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Zur Sache, Deutschland! Jochen Bittners Versuch, die Gründe für eine zerstrittene Republik zu erfassen

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    Wir leben in turbulenten Zeiten. So turbulent, dass sich auf einmal reihenweise Journalisten gedrängt fühlen, Position zu beziehen zur Zeit. Und zu Deutschland. Zu Haltung, Heimat und der eigenen Arbeit. Natürlich ist so etwas bitter nötig, wenn ein Land scheinbar in Dauer-Empörung versinkt und viele Politiker sichtlich verlernt haben zu erklären, was sie tun. Was, wie Jochen Bittner, dazu führt, dass sich Menschen von Politik nicht mehr repräsentiert, sondern nur noch regiert fühlen.

    Er ist Politikredakteur bei der „Zeit“, arbeitet also auch in einem Feld, wo diese Dissonanzen besonders zu spüren sind. Besonders offensichtlich, könnte man auch meinen. Aber das Gegenteil ist wohl der Fall: Selbst die Involvierten merken im zunehmenden Tagesgetöse kaum noch, was wirklich schiefläuft. Denn – das ist ja offenkundig – Lärm, Rabatz, Theater, Emotion sind nun einmal das, was Quote macht und Klicks bringt. Und nur an einer Stelle merkt man: Oha, jetzt wird er deutlich.

    Da, wo er so beiläufig erwähnt, welche enorme Rolle den Fernsehsendern zukommt, die für rund 65 Prozent der Meinungsmache im Land verantwortlich sind. Schon deshalb, weil sich 65 Prozent der Deutschen dort informieren. Weshalb ja der öffentlich-rechtliche Sendebetrieb zuerst die Phrase „Lügenpresse“ um die Ohren geschlagen bekam und auch hinterher nicht wirklich wusste, wie man damit umgehen sollte – als tatsächlich unabhängiges Medium, das von Gebühren gesichert wird und sich nicht „im Markt“ behaupten muss wie alle privaten Medien sonst.

    Aber der Riesenelefant ist nicht nur dickfällig, er ist – da als schwerfällige Hierarchie organisiert – auch besonders lernunwillig. Lieber steckt man einen Haufen Energie in die Verteidigung, lässt sich die eigenen Frames verschönern und tut dann weiterhin so, als schwebe man wie die Insel Laputa über den Landen. Und wenn Jochen Bittner aus seiner Sicht die fünf Spaltungen erklärt, die unsere Gesellschaft zerreißen, dann ist dieser rosa Riesenelefant ständig mit im Raum, weil vor allem er es ist, der diese Spaltungen medial immer bedient hat. Nirgendwo wird so heftig dramatisiert und emotionalisiert, werden so billige Schubladen geschaffen, wird so gern in Gut und Böse, Schwarz und Weiß geteilt, weil man in all den Jahrzehnten nicht gelernt hat, spannend über Zwischenschattierungen zu berichten.

    Natürlich hat Bittner recht.

    Es ist eine nüchterne Diagnose, die man so auch gern in den großen Zeitungen des Landes regelmäßig präsent finden würde, gern auch kommentiert und analysiert.

    Was selten geworden ist, weil eben doch etliche Zeitungen ganz bewusst selbst Politik machen, nicht unbedingt, weil sie sich einer Partei besonders verbandelt fühlen, sondern weil ihre Besitzer selbst knallharte Wirtschaftsinteressen vertreten und doch lieber einige der von Bittner gezeichneten Verwerfungen ignorieren und zuquatschen lassen, als sie klar zu benennen.

    So gesehen ist Bittners Auflistung erst einmal eine schöne nüchterne Feststellung, was einfach so ist. So beginnt Journalismus: Man sieht hin und redet die Widersprüche nicht weg, sondern nimmt sie, wie sie sind. Danach erst beginnt die Arbeit.

    Die fünf Spaltungen, die er zeichnet und auch erklärt, sind:

    1. Die zwischen Globalisten und Nativisten, also einer Gruppe, die sich mit den Wirkungen der Globalisierung vollkommen identifiziert, und einer, die ihre Heimat bedroht fühlt. Was übrigens Quatsch ist, wie nicht nur Bittner feststellt. Seit Dienstag, 19. März, ist das übrigens auch faktisch untersetzt. Da berichtete der „Spiegel“ über eine neue Studie der Friedrich-Ebert-Stiftung zu Migration. Und da gab es auch die Analyse, wie sich die Deutschen selbst einordnen: „Laut der Studie der SPD-nahen Stiftung ordnet sich die Bevölkerung zudem in drei Gruppen ein. Etwa ein Viertel zähle sich zu den ‚National Orientierten‘, ein weiteres Viertel zu den ‚Weltoffen Orientierten‘ und etwa 50 Prozent zählten sich zur ‚Beweglichen Mitte‘. Das zeige, dass die Gesellschaft nicht in zwei unversöhnliche Gruppen gespalten sei, sondern über durchaus differenzierte Einstellungen verfüge, so die Autoren.“

