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Die „Starthilfe Physik“ erscheint jetzt wieder an ihrem Erst-Verlagsort Leipzig

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    Der B. G. Teubner Verlag ist ja bekanntlich in den Strudeln der Zeit verschwunden. Ein Phänomen, das Jürgen Weiß bis heute nicht fassen kann. Denn am Namen, am Erfolg, an der Nachfrage nach den wissenschaftlichen Buchtiteln kann es nicht gelegen haben. Auch wenn im 21. Jahrhundert reihenweise hochbezahlte Wirrköpfe glauben, das Wissen über die Welt sei Ansichtssache. Das könnte den westlichen Nationen noch einmal gewaltig auf die Füße fallen.

    Denn bislang profitieren sie davon, dass sich im Lauf der letzten Jahrhunderte eine dichte, hochprofessionelle Bildungs- und Hochschullandschaft herausgebildet hat. Die hat ihre Schüler nicht nur mit dem aktuellen Forschungsstand der Wissenschaften bekannt gemacht, sondern auch mit dem notwendigen Rüstzeug versehen, die Welt mathematisch und faktisch zu begreifen. Dazu gehörte auch die starke Ausprägung der Naturwissenschaften im deutschen Stundenplan.

    Denn ohne eine breite physikalische Grundausbildung braucht niemand sich um ein Studium an einer technischen Hochschule zu bewerben – auch dann nicht, wenn heute Computer in der Lage sind, alle Formeln und Modelle zu berechnen. Man braucht ja nur das richtige Programm – los geht’s. Zumindest glauben eine Menge Bildungspolitiker und Lehrer daran, ganz im Sinne einer Zeit, die meint, technische Spielzeuge könnten uns das Denken abnehmen. Aber was sollen Schulabgänger, die nicht mal verstehen, wie die ganzen Prozesse um sie herum ablaufen und funktionieren? Die mit dem Masseerhaltungssatz nichts anfangen können, mit Photoeffekten, Induktion, der Berechnung von Arbeit, von potenzieller und kinetischer Energie …

    Mancher erinnert sich schon bei Nennung der Worte an seinen Physikunterricht, an ganz und gar nicht einfache Formeln, an Umrechnungseinheiten und schrecklich gescheiterte Experimente mit angejahrten Instrumenten in düsteren Physik-Räumen. Das soll heute ja zumeist anders sein, schön hell und modern. Und experimentiert wird hoffentlich auch noch – und mit dem Kopf gerechnet. Und tapfere Physiklehrerinnen und -lehrer holen noch immer die bunten Modelle aus dem Lager, mit denen sie den Welle-Teilchen-Dualismus, den Aufbau der Atome und die Mechanik geradlinig bewegter Körper und solcher in Kreisbahnen erläutern.

    Dabei steht der Grundkanon des physikalischen Grundwissens seit über 100 Jahren so ziemlich fest. (Und in der Schule kommt man ja tatsächlich noch mit Newtons Gravitationsgesetzen aus – Einstein ist dann tatsächlich schon was für die Studierenden). Aber irgendwie war es schon in den 1990er Jahren so: Viele junge Leute, die sich für ein Studium der Naturwissenschaften, der Medizin oder der Ingenieurwissenschaften beworben hatten, mussten im Grundstudium erfahren, dass die Kenntnisse aus dem Physikunterricht dann doch nicht so fest saßen oder so verstanden waren, dass man in den Hochschulangeboten mithalten konnte.

    Damals legte der Teubner-Verlag eine Starthilfe „Physik“ auf, eine von insgesamt 17 Starthilfen, die bis 2003 für unterschiedliche Fächer herauskamen. Und dass man gerade beim Thema Physik einen Nerv getroffen hatte, zeigte allein die Tatsache, dass bis 2003 vier Auflagen der von Werner Stolz, damals Professor für Angewandte Physik an der TU Freiberg, erschienen. Das Buch fasst komprimiert alles zusammen, was im Schulunterricht in deutschen Schulen mal der Grundkonsens war und vielleicht auch noch ist. So sicher kann man das von außen ja nicht sagen, wenn man all die Geschichten von fehlenden Fachlehrern, Forderungen nach mehr Computern und immer neuen Nebelfächern wie „Wirtschaft“ liest und hört. Es sind auch Bildungspolitiker, die vom Benutzen des eigenen Kopfes zum Denken nicht mehr viel halten und glauben, man könnte diese ganzen harten Nüsse einfach auslagern in kleine Denkprothesen.

    Dass die Schule eigentlich eine Trainingsstätte fürs eigene Denken sein sollte, kommt in den deutschen Bildungsdiskussionen seit 25 Jahren nicht mehr vor.

