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Wie Leipzigs Bürgertum sich im 19. Jahrhundert seinen Klassiker-Kanon im Stadtbild schuf

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    Band 3 der „Schriften des Leipziger Geschichtsvereins“ ist schmal und voller Fotos. In einer Rede zum Tag der Stadtgeschichte im November 2015 hat sich Manfred Rudersdorf mal auf den Weg gemacht und die Leipziger Innenstadt besichtigt, genauer: ihre Denkmäler. Die stehen ja nicht ohne Grund da. Die Leipziger wollten mit ihnen auch nicht nur ein Zeichen setzen, sie erinnern auch an wichtige Männer.

    Rudersdorf unterrichtet Geschichte der Frühen Neuzeit an der Uni Leipzig. Das ist ungefähr dieselbe Epoche, die jetzt im Band 2 der Leipziger Stadtgeschichte dargestellt ist – vom Beginn des 16. bis zum Beginn des 19. Jahrhunderts. Die Epoche ist auch mit einigen Bauwerken in Leipzig präsent. Aber Rudersdorf ging es um die Denkmäler dieser Zeit, am Ende eigentlich sogar nur die Denkmäler der 2. Hälfte des 19. Jahrhunderts, die aber wichtige Personen aus dieser Geschichtsepoche darstellen. Einige sind auch nicht mehr da. Und das findet nicht nur Rudersdorf verstörend. Denn wenn man sich mit der Geschichte dieser Denkmale beschäftigt, dann merkt man, wie wichtig sie der Stadtgesellschaft waren bei der Suche nach einer eigenen Identität.

    Man setzte zwar auch Denkmäler, um historische Ereignisse mit einer Menge Pathos festzupflocken. Dafür steht das Völkerschlachtdenkmal, dafür stand aber auch das protzige Siegesdenkmal, das bis 1945 den Marktplatz dominierte. Aber genau die Zeit, in der die Denkmäler aufgestellt wurden, war auch eine Zeit der Kanonisierung: Ein ganzes Land versuchte, eine passende Identität für sich zu finden, nachdem 1871 – mit 60-jähriger Verspätung – endlich die schlimmsten Auswüchse der Kleinstaaterei beseitigt waren. Das passierte auf verschiedenen Ebenen.

    Die schlimmste war die nationale, die mit Bismarcks Reichsgründung immer schon eine ins Preußische und Militärische verbogene war. Dafür stand das martialische Siegesdenkmal auf dem Markt. Aber es gab daneben immer auch ein geistiges Leipzig, das sich vor allem über kulturelle Vorläufer definierte. Auch das ging damals mit der Kanonisierung diverser Klassiker auf gesamtdeutscher Ebene einher. Goethe und Schiller als unzertrennliches Dioskurenpaar sind praktisch aus keiner deutschen Stadt wegzudenken. Wobei Rudersdorf zu Recht anmerkt, dass alle beide – plus den ebenso oft missverstandenen Heine – mit dem ganzen deutschen Nationaltaumel nichts hätten anfangen können. Dazu waren sie alle drei viel zu sehr Weltbürger.

    Was bis heute verblüfft: Wie konnte ein so vom Nationalstolz besoffenes Volk ausgerechnet diese drei Dichter zu ihren beliebtesten Klassikern machen? Wobei auch noch einer zu erwähnen ist, der eigentlich genauso oft beschworen wurde (und am Denkmal für Friedrich II. in Berlin unterm Hintern des Pferdes auftaucht): Lessing.

    Die zu Klassikern Erkorenen erzählten von einer Weltoffenheit, Freiheitsliebe, von Toleranz und Geistesfreiheit, die mit dem obrigkeitlich gedachten deutschen Reich nichts zu tun hatten. Es ist also eigentlich ein Widerspruch, den sich die Leipziger da in Denkmalform hinstellten – mit starkem Lokalbezug. Aber das lässt ja diese Bezugnahme nicht undeutlicher werden. Erst recht, wenn man sieht, dass der Goethe auf dem Naschmarkt eben kein starrer Klassiker ist, sondern ein munter im Werther-Kostüm daherspazierender Student mit zwei angehimmelten jungen Frauen am Sockel. Und man erfährt auch, dass der Schiller in Leipzig für die Welle der Schiller-Denkmäler sehr spät kam – zu einer Zeit, als die Schillerbegeisterung in Deutschland (bei der man meistens den Wilhelm-Tell-Schiller feierte) schon abflaute. Weshalb die Leipziger ein besonderes, fast expressives Schillerdenkmal bekamen. Und mit ihrem Bach stellten sie auch noch den großen Klassiker der Musik hin, der so klassisch nie war. Auch er ein Weltgeist, der sich nur mit dem Holzhammer in das Format des „großen Deutschen“ hämmern ließ. Aber so steht auch Bach nicht da. Rudersdorf erwähnt es eher nebenbei: Die Leipziger „Klassiker“-Denkmale sind eigentlich verspielt und voller Anspielungen.

