Der gar nicht automatische Weg des kleinen Libzi zur mittelalterlichen Großstadt in Sachsen

Na gut, es sind am Ende nicht über 1.000 Seiten, die man zu lesen hat im ersten Band der "Geschichte der Stadt Leipzig", eher 750. Immerhin muss ja trotzdem alles reinpassen, was zwischen 1015 und 1539 passiert ist. Plus ein bisschen Vorgeschichte. Der Band zeigt trotzdem, wie wenig man weiß über das Huhn, das Ei und den ganzen Rest.
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Denn Leipzigs Anfänge verlieren sich im Dunkel. Nicht weil ein besonders frequentierter Ort einfach mal wieder vergessen wurde, sondern weil Leipzig vor seiner Ersterwähnung wohl gar kein so berühmter Ort war. Was nicht den Vermutungen widerspricht, dass an dieser Stelle auf einem Sandsporn fünf Meter über der Parthe auch schon vor 1500 oder 2000 Jahren ein Ort lag.

Aber da beginnen schon die Fragezeichen. Und das ist dem Autorenkollektiv, das der Leipziger Landeshistoriker Enno Bünz um sich versammelt hat, auf jeden Fall zuzuerkennen: Die Autoren bemühen sich, die dünnen Stellen der Überlieferung, die offenen Fragen, offenen Diskussionen und rätselhaften Spuren ins Dunkel deutlich zu machen. Denn eines ist Fakt: In vielen Leipzig-Büchern werden zwar schöne, zuweilen ruhmreiche Legenden erzählt, mit der historischen Wirklichkeit aber haben sie fast nichts zu tun. Was nicht überrascht: Jede Gemeinde versucht ihre Geschichte möglichst ruhmreich, geradlinig und außerordentlich zu erzählen. Doch fast immer gilt das Gegenteil: Die Entwicklungsgeschichten der großen und kleinen Orte ähneln sich, laufen oft über Jahrhunderte parallel – und dann sind es Zufälle oder landesherrliche Entscheidungen, die den einen Ort über den anderen erheben, völlig neue Entwicklungen anstoßen und am Ende zum Ergebnis haben, dass ein Ort wie Leipzig scheinbar als Solitär dasteht.

Ging’s auf dem Sandsporn los oder unten in der Aue?

Und die Rätsel beginnen tatsächlich mit dem Sandsporn, auf dem 1015 die Burg stand, die Bischof Thietmar von Merseburg erwähnt. War das wirklich der ursprüngliche Ort Libzi? Lag die namengebende slawische Siedlung nicht eher weiter nördlich – als Wasserburg zwischen Parthe, Weißer Elster und Pleiße? Auch Enno Bünz geht da und dort auf den Straßennamen Alte Burg ein, der sich möglicherweise auf eine alte slawische Siedlungsstruktur bezog. Aber das steckt man so weg. Darüber haben schon Generationen von Stadthistorikern gegrübelt. Aber am Ende stutzt man dann doch wieder. Denn den Kapiteln zur eigentlichen Leipziger Stadtgeschichte ist auch noch ein ausführlicher Beitrag von Markus Cottin angefügt, in dem er sich mit der Geschichte der Leipziger Dörfer, Vorstädte und Wüstungen beschäftigt. Das ist sein Spezialgebiet. Und da wird dem Leser erstmals bewusst, dass ja auch die alten Vorstädte einst eigenständige Gemeinden waren, fast dörflich organisiert und nicht immer auch der Stadt unterstellt. Und gerade im Leipziger Nordwesten waren die Besitz- und Lehnverhältnisse hochkomplex. Markus Cottin spricht von fünf eigenständigen Gemeinden auf engstem Raum, die meist einfach unter Rannische Vorstadt oder auch mal als Jakobsparochie subsumiert werden, auch wenn jeder Begriff so für sich nicht alles erfasst.

Dass das ein außergewöhnlicher Klumpen ist, wird erst so richtig deutlich, wenn Markus Cottin sehr gründlich die mittelalterlichen Besitz- und Lehnverhältnisse, die üblichen Gründungsgeschichten, die rechtlichen Verhältnisse und die wirtschaftlichen Beziehungen der rund 100 Dörfer im heutigen Leipziger Stadtgebiet erläutert. Dass sich das über rund 500 Jahre aufs engste verflocht mit den Herrschaftsansprüchen des Bistums Merseburg, weiß man schon aus der Frühgeschichte Leipzigs selbst. Praktisch endete der Versuch der Merseburger Bischöfe, Macht über den aufstrebenden Ort Leipzig zu bekommen, erst mit der Reformation.

