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Clemens Meyer und Claudius Nießen steigen in die Abgründe der Trash-Film-Welten hinunter – und überleben es

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    Das Buch ist ein echter Selbstversuch in Sachen Trash. Denn was soll dabei herauskommen, wenn zwei tapfere Leipziger Autoren sich über 2.000 Stunden Film-Trash antun? 91 Tage volles Programm, von Russ Meyer bis Rambo, Zombie-Filme genauso wie Surf Nazis, Chuck Norris und Steven Seagal. Es gibt ja auch im Trash jede Menge Helden. Männer mit Wumme und Frauen mit echten Kungfu-Qualitäten.

    Das Zeug muss sich in manchen Sammlungen stapeln, lag früher als DVD in diversen Videotheken oder auf Trödelmärkten herum, wurde geschmuggelt und kopiert und hat wohl auch einige angefixte DDR-Bürger gleich 1989/1990 ins große Jagdfieber versetzt.

    Ist ja nicht so, dass hinterm Eisernen Vorhang nicht ruchbar wurde, was für übles Zeug da westwärts in Massen hergestellt und vertrieben wurde, meistens ganz legal, selten indiziert, außer wenn es gar zu blutig und menschenverachtend wurde.

    Gestritten hat sich darüber niemand. Die große moralische Aufregung gab es immer nur da, wo das scheinbar ernsthafte Kino oder das noch biederere TV mal die Grenze ins etwas Laszive überschritt. Dafür lief auch dort in späten Abendstunden der reinste Trash, auch wenn er mit Hollywood-Label versehen war. Die Hüter der Moral glauben ja wirklich, dass ein aufgepapptes P18 ausreichen könnte, die Welt vor dem inszenierten Blödsinn zu bewahren. Dabei gehört der verfilmte Trash mit all seinen Gewaltorgien mittlerweile zum zentralen Kulturrepertoire des Westens. Und zwar nicht nur in B- oder C-Movies, die den größten Teil dessen ausmachen, was Meyer und Nießen sich hier in heftigen Orgien vorm Bildschirm antun – natürlich mit jeder Menge Bier (auch durchaus fragwürdige Marken darunter), Fastfood und Flips. Es ist ja eine eigene Trash-Mampf-Kultur rund ums Filmgucken entstanden. Und das Erhellende an diesem Arbeitsbuch der beiden Helden ist: Es wird deutlich, was für eine trübe Brühe eigentlich um die Grundpfeiler unserer gern gepriesenen Kultur schwabbert.

    Man denkt zwar eher nicht an das, was ein paar Lederhosenträger derzeit als strengstens zu erlernende hiesige Kultur anpreisen. Aber es berührt auch dieses Thema. Spätestens, wenn die sexgeilen Stars der Softpornos zur Sprache kommen.

    Denn der verfilmte Trash spricht ja dieselben Gelüste an wie der von Quoten besessene Schnell-Fress-Journalismus: Blut, Sex & Crime. Und in der Jagd nach Quote hat Hollywood schon lange alle Grenzen übertreten, produziert Horrorschocker genauso am laufenden Band wie filmische Gewaltepen, in denen muskelbepackte Einzelkämpfer losgehen und allerlei Feinde niedermetzeln, als wäre Töten eine Art Grundrecht der westlichen Bestie Mensch.

    Und da wundert man sich, dass sich die östlichen und südlichen Bestien genauso benehmen? Und die Grenze zwischen Fiktion und Realität blutig niederwalzen?

    Natürlich gehen die beiden Himmelhunde Meyer und Nießen die Sache nicht moralisch an, sondern tapfer. Und auch wenn sie von Schlagetots wie Chuck Norris und Steven Seagal schwärmen und sich immer wieder in heftige Diskussionen darüber verwickeln, welcher Schlagetot nun der absolut unschlagbarste ist, deutet die Titelwahl eher darauf hin, dass die beiden die ganze Sache doch mit einer heftigen Brise Ironie angegangen sind. Sie nennen sich selbst Himmelhund I und II (und man bekommt im Verlauf einiger Barbesuche auch mit, wer nun Nr. 1 und wer Nr. 2 ist). Aber natürlich haben sie ihre Nicknamen aus der Filmkomödie „Zwei Himmelhunde auf dem Weg zur Hölle“ mit Bud Spencer und Terence Hill. Und deren Filmsammlung kommt am Ende auch noch dran, obwohl diese Filme natürlich alles Mögliche sind, aber nicht unbedingt der ernstgemeinte Jubelgesang auf Selbstjustiz und blutige Rache, wie er in vielen amerikanischen Western und Kriegsfilmen gefeiert wird. Und in etlichen völlig irren B-Movies erst recht.