    Selbst der Leibniz ist es, der ursprünglich auf dem Thomaskirchhof stand und der seit 2008 seinen Platz im Uni-Campus gefunden hat, wo er als berühmter Gelehrter im Staatskleid, mit Globus und Allongeperücke steht. Nachdenklich schaut er herab auf die kleinen Betrachter unten. Eigentlich ein durch und durch ironisches Denkmal, denn als dieser Frühreife in Leipzig zum Doktor werden wollte, war er den Leipziger Professoren zu jung.

    Trotzdem lieben ihn die Leipziger Wissenschaftler. Denn eigentlich wissen es alle: Dieser Kerl wäre selbst mit Doktortitel nie und nimmer in Leipzig geblieben. Dazu wäre der Wirkungskreis zu klein gewesen. Wobei die Frage ist: Würdigt die Alma Mater mit Leibniz nur einen ehemaligen Studenten oder hat sie hier ihren Anspruch manifestiert? Der im Grunde ein universaler ist, wofür ein Leibniz nun einmal exemplarisch steht.

    Was am Bildwerk der Universitäts-Bibliothek noch deutlicher wird, wo in Nischen die Statuen der wichtigsten Persönlichkeiten standen, die für das Selbstbild der Universität wichtig waren. Auch für ihren Verlustschmerz. Denn an der Ostseite standen bis zur Zerstörung im 2. Weltkrieg die Statuen von Christian Thomasius und Gottfried Wilhelm Leibniz. Während die Fürsten, die für die Universität wichtig waren, heute an ihrem angestammten Platz stehen, hat sich für die beiden Gelehrten bislang kein Spender gefunden. Gerade diese beiden, die aus unterschiedlichen Gründen weggingen. Die beiden leeren Nischen bekommen, wenn man das weiß, eine ganz besonders bedeutungsschwangere Leere.

    Und immerhin stand 2015, als Rudersdorf seinen Vortrag hielt, das Leibniz-Jahr noch bevor. Hätte man da nicht …?

    Man hat nicht. Es hat sich keiner gefunden.

    Anders als beim Luther-Melanchthon-Denkmal, das damals vor der Johanniskirche auf dem Johannisplatz aufgestellt wurde und dann 1943 für Kriegszwecke abtransportiert und eingeschmolzen wurde. Um die Wiederaufstellung des Denkmals kämpft ein Verein. Und man kann ihm nur einen langen Atem wünschen – und Widerständigkeit. Denn Leipzigs Verwaltung möchte ein neugestaltetes Denkmal an anderer Stelle aufbauen lassen. Der Widerstand gegen die Wiederherstellung des alten Denkmals ist deutlich spürbar.

    Dabei war dieses Doppeldenkmal einzigartig. Es gibt kein anderes Denkmal, das die Freundschaft von Luther und Melanchthon so deutlich zeigt – und ihre gemeinsame Arbeit an Bibelübersetzung und Reformation. Ohne das kommunikative Geschick eines Melanchthon wäre die Reformation so nie denkbar gewesen. Und gerade heute steht dieser einst viel befehdete Melanchthon auch für einen Aspekt, den das Luthertum viele Jahre fast verloren hatte: die Fähigkeit zur Ökumene.

    Das kann man nicht einfach in einem neuen, wieder mit lauter Fährnissen behafteten Wettbewerb neu auflegen. Es würde auch dem Kanon nicht gerecht, den die von Rudersdorf beschriebenen Denkmäler im späten 19. Jahrhundert bildeten: Es war – in Bronze gegossene – Selbstvergewisserung eines Leipziger Bürgertums, das im Schaffen der dargestellten Männer seine geistigen Wurzeln sah. Was schon auffällt, wenn man bedenkt, dass andernorts Reiterstandbilder und Fürstenstatuen an diesen Plätzen stehen.

