Die Begleitbücher, die das Haus der Geschichte zu seinen Ausstellungen herausgibt, sind immer mehr als ein Katalog. Immerhin geht es ja jedes Mal um deutsche Zeitgeschichte, um all jene großen Themen, über die die Nation diskutiert. Die Zuwanderung zum Beispiel, die das Land seit 60 Jahren immer bunter macht. Zuwanderung? War da was? War das überhaupt jemals erlaubt?

Wenn man einige Akteure aus CDU und CSU dieser Tage hört, gibt es so etwas nicht. Darf es nicht geben. Bestenfalls Asyl. Und wenn die Lage im Herkunftsland wieder in Ordnung ist, fahren die Asylsuchenden wieder nach Hause, oder? Doch die Wirklichkeit ist eine andere. Dass Deutschland kein Einwanderungsland wäre, erklären gleich mehrere Autoren dieses Bandes zur größten Lebenslüge der deutschen Politik.

Das hat auch mit der Art zu tun, wie Zuwanderung ab 1955 zustande kam. Mitten im deutschen “Wirtschaftswunder”, als die anziehende Industrieproduktion in Westdeutschland fast alle verfügbaren Arbeitsmarktreserven aufsog, die verfügbar waren. Natürlich nur “fast alle”. Denn damals galt nach wie vor das Modell des Alleinverdieners, die deutsche Frau blieb in der Regel zu Hause und kümmerte sich um Haushalt und Kinder. Übrigens auch das eine Lebenslüge der deutschen Arbeitsmarktstatistik, die meistens erschreckt auf die reinen offiziellen Arbeitslosenzahlen starrt und vergisst, dass sich selbst nach den Wirtschaftswunderzeiten die Zahl der Erwerbstätigen immer mehr erweiterte und vor allem Frauen ab den 1970er Jahren verstärkt in Erwerbstätigkeit gingen. Man hat also ein Land vor sich, das seit über 60 Jahren permanent neue Arbeitsmöglichkeiten geschaffen hat.

Kein Thema zeigt deutlicher, wie wirtschaftliche Cluster tatsächlich funktionieren und wie sich der so gern beschworene Wachstumsgedanke weit über die Grenzen eines Landes hinaus auswirkt. In der Ausstellung, die seit dem 8. Oktober im Zeitgeschichtlichen Forum in Leipzig zu sehen ist (vorher war sie in Bonn zu sehen, 2016 wandert sie weiter nach Berlin), wird in übersichtlichen Kapiteln erzählt, wie es auf Druck der deutschen Arbeitgeberverbände ab 1955 zu Verträgen mit anderen europäischen (und nichteuropäischen) Ländern kam, Arbeitskräfte erst einmal zeitweise nach Deutschland zu entsenden. In der Bundesrepublik waren vor allem die Arbeitskräfte für die vielen Hilfsarbeiten knapp geworden, in der Landwirtschaft genauso wie in der Schwerindustrie.

Dafür litten Länder wie Italien, Portugal, Spanien und Griechenland unter einer hohen Arbeitslosigkeit. Deren Regierungen waren nur zu bereit, mit Ländern wie Frankreich und der Bundesrepublik Anwerbeabkommen zu schließen – auch in der Hoffnung, die entsandten Arbeitskräfte würden wieder entsprechendes Knowhow für die eigene Wirtschaft mitbringen und mit ihrem Verdienst andererseits auch wieder die Familien in der Heimat unterstützen.

Etappen der Anwerbeabkommen

Im Begleitband werden all die Etappen von den ersten Anwerbeabkommen bis in die Gegenwart geschildert, wird erzählt, wie die bundesrepublikanische Gesellschaft anfangs zum Teil befremdet reagierte. Denn irgendwie war es damals ganz ähnlich wie heute: Länder wie Italien und Griechenland wurden als völlig fremde Kulturen gesehen. Man wusste nicht mal über die Esskultur der Italiener bescheid. Heute sind die Pizzerien, Trattorias, Döner-Läden und China-Imbisse aus deutschen Städten nicht mehr wegzudenken und man fragt sich wohl zu Recht besorgt: Würden unsere Ernährungsgewohnheiten immer noch so fett und mehlig aussehen wie in diesen auch so goldenen 1950er Jahren?