    Was ja nicht ausschließt, dass ausgerechnet der schlimmste Trash, in dem sich Gewalt und Sex zu völlig ungenießbaren Storys verbinden, trotzdem bei etlichen Zeitgenossen so etwas wie Kultstatus genießt. Bis hin eben zu Russ Meyer, wo die Übertreibung des Abgründigen schon in Dimensionen geht, in denen die Nähe zu Dada und Surrealismus sichtbar wird.

    Quasi die Übertreibung der westlichen Obsessionen bis hin zu Karikatur.

    Was so eigentlich auch in den meisten Trash-Filmen schon zu sehen ist, von denen die beiden in fieberhaftem Stakkato einige nacherzählen, auch wenn nicht so recht klar ist, ob sie dabei selbst schon wieder die Finesse der literarischen Übertreibung nutzen oder dicht am Stoff sind. Dazu müsste man sich den Schrott wohl selber ansehen, aber wirklich große Lust hat man dazu eigentlich nicht mehr. Auch die beiden Himmelhunde gehen mehr und mehr dazu über, die gesehenen Prügel-Schieß-Fress-Orgien nur noch summarisch einzuordnen und lieber in kleinen forsch-philosophischen Gesprächen darüber zu reden, ob man nun zu Nazi-Zombie-Filmen Führerbier trinken sollte und ob die Rangordnung auch beim Sex von Nazis eine wichtige Rolle spielt.

    So nebenbei merkt man natürlich, dass der filmische Trash, den man heute auch schon in wilden Teilen im Internet findet, irgendwie doch etwas mit den Abgründen und Tabus unserer Gesellschaft zu tun hat, dem, was verschämt immer gern versteckt und indiziert wird – aber doch nie wirklich ernsthaft entmachtet wird. Hinter der wohlanständigen Fassade des braven Bürgers versteckt sich der Liebhaber von Folterkammern, Sadismus, Faschismus und brutalstem Rassismus. Dabei verirren sich die beiden nicht nur ins Arsenal der amerikanischen Trash-Movies – es gibt auch in deutschen Landen Regisseure, die sich dem B-Movie ganz verschrieben haben, darin wohl ganz einig mit einem Publikum, das mit komplizierten Geschichten, die über das „Ich baller die alle weg“ hinausgehen, wohl überfordert wäre. Oder sich auch gar nicht erst fordern lässt. Warum mit komplizierten Gefühlen arbeiten, wenn man doch alles ganz einfach und billig machen kann?

    Das Staunen darüber, dass Meyer und Nießen sich das alles angetan haben sollen, hört wirklich nicht auf. Vor allem, weil sie den Leser in dicken Versalien mit immer neuen Filmtiteln und Namen von längst vergessenen Regisseuren und Schauspielern beschießen. Na gut, das mit den Schauspielern ist etwas zugespitzt: Die meisten Herren, die hier immer wieder zum Showdown der großen Kaliber antreten, werden ja auch andernorts immer wieder aus der Versenkung heraufgeholt und dem lesenden Publikum als unbedingt wichtiger Kult der siebziger, achtziger oder neunziger Jahre angepriesen. Es muss eine ganze Menge von Journalisten geben, die von ihren Chefs nur noch die Aufgabe gestellt bekommen, allen möglichen Müll aus der Vergangenheit wieder aufzuwärmen und als neuen oder alten oder unsterblichen „Kult“ anzupreisen, egal, ob es Autos, Schokoriegel oder eben alte Rambo-, Terminator- oder Ninja-Filme sind. Quasi eine Dauerfeier des Gehaltlosen und der inszenierten Gewalt.

    Logisch, dass die beiden Himmelhunde, die sich ein Jahr lang in diese Abgründe begeben haben, irgendwann anfangen, das gefundene Material umzuwandeln – in selbst erfundene Story-Boards, die auf gekonnte Weise zeigen, wie leicht es ist, aus den immergleichen Versatzstücken immer neue Reißer zu basteln, in denen alle brutalen Typen, die man so kennt, ihren Platz finden – ob als wilder Rächer oder abgrundböser Ganove, egal, Hauptsache, es kommt zu blutigen Gemetzeln und einem heroischen Showdown am Ende. Das hat schon was Mythisches. Und vielleicht auch nicht zu Unrecht, denn nicht nur unsere beiden klugen (und am Ende fix und fertigen) Himmelhunde sehen ja durchaus, wie sich in den aufgemotzten Action-Helden die alten, aufs Animalische reduzierten Götterbilder – etwa aus germanischen Götterwelten – wiederfinden. Da muss also so eine Art Ur-Bedürfnis stecken nach einem mythischen Schlagetot, der das ewige Böse mit allen brutalst möglichen Waffen niederringt. Und immer wieder niederringt. Und immer wieder aufersteht und wieder gegen das zurückkehrende Böse kämpfen muss, bis er selber hingemeuchelt wird, weil er am Rücken eine kleine verwundbare Stelle hat.