    Aber Mathematik- und Physiklehrer sind ja auch eher nicht die Typen, die Demonstrationen organisieren. Meist wissen sie augenscheinlich gar nicht, was für eine Rolle die Entwicklung der Naturwissenschaften innerhalb der europäischen Aufklärung gespielt hat. Ohne Rationalität gibt es nun einmal keinen Weg aus der „selbstverschuldeten Unmündigkeit“. Und Kant meinte das damals genauso, wie er es geschrieben hatte: Wenn die Möglichkeiten, sich zu bilden und zu informieren existieren, dann hat der Mensch schlicht keine Ausrede mehr, sich hinter seiner manifesten Dummheit zu verstecken. Das ist nämlich der eigentliche Humus dessen, was man heute so lax die Informationsgesellschaft nennt: Ohne Kenntnis der simplen Funktionsweisen unserer Welt bleiben alle Informationen ohne Bezug, ergeben auch keinen Sinn und schon gar keine vernünftige Handlungsmaxime.

    Und dann war Teubner 2003 auf einmal weg, hat sich zu einem Imprint des Bertelsmann-Verlages verwandelt. Und das bedeutete eben auch: Die bis dahin intensiv gepflegte Publikationstätigkeit des Verlages fand ein Ende, wichtige Reihen wurden nicht mehr fortgesetzt. Dazu gehörte auch die Reihe der „Starthilfen“.

    Jürgen Weiß, der die Edition am Gutenbergplatz Leipzig auch darum aus der Taufe gehoben hat, um die Erinnerung an den Teubner Verlag und sein international anerkanntes Wissenschaftsprogramm wachzuhalten, hat in den letzten Jahren schon eine ganze Reihe neuer Starthilfen – jetzt unter dem Label  EAGLE – herausgebracht.

    Mit der „Starthilfe Physik“ kehrt nun eine der Teubner-Starthilfen zurück an ihren Ursprungsort nach Leipzig. Werner Stolz hat sie noch einmal überarbeitet. Und jetzt bietet das Buch wieder alles, was man nach der Schulzeit eigentlich wissen sollte über Volumen und Dichte, die Hauptsätze der Wärmelehre, Beschleunigung, Trägheitsprinzip, Impulserhaltungssätze usw. Selbst Leser, die gerade kein naturwissenschaftliches Studium vorhaben, werden über lauter alte Bekannte stolpern. Ob’s gute Bekannte sind, wird jeder selbst merken, wenn er die ganzen Hauptsätze, Formeln und Beschreibungen liest.

    Aber auch dann tauchen in der Regel die alten Bilder wieder auf, all die zum Teil nicht ganz einfachen Modelle, mit denen Physiker das Funktionieren unserer Welt versuchen, greifbar zu machen und anschaulich. Denn der Mensch braucht ja Bilder. Und zwar die richtigen. Und für die wirklich Begnadeten verwandeln sich die Bilder von ganz allein in Formeln. Das ist dann freilich nicht Jedem gegeben. Aber gerade deshalb ist diese Starthilfe wohl ziemlich wichtig, spätestens dann, wenn ein Studium genau dieses theoretische und logische Denken verlangt.

    Und bei der „Starthilfe Physik“ will es Jürgen Weiß natürlich nicht belassen. „Weitere Bände werden in Leipzig folgen“, kündigt er an. Mit der unüberlesbaren Betonung: „in Leipzig“.

    Verlage verkaufen kann ja jeder, aber ein profundes wissenschaftliches Verlagsprogramm auf die Beine zu stellen, das ist die eigentliche Kunst in einer Zeit der schillernden Seifenblasen und politischen Traumtänzer ohne Ahnung vom einfachsten Funktionieren der Welt.

    Werner Stolz EAGLE-Starthilfe. Physik, 5. Auflage, Edition am Gutenbergplatz Leipzig, Leipzig 2015, 14,50 Euro.

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    1 KOMMENTAR

    1. Gerade Teubner zeichnet sich seit Jahrzehnten durch seine hochrangigen schwarz-roten Fachbücher zu Spezialthemen der Mathematik und der Physik, die „trotzdem“ stets zu niedrigen Preisen erhältlich sind.

      >Aber Mathematik- und Physiklehrer sind ja auch eher nicht die Typen, die Demonstrationen organisieren. Meist wissen sie augenscheinlich gar nicht, was für eine Rolle die Entwicklung der Naturwissenschaften innerhalb der europäischen Aufklärung gespielt hat.

      Doch, wissen sie schon, und auch nicht nur die Lehrer. Mathematiker und z.T. Physiker müssen aber die sogenannte Mehrheitsgesellschaft immer noch immer wieder um Entschuldigung bitten, warum sie ihr Fach betreiben und dafür auch noch bezahlt werden wollen.

      Mein Lieblingsbeispiel ist das Mobilfunknetz: Ohne die Mathematik der 1960er Jahre und ohne die Physik der 1950er und dabei noch von der technischen Umsetzung (etwa der Miniaturisierung) ganz abgesehen würde es kein Mobilfunknetz in dieser Sprachqualität und mit diesem massiven Datendurchsatz geben, geschweige denn ein mobiles Surfen im Internet. Hätten die früheren deutschen Regierungen ab 1870 in der Bildungspolitik so sparsam gehandelt wie es die sächsische Landesregierung seit Jahren tut, würden wir immer noch mit Bechertelefonen an gespannten Seilen telefonieren…

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