Politischer Kitsch: Ein philosophischer Versuch, die Sehnsucht der Deutschen nach sentimentaler Scheinpolitik zu erklären

Für alle LeserWir leben in seltsamen Zeiten. Das merkte nicht nur der hessische Philosoph und Journalist Alexander Grau, der mit seinem Buch „Hypermoral“ schon einmal versucht hat zu erfassen, warum in unserer Gesellschaft so eine riesige Lücke klafft zwischen Realität und politischer Geste. Mit „Politischer Kitsch“ versucht er das Phänomen von einer anderen Seite zu erfassen. Denn wo Rationalität verschwindet, regiert der moralische Kitsch.

Ob das nun eine rein deutsche Spezialität ist? Wahrscheinlich eher nicht. Denn was Grau analysiert, ist die emotionale Befindlichkeit des verunsicherten Bürgertums, das zwar seit 200 Jahren die Geschicke der Welt zunehmend bestimmt. Doch – so sieht es Grau – das Bürgertum hat ein Problem – und damit auch seine bevorzugte Staatsform: die demokratische Republik. Sie gewinnt ihre Legitimität nicht, wie zuvor die Feudalherrschaften, aus der Fiktion eines durch Gott legitimierten Adels. Aber auch republikanische Regierungen üben Macht aus. Aber wie legitimiert sich Macht? Wie formuliert das Bürgertum sein Bewusstsein in einer Welt, die nach den bürgerlichen Revolutionen ihre alte, durch die Kirche geheiligte Sinngebung verloren hat?

Im Grunde ist sein Essay erst einmal eine Spurensuche. Die Befunde liegen ja auf dem Tisch, der Bruch der Aufklärung mit den alten Selbstgewissheiten genauso wie der Bruch des Protestantismus mit dem überbordenden Kitsch der alten, in Ritualen erstarrten Kirche. Philosophen sind sprachgewaltig. Sie schreiben so, wie heute kaum noch ein begabter Politiker zu reden versteht. Da überliest man die Ecken und Kanten und merkt auch nicht wirklich gleich, wenn der Autor ein wenig zu mutig seine Zutaten rührt.

Den Beginn des politischen Kitsches setzt er auf den Höhepunkt der französischen Revolution, als ein neuer Kult der Wahrheit den neuen Staat ähnlich heiligen sollte, wie es zuvor die Religion mit der Königsherrschaft getan hatte. Aber gleichzeitig stellt er in wunderbaren Sätzen fest, dass das eigentlich längst schon wieder ein Verrat an jeglicher Rationalität war: „Denn Kitsch ist vor allem eines: ein Narkotikum des Geistes. Es betäubt den Verstand und sediert die Urteilsfähigkeit.“

Mit dem Zitat bezieht er sich auf Umberto Eco. Und auch Hermann Broch, Milan Kundera und Theodor Adorno kann er zu Zeugen aufrufen. Sie haben alle auf ihre Weise versucht zu begreifen, wie Kitsch funktioniert und warum der Kitsch mit dem Aufkommen der uniformen Massenfertigung auch die kulturellen und politischen Bereiche erobert hat. Können sich Menschen nicht wehren gegen Kitsch? Oder brauchen sie den Kitsch, um von den verunsicherten Mitbürgern überhaupt noch akzeptiert zu werden, weil – so Grau – Kritik und Rationalität heute geradezu zu Feindbildern geworden sind.

Geht er da zu weit? Kommt da der „Cicero“-Kommentator durch?

Vielleicht. Aber die Grundanalyse versucht ja tatsächlich das bürgerliche Subjekt zu fassen in dieser ganz speziellen deutschen Geistesgeschichte, die schon mit dem Pietismus eine erste sehr typische Form der Welt-Flucht gefunden hat, die Verinnerlichung einer Religion, die eigentlich aufgeräumt hatte mit der ganzen katholischen Esoterik, die den mittelalterlichen Menschen noch einbettete in ein stabiles Bild der Welt und eine Vertröstung auf ein besseres Jenseits. Damit einher ging ja immer auch der Trost über eine unzulängliche, harte und grausame Welt.

