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Sonntag, 17. Januar 2021

Ich habe Licht gebracht! Der mitreißende Lebensroman der Louise Otto-Peters

Von Ralf Julke

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    In den Buchhandlungen gibt es längst eigene Regale für Historische Romane. Die meisten Titel beschäftigen sich dort mit dem Mittelalter. Wenige Autorinnen und Autoren trauen sich in jüngere Zeiten, denn da geht es auf einmal um Fragen, die heute noch immer brennen. Und die oft so trocken abgehandelt werden, als wären das keine Menschen aus Fleisch und Blut gewesen. Louise Otto zum Beispiel. Eine Revolutionärin? Seit wann sind deutsche Revolutionen weiblich?

    Eigentlich sind sie das schon immer. Wenn man auch die Reformation mit einbezieht, wird es noch deutlicher. Die mutigen Männer, die sich in diesen immer schriftgetriebenen und mit klugen Visionen vorangetriebenen Veränderungen an die Spitze setzten, fanden immer auch Unterstützung durch Frauen. Und zwar nicht nur daheim, sondern mit starken und klugen Veröffentlichungen. Keine deutsche Revolution ist ohne diese weibliche Schützenhilfe denkbar. Und auch die Frauen der Reformation wussten schon, dass es bei so einem großen Emanzipationsprojekt, wo es scheinbar erst einmal nur um die Freiheiten der Männer geht, immer auch um ihre Freiheit geht.

    Und das war 1848 nicht anders, auch wenn diese Revolution in deutschen Geschichtsbüchern ebenfalls fast nur über die Männer im Mittelpunkt erzählt wird. Meist gibt es dann noch so einen trockenen Schlenker: Ach ja, die Frauenbewegung hat da auch irgendwie begonnen.

    Man könnte quietschen, so falsch klingt das.

    Und Louise Otto, die 1858 den lange Jahre eingekerkerten August Peters heiratete, steht mittendrin in dieser Revolution. Nicht auf der Barrikade. Aber kennt irgendjemand die Namen der Menschen, die – etwa in Dresden – wirklich auf der Barrikade standen und dann von preußischem Militär niederkartätscht wurden? Wo sind die Denkmäler für diese Menschen? Kann es sein, dass Deutschland noch immer so stockkonservativ ist, dass es nicht mal wagt, für diese Menschen ein Denkmal zu bauen?

    Wobei das nur ein Teil der Revolution ist. Der wichtigste Teil einer Revolution sind ihre Gedanken, das, was in Büchern, Flugblättern und Zeitungen in die Welt geht und die Menschen ermutigt dazu, aktiv zu werden und ihre Rechte einzufordern. Denn genau so begann die Revolution von 1848 auch. Erst müssen die Herzen der Menschen erreicht werden, müssen die Vorstellungen von einem menschenwürdigeren Leben auch die Zeitungen und die Köpfe der Bürger erreichen, dann erst greift das Gefühl um sich, dass sich etwas ändern kann und muss.

    Und das braucht wieder Menschen, die selber mutig sind. So mutig wie die 1819 in Meißen geborene Tochter des Gerichtsdirektors Fürchtegott Wilhelm Otto, deren Leben Anja Zimmer in diesem Roman erzählt. Sie schreibt nicht nur selbst historische Romane über beeindruckende Frauen, sie veröffentlicht auch solche in ihrem Frauenzimmer Verlag. Und für ihren Louise-Otto-Roman hat sie sich tief hineingekniet in die verfügbare Literatur von und über Louise Otto-Peters, das meiste davon erst in den vergangenen Jahren von der Louise-Otto-Peters-Gesellschaft gesammelt und publiziert, denn es geht den Revolutionärinnen aller Revolutionen so: Ihr Werk bekam in der Vergangenheit oft nur ein Schulterzucken. Es geriet ins Vergessen.

    Und damit auch die Rolle aller Frauen in diesen Umwälzungen. Mit der Revolution von 1918, als die Frauen endlich das Wahlrecht erhielten, war es ja genauso. Und dass sie das Wahlrecht erhielten, hat mit Louise Otto-Peters und ihren Zeitgenossinnen zu tun, mit jenem „Reich der Freiheit“, für das sie in ihrer Frauen-Zeitung Bürgerinnen warb. Mit spitzer Feder. Sie wusste, dass sie sich direkt mit den mächtigen Männern anlegte, dass sie nicht nur Zensur und Verbot riskierte, sondern auch Hausdurchsuchungen, Verhöre und Verhaftung.

