Mit Jurij Koch und Thomas Leibe in den Fluten des Mittelmeers

Mati und der Delfin Agenor: Eine Bilderbuchgeschichte vom Verlieren, Wiederfinden und Phantasiehaben

Für alle LeserKann man ein Kinderbuch mit Beratung eines Augenarztes schreiben? Kann man. Gerade dann, wenn der Held dieses Buches ein kurzsichtiger Junge ist, der ohne seine Brille aufgeschmissen ist. Und wenn er seine Brille verliert, ist auch noch der ganze schöne Griechenlandurlaub im Eimer. Und er verliert seine Brille.

Dazu genügt schon eine einzige große Welle, die Matis Brille herunterfegt und im Sand des Meeres begräbt – nicht wieder auffindbar. Sogar zwei tapfere Polizisten entledigen sich ihrer Hosen, um dem Unglücksraben zu helfen. Dabei hat doch alles so schön angefangen. Der Hotelbesitzer hat die Gastfamilie aus der Lausitz sogar mitgenommen auf seinem Schiff, um ihnen die Delfine zu zeigen. Seine Delfine. Samt einer schönen Legende vom Meeresgott Poseidon und dessen Sohn Agenor, der sich als ganz besonderer Delfin in den blauen Wellen tummelt.

Es ist nicht die erste Geschichte des sorbischen Erzählers Jurij Koch, die der in Halle lebende Grafiker Thomas Leibe bebildert hat. Leibe hat einen sehr witzigen, an Cartoons geschulten Stil. Aber er liebt auch das Spiel mit dem Licht. Seine Bilder sind nicht nur Illustrationen, sondern er versetzt sich und die Betrachter hinein in Szenen, als würden sie tatsächlich gerade geschehen, als hätte man so etwas wie ein Standfoto aus einem Film vor sich, der gleich weiterläuft. Und Abenteuer gibt es genug, auch nach der Welle. Denn jetzt nimmt Leibe auch die Weltsicht von Mati ein und sieht fast alles unscharf. Da ist der Urlaub tatsächlich gelaufen. Kein Ausflug reizt den Jungen mehr, denn er kann ja kein Detail mehr erkennen. Alles verschwimmt zu Schemen.

Und als sich eine ganz unverhoffte Rettung findet, weil Matis Familie auf dem Markt auch einen Händler findet, der Berylle anbietet, jene Steine, aus denen einst die alten Griechen ihre ersten Brillen schliffen, endet selbst dieses Abenteuer in einer mittleren Katastrophe.

Nur schwebt die Geschichte ein wenig. Jurij Koch ist nicht wirklich der Autor, der sich für die Urlaubstragödien kleinbürgerlicher Familien an Mittelmeerküsten wirklich interessiert und sie dann aufbläst, bis eine typische Sommergeschichte draus wird. Selbst wenn Matis Abenteuer durchaus irdisch sind, aber es schwingt so ein kleines sorbisches Göttergelächter mit. Jurij Koch kennt nicht nur die sorbischen Märchen, er ist auch in den Sagen des griechischen Altertums zuhause.

Und so lässt er seinen Mati ein wenig von der Unberechenbarkeit der Götter erleben, die zum Kern der griechischen Sagenwelt gehört. Mal sorgt das unerbittliche Schicksal dafür, dass die Griechen so viel feiern, dass die Herstellung einer neuen Brille mindestens eine Woche dauern wird, mal blinzelt die griechische Glücksgöttin Tyche und lässt den Beryll blitzen. Und schon kommt der diebische Hermes um die Ecke und die Geschichte nimmt die nächste Wendung, mit der Mati erstaunlich gelassen umgeht. Ist er ein kleiner Tolpatsch, dem so etwas ständig passiert?

Oder ahnt er, dass ihm hier Dinge passieren könnten, die man nicht so einfach erklären kann? Wird Jurij Koch jetzt selbst zum Märchenerzähler? Oder hat er hier den sorbischen Schalk im Nacken, der weiß, dass es im Leben selten so zugeht, wie es die phantasielosen Leute meist behaupten, die eher mit Beleidigtsein und grimmiger Wut reagieren, wenn ihnen etwas passiert. Solche Alltagsmenschen, die sich über alles aufregen, was den geordneten Ablauf der gebuchten Tage stört. Und denen deshalb auch niemals Abenteuer passieren.

Auch nicht die, die Mati am Ende der Geschichte geschehen, in der der freundliche Hotelbesitzer, eine Bootstour, eine winzige Sandinsel und der Delfin Agenor eine Rolle spielen. Auch wenn es Jurij Koch schön schweben lässt, sodass nicht wirklich klar wird, wer hier eigentlich mit wem seine freundlichen Streiche spielt, sodass die Phantasie der kleinen Leser oder Zuhörer ein bisschen abschweifen darf. Wer sich wirklich auf Urlaube an fremden Gestaden einlässt, kennt diese Momente, in denen Realität und Phantasie ineinanderfließen, in denen wir tatsächlich einmal nicht mehr die korrekten, gut funktionierenden Menschen sind, als die wir daheim gestartet sind in der Hoffnung, wir kämen im Urlaub wirklich mal raus aus dem Trott.

Was ja auch Kindern schon so geht. Und Jurij Koch hat noch so ein Gefühl fürs Kindsein, fürs Offensein für gute Geschichten oder eindrucksvolle Träume. Er weiß, dass man ein klägliches Leben führt, wenn man nicht mehr die Phantasie der Kinder hat. Oder wenigstens die der griechischen Sagenerzähler, die man sich in einem gut sortierten Buchladen wenigstens kaufen kann.

Und Thomas Leibe ist ganz phantasievolles Kind, wenn er malt. Nur dass er seine Technik beherrscht und Bilder schafft, wie sie sich Kinder wahrscheinlich vorstellen, wenn sie solche Geschichten hören. Bilder, die immer noch eins draufsetzen – wirbelnde Krakenarme, spritzende Wellen, Fischschwärme oder auch jenes türkisschimmernde Meer vor der Insel, in das man gleich eintauchen möchte und Delfine sehen möchte. Möglichst nah. Sodass es eine Geschichte vom Sehen wird. Aber auch eine vom Träumen und vom Die-Phantasie-Behalten. Denn eigentlich ist es ja so: Wenn man seine Phantasie nicht mitnimmt auf Reisen, sieht man nichts und erlebt man auch nichts. Jedenfalls nichts, was man später als Geschichte daheim erzählen würde, wenn die Enkel mal wieder zu Besuch kommen. Und Jurij Koch scheint ein Opa zu sein, den die Enkel gern besuchen. Das ist auch in der Lausitz etwas Besonderes.

Jurij Koch, Thomas Leibe Mati und der Delfin Agenor, Lychatz Verlag, Leipzig 2019, 9,95 Euro.

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