Die ja nicht wirklich weniger grausam wurde, als die Industrialisierung begann, das Leben der Menschen gründlich umzukrempeln. Auf einmal wurde der Mensch in eine Welt geschleudert, in der sein eigenes Tun zur Ware wurde und der alte, natürliche Zusammenhang mit der Welt zerriss. Das war die Zeit, als Begriffe wie Heimat, Volk und Gemüt mit Emotionen aufgeladen wurden. Es gibt keine Kulturepoche, die so eindeutig die Sehnsucht des Kleinbürgers nach einer heilen, in die Vergangenheit projizierten Welt ausdrückt wie die Romantik. Die – auch das verfolgt Grau – gerade in Deutschland Folgen hatte bis in die jüngere Vergangenheit hinein.

„Das kitschige Bewusstsein will nicht verstehen, es will dazugehören und geborgen sein. Geborgen aber fühlt es sich nur in einer überschaubaren und geordneten Welt. Deshalb basiert der moralische Kitsch auf Komplexitätsreduktion. Für ihn gibt es nur Gut und Böse, Hell und Dunkel.“

Eigentlich logisch, dass diese sentimentale Grundhaltung für die bürgerliche Epoche auch die politischen Formen bestimmte. Denn es gilt ja auch schon für das Wilhelminische Zeitalter und den auch in Leipzig opulent zu betrachtenden Historismus, was Grau wenig später über den Kitsch der beiden totalitären Gesellschaftsformen des 20. Jahrhunderts schreibt: „Totalitärer Kitsch ist der Schleier, der die Wirklichkeit verstellt und den Menschen so ihre Autonomie und geistige Unabhängigkeit nehmen will, indem er sie einlullt in eine Symbolwelt aus sentimentalen Klischees und bekannten Pathosfloskeln, die Vertrauen und Geborgenheit erzeugen sollen.“

So weit ist das wirklich eine nachvollziehbare Gesellschaftsgeschichte des Kitsches, der die wirklichen Machtverhältnisse verbrämt, der alle Gesellschaftsbereiche durchdringt und – wie Grau schreibt – versucht, „Realität und politische Vision miteinander zu versöhnen“.

Und dann? Stürzt die siegreiche Demokratie des Westens danach in ein Identitätsloch ohne Visionen?

Das wäre eine spannende Frage. Aber die vermeidet Grau leider, wenn er dann in einer erstaunlichen Wendung den „absoluten Kitsch“ postuliert. Auf den ersten Blick ein logischer Schritt: „So gebiert das kitschige Bewusstsein der Moderne nach dem Untergang des totalitären Kitsches schließlich den absoluten Kitsch, also den Traum von der totalen Versöhnung der Welt. Die Realität wird nicht länger kitschig verschleiert, sondern umgedeutet.“

Hier betritt der Philosoph unsicheres Terrain, weil er beiläufig versucht, die ganze heutige Klimadebatte mit heineinzupacken und die Forderung nach einer ehrlichen Umweltpolitik versucht zu desavouieren, indem er ihren Vertretern „mythologisches Denken in Reinform“ unterstellt. Danach „wendet sich das kitschige Gemüt konsequenterweise gegen den Menschen selbst, der als Schöpfungsfehler entlarvt wird, als geradezu diabolische Kreatur, die erst Zerstörung und Unfrieden in die Welt bringt.“

Es ist schon erstaunlich, dass er das kitschige Bewusstsein ausgerechnet in dieser Debatte verortet und alle anderen politischen Strömungen ausblendet. Ganz so, als sei allein die romantisch verklärte Beziehung der Deutschen zum Wald und zur Natur schuld daran, dass sie heute zu all diesen kitschigen Posen neigen von Mahnwachen über Gedenkkerzen, herzige Plüschtiere an Anschlagsorten bis zu sentiment-triefenden Beileidsbekundungen nach blutigen Anschlägen, ohne dass daraus wirklich rationale Handlungen folgen.

Als hätte er seine zentrale Argumentationsschiene an der Stelle völlig vergessen, auch wenn er wenig später wieder schreibt: „Für das kitschige Bewusstsein gibt es nur eine legitime Überzeugung und das ist die eigene, da sie durch Gefühle und Empfindungen, durch Empathie und Wärme beglaubigt, ja autorisiert wurde.“

Das aber trifft – wenn seine These vom „absoluten Kitsch“ stimmt – ausnahmslos auf alle politischen Strömungen zu. Oder gibt es doch noch rationale politische Strömungen? Ich denke schon. Aber es sind nicht unbedingt jene, die sich als rational behaupten. Denn – das klang ja früher im Buch schon an – zum aufgeklärten Denken gehört die Fähigkeit, auch die eigene Position immer wieder zu hinterfragen, eben nichts als absolute Wahrheit zu betrachten. Was nicht einfach auszuhalten ist. Denn wie bekommt man dann noch ein festes Fundament für sein Sein in dieser Welt, etwas, was einem Vertrauen und Geborgenheit vermittelt?

