Clemens Meyers „Im Stein“: Der große Roman über eine Möchtegern-Großstadt mit ihren blutigen Schatten

Es ist ein Mordstrumm von Meyer: 556 Seiten. Und ein Titel, der zum Rätseln einlädt. Was meint er damit? - Steine gibt es genug in seinem Buch. Einige davon sind auch tödlich. Auch der Stoff zu mindestens einem Krimi steckt drin. Und natürlich eine Stadt, deren Namen er meidet. Aus gutem Grund. Die Großstadt, die beinah Hauptstadt geworden wäre, klingt besser als dieses überstrapazierte "Leipzig".

Leipzig hinten, Leipzig vorne. Es ist auch der Roman eines Burschen, der gern in Leipzig lebt, es kennt wie seine Westentasche, der sich aber auch in 20 Jahren überfressen hat an diesem selbstbezogenen Leipziger Eigendünkel, der die Selbstwahrnehmung der Leipziger seit ungefähr 1990 so verkleistert. Das hat auch mit der Medienlandschaft zu tun und einer Politik, die sich gern in den einzig verbliebenen lokalen Medien spiegelt. Das Ergebnis ist auch Ignoranz. Die gern die Schattenseiten leugnet. Stichwort: Sachsensumpf.

Doch Wirklichkeit lässt sich nicht verleugnen. Wenn sie nicht auf den Titelseiten stattfindet, schwappt sie in die Polizei- und Gerichtsrubrik. Da tauchen sie dann alle auf: die Glücksritter und Halunken, die Wende-Gewinnler und dubiosen Amtsträger, die Geldkofferträger, kleinen und großen Luden. Ein Thema, mit dem sich Meyer seit Jahren beschäftigt. Die Nacht und die Lichter darin sind sein Thema seit 2006. Er verarbeitet es in immer neuen Variationen, mit wechselnden Besetzungen.

Mit „Im Stein“ hat er jetzt im Grunde den großen Leipzig-Roman vorgelegt, in dem er diese Schattenwelt zum Helden macht. Der Ton darf dem Leser durchaus vertraut vorkommen. Man findet ihn auch in den Kriminalromanen eines Henner Kotte, der sich eigentlich denselben Leipzig-Stoff zum Thema gemacht hat. Und dessen Kommissare genauso frustriert sind wie der Kommissar, der bei Meyer drei Moorleichen zu begutachten hat. Frustriert von einer Arbeit, die noch aussichtsloser scheint als das Steinewälzen des Sisyphos, denn selten gelingt wirklich mal „der große Fang“. Oft genug stecken die Kriminellen mit Helfershelfern in Verwaltung, Justiz und Politik unter einer Decke, haben ihre Zuträger auch noch bei der Polizei.

Auch der Typus des beurlaubten Polizeikollegen kommt vor, der sein Leben damit füllt, weiter Fakten und Fitzelchen zu sammeln, um das große Geflecht der Miteinanderverschworenen aufzudecken. Es geht um Macht, Einfluss, Immobilien. Was wusste die kleine Sekretärin, die da Ende der 1990er Jahre verschwand und nun tot im Moor am Rande der Großstadt liegt?

Meyer spinnt den Faden nicht zu Ende. Darum geht es ihm diesmal (noch) nicht. Die Szenen gehen ineinander über, fast unmerklich wechselt die Person hinter dem erzählenden Ich. Auch die Schauplätze wechseln – auch mal nach Berlin, ins thüringische G. oder in den Ruhrpott, wo ein außer Dienst gestellter Zuhälter der ersten Stunde von seinen aufregenden Zeiten bei den „Ostpocken“ erzählt, vom Straßenstrich und den ersten Begegnungen mit der gewalttätigen Hooligan-Szene. Aber der ist ganz froh, dass er mit all dem nichts mehr zu tun hat.
Denn seitdem hat sich der Markt nur scheinbar beruhigt. Die Zeit, in denen sich zwei Herren namens Pieczek und Kraushaar den Markt der Wohnungsprostitution friedlich geteilt haben, ist vorbei. Auch das Rotlicht-Milieu ist ein Markt, auf dem sich die Gewichte ändern. Und seit ein paar Jahren drängen neue Spieler auf diesen Markt. Lang ist es es her, dass „der Bielefelder“ seinen neuen Geschäftspartnern im Osten bei der Etablierung ihrer Geschäftsmodelle unter die Schulter griff. Jetzt prügeln sich motorisierte Gangs und neue Clans aus Süd- und Osteuropa um die Pfründen. Und das bekommen sowohl Pieczek als auch Kraushaar, der sich gern AK nennen lässt, zu spüren. Den einen erwischt es auf einer Betontreppe in Berlin, den anderen bei einem etwas unglücklichen Termin im Westen der Großstadt, wo er dann mit zerschossenen Knien in einer Seitenstraße liegt. Einige der umfangreicheren Kapitel sind seine delirierenden Träumen gewidmet.

Aber nicht immer wird klar, ob es nun AKs Rückblenden sind, die selbst wieder zu plastischen Szenen und Gesprächen werden, oder ob es die Traumwelten anderer Mitspieler sind. Selbst die seltsamen Interviews mit einem Radiomoderator, in denen AK über sein Gewerbe und dessen wirtschaftliche Rahmenbedingungen erzählen kann, muten kafkaesk an.