    Hausdurchsuchung und Verhöre erlebt sie in diesem Roman. Wer sich von alten Fotografien täuschen lässt und sich in ihr eine würdevolle Matrone vorstellt, die schon aufgrund ihres Besitztums unbescholten blieb, der irrt. Anja Zimmer zeichnet viele der Reisen, die die schmale kleine Meißnerin ohne Begleitung unternahm. Meist schrieb sie von unterwegs Reisebriefe. Sie war eine nimmermüde Schreiberin, versorgte alle namhaften Zeitungen der demokratischen Presse mit Artikeln, einer Presse, die vor und nach 1849 auch in Sachsen als unerwünscht galt, zensiert und mit allen Mitteln unterdrückt wurde.

    Nur wer ein bisschen zuhause ist in dieser Revolutionszeit, der weiß, dass Louise mit den wichtigsten Vertreter der demokratischen Bewegung in Sachsen auf Augenhöhe war, dass sie ihre Visionen teilte und vor allem auch die Gleichberechtigung auch in der Ehe als selbstverständlich annahm. Was nur funktioniert, wenn Männer auch demokratisch zu denken vermögen. Emanzipierte Männer, die es auch damals schon gab. Mit Anja Zimmer taucht man ein in eine Zeit, in der Selbstständigkeit von Frauen noch verpönt war, in der selbstbewusste Frauen mit der Missachtung einer patriarchalischen Gesellschaft rechnen mussten, auch mit Ausgrenzung. In der Frauen in der Regel nicht nur materiell abhängig waren von ihren Männern, sondern ihnen auch rechtlich untergeordnet waren wie unmündige Kinder.

    Ein Bild von Partnerschaft, das unsere heutigen schwärzesten Kräfte wieder beschwören. Es ist erstaunlich, wie gegenwärtig sich vieles liest in diesem Buch. Die Parallelen sind real, auch wenn Anja Zimmer wohl an einigen Stellen die erstaunliche Parallelität zur Gegenwart besonders herausarbeitet. Denn sie weiß ja, dass weder der Kampf um Gleichberechtigung beendet ist, noch der um Menschenrechte und Menschenwürde, auch wenn wir heute stolz darauf sind, dass viele Forderungen der Revolutionäre von 1848 heute so leidlich erfüllt sind. Leidlich, weil es eben doch nicht alle Menschenrechte ungeteilt für alle gibt.

    Nur dass diejenigen, die es 1848/1849 wagten, für diese Grundrechte, die Verfassung und ein einiges Deutschland zu schreiben, auf die Straße zu gehen oder gar – wie in Baden – mit dem Gewehr in der Hand zu kämpfen, bitter dafür bezahlen mussten. Denn der Preußengeist, wie man ihn später aus dem Munde Wilhelms II. hörte, den praktizierte der damalige Preußenkönig Friedrich Wilhelm IV. genauso. Er hatte nicht nur das Kartätschenfeuer auf die Berliner Demonstranten zu verantworten, sondern auch die brutale Niederschlagung des Badischen Aufstands, in dem August Peters als Hauptmann beteiligt war.

    Und genauso wie bei der Niederschlagung des Dresdner Aufstands gaben sie kein Pardon, behandelten die Gefangenen wie Vieh, erschossen die Offiziere ohne Gerichtsprozess. Nur der Typhus rettete August Peters das Leben. Und wer jetzt denkt, nur die Preußen hätten sich derart schäbig benommen, der darf im Buch auch erfahren, wie schäbig sich der damalige sächsische König Friedrich August II. benahm. Denn nach der preußischen Amnestie für August Peters verurteilte ihn Sachsen noch einmal zu einer langen Zuchthausstrafe, die den Mann endgültig gesundheitlich zerbrach.

    Nach der Entlassung heiratete er Louise, die zuvor schon zwei der wichtigsten Männer in ihrem Leben verloren hatte. Im Grunde ist gerade der erste Teil des Buches eine Geschichte der Verluste, über die andere Menschen wohl verzweifelt wären. Gerade die Schwindsucht riss viele der für Louise so wichtigen Menschen früh aus dem Leben. Man merkt beim Lesen, wie lächerlich solche Wikipedia-Etiketten wie „Frauenaktivistin und eine Mitbegründerin der bürgerlichen deutschen Frauenbewegung“ eigentlich sind, wie trocken und nichtssagend, wenn man merkt, wie diese unermüdliche Arbeit für das Menschliche aus Lebenserfahrung gespeist ist.

    Gerade die sehr kantig gezeichnete Person von Tante Malchen, mit der Louise praktisch allein im Haus ihrer Eltern wohnt, macht den Gegensatz deutlich zwischen dem alten Frauenbild, das so gern mit „Heimchen am Herd“ beschrieben wird, und im Grunde materielle Sicherheit durch lebenslange Unmündigkeit erkauft, und Louises selbstbewusstem Anspruch an ein eigenverantwortliches und gleichberechtigtes Leben als Frau.

