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Der Ort, an dem Luther die Obrigkeit definierte und den Papst für überflüssig erklärte

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    Man kann auf Lutherwegen wandern quer durchs schöne Sachsenland. Welches Sachsenland eigentlich? Gibt es nicht mehrere? Eigentlich ja. Auch Thüringen ist ja eines. Einst war es - wie Wittenberg und Torgau - Teil des Kernlandes der Reformation, nämlich des ernestinischen Kursachsen. Was übrigens ein Grund dafür war, dass Luther auf der Wartburg Schutz fand. Und in Weimar fand er seine Definition von Obrigkeit.

    Oder besser: Er formulierte sie hier und machte sie in mehreren Predigten erstmals öffentlich. 1522 war die Frage einfach dran. Immerhin hatte der Papst den Bann über den widerborstigen Theologieprofessor verhängt. Dem folgte dann nach dem Reichstag in Worms die Reichsacht und Luther musste in einer bis heute legendären Entführung auf der Wartburg in Sicherheit gebracht werden, die damals noch genauso zu Kursachsen gehörte wie Weimar. Luther hatte also selbst erlebt, wohin das führt, wenn sich weltliche Macht (der Kaiser) einfach zum Erfüllungsgehilfen der kirchlichen Macht (des Papstes) macht, just des Papstes, dessen Machtanspruch Luther seit 1517 infrage gestellt hatte.

    Doch eines war ihm nach der organisierten Entführung klar geworden: Er musste sein Verhältnis zur Macht ausformulieren.

    Das wurde auch aus anderer Richtung deutlich – auch wenn es in diesem neuen, dem 26. Band der Reihe „Orte der Reformation“ nicht explizit ausgesprochen wird, denn während er als „Junker Jörg“ auf der Wartburg festsaß und die Zeit zur Übersetzung des Neuen Testaments nutzte, ging es ausgerechnet in Wittenberg drunter und drüber, weil seine Kampfgefährten selbst die Initiative ergriffen und auf ihre Weise die Reformation recht tumultartig vorantrieben. Was ja nur ein Vorgeschmack war auf ähnliche Bilderstürmereien in den nächsten Jahren und die Rolle Thomas Müntzers, der Luthers Thesen ganz konsequent interpretierte und auch die „von Gott gegebene“ Obrigkeit infrage stellte.

    Luther selbst bezog 1522 eine Zwischenposition, die er dann 1523 auch in der Schrift „Von weltlicher Obrigkeit inwieweit man ihr Gehorsam schuldig sei“ ausformulierte. Möglich ist, dass ihm 1521 / 1522 so richtig klar geworden war, wie schutzlos er eigentlich war. Hätte nicht Friedrich der Weise als durchaus mächtiger Kurfürst seine Hand über ihn gehalten, wäre ihm das Scheiterhaufenschicksal von Jan Hus ziemlich sicher gewesen. Er brauchte also starke Fürsten, die bereit waren, nicht nur seine Interpretation der Bibel zu akzeptieren sondern auch das reformierte Glaubensverständnis in seinem Sinne zu übernehmen und in ihren Ländern einzuführen.

    Das Ergebnis war das, was dann ab dem 19. Jahrhundert die Zwei-Reiche-Lehre genannt wurde: In der irdischen Welt regierten die – von Gott begnadeten – Fürsten und hatten aus diesem Gottesgnadentum auch die Macht zu entscheiden, welche Religion in ihren Ländern die gültige sei, und in dem anderen Reich („Mein Reich ist nicht von dieser Welt“), der Welt des Glaubens, gibt es nur einen Mächtigen – und das ist nach der Bibel nun einmal Gott und sonst niemand. Der Gläubige steht selbst in aller Sünde vor Gott, ein Papst oder sonst eine andere richtende Instanz sind völlig überflüssig.

    Das winzige Weimar mit seinen gerade einmal 1.800 Einwohnern war damals freilich schon eine der Residenzen der Ernestiner, auch wenn die eigentlichen Ausbauten zur repräsentativen Renaissance-Residenz erst unter Kurfürst Johann dem Beständigen (dem Bruder von Friedrich dem Weisen, dem er 1525 auf den Kurfürstenthron nachfolgte) und dessen Sohn Johann Friedrich dem Großmütigen, der ab 1532 regierte, erfolgen sollte. Letzterer war nicht nur einer der Ersten, die Luthers neue Lehre übernahmen – er war wohl auch der erste wirkliche Renaissance-Fürst aus dem Geschlecht der Ernestiner, der auch die modernen Möglichkeiten des Marketings für sich nutzte. Viel berühmter als der großmütige Johann ist bis heute seine Ehefrau, Sibylle von Cleve, die er 1527 heiratete. Es ist das von Lucas Cranach gemalte Porträt der Braut, das bis heute als eines der markantesten Porträts der deutschen Renaissance gilt.

