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In Kurt M. Simons Sci-Fi-Krimi lebt der alte Glaube wieder auf, dass die Menschheit vielleicht doch zu retten ist

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    Die Latte liegt hoch, auch wenn man sich in ein fast schon wieder unmodern gewordenes Genre traut: die Sternen-Saga. Denn dahin tendiert Kurt M. Simons „Sci-Fi-Krimi“, wie er ihn einsortiert hat - was wieder neue Maßstäbe setzt. Und eine Dystopie sollte es auch noch werden. Klassiker wie Heinlein, Asimov oder Herbert hätten daraus einen dicken 500-Seiten-Sternen-Wälzer gemacht.

    Mittlerweile tauchen die Bücher aus diesen raumfahrtbesessenen 1950er, 1960er Jahren ja wieder in den Buchhandlungen auf – neu eingewickelt, wie Zeugnisse eines verschrotteten Zeitalters. Und Fakt ist: Seit die USA und die einstige Sowjetunion ihren Wettlauf im Weltall beendet haben und die Sache eher nur noch so vor sich hindümpelt, wagt sich kaum ein SF-Autor mehr an Romane über Sternenreisen. Oder gar – wie Heinlein – an die Konstruktion ganzer besiedelter Welten.

    Man mag ja auch nicht mehr dran glauben, dass es diese zerstrittene Menschheit jemals schafft, den Planeten zu verlassen. Statt Geld in die Raumfahrt zu stecken, werden Billionen-Summen für immer neue Rüstungsprogramme aufgewendet, in Waffenarsenale versenkt, deren Zerstörungskraft so groß ist, dass nach einem Knopfdruck eigentlich nichts mehr von menschlicher Zivilisation übrig bleibt. Und die Sternengenerale, die mit dummem Blick in die Kameras behaupten, man müsse der Sicherheit halber wieder die Rüstungsetats erhöhen und die potenziellen Gegner erschrecken, sind ja alle wieder da.

    Da hat ein kleines Kapitel Entspannungspolitik einfach nicht gereicht, was draus zu lernen.

    Und so ist das Grundszenario, das Simon wählt, erst mal so plausibel wie oft durchgespielt: Ein Idiot hat auf den roten Knopf gedrückt, die irdische Zivilisation ist in einem Feuerinferno untergegangen. Übrig blieb nur noch eine nicht von Atomexplosionen zersiebte Insel in Afrika, dem Kontinent, der eher nicht Zielgebiet der modernen Atomsprengköpfe ist. Und Simon ist ganz mutig: Er zeichnet das Bild einer Zivilisation, die sich selbst wieder am Schopf aus der Patsche gezogen hat, nicht nur in Afrika eine Insel des Überlebens geschaffen hat, sondern auch den Sprung auf den Mars geschafft hat und – über eine dieser legendären Einstein-Rosen-Brücken, die die SF noch in den 1980er Jahren in Begeisterung versetzt haben – den Sprung auf einen Planeten in einem anderen Sternensystem, Artemis mit Namen. Ausführlich schildert Simon, wie diese Menschen der Zukunft nach dem Tag X neue Regeln für ihr Zusammenleben aufgestellt haben in der Hoffnung, damit die Fehler der Vergangenheit vermeiden zu können.

    So betrachtet: Ein hochaktuelles Buch. Man kann ja direkt zuschauen, wie lauter Typen mit defekter Sozialisation und der Gier nach Geld, Macht und Ruhm gerade Gesellschaften zum Brodeln bringen und politische Entscheidungen ins Rollen, die die wenigen so schwer errungenen Schutzschilde gegen die nationalistischen Katastrophen des letzten Jahrhunderts wieder demolieren. Als steckte in den Menschen – auch dann, wenn sie in einer Demokratie leben dürfen – ein unbändiger Zerstörungstrieb, als würden sie alle in ihrer Lebenszeit erleben wollen, wie das ist, wenn man einfach mal alles auf die Spitze treibt.

    Natürlich funktioniert das so einfach nicht, obwohl die medialen Verstärker heute ziemlich einhellig dafür sorgen, jenen Erfolg zu verschaffen, die am lautesten, rücksichtslosesten und egoistischsten agieren.