    Und der Gedanke war reif. Man begegnet im Buch etlichen ihrer ebenso gesinnten Zeitgenossinnen, denen oft auch nur zu bewusst war, dass sie auch für all die Frauen der Armen mitkämpfen mussten, die sich Bücher, Bildung und Teilhabe überhaupt nicht leisten konnten, die wie ihre Männer für miserablen Lohn in den Fabriken arbeiten mussten. Die Kinder nicht zu vergessen. Wer heute so stolz ist auf den alten Ruhm Sachsens als Werkstatt Deutschlands, der darf nicht vergessen, dass dieser Ruhm auf der maximalen Ausbeutung auch von Frauen und Kindern beruhte. Deswegen ist bei Louise ein Thema ganz zentral, das heute wieder genauso aktuell ist wie damals: eine gute Bildung für alle. Auch wenn heute alle Kinder der Schulpflicht unterliegen, sind es wieder die Kinder der Armen, die in unserem Bildungssystem scheitern. Scheitern sollen.

    Denn wir haben wieder einen genauso knickrigen und um seinen Stand besorgten stockkonservativen Geist im Land. Auch deshalb berührt das Buch sehr emotional, weil es fortwährend lauter menschliche Themen anklingen lässt, die heute noch immer nicht abgegolten sind, auch nicht erfüllt. Nicht zu vergessen: Wir sind mitten in jenem „Biedermeier“, das unsere heutigen Neuen Rechten geradezu als Ideal anpreisen, als eine Zeit, „in der die Welt noch in Ordnung war“.

    Obwohl jeder, der sich auch nur ein bisschen mit den frühkapitalistischen Verhältnissen in Sachsen beschäftigt hat, weiß, dass diese Zeit mit ihrem Preußen-und-Metternich-Geist überhaupt nicht in Ordnung war. Und wie befreiend das Aufatmen war, als 1848 auf einmal ein Land mit einer Demokratie und verfassungsmäßig geschützten Menschenrechten möglich schien. Erobert mit einer friedlichen Revolution.

    Und Anja Zimmer muss auch gar nicht viel erklären, um zu zeigen, dass es immer die alten Mächtigen sind, die eine friedliche Revolution in ein Blutbad verwandeln. Umso peinlicher, wenn die heutigen Erzreaktionäre ausgerechnet mit der Fahne der deutschen Revolution herumlaufen. Verlogener geht es gar nicht mehr.

    Bekommen wir also nun den Roman einer echten Revolutionärin?

    Wenn man das Wort so klingen lässt: Nein. Auch wenn es stimmt. Denn Louise Otto war – schreibend – ein Teil dieser Revolution, ein Stück ihrer Seele. Eine Persönlichkeit, die alle kannten, die sich damals um Demokratie und Verfassung bemühten. Und man begegnet vielen der damals Engagierten in diesem Buch, in Dresden genauso wie in Leipzig, wohin Louise und August 1860 zogen, weil sie hier wenigstens noch die Strukturen vorfanden, wo sie sich mit Schreiben einen Lebensunterhalt verdienen konnten.

    Und auch Augusts früher Tod 1864 spielt dabei eine Rolle, dass Louise ein Jahr später mit Gleichgesinnten erst den Leipziger Frauenbildungsverein und dann den Allgemeinen Deutschen Frauenverein gründete. Denn sie wollte nicht in Trauer und Klagen verfallen. Immerhin hatte sie so schon den dritten Gefährten verloren, der ihr ebenbürtig war und den sie gerade deshalb liebte. Sie stürzte sich in Arbeit. Und eigentlich hat man mit ihr gemeinsam an dieser Stelle schon genug erlebt. Der Titel des Buches „Ich habe Licht gebracht“ bezieht sich auf eine Kindheitsszene, in der es ganz elementar um das Licht des 19. Jahrhunderts geht.

    Aber das Licht, um das es tatsächlich geht, ist das Licht der Menschlichkeit, das in deutschen Landen so gern mit Soldatenstiefeln zertreten wird. Oder der Rendite geopfert wird, den Hierarchien denkfauler Männer und den Vorurteilen einer biederen Bürgerwelt, die sich in ihren Grundfesten erschüttert sieht, wenn die Außenseiter der Gesellschaft beginnen, Respekt und Würde einzufordern, egal, ob es Frauen oder Billigarbeiter sind. Und dieses Deutschland, wie es Anja Zimmer sehr authentisch schildert, ist unserem heutigen Deutschland noch erstaunlich ähnlich. Wenn auch ein ganzes Stück heller. Aber auch das nur, weil Menschen wie Louise Otto beharrlich geblieben sind und sich nicht einschüchtern ließen, auch nicht von hämischen Untersuchungsrichtern. Es steckt ein dickes Stück „Nu grade!“ in diesem Buch, das pünktlich zu Louises 200. Geburtstag im März da war.

    Anja Zimmer Ich habe Licht gebracht, Sax Verlag, Beucha und Markkleeberg 2019, 19,80 Euro.

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