    Womit man bei den Cranachs wäre. Auch sie gehören zu Weimar. Lucas Cranach der Ältere begleitete 1552 seinen Dienstherrn, Johann Friedrich, nach dessen fünfjähriger Gefangenschaft, nach Weimar in das ihm verbliebene Reststück des ehemaligen Kursachsen. Denn den Titel Kurfürst war Johann Friedrich nach der Niederlage im Schmalkaldischen Krieg 1547 los geworden. Der Kaiser hatte die Kurwürde an die albertinischen Wettiner in Dresden weitergereicht und ihnen auch noch weite Landesteile des bisherigen Kursachsen übereignet. Das ernestinische Sachsen schmolz vor allem auf die thüringischen Besitzungen zurück und aus der nun in Weimar residierenden Familie gingen später die Großherzöge von Sachsen-Weimar hervor – womit man dann bei Herder, Wieland, Goethe und Schiller wäre. Und natürlich der gar nicht so fern liegenden Frage: Wäre Goethe eigentlich in Wittenberg gelandet, wenn die verbündeten protestantischen Fürsten im Schmalkaldischen Krieg nicht verloren hätten?

    Eine ganze Cranach-Sammlung kann man heute im Schlossmuseum von Weimar besichtigen. Aber noch viel berühmter ist ja der Cranach-Altar in der Stadtkirche Peter und Paul, von den Weimarern wohl auch gern (wegen der Rolle Herders) Herderkirche genannt. Den Altar malte Lucas Cranach der Jüngere 1555 ganz im Lutherischen Bildprogramm – und neben Luther verewigte er auch seinen Vater Lucas Cranach d. Ä. unter dem am Kreuz leidenden Christus.

    Etwas schwieriger wird es freilich, die möglichen Originalplätze der Lutherzeit zu finden. Wo Luther bei seinen vielen Aufenthalten nächtigte, lässt sich nur mutmaßen. Selbst auf der von Jayne Obst und Mark Schmidt zusammengestellten Stadtführung im Heft begegnet man  Goethe, Schiller und der liebenswürdigen Frau von Stein viel häufiger als den Spuren der Lutherzeit. Was auch daran liegt, dass das Residenzschloss der Herzöge zweimal gründlich abbrannte und seine letzte Ausformung dann in der Goethezeit fand, als Herzogin Anna Amalia auch die heute nach ihr benannte Bibliothek bauen ließ, die beim Brand von 2004 beinah völlig verloren gegangen wäre.

    Und natürlich läuft einem beim Rundgang auch der selbstbewusste Doch-nicht-Hofkapellmeister Johann Sebastian Bach über den Weg. An den Themen Weimarer Republik, Bauhaus und KZ Buchenwald sollte man auch nicht vorbeigehen. Der Schauspieler und Regisseur Thomas Thieme bringt es ganz zum Schluss auf den Punkt, als er auf die großen Männer der Stadt zu sprechen kommt: „Dabei gibt es so viele in Weimar. Wenn eine andere Stadt nur einen davon hätte, was die da rausschlagen würden …“

    Es geht Weimar also ein bisschen wie Leipzig: Man hat eigentlich lauter Weimars in- und übereinandergestapelt. Da liegt dann das Weimar der Lutherzeit fast ganz unten. Und wenn man wegen Luther nach Weimar fährt, nimmt man eben die anderen großen Frauen und Männer einfach mit. Den ollen Geheimrat sowieso, denn mit seinem „Faust“ hat er ja die Zeit Luthers auf seine Weise auf den Punkt gebracht – bis hin zur berühmten Gretchenfrage, die ja nun mal im Kern eine Lutherfrage ist – auch wenn sich die Antworten von Dr. Faust und Dr. Luther bekanntlich unterscheiden.

    Dass Goethe auch ein Stück eigene Lebens- und Liebesgeschichte mitverarbeitet hat im „Faust“, wissen alle, die jedes Jahr eben nicht in die langweilige Goethe-Schiller-Gruft pilgern, sondern auf den Jakobsfriedhof zum Grab von Christiane Vulpius, spät verheiratete Christiane von Goethe.

    Mark Schmidt, Steffen Raßloff (Hrsg.) Orte der Reformation. Band 26. Weimar, Evangelische Verlagsbuchhandlung, Leipzig 2015, 9,90 Euro.

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