    Kein Wunder also, dass sich die „bewegliche Mitte“ nur noch ignoriert fühlt, weil die nationalen Berserker die ganze Zeit auf die Weltoffenen eindreschen und damit eine gewaltige Wirkungsmacht entfalten und gleichzeitig den völlig falschen Eindruck erzeugen, unsere Gesellschaft sei zwischen Nationalisten und Globalisten gespalten. Was ja bekanntlich Ziel der rechtsradikalen Stimmungsmache ist. Den anderen nutzt eine zerrissene Gesellschaft, in der man sich verbal oder real die Schädel einschlägt, nichts. Nur den Rechtsradikalen. Was schon ein Punkt ist, an dem man ins Grübeln kommen dürfte: Wie geht man mit dieser Attacke der Neuen Rechten auf unsere Gemeinschaft um? Auch als Journalist? Kann man da eigentlich „objektiv“ bleiben?

    1. Das ist mittlerweile ja auch von westdeutschen Medien endlich mal akzeptiert: die immer noch existierende Teilung zwischen Ost und West. Wenn ein ganzer Landesteil sich weder medial noch politisch vertreten fühlt, starke Gefühle von fehlender Anerkennung hat und noch viel stärkere von politischer Machtlosigkeit, dann sollte man das wohl ernst nehmen. Auch bei der journalistischen Analyse der Republik. Und das Verblüffende ist: Diese seltsame Blindheit für die Nichtgleichwertigkeit eines ganzen Landesteils ähnelt verblüffenderweise allen drei folgenden Spaltungen.
    2. Da ist die statistisch längst unübersehbare Spaltung zwischen Arm und Reich. Ein Land, das so gewaltige Reichtümer wie Deutschland anhäuft, sollte zumindest erschrecken darüber, dass ein Fünftel der Gesellschaft richtig arm ist, abhängig von Sozialtransfers, in prekärsten Jobs beschäftigt, ohne jegliches Vermögen und so knapp bei Kasse, dass schon eine Krankheit, eine Mieterhöhung, eine kaputte Waschmaschine in die finanzielle Katastrophe führen. Doch das wird medial kaum thematisiert. Und wenn, dann auf prollige Art wie im Privat-TV.

    Eigentlich gehört hier auch noch die damit eng verbundene Spaltung bei Bildungs- und Berufskarrieren hin. Das hat alles miteinander zu tun. Wir sind ein zutiefst gespaltenes Land, in dem die politische Elite sich fast nur noch aus der Gruppe der Reichen und Wohlhabenden rekrutiert und entsprechend seit Jahrzehnten nur noch Politik für diese Jammerelite gemacht hat, die alle Nase lang „zu hohe Steuern“ beklagt.

    Man ahnt schon: Die reale Spaltung in echte (weil nur noch im Eigeninteresse handelnde) Klassen spiegelt sich in den Köpfen wider. Samt Verachtung für die eh schon Niedergetretenen.

    1. Was eigentlich schon in das Thema „Identitäten als Ersatzschlacht“ führt, wo es dann auch um die berühmten „alten weißen Männer“ geht, um Ausgrenzungen und um abgeschottete Communities. Denn nicht nur die Reichen leben zunehmend wieder in ihrer eigenen Welt, auch die Armen, viele Migranten (auch in zweiter und dritter Generation) sowieso, 30 Jahre nach der „Wende“ ist offensichtlich, dass Deutschland die Sache mit der Integration vergeigt hat. Nicht nur bei den Ostdeutschen, auch bei den Migranten, von denen man gern Einordnung und Kulturakzeptanz verlangt, aber viel zu wenig dafür tut, dass Menschen sich wirklich integrieren können.

    Wozu für Bittner übrigens auch das Thema „Leitkultur“ gehört – aber nicht in dem Sinn, wie es konservative Schlafmützen gern verwenden, sondern so, wie es ein echter Migrant, Bassam Tibi, vor rund 20 Jahren einmal formuliert hat – als Grundskizze eines nationalen Selbstbildes, in dem die Deutschen endlich einmal formulieren, was und wer sie eigentlich sein wollen. Und teilweise auch schon sind. Weil es einen Haufen Dinge gibt, die sie ganz selbstverständlich schon als ihre Errungenschaft betrachten. Und die Aufklärung gehört genauso dazu wie die Definition der Freiheitsrechte, die Emanzipation der Frauen, die Religionsfreiheit (die fundamentalistische Religionspraxis eigentlich ausschließt).