Bis zur ersten großen Wirtschaftskrise, die das Wirtschaftswunderland 1966/1967 erschütterte, war man glücklich mit den scharenweise angeworbenen Gastarbeitern, die ja auch so genannt wurden, weil man glaubte, sie würden nach vier, fünf Jahren alle wieder nach Hause fahren. Nur irgendwie hatte man bei den ganzen Regelungen keine Mathematiker dabei. Denn der Großteil der über 13 Millionen angeworbenen Gastarbeiter kehrte tatsächlich wieder in die Heimatländer zurück. Dafür kamen neue Arbeitskräfte aus der Türkei, Marokko, Südkorea, Jugoslawien. Mit Jugoslawien schloss die Bundesrepublik 1968 den letzten Anwerbevertrag. Dann kam die große Ölkrise, die dann zum großen Stopp der Anwerbungen im Jahr 1973 führten. Ein Stopp, der – wie Silke Hans in ihren Beitrag erzählt – aus Gastarbeitern über Nacht Einwanderer machte. Wer in der Bundesrepublik eine Arbeit hatte, stand vor der entscheidenden Frage: Jetzt wieder in das Geburtsland zurückkehren oder die Familie nachholen?

Etliche Gastarbeiter entschieden sich für den zweiten Weg und wurden so zur ersten Einwanderergeneration im Westen.

Auch die DDR litt unter Arbeitskräftemangel

Auch der Osten hat sein Kapitel, denn auch die DDR litt unter Arbeitskräftemangel, schloss auf ihre Weise Verträge mit Ländern wie Polen, Vietnam, Ungarn oder Mocambique ab. Nur hatten die Bürokraten im Osten nicht vor, die Völker zu verbrüdern oder gar so etwas wie eine echte Einwanderung zu ermöglichen. Über den durchaus schäbigen Umgang der “Genossen” mit den reglementierten und kontrollierten Arbeitskräften im Land erzählt Patrice G. Poutrus in seinem Beitrag. Und auch über andere wichtige Einwanderergruppen, die die Bundesrepublik mit veränderten, berichten Buch und Ausstellung – über die Flüchtlinge aus der DDR genauso wie über die (Spät-)Aussiedler aus den Ländern Osteuropas und der ehemaligen Sowjetunion. Kapitel um Kapitel wird deutlicher, wie sich die Bundesrepublik im Lauf der Jahrzehnte immer stärker zum Einwanderungsland entwickelte. Quasi als Nebeneffekt von Entscheidungen, die mal rein ökonomisch (die Anwerbeverträge), mal politisch (die Gesetzgebung für Aussiedler) gedacht waren.

So richtig ins Bewusstsein der Gesellschaft drang die Tatsache, dass das alles auch das Land verändert hatte, im Grunde erst in den 1970er, frühen 1980er Jahren. Auf einmal gab es ganze Stadtquartiere, die von Menschen aus anderen Ländern bewohnt waren. Die Gastarbeiter hatten ihre kleinen Kojen in den alten Werksunterkünften verlassen, hatten sich Wohnungen für ihre Familie gesucht – zumeist in den billigeren Stadtteilen. Ihre Kinder tauchten in den Schulen auf. Und der Anteil der Menschen mit Migrationshintergrund, wie das unter Statistikern heute so heißt, wuchs unübersehbar. Die Republik musste sich Gedanken über Einbürgerung und Integration machen. Und nicht nur konservative Politiker, sondern auch Zeitungen und Magazine nutzten das schlagkräftige Bild vom “vollen Boot”, um die Debatte anzuheizen, auch wenn nichts dafür sprach, dass die Zuwanderung die reiche Industrienation überforderte.

Im Gegenteil: Buch und Ausstellung zeigen auch, wie die Migranten teilweise völlig neue Wirtschaftszweige aus der Taufe hoben. Wenn sie in Arbeitslosenstatistiken vermehrt auftauchen, muss man schon sehr genau hinschauen, welcher Nationalität sie angehören und welche Qualifikation sie haben. Denn leicht machen es die deutschen Amtswalter den Menschen nicht, die in Deutschland gern einen Neuanfang suchen – den einen wird auf Jahre die Arbeitsaufnahme untersagt, andere haben nur rudimentäre Sprachkenntnisse, andere bekommen ihre Berufsabschlüsse nicht anerkannt und müssen – selbst wenn sie einen Universitätsabschluss haben – Hilfsjobs übernehmen.