Beinah hätten die Merseburger über Leipzig regiert

Aber dass Bischof Thietmar Leipzig in seiner Chronik gleich zwei Mal erwähnt, hat eben nicht nur mit dem hier verstorbenen Meißner Bischof Eid zu tun, sondern auch mit dem zähen Ringen des Bistums Merseburg um die Rückgewinnung des gesamten Besitzes, den das 968 gegründete Bistum bis 981 besaß, bevor es aufgelöst und 1004 dann wieder neu gegründet wurde – deutlich verkleinert. Man versteht schon, dass die Bischöfe in Merseburg alles taten, um neben der geistlichen Hoheit auch wieder weltliche Macht zurückzugewinnen – und sei es mit echten Fälschungen. Auch Thietmar hat eine fabriziert, mit dem das Bistum bis ins Spätmittelalter versuchte, seine Lehnshoheit auch auf Leipzig zu behaupten, auch wenn 1015 noch gar nicht klar war, dass ausgerechnet dieses Leipzig mal so wichtig werden könnte.

Es war zwar der Hauptort eines Burgorts, möglicherweise sicherte es auch einen der wenigen halbwegs passierbaren Übergänge über die Flüsse, die sich hier durch die Aue wälzten. Aber auch wenn Leipziger Stadtbilderklärer und diverse Lobpreiser der Leipziger Handelsgeschichte es immer wieder behaupten: Leipzig entstand nicht an der Kreuzung von Via Regia und Via Imperii. Schlicht deshalb nicht, weil beide Hohen Straßen erst im 13. und 14. Jahrhundert wirklich in diesen Rang aufstiegen und diese Namen bekamen, die auf den Schutz der deutschen Könige und später der lokalen Fürsten für diese wichtigen Handelsstraßen verwiesen.

Auch das ist wohltuend an diesem Buch: Einige der alten Legenden wurden in aller Ruhe demontiert. Darunter auch die Legende, es hätte da irgendwo am heutigen Richard-Wagner-Platz den ersten großen Marktplatz gegeben. Dafür spricht nichts.

Und wo war der erste Markt?

Wobei das Schöne ist: Auch die ungeklärten Fragen werden im Buch offen gelassen – so auch die nach dem wirklichen ersten Markplatz der Stadt. Da besteht der eine Autor darauf, der heutige Markt müsse eigentlich spätestens mit der Stadtgründung um 1165 seine Funktion bekommen haben – und ein anderer sieht durch die archäologischen Befunde bestätigt, dass hier bis ins 14. Jahrhundert eine Lehmgrube war und der Marktplatz wirklich erst später angelegt worden sein muss.

Was wieder direkt mit dem Bau des Rathauses zusammenhängt, dessen Baukörper ja verrät, wie dieser Prachtbau über die Jahrhunderte durch immer neue Anstückelungen vergrößert wurde. Und spätestens wenn dann zur mittelalterlichen Baugeschichte erwähnt wird, dass es außer bei den beiden Stadtkirchen St. Nikolai und St. Thomas nur rechts und links des heutigen Naschmarktes nachweislich gemauerte Kellergewölbe gab, denn beginnt man logischerweise über den Naschmarkt nachzudenken. Denn wo sollte eine Stadtgemeinde ihre ersten Steinhäuser bauen, wenn nicht direkt am wichtigsten Platz der Stadt?

Wobei die frühe Architektur der Stadt – bis auf die beiden Kirchbasiliken – praktisch völlig im Dunkel liegt. Die archäologischen Grabungen der letzten Jahre haben da und dort zumindest sichtbar gemacht, dass Leipzig praktisch bis zur Reformation eine Fachwerkstadt war. Und zwar keine, die so eindrucksvoll aussah wie etwa das heutige Quedlinburg. Denn das ist schon repräsentative Renaissance-Baukunst. Die gab es in Leipzig auch. Aber sie entstand vor allem im 16. Jahrhundert – in Holz, aber auch in repräsentativen Steinbauten.

