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Die geheimnisvolle Droge Mova und das Menschbleiben in Zeiten eisiger Autokraten

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    2014 brachte Voland & Quist das Kunststück fertig, Viktor Martinowitschs Roman „Paranoia“ auf den deutschen Markt zu bringen und damit einen Autoren bekannt zu machen, der mehr erzählt als nur über die seltsamen Verhältnisse in seinem Geburtsland Belarus. Dort ist „Paranoia“ seit 2014 inoffiziell verboten. Und auch „Mova“ erzählt von diesem Land. Aber auch von einer Sprache, die eine Droge sein kann.

    Erschienen ist „Mova“ im belorussischen Original übrigens wieder in Minsk. Die heutigen autoritären Staaten arbeiten durchaus subtiler als die alten, hölzernen Diktaturen des 20. Jahrhunderts. Alles wirkt ein bisschen demokratischer, offener und geschmeidiger. Auch wenn auf den Hochhäusern die alten Kampflosungen leuchten und die großen staatlichen Polizeiapparate nach wie vor in ihren Trutzburgen sitzen und „ihre Arbeit“ machen. So wie die Überwachungsbehörde im von Martinowitsch gezeichneten Minsk der Zukunft, die den Besitz von Mova verfolgt, einer Droge, die eigentlich nichts mit den altbekannten Drogen zu tun hat, die allesamt zugelassen sind in dieser gar nicht so unvertrauten Zukunft. Mova, das sind kleine Texthäppchen, die gehandelt werden wie Stuff und die beim Lesen „zünden“ und echte Rauschzustände auslösen.

    Warum das so ist, weiß auch Dealer Serjosha nicht, der die Briefchen über die streng bewachte Grenze zwischen Polen und Weißrussland schmuggelt. Polen gehört zur längst verarmten EU, Weißrussland ist irgendwie Teil der riesigen chinesisch-russischen Föderation geworden. In Minsk haben die Chinesen ein ganz verschachteltes Chinatown errichtet und den Handel mit „Mova“ kontrollieren scheinbar allmächtige chinesische Triaden. Aber nur in diesem einstigen Belorussland hat „Mova“ die Wirkung einer Droge.

    Was natürlich auch beim Leser die Phantasie anregt. Denn bevor Serjosha mit den Triaden in Kontakt kommt und erfährt, worum es bei Mova wirklich geht, begegnet man ja einem Spielfeld, das einem nur zu vertraut ist, wenn man Bradburys „Fahrenheit 451“, Orwells „1984“ und Huxleys „Schöne neue Welt“ gelesen hat. Man hat es mit einem allgegenwärtigen Überwachungsapparat zu tun, einer Jagd auf (verbotene) Bücher, einer Dauerberieselung durch ein niveauloses Staatsfernsehen und einer Stimmung, die längst in Gleichgültigkeit abgekippt ist. Denn wenn Denken, Phantasie und gute Literatur verboten sind, dann verwandeln sich Menschen in oberflächliche Gestalten wie Serjoshas Sexgefährtin Irka, die für guten Sex immer zu haben ist – aber die beim kleinsten Moment von Gefühl aus der Haut fährt und flüchtet.

    Wenn man am Ende des Buches, nachdem die Geschichte für die liebenswertesten Helden schlicht tragisch ausgegangen ist, zurückdenkt, darf man wohl zu Recht den Verdacht haben, dass Martinowitsch durchaus unterschiedliche Erzählstränge angedacht hatte, jeder für sich die Garantie, in eine furiose Dystopie und einen blutigen Showdown zu münden. Was er ja nicht mal erfinden muss. Die autoritären Regierungen von heute haben diese Radikalität ja alle in sich. Und seit diese Autokraten wissen, dass jeder menschliche Widerstand allein bleiben wird und auch keine Hilfe mehr aus dem so glorreich siegenden Westen kommen wird, sind diese autoritären Männer noch viel rücksichtsloser geworden. Die Geschichte könnte also auch die Geschichte einer hilflos in autoritäre Finsternis abgerutschten Welt sein, in der die kleinen Textfragmente von einer Vergangenheit erzählen, als Gedanken tatsächlich noch frei waren und Schriftsteller den Mut hatten, echte Emotionen in zündende Texte zu verwandeln.

    Wer noch liest heutzutage, weiß, welche Klüfte auch heute schon zwischen dem liegen, was man in der medialen Öffentlichkeit als Inhalt erfährt, und was in den guten Büchern zu finden ist. Und der weiß auch, dass so etwas eine Gesellschaft verändert. Denn die Mehrheit liest ja nicht – auf jeden Fall nichts Anspruchsvolles mehr. Sie konsumiert das Leichte, Seichte und Werbewirksame. Und die Angriffe der Hardliner aus dem erzkonservativen Lager sind ja überdeutlich. Im Grunde hassen sie nicht nur die viel zu kritische Presse, sondern alle ehrliche und tiefgründige Literatur. Bradbury und Vonnegut haben schon viel früher erkannt, wie bildungsfeindlich tatsächlich die konservativen Eliten sind.

    Und eigentlich leben wir in einer Zeit, in der sich die autoritären Streber des Westens immer mehr den autoritären Besserwissern des Ostens annähern. Ein Herz und ein Verstand, könnte man sagen. Und derselbe Rochus auf „die Intellektuellen“. Oder – um mal die alte Schleife zu zitieren, die garantiert wieder kommt – „die Literaten“. Bulgakow lässt grüßen. Der war zwar Ukrainer. Aber nicht zufällig rutscht auch ein ukrainisches Textfragment in Martinowitschs Roman, den Thomas Weiler aus dem Belorussischen ins Deutsche übersetzt hat. Was selbst fast eine literaturwissenschaftliche Arbeit war, denn die belorussischen Klassiker, aus denen zitiert wird, liegen allesamt noch nicht auf Deutsch vor.

