Es ist ein Rätsel, oder? Ein Wunder? Eine Weihnachtsüberraschung? So alle fünf Jahre beginnt ja immer wieder das große Rätselraten über den Hebst 1989 und über die Frage: War es nun eine Revolution? Ein Zusammenbruch? Eine Wende? Oder irgendetwas anderes? Und welche Rolle spielten eigentlich die Bürger? Das wollte die Kulturwissenschaftlerin Susan Baumgartl 2009 mal herausbekommen.

Ihr Forschungsschwerpunkt sind Erinnerungskultur und Diktaturaufarbeitung. Heute leitet die in Leipzig promovierte Wissenschaftlerin die Gedenkstätte Deutsche Teilung Marienborn. Das Material in diesem Buch ist sämtlich um das 20-jährige Jubiläum der Friedlichen Revolution 2009 entstanden, als die Medienkanäle wieder in einer Dauerschleife über den Herbst 1989 berichteten, das Unrechtssystem der SED, Opfer, Täter, Zeitenwende – und da und dort auch über die Folgen, denn am Ende kam ja auch bei dieser Revolution etwas völlig anderes heraus, als die frühen Protagonisten erwartet hatten.

Deswegen fällt auch in dieser Analyse da und dort das Wort von der gestohlenen Revolution, ganz am Ende auch von der „gewendeten“ oder „abgewählten“ Revolution. Befragt hat Susan Baumgartl damals mehrere Gruppen von Leipzigern verschiedener Altersstufen – oder besser: Zu Gesprächen eingeladen, in denen die persönliche Sicht auf den Herbst 1989 unter Menschen erkundet werden sollte, die als Gruppe miteinander vertraut sind, also auch bereit sind, sich im Gespräch zu öffnen. Die Moderatorin hielt sich so weit wie möglich zurück. Und bekam natürlich trotzdem Einblicke, wie sie die offiziellen Jubelarien in dieser Vielfalt meist nicht bringen.

Mainstream-Medien und Jubelkantaten-Verfasser neigen nun einmal dazu, die Dinge zu simplifizieren und nur noch schwarz und weiß zu betrachten. Möglich, dass das 2009 auch bei vielen Beteiligten zu diesem Effekt des Genervtseins führte. Denn wenn sich die Deutungsmacht anderer Leute derart allmächtig über die eigene Erinnerung wälzt und Geschichte zu einem ungenießbaren Brei macht, dann verstärkt sich auch wieder das Gefühl – das in mehreren Kapiteln des Buches angesprochen wird – dass „die da oben“ die Sache okkupiert haben und nun wieder „denen da unten“ erzählen, wie alles gewesen war und wie man es zu sehen hätte.

Das war 2009 in Leipzig auch deshalb markant, weil eine Reihe politischer Akteure der Stadt unbedingt ein 6 Millionen Euro teures Freiheits- und Einheitsdenkmal verpassen wollten.

Und es verblüfft schon, wenn die meisten der von Baumgartl Befragten deutlich ihren Unmut äußerten über diese neue von oben verordnete Gedenkkultur mit einem mehr als schwammigen Inhalt. Gerade in Leipzig, wo es nun wahrlich genug markante Orte gibt, an denen man den Aufbruch von 1989 und die Friedliche Revolution erleben kann.

Da es in den Gesprächsgruppen um Vertrauen ging, hat Susan Baumgartl natürlich Gruppen in ihrem näheren und weiteren Umfeld angesprochen, am Ende über die Volkssolidarität gleich mehrere ältere Gruppen zusammenbekommen, so dass sie im Grunde von der Obdachlosengruppe (es waren eben nicht alle Wendegewinner) über die sportliche Seniorengruppe und kirchennahe Gruppen bis hin zu Freiberuflern und Alternativen eine ganze Menge Facetten zu diesem Herbst 1989 zusammenbekam. Manche Gruppen fehlen natürlich. Aber wer da wirklich einmal eine Vollständigkeit haben wollte, der müsste auch wirklich ein gut finanziertes wissenschaftliches Projekt draus machen.

Da und dort klingt natürlich auch an, wie die in diesen Gesprächen nicht Vertretenen mit diesem Umbruch umgingen – die Staats- und Mandatsträger zum Beispiel. Ein alter NVA-Offizier und überzeugter Kommunist wird mehrfach reflektiert. Eher nur wie ein Echo werden vor allem all jene benannt, die nach dem 9. November nicht nur feiernd den Westen stürmten, sondern auch auf den Montagsdemonstrationen den Weg zur deutschen Vereinigung forcierten („Deutschland, einig Vaterland“). Da sind sich die Meisten in diesen Gesprächsgruppen einig, dass die Maueröffnung am 9. November eine Zäsur war und der Entwicklung und den Demonstrationen im ganzen Land einen neuen Schwerpunkt und eine neue Richtung gab.

