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Warum dieser Kirchentag einen Martin Luther so richtig wütend gemacht hätte

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    Der ehemalige Thomaspfarrer Christian Wolff hat es ja schon auf den Punkt gebracht. Irgendwie war der „Kirchentag auf dem Weg“, der eigentlich das große, gemeinsame Reformationsfest zum 500-jährigen sein sollte, ein Flop. Man hat die Gemeinden nicht zu Gastgebern gemacht und wieder alles „von oben“ organisieren wollen. Es gibt noch eine weitere Sicht, warum die Sache eigentlich in die Hose ging. Denn das Luthertum steckt in der Krise. Geht uns das was an? - Ja.

    Vor dem Lesen des großen Stapels Bücher, die sich nun seit zwei, drei Jahren mit Martin Luther, dem, was er gesagt, geschrieben und gemeint hat, mit der Geschichte der Reformation und ihren Auswirkungen beschäftigt haben, hätte ich auch eher nur ein „Nu ja“ da hingeschrieben. Was interessiert uns Kirche? Religion? Theologie?

    Leben wir nicht in einer rationalen Welt, in der wir uns auf wissenschaftliche Erkenntnisse verlassen, aufgeklärte Gesellschaften aufgeklärte Regierungen wählen und alle um unsere Verantwortung für den Erhalt dieser einmaligen blauen Murmel im Weltall wissen?

    Schön wär’s.

    Nichts davon ist Realität, auch wenn einige Bücher darunter waren, in denen die Autoren wie die Rohrspatzen auf die Aufklärung und ihre Folgen schimpften. Das ist einer der größten Trugschlüsse der Gegenwart, dass die Aufklärung tatsächlich alles verändert hat und die heutige Welt und ihre Regierenden in irgendeiner Weise rational oder aufgeklärt wären. Im Gegenteil: Mittlerweile gewinnen völlig irrationale Machtpinsel Wahlen, obwohl ihre Wähler wissen, dass ihre Gesellschaft hinterher in eine Dystopie verwandelt wird.

    Nur so als Gedanke – und der war Martin Luther eindeutig nicht fremd: Kann es sein, dass einige machtberauschte Männer regelrecht Freude daran haben, die Welt in eine Hölle zu verwandeln?

    Es gibt genug Stellen in einer ganz und gar nicht aufgeklärten Gegenwart, in denen man sich diesem zürnenden, wütenden (und übers Ziel hinausschießenden) Luther nahe fühlt, auch wenn man weiß, dass es manchmal vielleicht besser wäre, sich abzuducken, weil der Wütende gleich mit dem Tintenfass schmeißt. Nach der heftigen (und berechtigten) Kritik an Luthers Antisemitismus beim Leipziger Kirchentag, hatte man kurzzeitig wieder das Gefühl: Der grimmige Theologieprofessor würde heute vielleicht saftige Reden bei PEGIDA halten.

    Aber: Nein. Das ist nicht mal beim alt gewordenen Luther vorstellbar.

    Was man erst ahnt, wenn man weiß, warum er so wütend war. Denn gerade sein spätes Wüten erzählt davon, dass er das wieder zunehmende Gefühl hatte, es nicht geschafft zu haben. Die Menschen taten nicht, was er von ihnen erwartete. Die Juden nicht, die Fürsten nicht, die Bauern nicht, die Täufer und die Reformierten nicht. Und immer wieder auch seine eigenen Anhänger nicht.

    Er hatte eine neue Kirche gegründet, hatte 20 Jahre lang nichts anderes zu tun, als dieser neuen Kirche irgendwie eine feste Form zu geben und einen Regelkanon, an den sich alle hielten. Und dann entwickelten sich kleine Nebensächlichkeiten zum Zündstoff für neue Debatten, für Aufruhr, Streit und Abtrünnigkeit.

    Und dann liest man ein Buch wie Ralf Thomas’ große Fleißarbeit „Reformation und Landesgeschichte Sachsens. Skizzen eines halben Jahrtausends“ und weiß schon beim Lesen, dass der Mann falschliegt. Dass er die ganze Sache wieder nur aus der Perspektive der Landeskirche betrachtet hat. Und damit aus der falschen.

    Oder kann sich jemand Martin Luther als Superintendent und Landesbischof vorstellen?

    Ich nicht.

    Und dann war da diese „Luther!“-Biografie von Joachim Köhler, eine von verdammt vielen Luther-Biografien, die zum Reformationsjubiläum auf den Markt kamen und den Suchenden das Gefühl gaben: Über den Mann ist doch alles geschrieben. Und eigentlich ist es egal, welche Biografie man liest.

    Ist es aber nicht. Denn die meisten Biografien kommen über die historischen Details und die alten Mythen der evangelischen Kirche nicht hinaus. Sie verorten Luther weiterhin IN der Kirche. Und sie übersehen, dass gerade im jungen Luther schon die ganze Widersprüchlichkeit des modernen Menschen angelegt ist. Fast hätte ich geschrieben: des aufgeklärten Menschen.