Europa hat die Wahl

Es ist kein zentrales Thema von Buch und Ausstellung, dieser verkniffene Umgang von Bürokraten und konservativen Abschottungspolitikern mit dem Thema Zuwanderung. Aber es wird an vielen Stellen sichtbar, dass natürlich allein die Asylgesetzgebung nicht reicht, um Einwanderung in die Bundesrepublik zu gestalten. Dafür war sie auch nie gedacht. Doch ein Einwanderungsgesetz, das auch reguläre Einwanderung endlich einmal regeln würde, gibt es bis heute nicht, nur das zum Kompromiss abgeschliffene Zuwanderungsgesetz von 2005. Es ist logisch, dass mehrere Autoren den Regierenden in Bonn und heute Berlin attestieren, der Lebenslüge “Deutschland ist kein Einwanderungsland” anzuhängen. Kapitel um Kapitel zeigt – mit vielen Fotos und einzelnen besonderen Ausstellungsstücken und Akteuren auf Extra-Seiten – wie sehr Einwanderung die Republik verändert hat, offener, bunter, reicher gemacht hat.

Nur die Gesetzgebung kleckert hinterher, reagiert noch immer mit den Automatismen von 1983 oder 1992 oder 2009. Man versucht, irgendwie die “Löcher” zu stopfen, obwohl man es nun einmal seit 1990 mit einer offenen Welt zu tun hat, seit 2005 erst recht, seit auch die meisten Länder Osteuropas zur EU gehören und die entsprechende Freizügigkeit genießen. Man ahnt so am Rande, dass auch die EU noch irgendwie in den Schablonen des letzten Jahrhunderts denkt und den wichtigsten aller Schritte scheut: Europa zu einem modernen Gesellschafts-, Lebens- und Wirtschaftmodell weiterzuentwickeln. Denn wenn man Maßstäbe setzen will, dann muss man sie in einer gemeinsamen Verfassung verankern und die Mitgliedschaft der Länder nicht übers Geld definieren, sondern über die Akzeptanz der gemeinsam definierten Werte.

Aber da ist die Bundesrepublik genauso wenig ein Vorreiter wie Frankreich oder das isolationistische Großbritannien. Man versucht noch immer, die alten Nationen zu bewahren mitsamt den nationalen Hoheitsrechten und dem eingekastelten Staatsbürger. Und obwohl die Ausstellung so wenig wie das Buch auf die aktuelle Flüchtlingskrise hin entstanden ist, so wenig können sie die aktuellen Entwicklungen ausblenden. Längst prallen die alten, nationalistischen Vorstellungen im gesellschaftlichen Diskurs viel härter und deutlicher auf die offenen Werte einer Gesellschaft, die andere Kulturen als Bereicherung begreift.

Natürlich hat Europa die Wahl: zurück in den nationalen Mief, dann ist es mit dem Bestehen im internationalen Wettbewerb tatsächlich bald vorbei. Oder es entwickelt ein attraktives, modernes Gesellschaftsmodell, das wirtschaftliche Offenheit mit gesellschaftlicher Freiheit verbindet. Dann braucht es auch endlich eine eigene und ehrliche Außenpolitik. Haben wir alles nicht.

Dafür haben wir eine ziemlich mickrige Geburtenrate. Und die deutsche Wirtschaft hätte schon seit zehn Jahren ein richtig heftiges Arbeitskräfteproblem, wenn es nicht die ganze Zeit über Einwanderung gegeben hätte – gegen alle Widerstände, die sture deutsche Innenminister aufgerichtet haben. Und noch ein Aspekt steht nicht im Buch, ist aber logisch: Was machen eigentlich große Unternehmen, die im Land keine Arbeitskräfte mehr finden?

Manchmal muss man nur einmal die Blickrichtung ändern, um zu sehen, wer eigentlich alles einen Nutzen davon hat, dass Menschen aus armen und kriegszerstörten Gegenden der Welt vor deutschen Aufnahmeschaltern Schlange stehen mit einer unendlichen Geduld.

Stiftung Haus der Geschichte der Bundesrepublik Deutschland (Hrsg.) Immer bunter. Einwanderungsland Deutschland, Nünnerich-Asmus Verlag, Mainz 2014, 19,90 Euro.

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