Immer wieder schlüpft der Autor auch in die Rolle anderer Protagonisten, schildert die Arbeit einer Hure aus ihrer Perspektive, so nüchtern und geschäftlich, wie es wohl tatsächlich ist. Trotzdem stimmungsvoll, auch wenn Clemens Meyer die unwirtlichen Jahreszeiten mit ihrer Grundstimmung aus Melancholie, Fatalismus und Abschied bevorzugt. Dabei erzählt er auch das, was in pornografischer Literatur meistens mit romantischer Erhöhung dargeboten wird, bis ins schmerzliche Detail. Käuflicher Sex ist nun einmal auch nur Arbeit, bei der Gefühle keine Rolle spielen. Gefühle gehören auch für die jungen und etwas älteren Frauen, die in diesem Roman ihren Reigen tanzen, ins Privatleben. Obwohl auch hier zu spüren ist, dass die Zeit der selbstbewussteren Huren, die in ihrer Gewerkschaft um mehr Rechte kämpfen, vorbei zu sein scheint – weggeschwemmt von einem Markt der billigen Prostituierten, die aus Osteuropa ins Land kommen. Oder gebracht werden.

Wem das noch nicht verstörend genug ist, der lernt auch den einsamen kleinen Mann kennen, der viel zu spät auf die Suche nach seiner verschwundenen Tochter gegangen ist und sie bis ins Berliner Milieu hinein zu finden versucht. Das Mädchen taucht später noch einmal auf, kurz nur, im Zusammenhang mit einem gescheiterten Kleinganoven, der nun ausgerechnet den Bordellbesitzer Hans Pieczeck zu erpressen versucht. Da lernt man auch Pieczeck von einer sehr untergründigen Seite kennen.

Immer wieder werden die Konturen der realen Großstadt deutlich, die Meyer zur Schablone genommen hat, auch wenn er beharrlich vom Zentralbahnhof spricht. Der Türsteherkrieg taucht dabei wie eine musikalische Note immer wieder auf. Ein anderes Thema dafür nur in einem einzigen, beklemmenden Kapitel: ein Kinderbordell, das Meyer aus der Perspektive eines der dort festgehaltenen Mädchen schildert. Wohl wissend, dass in dieser Welt, die er hier ausbreitet, alles mit allem zusammen hängt. Die Akteure kennen sich alle, einige sogar aus den Zeiten vor dem großen D-Mark-Rummel. Sie wissen, was auf ihrem Markt möglich ist. Auch AK und Hans Pieczeck halten Ausschau nach neuen Geschäftsfeldern. Dabei spielt dann auch die ehemalige Stahlstadt an der polnischen Grenze eine Rolle, wo es augenscheinlich noch ruppiger und trostloser zugeht, wo aber auch erstaunlicherweise eine Liebe zu finden ist.

Dabei spart Clemens Meyer nicht mit scheinbar belanglosen Dialogen, die sich oft genug im Kreis zu drehen scheinen. Da tasten sich Ganoven und Geschäftemacher ab, die sich nicht in die Karten gucken lassen wollen, aber gern prahlen und mit Anspielungen um sich werfen, die nur ahnen lassen, dass sie eigentlich drohen, bluffen, eine subtile Botschaft überbringen. Wer ist der Absender der Botschaft? – „Zwei Spieler, sich fixierend.“

Selbst in den Szenen, die eher traumartig sind, entkommen Meyers Träumer nicht diesem Kräftemessen des Unausgesprochenes. Das Wichtigste bleibt immer ungesagt. Auch in den Gesprächen all jener scheinbar beiläufigen Kleindarsteller, in deren Vokabular der Smalltalk dieser kleinen Möchtegern-Großstadt auftaucht, dieses Möchtegern-Sächsisch, verquirlt mit alten Schlagerzeilen, Filmtiteln, Phrasen aus alten Zeiten. Meyer kennt seine Stadt und den bis in die Alltagssprache spürbaren Größenwahn. Der ja nichts anderes als Hoffnung ist, es könnte ja doch mal so sein, wie es immer versprochen wurde.

Aber das gilt – wie man hier lesen kann – nicht mal fürs Rotlicht-Milieu.

Was nicht verblüfft: Dass nun ausgerechnet dieses Milieu das Futter gibt für den ersten großen Leipzig-Roman der letzten beiden Jahrzehnte. Als fände sich diese Stadt hier in ihrer ganzen ursprünglichen Pracht. Die eher eine Prächtigkeit ist, die in der Nacht ein bisschen funkelt und viel verspricht.

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Im Stein
Clemens Meyer, S. Fischer Verlag 2013, 22,99 Euro

Steine kommen in vielerlei Form vor – vom Granitblock, der die U-Bahn-Bauer beim Tunnelbohren aufhält, über die glitzernden Steinchen aus Tokio bis hin zu der Frage: Wo liegt eigentlich die Zukunft? – Als die „Allee der schönen Augen“ ins Visier der Ordnungshüter geriet, schien es kurze Zeit so, als könnten Immobilien die neue große Hoffnung werden. „Weg von den Straßen, rein in den Stein. Wohnungen, Immobilien. Die Zukunft.“ Ein Satz aus einem Kapitel, das nun ausgerechnet die „wilde Zeit“ von 1993 schildert.

Mit „Im Stein“ hat es Clemens Meyer auf die Shortlist zum Deutschen Buchpreis 2013 geschafft. Wer von den nominierten sechs Autorinnen und Autoren in diesem Jahr den Buchpreis zugesprochen bekommt, wird am 7. Oktober auf der Frankfurter Buchmesse bekannt gegeben.

www.deutscher-buchpreis.de

RomanClemens Meyer
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