Wobei gerade bei den Aktiveren, die auch am 9. Oktober oder sogar schon davor zu den Leipziger Demonstrationen gingen, die Ratlosigkeit anklingt, warum es zu diesem Bruch kam, wie aus dem landesweit geäußerten Wunsch, die DDR zu reformieren, quasi über Nacht der zunehmende Druck wurde, die deutsche  Einheit schnellstmöglich herzustellen. Und so manch Gesprächsteilnehmer zeigte sich überzeugt, dass die vor allem westdeutschen Politiker das Steuer in der Hand hatten, aber auch die Vermutung taucht auf, die Mächtigen der alten SED-Führung hätten das Ganze eingefädelt. Quasi um sich dem Zorn ihres Volkes zu entziehen.

Aber es wird auch deutlich, dass die Schwäche der Bürgerbewegung auch darin bestand, dass sie keine klaren Ziele hatte, was dann eigentlich entstehen sollte, wenn man die SED entmachtet hatte. Andererseits wird auch deutlich, dass ein Spruch sich auf vehemente Weise verwirklicht hat, der zuvor eher ein gern benutztes Bild war: Die DDR-Bürger haben mit den Füßen abgestimmt.

Und zwar mehrfach. Auch am 9. Oktober, als trotz aller Panikmache der staatlichen Instanzen 100.000 Menschen in Leipzig demonstrierten. Eigentlich eine Minderheit, stellt Baumgartl fest. Aber groß genug, die staatlichen Machtträger an diesem Tag hilflos zu machen und deutlich zu machen, wie handlungsunfähig die Regierenden schon geworden waren. Dass sie unfähig zum Dialog waren, hatten sie ja vorher schon gezeigt. In fast jeder Gruppe wird ausführlich benannt, wie sich schon in den Jahren vor dem Herbst 1989 die Lethargie, die Hoffnungslosigkeit und die Frustration breit machten. Die Wirtschaft zeigte deutliche Verschleißerscheinungen, die Versorgungslage spitzte sich zu und immer mehr Menschen begegneten einer zunehmend starreren staatlichen Gängelei. Das waren ja die Auslöser für die in den 1980er Jahren anschwellende Zahl der Ausreiseanträge. Ungarn und Prag zeigten ja im Sommer 1989 nur, wie viel sich da längst aufgestaut hatte und sich in einer Massen-Flucht-Bewegung artikulierte.

Aber es gab eben auch die anderen „Massen“, die sich von einer betonierten Machtpolitik nicht mehr das Leben und die Zukunft verbauen lassen wollten. Die Mutigsten aus dieser Gruppe hatten sich seit Beginn der 1980er Jahre als Bürgerrechtler engagiert. Doch spätestens ab Januar 1989 wurde deutlich, dass es immer mehr wurden und dass die Funktionäre immer ratloser auf das Phänomen reagierten.

Der 9. Oktober erweist sich da natürlich – genauso wie später der 9. November – als Scharnier: Hier waren erstmals so Viele unterwegs, dass unübersehbar die Systemfrage gestellt wurde. Und nicht nur die Älteren in den befragten Gruppen haben ein schlechtes Gewissen, wenn sie zu erklären versuchen, warum sie am 9. Oktober nicht dabei waren.

Und so ganz beiläufig lernt man dabei, was eigentlich diesen besonderen Leipziger Moment ausgemacht hat. Natürlich ging es um Mut. Manchmal auch um Trotz, denn einige der Gesprächsteilnehmer erinnern sich, dass sie gerade deshalb hingingen, weil die Gerüchte waberten und die Innenstadt mit den Bereitschaftsfahrzeugen der Kampfgruppen und der Polizei vollgestellt war. Ein echter sächsischer „Nu grade!“-Moment. Es schält sich eine Facette heraus, die immer wieder unter den Tisch fällt, wenn Medien heute diesen 9. Oktober inszenieren: Wie sich die Funktionäre des „ersten deutschen Arbeiter-und-Bauern-Staates“ in diesen Oktobertagen mit allem, was sie taten, endgültig unglaubwürdig machten und ihr „Volk“ mit Gesten der Arroganz und der Drohung regelrecht vor den Kopf stießen.