Leipzigs eigentliche Antriebskräfte: Jahrmärkte und Universität

Und da ist man dann mittendrin in der Hauptlinie der modernen Geschichtsforschung, die sich recht gründlich von der personalisierten Geschichte mit all ihren Helden und Stars verabschiedet hat. Denn der eigentliche Motor der Geschichte sind nicht Könige und Kriegsherren, sondern ist die Wirtschaft. Und da wird in der Ballung dieses Bandes recht deutlich, wie sehr die Markgrafen von Meißen und späteren Kurfürsten spätestens seit der Regierungszeit Otto des Reichen ihr Land unter wirtschaftlichen Gesichtspunkten gestalteten.

Die planmäßige Gründung von Städten wie Leipzig gehörte genauso zu diesem Programm wie die Vergabe von Marktrechten. Auch das ein schön diskutiertes Thema in diesem Buch: Ab wann kann eigentlich von Messen gesprochen werden? Markus A. Denzel hat da eine ziemlich klare Haltung: nicht vor dem zweiten Drittel des 17. Jahrhunderts. Auch die von König / Kaiser Maximilian für Leipzig ausgestellten Privilegien bezogen sich eindeutig auf Jahrmärkte. Das war durchaus wichtig, keine Frage, denn im regionalen Gefüge entschieden stark frequentierte Jahrmärkte darüber, ob eine Stadt sich zum Handelsmittelpunkt entwickelte oder ob sie aus dem Rennen ums Wachstum ausschied. Und je größer die Stapelbezirke wurden, umso stärker waren die Konkurrenten, die Leipzig aus dem Feld schlagen musste. Und das schaffte Leipzig nicht durch irgendeine Gunst des Schicksals, sondern durch tatkräftige Schützenhilfe – vor allem durch die sächsischen Fürsten, die mit ihrer Gründung Leipzigs natürlich Geld verdienen konnten. Und im 15. Jahrhundert war es vor allem der Reichtum aus dem sächsischen Silberbergbau, der den Leipzigern auch die nötigen Bestechungssummen in die Hand gab, sich ihre Privilegien bei Papst und Kaiser ausstellen zu lassen.

Was das Buch deutlicher macht, ist, dass Leipzig nie ein naturgeborener Champion war, der einfach seinen Platz einnahm, der ihm zustand. Über Jahrhunderte war alles im Fluss, änderten sich immer wieder die Gewichte, versuchten auch weltliche Gewalten, Zugriff auf die Stadt zu bekommen. Und erst als ein Baustein zum anderen kam, begann der kleine Flecken an der Pleiße sich zur einer „Großstadt“ des Mittelalters zu mausern (das begann damals schon bei 10.000 Einwohnern).

Die Universität war ein Turbo

An dieser Stelle macht sich die Schwäche der Materialorganisation bemerkbar. Enno Bünz hat sich bewusst dafür entschieden, keine chronologische Geschichtsdarstellung zu liefern, denn dann wäre das komplexe Wesen der Stadt nicht mehr greifbar geworden. Deswegen gibt es viele thematische Kapitel, die den Leser sehr an die in den letzten Jahren erschienenen Arbeiten zum Tag der Stadtgeschichte erinnern dürften. Was auch wichtig ist – denn da wurden viele thematische Vorarbeiten geliefert, die es so in der Leipziger Stadtforschung nicht gegeben hatte.

Aber die thematische Ordnung hat den Nachteil, dass Dinge, die sich gegenseitig befruchteten, in völlig unterschiedlichen Kapiteln behandelt werden. Und zum wirtschaftlichen Turbo, den Leipzig im 15. Jahrhundert zündete, gehört neben den Marktrechten und dem Erzhandel eben auch die Universitätsgründung von 1409, die gern unter Themen wie Bildung, städtische Elite, Buchhandel usw. abgehandelt wird, selten bis nie aber unter der Überschrift: Wissenstransfer und Wirtschaft.

Übrigens auch im Jahr 2015 nicht, auch wenn die sächsischen Fürsten wohl sehr genau wussten, warum ein wirtschaftlich prosperierendes Land auch eine überregional ausstrahlende Universität braucht. Die Einheit funktioniert bis heute, auch wenn sächsische Provinzpolitiker eine Menge tun, um diese Symbiose zu beschädigen.