    Wenn die Deutschen ihren neuen Mitbürgern kein Bild von dem geben können, was dieses Land eigentlich lebenswert macht und zu welchem Wertekanon man sich bekennen darf (und sollte), wenn man Teil dieses Landes werden möchte, dann entsteht natürlich die ganze Vermauschelung, Nicht-Integration und Ausgrenzung, die zunehmend mehr Menschen im Land berechtigte Sorgen macht. Denn auch in solchen abgeschotteten deutschen Milieus wachsen Attentäter und Terroristen heran. Die müssen gar nicht erst zuwandern. Genauso wie in Belgien oder Frankreich: Sie brauchen nur das heillose Gefühl, nicht dazuzugehören, nicht gewollt und nicht akzeptiert zu sein, um sich irgendeiner radikalisierten Gruppe anzuschließen.

    Wenn Integration, wie Bittner es nennt, ein „Lotteriespiel“ ist, funktioniert etwas nicht.

    Was sich dann in 5. austobt: Der medialen Spaltung, die nicht nur Deutschland erlebt, sondern die komplette (westliche) Welt, wo profitorientierte Internetgiganten (die „keine Medien sind“, wie Bittner betont) dafür sorgen, dass ausgerechnet die größten Schreihälse, Hasser und Wüteriche dort die meisten Follower und die meiste Aufmerksamkeit bekommen. Die Algorithmen der IT-Giganten befördern genau das – und können mit klugen, differenzierten Äußerungen nicht viel anfangen. Verbreitet werden Hass, Aufregung, Pöbelei und Lügen. Und das stärkt natürlich politische Akteure, die genau mit solchen Methoden um Aufmerksamkeit buhlen.

    Und es erschwert die Arbeit der noch ernst zu nehmenden Medien, weil die gegen diese blitzschnell angeworfene Erregungsmaschine nicht anstinken können. So schnell kann man keine Nachrichten prüfen, Fakten abgleichen, andere Sichtweisen abfragen oder überhaupt erst einmal verifizieren, was da wirklich passiert ist. Bevor Journalisten ein Thema wirklich kompetent aufgearbeitet haben, sind sämtliche Netzkanäle schon mit Meinungen, Wertungen und Geschrei gefüllt. Und für differenzierte Sichten bleibt kein Platz mehr, sie bekommen nicht einmal mehr einen Bruchteil der Aufmerksamkeit.

    Was eben auch bedeutet, dass in der Politik die Stänkerer, Spalter und Grabenzieher immer mehr Aufmerksamkeit bekommen. Manche Medien haben ja das Gewüte aus den Netzen regelrecht übernommen. Und eben nicht gegengehalten.

    Auf die Rolle des Journalismus kommt Bittner am Ende auch noch zu sprechen, wo er auch auf das Thema Haltung und das Nicht-Gemeinmachen eingeht. Es stimmt: Journalisten agieren nicht mehr unabhängig, wenn sie auf Twitter über Parteitagsentscheidungen jubeln oder gar selbst als Redner zu Demonstrationen gehen. Man zwinkert dabei natürlich ein bisschen. Denn was bedeutet es dann, wenn Journalisten jetzt eifrig Bücher zur Zeit schreiben? So wie Jochen Bittner auch. Tatsächlich ist er beim Thema „Haltung“ gar nicht so radikal.

    Denn natürlich haben Journalisten die Pflicht, Haltung zu zeigen. Professionelle Haltung. Sie sind eben auch Teil einer Demokratie, die auf eine ambitionierte, möglichst gründliche und möglichst kritische Berichterstattung bitter angewiesen ist. Auch auf scharfe Kommentare, Wertungen und Analysen. Und auf eine klare Distanz zu den Regierenden, die Journalisten in Deutschland aber leider oft genug vermissen lassen. Was auch mit Abhängigkeiten zu tun hat.

    Und die, die wirklich ernsthaft recherchieren, untersuchen, kompletter berichten, wissen auch, dass am Ende eher selten eindeutige Geschichten dabei herauskommen. Schon gar keine so simplen Geschichten, wie sie auch Politiker gern erzählen. Weder im Guten noch im Schlechten. Erst die Komplexität der Geschichten macht das Geschehen wirklich begreifbar, holt es aus den Räumen von Mythos und Mysterium heraus.