In den Gesprächen klingt da und dort gerade bei den Älteren an, wie sie sich mit ihrer Arbeit in der DDR identifizierten – und wie entsetzt sie waren, als ihre Betriebe ab 1990 verscherbelt, verkauft, ausgeweidet wurden. Und dabei waren immer wieder ein paar alte Funktionäre diejenigen, die beim Ausverkauf auf einmal die großen Gewinner waren und Posten und Filetstückchen absahnten.

Natürlich werden die Erlebnisse der Befragten komplexer, wenn man die Zeit vor und nach 1989 mit anspricht. Aber gerade das macht deutlicher, dass auch die Beziehungen zum Herbst 1989 deutlich komplexer sind, als meist erzählt wird. Die Motive, warum die Befragten mitmachten oder nicht mitmachten, ihre Ängste, Sorgen, eigenen Beurteilungen werden sichtbar. Natürlich auch ihre Hoffnungen und Erwartungen – und die Zeit zwischen dem 9. Oktober 1989 und dem März 1990 war aufgeladen mit Erwartungen. Viele erlebten diese wenigen Monate als eine Zeit der großen Freiheit, selbst das Wort Anarchie fällt. Obwohl gerade mit den Märzwahlen die meisten Wähler wieder genau das bestellten, was sie gewohnt waren und wollten – nicht die „Banane“, wie es in einigen Gesprächsgruppen immer wieder zitiert wird. Sondern klare, geregelte Verhältnisse.

Denn tatsächlich ähnelte das Jahr 1990 in vielen Belangen dem Jahr 1849, als die Deutschen schon einmal eine Revolution schnellstmöglich wieder abwickelten und „geordnete Zustände“ wünschten. Je länger das Jahr 1989 her ist, umso deutlicher wird, dass es zwar in Hinblick auf die Entmachtung der SED so eine Art Revolution war, aber im großen bundesdeutschen Ganzen doch wieder so eine Art „Rückkehr zu normalen Verhältnissen“. Für die Ostdeutschen (und auch viele der Gesprächsteilnehmer) meist eine existenziell heftige Schütteltour. Logisch, dass der Herbst 1989 auch durch die nachfolgenden Lebenserfahrungen gefärbt wirkt. Aber nicht allzu sehr. Denn gerade weil die Beteiligten in einem geschützten Raum miteinander reden, können sie sich der eigenen Erinnerungen gegenseitig immer neu versichern, können Interpretationen überprüfen, in die Geschichten der Anderen einsteigen – oder auch nicht.

Susan Baumgartl macht gerade an diesem Übergang ein großes Konfliktpotenzial aus. Das demonstrierende Volk war nun mal kein homogener Block, die Interessenlagen waren höchst unterschiedlich, die Erwartungen an das, was draus werden sollte, ebenfalls. Was ja dann in der Phase vor den Wahlen im März so richtig sichtbar wurde.

Eines aber wird deutlich: Wie sehr dieser 1989er Herbst für viele der Beteiligten zum Aufbruch wurde. Es sind individuelle Schicksale, die hier sichtbar werden und die fast alle in ein Grundmotiv münden: Dem Weg aus einem „kollektiven Unbehagen“, das im Grunde alle schon weit vor dem Sommer 1989 verspürten, hin zum „eigenen Aufbruch“. Gerade jene Gesprächsteilnehmer, die den Moment nutzten, um ihr Leben in die eigenen Hände zu nehmen, bewerten den Umbruch vor allem als positives Erlebnis. Was nicht ausschließt, dass andere, die damit scheiterten, auch in der Gegenwart wieder Bevormundung und Ausgrenzung wahrnehmen und auch 2009 schon geneigt waren, die Zustände mit jenen vor 1989 zu vergleichen.

Da ahnt man dann, warum die Befragten von einem Denkmal für diesen historischen Moment 2009 nicht viel hielten und lieber eine lebendige Erinnerungskultur befürworteten. Und es wird das Manko deutlich, das gerade jene äußerten, die den Oktober 1989 als einzigartige Chance empfunden hatten. In der Zusammenfassung von Susan Baumgartl klingt das so: „Damit verdichtet sich die Erinnerung an die kurze Phase vor der Maueröffnung zu einem Moment, das, ex negativo, all das bündelt, was in der Folgezeit als fehlend oder abhanden gekommen betrachtet wird: gleiche Lebenschancen, das Gefühl von Handlungssouveränität und persönlicher Integrität.“

Das kurze Fazit: Die eine, „richtige“ Erinnerung an die Friedliche Revolution gibt es nicht. Erst die Vielzahl individueller Sichtweisen ergeben das facetten- und auch konfliktreiche Bild eines ganz besonderen Herbstes.

Susan Baumgartl Der eigene Aufbruch, Leipziger Universitätsverlag, Leipzig 2016, 21,50 Euro.

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