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Carl-Christan Elzes Gedichte aus einem Kosmos, in dem gar nichts sicher ist

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    Wahrscheinlich war es wirklich der Tod eines Freundes, der Carl-Christian Elze ins Grübeln brachte. Und mit dem 40. Geburtstag fiel das wohl auch irgendwie zusammen. Vorher glaubt man meistens noch felsenfest daran, dass unser Sein auf Erden unendlich sein könnte. Und dann begegnet man auf einmal dem Tod. Zuerst dem der anderen.

    Die Gedichte zum Tod des Freundes sind in Caput VII in diesem Band vertreten: „Gespräch mit einem toten Freunde“. Aber dem folgen sofort fünf Gedichte, in denen der Autor das „Gespräch mit dem Vater“ sucht. Beinah Vater-unser-Gedichte, auch wenn es der seit 11 Jahren schon in der Erde liegende Vater ist, zu dem der Sprecher ein inniges, aber auch nicht ganz einfaches Verhältnis hat. Unübersehbar das Bedürfnis, mit ihm wieder ins Gespräch zu kommen, zu erzählen, was inzwischen passiert ist, wie die Geschichte weiterging. Das kann man flapsig sagen, mit tiefster Ungläubigkeit, denn wen spricht man eigentlich an, wenn man partout nicht an die Unsterblichkeit glauben kann? „vater unter der erde, oder über der erde, oder in meinem kopf.“

    Man hat es nicht leicht, wenn man so zum Denken geboren wurde wie dieser Leipziger Dichter Elze, studierter Biologe und Germanist. Das hat er in seinen Gedichten nie verleugnen können. Naivität liegt ihm nicht. Dazu weiß er zu viel. Und weiß auch, wie schwer das manchmal auszuhalten ist, wenn man sich nicht einfach zum Trost in den Glauben an einen allesbehütenden Gott flüchten kann.

    Deswegen stehen diese Zwiegespräche mit den Toten, die man doch eigentlich in seinem Kopf mit sich herumträgt, auch nicht am Anfang dieser Sammlung mit Gedichten, die sichtlich einen ganz konkreten Zeitraum umfassen, einen, der von Suche und Selbstversicherung geprägt ist. Atemlos in vielen Passagen. Fast ist man geneigt, hier Elzes „Stundenbuch“ zu vermuten, so, wie Rilke es damals schrieb. Aber der war, als er so ins Grübeln über die Un-Geborgenheit seines Lebens geriet, zehn Jahre jünger als Elze. Auch kinderlos. Was vielleicht den Unterschied macht.

    Denn wenn man die Kinder heranwachsen sieht, erlebt man eine ganz andere Perspektive beim Blick auf dieses Da-Sein.

    Obwohl.

    Obwohl dieses Dasein ja nur ein verblüffendes Gastsspiel ist auf einem „kugelförmigen raumschiff“, das „mit einhundertsiebendtausend kilometern pro stunde“ um einen „brennenden gasball“ kreist. Als hätte der Autor beim immer tiefer Hineindenken in die frappierenden physikalischen Modelle, mit denen wir unsere Welt durchleuchten, die Dimensionen erschlagen, diese gewaltigen Zeiträume, Räume und Geschwindigkeiten, die rasenden Energiepakete, aus denen alles, wirklich alles zusammengesetzt ist. Und das nur deshalb da ist. Und deswegen permanent in Bewegung, Veränderung. Vergänglich, zwangsläufig.

    Das kann einen schon atemlos machen. „unsere mütter haben uns auf einem flughafen ausgesetzt / ohne gepäck, blutig und nackt …“

    Mal ehrlich? Das hat man bei einem Dichter so lange nicht gelesen. Die Angst schon. Zuletzt bei Julian Barnes in „Nichts, was man fürchten müsste.“

    Wo es auch so einen Satz gibt: „Ich glaube nicht an Gott, aber ich vermisse ihn!“

    So ähnlich spricht das auch Elze aus. Später, wenn er sich in immer neuen Variationen mit sich und seinem skeptischen, sarkastischen, verblüfften Leben auf Erden beschäftigt hat. Auch mit dem Anarchisten in sich, der selbst noch bei Beerdigungen seine Witze reißt. Vielleicht, weil er die Trauer nicht aushält. Gerade in intensiven Momenten der Nähe: „die angst vor dem tod vergessen, als ob man seine brille / vergisst, im zug, vertieft in ein unüberschaubar zärtliches / namenloses gesicht …“

    Das ist schon aus Caput X, der Gedichtserie „Menschen“, in der Elze im Grunde noch einmal aufnimmt, was er in Caput I mit „Von Flughäfen und Geisterbahnen“ angefangen hat. Nur versucht er jetzt zu erfassen, wie man sich so fühlt als „seltsame, wunderschöne, verkorkste spezies“.