    Und wahrscheinlich ist es wirklich so, wie Simon versucht, anhand der Ereignisse auf Artemis zu schildern, dass Menschen, die Macht über andere haben wollen, immer Wege dazu finden. Und wenn es nicht der schnelle Weg ist, dann ist es der langsame über die lange Okkupation der Macht durch einflussreiche Familien, denen es auch egal ist, ob ihre Kandidaten für die mächtigen Ämter nun verantwortliche Leute oder ausgebuffte Verbrecher sind. Dieses Artemis erinnert ein wenig an die großen Familien des italienischen Mittelalters, die so mächtig waren, dass niemand es wagte, sich mit ihnen anzulegen. Sie haben auch Justiz und Polizei infiltriert. Und bei Simon geht diese Geschichte am Ende nur deshalb gut aus, weil es jenseits der regionalen Polizei – zu der sich seine Heldin Yasemin versetzen lässt – noch eine Cosmopolizei gibt, die augenscheinlich über Möglichkeiten verfügt, die tatsächlich auch die Macht auf Artemis übersteigen.

    Yasemin ist Polizistin und steigt auch deshalb in den Fall ein, weil sie mit dem frisch gewählten Gouverneur von Artemis noch ein Hühnchen zu rupfen hat. Dabei gerät nicht nur sie selbst in Gefahr, die Jagd nach einem mutmaßlichen Pädophilenring endet auch für einige Polizisten tödlich.

    Es geht also noch hübsch durcheinander. Gerade weil Kurt M. Simon augenscheinlich zu viel auf einmal will. Immerhin hat sich auch das Thema einer ganz und gar digitalisierten Welt ins Buch geschummelt, in der der Einzelne eigentlich nur existiert, wenn er auch als digitaler (Staats-)Bürger registriert (und damit jederzeit überwacht) ist. Ein Thema, das von William Gibson schon viel genauer, atmosphärischer und auch konsequenter erzählt wurde. Dystopischer sowieso, weil er sich ganz auf diese unsere heutige Welt eingelassen hat und die enorme Machtgier thematisiert hat, die eben nicht nur Politiker und Geheimdienste haben, sondern auch riesige Konzerne, die aus den Daten der Menschen ihr Geschäft machen. Die dadurch aber eben auch zu einem enormen Moloch einer durch nichts legitimierten Macht werden. Denn wer die Daten hat, bestimmt über Wohl und Wehe der einzelnen Menschen.

    Eigentlich ist auch Simons Welt so durchdigitalisiert. Doch irgendwie ist er mit den Handlungsmustern der frühen „Raumkadetten“-Romane von Asimov aufgewachsen. Da siegt nun einmal am Ende die gute Seite. Daran glaubten auch die SF-Autoren der goldenen Ära mit aller Kraft, wenn man mal von den unverbesserlichen Pessimisten absieht – Leuten wie Vonnegut oder Bradbury, die die menschliche (vielleicht auch eher die amerikanische) Zivilisation rettungslos der Selbstzerstörung ausgesetzt sahen, dem Agieren von männlichen Großmäulern, die irgendwie immer den festen Willen haben, sich zu Diktatoren aufzuschwingen und dem Rest der Welt mit einem Druck auf den Knopf zu zeigen, wo der Hammer hängt.

    Da bleibt natürlich kein großer Glaube mehr daran, dass die möglichen „Weltpolizisten“ am Ende tatsächlich die weißen Ritter sind, die die Welt retten. Auch wenn die Botschaft so vertraut wirkt. Der Leipziger SF-Autor Timo Hemmann nutzt sie ja als Generallinie all seiner Romane: Wer Kinder rettet aus den Finsternissen von durchgeknallten Systemen oder Verbrechern, der rettet eigentlich die Welt. Zumindest für den Moment. Denn für gewöhnlich kann ein Teil des Bösen immer entwischen. Und ganz so sieht es auch hier aus: Die Sache geht gut aus, der Sonnenuntergang ist prächtig. Aber von den mächtigen, beim Tricksen erwischten Familien sind etliche entflohen auf einer Armada von Raumschiffen, in wildem Zickzack-Kurs, so dass sie am Ende nicht mehr verfolgt werden konnten. Stoff genug also für die nächste dramatische Geschichte. Denn solange das Böse in der Welt ist, wird es immer neue Rettet-die-Welt-Geschichten geben.

    Kurt M. Simon Sternenstaub, Einbuch Buch- und Literaturverlag, Leipzig 2016, 13,40 Euro.

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