Und so seltsam es die Verfechter von Betriebswirtschaft und MINT-Fächern heute anmuten mag: Es waren immer die Geisteswissenschaften mit all ihren „Blütenfächern“, die in Leipzig ein kreatives und unternehmerisches Bürgertum haben wachsen lassen. Was dann wohl im Band 2 noch deutlicher werden wird, der auch das 18. Jahrhundert und die Leipziger Aufklärung enthalten wird.

Die wichtigsten Weichen wurden schon im 15. Jahrhundert gestellt

Tatsächlich hätte der Band auch mit dem Jahr 1467 enden können statt mit der Einführung der Reformation 1539. Denn das reformatorische 16. Jahrhundert begann ja eigentlich schon mit der großen Gründungswelle deutscher Universitäten im 14. und 15. Jahrhundert und dem beginnenden Buchdruck. Und kaum eine Stadt zeigt beide Einflüsse so deutlich wie Leipzig – und wohin sie führen. Denn dass Luther mit seinen Thesen so einen Widerhall finden konnte, hat auch mit der wachsenden Schar gut ausgebildeter, zumeist studierter Leser zu tun. Die Kirche hatte ihre Deutungshoheit eingebüßt, auch wenn Herzog Georg der Bärtige versuchte, die Entwicklung in Sachsen mit aller Macht aufzuhalten.

Auch hier wird deutlich, dass viele Forschungsfelder noch im Dunkel liegen. Aber das, was in den letzten Jahren zur vorreformatorischen Zeit in Leipzig erkundet wurde, deutet auf eine Stadtgesellschaft hin, die reif war für die Reformation und die darunter litt, als der altgläubige Herzog auch mit strafrechtlicher Gewalt versuchte, den Protest auszumerzen.

Viele Themen, die den Leser natürlich interessieren würden, um ein Bild vom mittelalterlichen Leipzig zu bekommen, werden nur angerissen, können nur aus alten Steuerbüchern und Ratsakten rekonstruiert werden. Das Schulwesen taucht genauso spät und verschwommen auf wie die frühe Alltagsgeschichte der Leipziger. Aber da die Forscher sich gerade mit all diesen alten Urkunden intensiv beschäftigt haben, gewinnt das alte Leipzig in Fragmenten erstaunliche neue Facetten – etwa wenn es um die Landwirtschaft in der Stadt geht. Das Thomasstift hatte sein landwirtschaftliches Vorwerk direkt in der Stadt, gleich auf der Südseite des heutigen Thomaskirchhofs. Und selbst um den Neumarkt und die Universitätsstraße herum muss es Höfe von Bauern gegeben haben – eine komplette Gemeinde, die Gemeinde Petzsch, muss in die Stadt übergesiedelt sein, während ihr Dorf in der Petzscher Mark wüst fiel.

Dass eine Menge Viehzeug in der Stadt war, hat man ja aus den Vorarbeiten schon erfahren: Die Bäcker hielten ganze Horden von Schweinen, die Pferde mussten unterkommen. Es muss Ställe und Gärten gegeben haben. Und man stolpert über die scheinbar willkürliche Feststellung, dass es bis zum 15. Jahrhundert praktisch keine nachweisbaren Gasthöfe in Leipzig gab. Auch sie sprossen erst in Dutzenden aus dem Boden, als sich das Leipziger Marktrecht deutlich erweiterte.

Der ganze Band ist eine sehr gedrängte Zusammenstellung zum aktuellen Stand der Stadtforschung. Mit wahrnehmbaren Bruchstellen und Widersprüchen. So gibt es auch völlig divergierende Ansichten dazu, wo die jüdische Gemeinde im Mittelalter lebte. Dafür wird auch der frühe Ausbau der Mühlgräben als Teil des Hochwasserschutzes erlebbar. Usw. Das Buch ist ein Schwergewicht, das einmal keine fertige Sicht auf das, „was wirklich geschah“, liefert, sondern den Forschungsstand des Augenblicks festhält – mit vielen verlockenden Spuren ins Dunkel.

Was den Leser natürlich hoffen lässt, dass die thematische Arbeit im Umfeld des Tages der Stadtgeschichte noch weitergeht. Es sind einfach noch viel zu viele Fragen offen. Und warten, bis die vielleicht 3015 beantwortet werden, möchte man eigentlich nicht.

Enno Bünz Geschichte der Stadt Leipzig, Leipziger Universitätsverlag, Leipzig 2015, 49 Euro.

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