    Auch das vergisst man ja, wenn man nicht mehr nachdenkt darüber. Und der Verdacht besteht wohl zu Recht, dass die Meisten gar nicht mehr nachdenken darüber, sondern alles tun, um sich abzulenken, mit allen Mitteln verdrängen, dass alles nur auf eines mit Sicherheit hinausläuft: „Mors certa …“

    „mit welcher selbstverständlichkeit beginnen wir tage / und lassen sie enden, mit welcher unbarmherzigkeit / nur einen staubwurf entfernt von einem sturz / der nie wieder anhält …“

    Und dabei wissend – Elze ist ja nun einmal Biologe und weiß es – dass wir eigentlich nur Datenpakete sind, gespeicherte Baupläne für weitere Individuen, die aus uns kommen und die Reihe fortsetzen in die Unendlichkeit. „jeder zellkern: ein aktenschrank / ein universales amtsgebäude, ohne beamte / keine akte, die es nicht gibt, im kern / nichts ging verloren seit anbeginn …“

    Der Wissenschaftler sieht: Das funktioniert. Ganz von allein. Das verwandelt sich ständig. Der Tod ist allgegenwärtig, das Leben ein irres Rasen durchs Weltall. Und trotzdem immer dieses Gefühl von Schuld, von Unabgegoltenem, Ungetanem. Als müssten wir für unser Dasein und Verirrtsein immerfort um Entschuldigung bitten.

    Man ahnt, wie das schon immer im Kopf dieses Dichters gesprüht und gefunkt haben muss, selbst beim Besuch auf dem Friedhof, diesem Versuch in jedem Frühling, an ein Gespräch anzuknüpfen, das nie zu Ende geführt wurde: „meine kleine bemannte raumstation / rast umher, mitten im mai / umgeben von schwebenden steinen … (…) … aber nur mein mund summt / sein hysterisches liedchen / in einem dunklen, helllichten wald.“

    Wäre nur der Titel nicht so lang und verquer. Als wollte Elze gar niemanden darauf aufmerksam machen, wie intensiv er jetzt über das Leben, den Tod und den Kosmos nachdenkt. Wie er sich fühlt – so nackt, ausgesetzt auf einem kosmischen Flughafen. Selbst bedürftig nach Zuspruch. Irgendwie immer noch Kind – aber das Kind hat nun selbst ein Kind. Ein Vater-Kind, das um das Verlorene weiß, das Aberzogene. Denn Kinder bekommen zwar alles Mögliche beigebracht in der Schule, aber vor allem wird ihre staunenswerte Gedankenwelt auf Gleichmaß getrimmt: „10-jährige hören auf mit steinen zu reden / mit ihren puppen, stofftieren und stöcken. / ihre gehirne verändern sich, unmerklich / von komplexeren, verzweigten galaxien / zu einfachen datenautobahnen …“

    Auch das eine Enttäuschung, die frustriert, wenn man über sie stolpert als Vater und Zeit-Genosse, der genau weiß, dass man über wirklich schönen, beängstigenden und faszinierenden Dinge mit kaum jemandem mehr sprechen kann, weil man nicht einmal mehr verstanden wird: „in jedem / quadratmillimeter lungern reisende / millionen ausgewachsene / müde gestalten / kinderzimmerträumende krüppel.“ Alles in Caput X, wo es um „Menschen“ geht. Da hilft dann auch keine Bergpredigt mehr, denn sie verstehen nicht, was du von ihnen willst. Sie sind beschäftigt mit all den Dingen, die sie davon abhalten, überhaupt noch wahrzunehmen, wie fragil unser aller Aufenthalt auf Erden ist.

    Und wie atemberaubend.

    Eigentlich.

    Wenn wir es nur zulassen, zu wissen, wie unser Lachen um die Sonne rast „wie wahnsinniger / glücklicher staub“.

    Dass der Bursche ein Dichter ist, haben wir schon gewusst. Dass er so einer ist, erfüllt uns mit Freude. Er hätte sein Bändchen auch guten Gewissens betiteln können mit „Gräme dich nicht“. So heißt tatsächlich ein Gedicht im Kapitel „Exerzitien“. Auch wenn es kein Trostbüchlein geworden ist und auch kein Stundenbuch. Eher ein Logbuch direkt aus einem Raumschiff, das mit atemberaubender Geschwindigkeit durch eine Welt rast, in der nichts sicher ist, nichts ewig, und trotzdem tun die Abschiede weh. Und sind nicht zu fassen. Und nicht zu begreifen.

    Selbst wenn man Frühling für Frühling auf den Friedhof geht und auf Antwort hofft. Von wem auch immer.

    Carl-Christian Elze Diese kleinen, in der Luft hängenden, bergpredigenden Gebilde, Verlagshaus Berlin, Berlin 2016, 13,90 Euro.

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