    Lauter Siegfriede also. Lauter tumbe Helden, die ihre Mission haben und diese Mission binnen 82 Minuten beendet haben müssen. Denn das ist dann irgendwie die optimale Länge für so einen Mordsschinken. Wer dann aber das „Kleine Videothekenalphabet“ liest, merkt, dass sich die Welt der Trash-Filme zwar in den versifften Ecken vergangener Videotheken versteckte, aber eigentlich nichts anderes ist als der vermüllte Vorhof zur offiziellen Hölle, den offiziellen Hollywood-Filmen, in denen dieselben Orgien der Gewalt gefeiert werden, ein bisschen kaschiert durch scheinbar literarische Geschichten oder eine höhere Weihe durch die Studios. Das wird hier nur zitiert. Hätten sie auch noch diesen ganzen Schrott gucken wollen – die beiden Himmelhunde wären am Ende wohl vor die Hunde gegangen.

    In diesem Alphabet findet sich auch eine hübsche, hübsch erfundene Statistik zu dem, was sie so in ihren wilden Filmnächten alles konsumiert haben wollen. Zum Nachahmen ist das Alles ganz bestimmt nicht empfohlen, auch wenn es auf seine Weise fasziniert, wie diese eigentlich eher braven Leipziger Himmelhunde sich in ihre Rollen als Trash-Konsumenten hineinsteigern, nach und nach selbst die hingerotzte Revolver-Sprache annehmen und regelrecht versinken in einem Berg von wegkonsumierten DVDs und CDs. Nur als dann auch noch die schöne Bud-Spencer-Terence-Hill-Box aufgerissen wird, kommt so ein Moment des Schmerzes auf.

    Immerhin gehören die beiden echten Himmelhunde zum stillen Lebensarsenal von Himmelhund Nr. 1. Und das merken seine Leser ja auch, wenn sie mit ihm durch die Abgründe von Leipzig streunen und dabei merken, dass auch das brave Leipzig bei Nacht so trashig sein kann wie das übelste B-Movie. Immerhin erzählen diese Filme ja von einer Welt, die nicht nur einfach irgendwo in verstaubten Videotheken steht, sondern in den Köpfen vieler Zeitgenossen jederzeit vor sich hinglüht, bereit, sich unverhofft zu öffnen und den Rambo rauszulassen, wenn’s sein muss. Da hilft nur das Gemüt eines Bud Spencer, auch wenn man nur zu gern dieser coole Terence Hill wäre, immer einen kessen Spruch parat, um sich aus verkorksten Situationen zu winden. Den Rest macht ja dann Bud mit seiner Riesenfaust.

    Ja, und was hat man nun? Eigentlich ein trashiges Buch über Trash-Filme in 19 Kapiteln, jedes Kapitel selbst wie eine cineastische Inszenierung mit Flackerlicht, Heldenmusik und da und dort auch zum Epos verdichtetem Gesang auf den einen oder anderen Helden des Bluts oder der Finsternis. Falk Teuchert hat dazu Kapitelbilder gestaltet, die selbst wieder wie echte alte  Kinoplakate wirken. Man fühlt regelrecht das Grummeln im Bauch: Gehst du da jetzt rein und lässt dich in einen Höllenrausch von Blut und Gewalt ziehen? Oder magst du doch lieber lebendige Menschen bei Sonnenschein?

    Was ja einen der obskuren Reize des verschwiemelten Trash-Kinos ausmacht.

    Aber wenn man das Buch durch hat, hat man das beruhigende Gefühl, dass man jetzt eigentlich die nächsten 30 Jahre keinen dieser Filme mehr gucken muss. Füllstand erreicht. Frost ist auch nicht mehr. Da dürften die beiden Superhelden wohl auch kein Problem mehr haben, nach dem abendlichen Prösterchen ihr richtiges Fahrrad wiederzufinden und nach Hause zu fahren und sich wieder gesundzuschlafen.

    Clemens Meyer & Claudius Nießen Zwei Himmelhunde, Voland & Quist, Dresden und Leipzig 2016, 18 Euro.

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