Denn beides bekommt man nicht zu kaufen, auch nicht auf dem Markt der politischen Angebote.

Das ist im Grunde die Bruchstelle, der Punkt, an dem sich das kitschige Denken als politisches Problem erweist. Denn, so Grau: „Es gehört zur Eigenartigkeit des kitschigen Denkens, dass es sich von seinem Weg nicht abbringen lässt. Denn das kitschige Denken weiß sich als die höhere Wahrheit und Ausdruck des Weltgeistes.“

Den Satz kann man lesen und kommt dabei ganz bestimmt nicht auf den Gedanken, ausgerechnet die heutige Klimadebatte darin zu erkennen. Denn diese Art Denken findet man zuallererst in Sekten, aber vor allem in heutigen populistischen Politikströmungen. Das verblüfft schon, warum Grau das nicht sieht. Gerade diese Politikströmungen stehen für den genau so postulierten Wahrheitsanspruch, für eine Negation der Fakten und für kitschige Inhalte, die direkt aus der Kitsch-Klamottenkiste des Totalitarismus stammen. Die aber einen gewissen Teil der Wähler genau bei dem Bedürfnis abholen: „Das kitschige Bewusstsein will nicht verstehen, es will dazugehören und geborgen sein.“

Es reagiert auf eine zunehmend als dissonant wahrgenommene Welt mit „Betulichkeit und einer Vorliebe für fade Rührseligkeit“.

Die Formel habe ich jetzt aus einem etwas anderen Kontext gerissen, weil mir am Ende eigentlich die Schlüssigkeit fehlt. Denn diese Vorliebe spiegelt sich auch in der Akzeptanz einer Politik wider, die ihre Unfähigkeit (oder fehlende Bereitschaft) Probleme zu lösen, hinter immer mehr Phrasen und aufgeplusterter Emotionalität versteckt, sodass man konkrete und rationale Analysen im Politik-Sprech von heute kaum noch findet, dafür jede Menge Gefühligkeit, die ja Grau anfangs auch erwähnt. Ganze Wahlkämpfe werden mit inhaltslosen Gefühligkeitsphrasen gemacht. Das Sprechen über das Politische selbst verschwindet hinter reiner Emotionalisierung, verbalem Kitsch, der den Menschen suggeriert, dass sie sich um das heilige Gut Politik nicht zu kümmern brauchen.

Und spannend ist garantiert auch die Frage nach dem „intellektuellen Kitsch“, den Grau am Ende erwähnt – auch als Summe seines Unbehagens mit der gesamten modernen und postmodernen Kunst und Kultur. Oder ist es eher sein Unbehagen am medialen Betrieb, der seine Sicht auf Kunst und Kultur kolportiert? Die Frage lasse ich offen, weil das Gefühl am Ende ziemlich stark ist, dass der Autor dieses über weite Strecken lesenswerten Essays sich letztlich doch hinreißen lässt und die Distanz verliert zum Objekt, über das er schreibt.

Und welche Pfützen er da so eilig vermeidet, wird deutlich, wenn man zurückblättert zum „totalitären Kitsch“, wo man lesen konnte: „Für den totalitären Kitsch ist die Pose, die Phrase alles. Es kommt auf die richtigen Bilder an, die richtigen Metaphern. Sie verfärben die Welt und machen sie groß, erhaben und schön. Das funktioniert so gut, weil Ideologien letztlich nichts anderes sind als Ansammlungen solcher Bilder und Metaphern.“

Das findet man dann nicht nur im politischen Kitsch, sondern auch im alltäglichen Trash, den unsere modernen Medien, die größten und eigentlichen Kitsch- und Mythos-Produzenten unserer Zeit, in die Welt ergießen. Lauter Angebote für Menschen, die gar nicht wissen wollen, wie ihre Welt hinter dieser verklärenden Bilderflut wirklich aussieht.

Alexander Grau Politischer Kitsch, Lehmstedt Verlag, Leipzig 2019, 22 Euro.

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