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Montag, 18. Januar 2021

Augusts schöne Schmuckschatulle einmal mit kyrillischen Augen betrachtet

Von Ralf Julke

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    Je beliebter die Städte, umso mehr locken sie natürlich auch Besucherscharen aus aller Welt an. Und das beliebteste Reiseziel in Sachsen ist nun einmal Dresden, diese Schmuckschatulle Augusts des Prächtigen und Kinderreichen. Logisch, dass sich da auch die beliebten Stadtführer für einen Tag lohnen - nun auch in Russisch. Denn wenn der russische Großfürst beleidigt ist, heißt das ja nicht, dass seine Landeskinder Dresden meiden.

    Denn immerhin hat das, was da in Dresden zu bestaunen ist, ja viel mit dem prächtigen St. Petersburg zu tun. Als beide barocke Schatzkistchen erbaut wurden (unter treuer Fleißarbeit der jeweils herbeibefohlenen Untertanen natürlich und großzügigem Einsatz der eingesammelten Steuertaler), agierten die russischen Zaren und die sächsischen Kurfürsten auf Augenhöhe. Außer dass die Sachsen sich in Polen erst mal eine Königskrone kaufen mussten. Im Geldausgeben war August der Prächtige wirklich gut. Und das ist heute in Dresden alles wieder in erneuerter und wiederaufgebauter Pracht zu sehen. Gute Gründe, immer noch das Bombardement im Februar 1945 zu bejammern, haben die Dresdner eigentlich nicht mehr.

    Die Semperoper wurde schon in DDR-Zeiten für prächtige Millionen wieder aufgerichtet, die Frauenkirche wurde zum Super-Projekt des 21. Jahrhunderts und das Residenzschloss wird Stück für Stück saniert. Von den – zumindest in ihrer äußeren Erscheinung – in den letzten Jahren wieder hingestellten Palästen der fürstlichen Verwandtschaft und der mächtigen Hofadligen ganz zu schweigen. Das sieht alles prächtiger aus, als es selbst zu Canalettos Zeiten mal aussah, auch wenn da und dort mal eine Brücke stört oder breite Autotrassen daran erinnern, dass auch Dresden in DDR-Zeiten mal etwas ganz anderes werden sollte, so eine Art Hoyerswerda in groß. Damit sind die sozialistischen Baumeister ja bekanntlich nicht fertig geworden, auch wenn ihre Bauklötzer jetzt ziemlich störend in der Gegend herumstehen und moderne Architekten verzweifeln, wenn sie da irgendwelche gescheiten Übergänge hinkriegen sollen, für die sie von den Kunstkritikern nicht in der Luft zerfetzt werden.

    Aber damit müssen die Dresdner fertig werden. Touristen gehen daran vorbei und steuern zielstrebig die barocken Erinnerungen an ein prächtiges Zeitalter an, es sei denn, sie lassen sich überzeugen, dass man auch den Dworez Kulturuij unbedingt bestaunen muss – immerhin ein unverkennbares Exemplar der sozialistischen Stadtgestaltung und hübsche Erinnerung daran, dass hier mal ein siegreicher Ismus auf dem Weg war irgendwohin. Schon die nächsten Schritte zeigen ja, dass August der Überwältigende sichtlich auch den Sozialismus besiegt hat. Die Paläste aus seiner Zeit sind alle viel prächtiger, schnörkeliger und beliebter. Ob der Kurlandskij Dworez, der Dworez Koselja oder gar der Korolewskij Samok.

    Vorher hat man auch noch Albertinum und Johanneum gesehen, die Kirchen, die in keinem dieser Stadtführer fehlen, obwohl man es doch gerade in Dresden so eilig hat, schnellstens den Fürstenzug (Schestwije Knjasej) und die Brühlsche Terrasse zu sehen. Kurz mal über die Elbe geschnökert und schnell zurück ins Kurfürstliche Schloss, das mit jeder Neuausgabe dieses Stadtführers immer mehr Platz einnehmen wird, je umfassender es saniert ist und je mehr zu besichtigen ist. Vielleicht sind ja deshalb die Besucherzahlen in Dresden zurückgegangen? Die Leute müssen sich zu Hause erst mal erholen von der ganzen Pracht. Das ist kein Kosthäppchen mehr, keine residenzliche Resteverwertung – das ist absolutistische Pracht in königlicher Opulenz.

    Mancher glaubt ja, dass das auch das sächsische Herz ist, das man hier besichtigen kann, diese unsterbliche Sehnsucht nach einem starken August. So wie sich das russische Herz nach einem großen Peter sehnt. Koste es, was es wolle. Obwohl es trotzdem einigermaßen burschikos klingt, wenn dieselben Begriffe, mit denen – etwa Alexej Tolstoi – das prächtige Zeitalter Peters des Großen schildert, nun auf dieses doch eher kleinmächtige Sachsenparadies der Wettiner angewendet werden. Man hat so ein zerrendes Gefühl in den Schultern, wenn die Augustusbrücke nun auf einmal zum Most Awgusta wird. Man erwartet beinah einen Panzerkreuzer am Kai zur Erinnerung an glorreiche vergangene Tage. Dabei war Dresden nie ein besonders lukratives Fleckchen für Revolutionen – Semper und Wagner mussten ja bekanntlich fliehen, als sie hier 1848 aufs falsche Pferd gesetzt haben. In Sachsen setzt man nur auf ein Pferd: das goldene auf dem Neustädter Markt, auf dem der goldene August in Feldherrenpose sitzt, obwohl er seine Schlachten alle verloren hat. (Na gut, Kalisch darf man natürlich an der Stelle nicht vergessen.)

    Aber seine Feldlager waren prächtig. Das wussten sogar die neidischen Preußen zu loben. Hochzeiten, Empfänge, Jagden – der reiche August verstand sich auf die gewaltige Inszenierung. Im Grünen Gewölbe kann man das in meisterhaften Kleinodien bewundern. Und da man auch aus St. Petersburg nicht nach Dresden reist, um nur mal einen Tag durchzurennen, gibt es natürlich auch noch die Ausflugtipps zu weiteren Samoks, Museiji, Domuij (Schiller war natürlich da, Goethe dafür nicht) und Manufakturuij. Und natürlich vergisst der kleine Stadtführer auch nicht zu erwähnen, dass das Dresdner Elbtal 2013 seinen UNESCO-Welterbetitel verloren hat. Was den Dresdnern ja bekanntlich völlig egal ist. Die Canaletto-Kulisse steht ja trotzdem wieder da – man muss nur seinen Kopf ein bisschen verdrehen und den Standpunkt ein bisschen ändern. Mit den Titeln ist es ja eh so eine Sache. Ohne Canaletto wäre wohl kein Mensch je auf die Idee gekommen, Augusts Schmuckschatulle nun ausgerechnet „Florenzija na Elbe“ zu nennen.

    Doris Mundus Dresden sa odin djen, Lehmstedt Verlag, Leipzig 2016, 4,95 Euro.

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