    Und indem Bittner eine wirklich grunzdämliche Zuschauerfrage von „heuteplus“ zitiert, wird deutlich, wo ein Hauptproblem unserer Öffentlich-Rechtlichen liegt: „Was denkt ihr: Wie sollte @heuteplus über die Angriffe in der Silvesternacht in Köln berichten?“ lautete diese Frage von 2016. Logisch, dass sich die Zuschauer aufregten, denn so nackt stand das ZDF mit seiner Behauptung, professionell über das Weltgeschehen zu berichten, schon lange nicht mehr da.

    Die Frage zeigte die ganze Verrenkung, die deutsches Gebührenfernsehen genauso ungenießbar macht wie das private: Man berichtet so, als wollte man es dem gehätschelten Couchpotatoe unbedingt recht machen. Als wolle man unbedingt keine Fehler machen oder sich mal ratlos zeigen oder Berichterstattung gar als Prozess zeigen, bei dem am Ende viele Sachen gar nicht so eindeutig sind, wie sie dann in die 15 Minuten Abendnachrichten gequetscht werden (zusammen mit allerlei Blödsinn aus Sport und Boulevard).

    Kein Wunder, dass immer mehr Bürger das Gefühl haben, nicht mehr richtig informiert zu werden. Und vor allem mit den durchaus komplexen Themen der Gegenwart allein gelassen zu werden.

    Bittners Anliegen geht eigentlich dahin, die Spaltungen unserer Gesellschaft einfach mal wahrzunehmen und nicht wieder mit schönen Worten zuzukitten. Und dann zu versuchen, die Dinge besser zu machen. Wobei ich gerade die Suche nach einem Bild für unsere nationale Identität für spannend halte. Denn es geht nicht um Kruzifixe, Bier oder Sauerkraut. Es geht auch um ein Lebensmodell, eine grundsätzliche gesellschaftliche Haltung, die ja Deutschland heute schon für viele Menschen als Wohnort attraktiv macht. Wenn wir uns selbst klar werden, wer wir in der Weltgesellschaft eigentlich sein wollen, dann fällt es uns auch viel leichter, allen, die zu uns kommen wollen, zu erklären, was sie hier zu respektieren haben.

    Gerade weil wir da gewaltig herumeiern, fällt es uns auch so schwer Grenzen zu ziehen. Nicht da, wo unsere Ballermänner von rechts welche ziehen wollen, sondern direkt bei der Frage, wer was einzubringen hat, um Bürger dieses Landes sein zu können. Denn es ist ja nicht so, dass Nationen verschwinden. Das ist ein Märchen. Aber sie kommen in eine völlig neue Rolle. Was Bittner dann nicht mehr schreibt, aber was logisch daraus folgt: Sie werden zu Identifikationsräumen für eine klar definierte Art zu Leben.

    Und ich sehe auch nicht, dass das „westliche Lebensmodell“ an Attraktivität verliert. Es ist wohl eher anders: Es war noch sie so stark unter Beschuss durch Leute, die ihren egoistischen Willen der Allgemeinheit aufzwingen wollen.

    Und das ist eigentlich die unterschwellige Botschaft des Buches: Wir haben die Arena in den letzten Jahren den Spaltern, Maulhelden und Hassern überlassen. Auch weil gerade die großen Medien die Probleme unserer Zeit immer gern ignoriert und zugetüncht haben. Integration macht Arbeit. Und sie verlangt nach Kommunikation, gute Kommunikation. Nicht nach dem schwammigen Gerede, das unsere politischen Bühnen beherrscht. Im Grunde ist Bittners Buch zuallererst ein Appell an die Kolleg/-innen der Zunft, dass sie endlich mit der Schönfärberei einer Zuckerwatte-Republik aufhören und den Spaltern die Themen wegnehmen, indem sie sie mit Ernst und jeder Menge grimmiger Kritik wieder selbst bearbeiten. Oder mit dem letzten Satz aus dem Buch untermalt: „Demokratie lebt vom Zweifel, nicht an ihrem Wesen, aber an ihren Inhalten. Zu wenige qualifizierte Zweifel in ihr haben dazu geführt, dass zu viele unqualifizierte Zweifel an ihr gewachsen sind. Reißen wir das Ruder herum.“

    Na gut. Man kann auch sagen: Machen wir uns an die Arbeit.

    Das Buch „Zur Sache, Deutschland!“ von Jochen Bittner ist bei der Edition Körber erschienen und für 18 Euro erhältlich.

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