    Aber die Wahrheit ist: Die meisten Menschen fürchten sich vor dem Aufgeklärtsein, vor dem „Ausgang des Menschen aus seiner selbstverschuldeten Unmündigkeit“, wie Kant schrieb. Manche Autoren diskutieren ja wie einst über die Zahl der tanzenden Engel auf einem Stecknadelkopf, ob dieser Luther nun als Vorläufer der Aufklärung zu gelten hat – oder nicht. Benjamin Hasselhorn tut es in seinem Buch übrigens auch. Und man merkt, dass er – obwohl selbst Historiker – seine Schwierigkeiten hat mit den Naturwissenschaften. Das wird deutlich, wenn er über „Evolutionismus“ als „christentumsfeindliche Weltanschauung“ schreibt, von „Darwinisten und anderen Vertretern einer ‚wissenschaftlichen Weltanschauung‘“.

    Das ist eine Stelle, in der Hasselhorn alles torpediert, was er in seinem Buch an kluger und nachdenklicher Arbeit leistet. Aber gerade deshalb werden auch die Grenzen seines Denkens sichtbar. Und die der heutigen Kirche und derer, die noch zu Kirchentagen reisen.

    Christian Wolff hat es ja schön auf den Punkt gebracht: Der „Kirchentag auf dem Weg“ ist zu einer introvertierten Party von Menschen geworden, die sich im Haus Kirche, im Glauben und im Luthertum zu Hause fühlen. Nach außen hat der Kirchentag (genauso wie der katholische Kirchentag vor einem Jahr) überhaupt nicht ausgestrahlt. Man hat sich (mit ein paar Millionen Euro Staatszuschuss) eine Party geleistet und nicht nur die Gemeinden vor Ort als Akteure und Gastgeber vergessen, wie Christian Wolff anmerkt.

    Man hat auch den ganzen verdammten Rest der Gesellschaft vergessen.

    Luther, da bin ich mir sicher, wäre auf so einem Kirchentag nicht aufgetreten: Er hätte der Organisationsleitung die Flötentöne geblasen und ein richtig wütendes Pamphlet geschrieben. Denn eines war niemals sein Anliegen: Kirche zu einer introvertierten Gemeinschaft der Glücklichen zu machen. Das kann, wer will, in seinen Schriften nachlesen. Das kann nachspüren, wer Köhlers Luther-Biografie liest.

    Aber wer mag, kann es auch bei Benjamin Hasselhorn, der immerhin auch wissenschaftlicher Mitarbeiter der Stiftung Luthergedenkstätten ist, nachlesen. Denn was von Kirchen und Kirchentagsorganisatoren präsentiert wird, verfehlt den ganzen Luther. Und die Missverständnisse liegen nah. Hasselhorn macht sie schon in Luthers Schriften aus und deutet zumindest an, Luther selbst sei für diese Missverständnisse verantwortlich.

    Als kritischer Leser aber geht einem die ganze Zeit durch den Kopf: Nein. Diese Missverständnisse hat nicht Luther zu verantworten. Die stecken in uns selbst. Es ist die stille, fast höfliche professorale Wut eines Kant, die das benennt: Die meisten Menschen fürchten sich tatsächlich vor dem Schritt aus der selbstverschuldeten Unmündigkeit, deren „Ursache derselben nicht am Mangel des Verstandes, sondern der Entschließung und des Mutes liegt, sich seiner ohne Leitung eines anderen zu bedienen“.

    Sie laufen Autoritäten, Experten, Mehrheiten und fremden Göttern hinterher. Ein Thema, das man ja schon im Alten Testament findet. Und sie reagieren fuchsteufelswild, abwehrend oder feindlich, wenn man sie dazu bringen will, aus dieser unmündigen Schafshaltung herauszukommen.

    Denn dieser Schritt aus der Unmündigkeit bedeutet Verantwortung, bedeutet das Ende aller Ausreden (das der falschen Gewissheiten sowieso). Da steht man dann auf einmal allein da – der Welt gegenüber oder (je nach Veranlagung) Gott. Was egal ist. Und es gibt keine äußere Richtschnur mehr („Ich habe doch nur Befehle ausgeführt …“), sondern nur noch diesen riesigen Zwiespalt, der einen fortwährend in die Frage stürzt: Ist das RICHTIG, was ich jetzt tue? Kann ich das mit meinem Gewissen vereinbaren? Stehe ich hier, habe mich geprüft und kann – trotzdem – nicht anders?

    DAS ist die Luther-Frage.

    Und das hat Hasselhorn erstaunlicherweise sehr genau herausgearbeitet, ohne alle Konsequenzen daraus zu ziehen.

    Und damit sind wir erst mal drin im Thema. Gleich machen wir an dieser Stelle weiter.

    Benjamin Hasselhorn Das Ende des Luthertums?, Evangelische Verlagsanstalt, Leipzig 2017, 19 Euro.

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