarnt waren. Die Mitteilung, wo und wann sie stattfanden, erfuhr die Szene über eine Kontakttelefonnummer.

    Wenn einer erzählen kann, wie sich die gewaltbereite Szene in solchen Veranstaltungen austobt, wie sie ihren Hass und ihre Gewalttätigkeit auslebt, dann ist es Kuban, der der Szene rund 15 Jahre lang hinterherfuhr. So erlebte er auch – von innen heraus – mit, wie deutsche Behörden und Gerichte lange Zeit mit diesen Konzerten umgingen, wie sie sich im Wegschauen und Nichtwahrnehmen übten. Es sind auch und gerade Kubans Beiträge bei „Spiegel TV“ und in einigen ausgewählten deutschen Printmedien, die auch den Verantwortlichen in Politik, Justiz und Polizei zeigten, was hinter den Kulissen der scheinbar so harmlosen Konzerte ablief.

    Doch viel zu wenige Redaktionen hatten, wie Kuban feststellt, den Schneid oder die Spielräume, seine Recherchen zu finanzieren. Denn auch bei privatrechtlichen Medien bestimmen mittlerweile die Buchhalter die medialen Inhalte. Auch da geht es fast nur noch um Quote. Was die Öffentlich-Rechtlichen ihm gegenüber verlauten ließen, klingt dann schon nach gut finanzierter Arbeitsverweigerung.Was freilich erklärbarer wird, wenn man liest, wie der langjährige bayerische Innenminister Günther Beckstein das Naziproblem in seinem Land selbst in einer offiziellen Pressekonferenz noch klein redete. In letzter Zeit taucht ja Beckstein immer öfter als energischer Kämpfer für die Ermittlungen gegen den“NSU“ auf. Doch was Kuban erlebt hat – auch bei Neonazi-Konzerten in Bayern -, erzählt dieselbe Geschichte, die man nun aus allen betroffenen Bundesländern kennt: Nirgendwo liefen die Ermittlungen tatsächlich zusammen. Oft werden die Polizisten vor Ort alleingelassen, sind überfordert, ein Neonazi-Konzert in seiner Strafbarkeit zu erkennen und entsprechend massiv einzugreifen.

    Zumindest ist bei den Behörden mittlerweile die Erkenntnis gereift, dass eigentlich jedes angemeldete und nicht angemeldete Nazi-Konzert behördlich überprüft gehört. Dass auch verdeckte Ermittler da hin gehören, wohin sich Thomas Kuban unter Gefahr des Entdecktwerdens immer wieder traute. Und vor allem: auf eigene Kosten. Das vergessen viele verwöhnte Medienkonsumenten in Deutschland gern: dass die Millionen, die für Volksmusikanten, Familienserien und Fußballstars ausgegeben werden, für journalistische Arbeit nicht mehr zur Verfügung stehen. Leute wie Kuban arbeiten dann auf eigene Kosten. Und bleiben auf den Recherchekosten sitzen, wenn gelangweilte „Redakteure vom Dienst“ sagen: Och, das interessiert uns nun aber mal nicht …

    Die Einschaltquoten bestätigen, dass Kubans Themen den Nerv der Zuschauer treffen. Viele sind keineswegs so entmündigt, dass sie sich nur noch Unterhaltungsgedudel reinziehen wollen. Sie suchen im TV nach gehaltvoller Information.

    2007 wollte Kuban eigentlich aufgeben. So oft, wie bis dahin, geht er nicht mehr auf Undercover-Tour. Selbst der Film von Ohlendorf ist vom Regisseur selbst vorfinanziert. Dies Buch erzählt, warum Kuban am Ende einen guten Teil seiner Anonymität aufgab. Was natürlich ein Verlust ist, denn ein anderer scheint so konsequent in diesem Milieu nicht auf Recherche zu sein. Und die nächsten alarmierenden Entwicklungen sind längst im Gang.

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    Blut muss fließen
    Thomas Kuban, Campus Verlag 2012, 19,99 Euro

    Die rechtsextreme Musikszene greift immer öfter und immer selbstverständlicher auch in andere Musikströmungen über. Und in den letzten Jahren gab es mittlerweile auch öffentlich gewordene Allianzen einiger rechtsextremer Akteure mit der deutschen Rockerszene. Die gewaltbereiten Subkulturen verschmelzen. Und ein sächsischer Innenminister treibt unbeirrt die „Polizeireform 2020“ voran, die ganze Landesteile von Polizei entblößen wird. Das sind die natürlichen Freiräume für jene Subkulturen, von denen Kuban in diesem Buch berichtet. Es darf einem Angst und Bange werden. Auch vor den Politikern, die nicht einmal ahnen, was sie da anrichten.

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