    Einen erwähnt Rudersdorf nicht, obwohl er als Fragezeichen in diese Runde gehört: Richard Wagner. Missglückte Anläufe, ein Denkmal hinzustellen, erzählen auch eine Geschichte – und wenn es auch nur eine der Entfremdung ist. Oder des Scheiterns, weil Erwartung und Bildsprache nicht übereinstimmen.

    Und dann fällt auch auf, dass Rudersdorf noch einen ausgelassen hat, der trotz allem wieder da steht: Felix Mendelssohn Bartholdy. An anderem Ort, neu geschaffen. Aber er gehörte 1883 eindeutig zum kulturellen Kanon des Leipziger Bürgertums, das zwar zuweilen schrecklich konservativ sein konnte, in Kulturfragen aber ebenso anspruchsvoll. Natürlich fallen diese beiden Komponisten schon aus der Epoche „Frühe Neuzeit“ heraus. Aber eigentlich ging es Rudersdorf in seinem Vortrag auch gar nicht um eine Darstellung der Frühen Neuzeit in Leipzig. Er geht eindeutig auf den Prozess der Selbstvergewisserung der Stadt und der Universität im späten 19. Jahrhundert ein. Zu dem gehört diese bildhafte Einvernahme wichtiger Persönlichkeiten. Jedes Denkmal bedeutet nämlich immer auch ein Bekenntnis: Das ist das, wozu man steht und was man als Wurzel, Kern und Verwandtschaft begreift. Angefangen vom starken Bezug auf die Reformation (Luther und Melanchthon) über das deutliche Bekenntnis zur (naturwissenschaftlichen) Aufklärung (Leibniz und Thomasius) bis hin zum literarischen und musikalischen Bekenntnis.

    Wobei Rudersdorf auch noch unterschlägt, dass es einen doppelten Goethe-Bezug gibt mit der Figurengruppe zum „Faust“ vor Auerbachs Keller.

    Man läuft nicht durch die Frühe Neuzeit, wenn man diese Denkmäler besucht, sondern durch einen geistigen Kanon, der das Selbstverständnis des Leipziger Bürgertums im 19. Jahrhundert zeigt. Manchmal haben die Statuen (so wie Leibniz) schon eine regelrechte Odyssee hinter sich. Aber inhaltlich sind sie unbestritten. Wenn man von der heftigen Abwehr heutiger Entscheider dem Luther-Melanchthon-Denkmal gegenüber einmal absieht. Aber das erzählt nichts über eine mögliche Missinterpretation des Denkmals, aber eine Menge über die Schwierigkeiten des heutigen Umgangs mit sprechenden Denkmalen. Man möchte gern Kunstwerke, die nicht bildhaft werden und in klassischer Formensprache erzählen. Aber solche Denkmale braucht eigentlich niemand. Das zumindest klingt an, wenn Rudersdorf über Anlass und Erzählung der besuchten Denkmale berichtet. Denn die sind nicht zum Gedenken da, auch wenn das oft so kolportiert wird, sondern sind immer ein Bekenntnis, eine Standortbestimmung der Stadtgemeinde.

    Wer keinen Standort hat und sich zu nichts bekennt, der wird natürlich auch kein Denkmal hingestellt bekommen, sondern lauter „Experten“ entscheiden lassen, ob die heutige Kunstwissenschaft mitspielt oder die Brauen verzieht.

    Birgit Röhling hat die meisten der eindrucksvollen Fotos beigesteuert, so dass der Leser die Denkmale auch in vielen Perspektiven vor sich sieht. Ältere Fotografien zeigen die Orte im späten 19. Jahrhundert. Es wirkt, als seien die dargestellten Herren einfach so durch die Zeit gereist. Leipzig hat sich verändert. Sie sind immer noch da. Und sie stören nicht. Im Gegenteil. Es ist noch immer ihre Stadt und niemand muss sich ihrer schämen. Im Gegenteil.

    Manfred Rudersdorf Verlorene Lebenswelten im urbanen Raum?, Sax Verlag, Markkleeberg 2016, 9,80 Euro.

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    https://www.l-iz.de/bildung/medien/2016/11/in-eigener-sache-wir-knacken-gemeinsam-die-250-kaufen-den-melder-frei-154108

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