    Natürlich geht es am Ende um das Belorussische, das neben dem Russischen in Belarus Amtssprache ist, trotzdem aber einen schweren Stand hat, wie Weiler betont. Denn Russisch ist ja nun einmal die Sprache des übermächtigen Nachbarn. Und Belorussland geht es im Grunde ganz ähnlich wie Polen oder den baltischen Staaten: Den größten Teil seiner Geschichte war es von fremden Mächten besetzt, war es schwer, eine eigene Nationalliteratur zu entwickeln. Die man aber braucht, wenn man auch den Reichtum der eigenen Sprache bewahren will. Und Sprache ist eben mehr als nur ein verschnörkeltes Alphabet und ein Kanon von Phrasen und grammatikalischen Regeln. Das wird eben leider auch in deutschen Schulen nicht erzählt. Aber gute Schriftsteller wissen es – und mit der aktuellen Luther-Renaissance wird es auch anderen Leuten wieder bewusster: Sprache ist auch ein riesiges Reservoir für Emotionen, lebendige Bilder, Wendungen, die einfach schon durch ihr Aussprechen eine frappierende Wirkung entfalten können.

    Nicht unbedingt so heftig wie bei dem Junkie in Martinowitschs Roman, aber doch ganz ähnlich. Leser wissen es, was wirklich gute Autorinnen und Autoren im Kopf des Lesenden auslösen, wenn sie wirklich bewegende Bilder, Szenen und Landschaften erzeugen. Beschreiben wäre wirklich zu schwach als Wort an dieser Stelle. Solche Texte lösen ein Feuerwerk der Emotionen aus. Und sie zeigen etwas, was die Berieselung unserer Zeit gern fortspülen möchte: worum es beim Menschsein eigentlich geht, was wichtig ist, was uns wirklich ausmacht. Deswegen war Literatur immer wieder subversiv – nicht weil sie politisch war, sondern weil sie das wirklich Menschliche erzählte, das, was die Kontrollversessenen in den Apparaten immer versucht haben auszumerzen. Denn phantasievolle, fühlende Menschen konnten sie nie gebrauchen, immer nur Rädchen, Mitläufer, Dulder und Angepasste.

    Sage keiner, das wäre nur in autoritären Diktaturen so. Die kommen mit dem bunten Schmand der Werbung und des oberflächlichen Konsums bestens zurecht. „Der Markt“ kennt keine Menschen, der braucht nur gedankenlose Konsumenten. Menschen wie diese Irka, bei der man nicht wirklich weiß, was Serjosha an dieser eisigen Schönen eigentlich findet. Na gut, man erfährt später, dass er auch das mit den Frauen erst einmal begreifen musste. Denn wenn scheinbar die ganze Stadt im besten Fall nur solche Irkas zu bieten hat, dann hat man ein echtes Problem. Dann werden selbst persönliche Begegnungen zu einem gefährlichen Unterfangen. Nicht nur, weil die Irkas einen ganz schnell bei der Überwachungsbehörde verpfeifen könnten, sondern weil augenscheinlich das Beste und Wichtigste geradezu kriminell erscheint: menschliche Nähe, Vertrauen, Gefühl. Logisch, dass Serjoshas Welt eine der einsamen Singles ist – ohne Kinder.

    Es sind tatsächlich mehrere Optionen, die diese Geschichte in sich trägt. Eine verweist hier ganz sichtlich auf die emotionalen Probleme unserer westlichen Welt, die längst aus den Augen verloren hat, worum es im Menschsein eigentlich geht. Liebe, Nähe und Vertrauen werden aufgefressen vom „Markt“, werden bilanziert und bewertet – und was nicht vermarktbar ist, wird aussortiert. Auch deshalb tun sich unsere westlichen Politiker so schwer, den Zumutungen der eisigen Autokraten auch nur ansatzweise ein ehrliches Nein entgegenzusetzen.

    Serjosha weiß am Ende, dass das Eigentliche nicht verhandelbar ist. Aber er weiß auch, dass man sich damit verletzlich macht – und damit eigentlich auch ausliefert. Viktor Martinowitsch hat sich am Ende auf den zentralen Erzählstrang konzentriert, die Liebe zu seiner Sprache. Mova heißt ja auch im Belorussischen Sprache. Und Sprache ist nun einmal die Seele einer Kultur. Und auch die „kleineren“ Sprachen bewahren einen Schatz an Bildern, Emotionen und Erfahrungen, die sich meist gar nicht oder nur mit Behelfsmitteln in andere Sprachen übersetzen lassen.

    Es scheint am Ende zwar eine dystopische Geschichte über ein kleines, autokratisches Land mit seiner gefährdeten Sprache da drüben im Osten zu sein. Aber irgendwie wird man das Gefühl nicht los, dass es in dem so ärmlich geschilderten Europa diesseits der Chinesischen Mauer irgendwie genauso schiefgegangen sein muss. Denn bevor Völker ihre Zukunft verlieren, verlieren sie den Zugang zu ihrer Sprache. Und die ist mehr als das, was einem grimmige Kultusministerkonferenzen versuchen weiszumachen.

    Viktor Martinowitsch Mova, Voland & Quist, Dresden und Leipzig 2016, 25 Euro.

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