Wenn sich eine Landschaft so atemberaubend entleert wie große Teile Ostdeutschlands, dann hinterlässt das auch tausende dauerhaft leerstehender Gebäude. Das betrifft nicht nur die ausgeräumten Industrielandschaften. Das betrifft auch – wie der Chemnitzer Fotograf Christian Sünderwald in seinem ersten Band „Lost Places Mitteldeutschland“ zeigte – leerstehende Schlösser, Villen, Kulturhäuser und Ballsäle. Und auch Kranken- und Kurhäuser werden nicht verschont, wie dieser neue Fotoband zeigt.

Lost Places sind nicht einfach nur Gebäude, die nicht mehr genutzt werden. Es sind Orte, die von gesellschaftlichen Umbrüchen erzählen, vom Ende eines Zeitalters und vom Verschwinden der Menschen, die diese Gebäude einst genutzt haben. Und in Mitteldeutschland erzählen diese Gebäude natürlich vor allem vom Verschwinden der DDR und all der Einrichtungen, die dieses Land zum Funktionieren brauchte. Manche davon würden eigentlich auch noch in der Gegenwart Sinn machen.

Doch nicht nur unter Abwanderung leidet ja der Osten. Er leidet auch unter den Ideen eines Neoliberalismus, der seit 30 Jahren massiv Druck ausübt, die sozialen Infrastrukturen zu zentralisieren, zu privatisieren und „effizienter“ zu machen. Und wenn heute schon wieder von einer neuen Schließungswelle für Krankenhäuser geredet wird, dann haben viele Städte in Mitteldeutschland die erste Schließungswelle von Krankenhäusern, die nicht dem Massestandard der Optimierer entsprachen, noch nicht verkraftet. Und so ist es für Sünderwald ein Leichtes, mehrere solcher seit 20 Jahren leerstehenden Krankenhäuser zu finden, mit den Verwaltern Kontakt aufzunehmen und bestechende Schwarz-Weiß-Aufnahmen aus dem Inneren zu machen.

Dasselbe gelingt ihm bei mehreren Sanatorien und Kurhotels, die teilweise in noch heute begehrten Urlaubs- und Luftkurorten liegen. Sie zeugen nicht nur vom spröden Charme der letzten DDR-Jahrzehnte, in denen sich auch alte Schlösser und Hotels in Erholungseinrichtungen verwandelten. Fast alle haben sie auch noch den Charme ihrer Erbauungszeit um 1900 bewahrt, einer Zeit, als selbst in Treppenhäusern und Küchen ein gewisser Wert auf Gestaltung gelegt wurde, von den Ballsälen, Speisesälen und Bädern ganz zu schweigen.

Diesen späten Glanz einer Zeit, in der man beim Bauen auch noch Wert auf Opulenz und Gediegenheit legte, konnten die Kurgäste, Lungenkranken und FDGB-Urlauber auch in der DDR-Zeit meist noch sehen, wenn auch schäbig geworden vom langen Gebrauch. Aber was irgendwie noch zu erhalten war, erhielt man, auch wenn es dabei nie um den Denkmalwert dieser Häuser und ihrer Einrichtungen ging. Wenn das für andere Zwecke gebaute Haus umgewidmet wurde etwa zu einer psychiatrischen Anstalt oder einem militärischen Krankenhaus, wurde eher keine Rücksicht auf die alte Schönheit gelegt.

Umso erstaunlicher ist, wie viel vom alten Glanz heute noch zu erkennen ist. Freilich vieles auch in einem zunehmend nicht mehr zu rettenden Zustand. Denn bewahrt wurde die Bausubstanz über Jahrzehnte ja nur, weil sie auch genutzt wurde und wohl auch immer notdürftig geflickt. Aber die Nach„wende“zeit beendete diese Nutzung oft über Nacht. Die Gebäude wurden an die jeweiligen Kommunen oder neue Käufer übergeben. Doch die Städte und Gemeinden in Sachsen, Sachsen-Anhalt und Thüringen hatten über die ersten 20 Jahre ganz andere Probleme zu lösen. Da war auch für den Erhalt denkmalträchtiger Schwimmhallen kein Geld da.

Selbst in Leipzig wurde ja 2003 entschieden, das altehrwürdige Stadtbad stillzulegen, weil Betrieb und Sanierung zu teuer geworden wären. Es hat sich neben einer ganzen Reihe geschlossener Stadtbäder ins Buch gefunden. Dabei sind Fotos entstanden, bei denen man fast automatisch die Geräuschkulisse solcher Bäder im Ohr hat – das Kreischen der Kinder, das Gemurmel von Stimmen, das Knacken in den heißen Rohrleitungen. Dazu der Geruch von gechlortem Wasser, vielleicht gar Erinnerungen an die ersten Schwimmstunden und die Furcht vor dem tiefen Wasser.

An die Stelle dieser einst stark genutzten Stadtbäder sind heute mit „action“ überladene Spaßbäder getreten, über die Sünderwald kein gutes Wort verliert. Der 1968 in München geborene Fotograf, der seit 1991 in Chemnitz lebt, sieht diese Bauten mit den Augen des Fotografen. Er nimmt ihre offensichtlichen und versteckten Schönheiten war. Und er bringt mit seinen Fotos auch das Gefühl des Erforschers herüber, der all diese verlassenen Räume immer mit Bildern im Kopf betritt. Denn vieles erinnert ja noch daran, dass hier bis zuletzt Leben in der Bude war. Manchmal auch Verzweiflung, Trauer und Tod. Weshalb ihn gerade die verlassenen Kliniken und Sanatorien besonders schwermütig stimmen. Oft stehen noch Betten und Reste von Installationen aus OP-Sälen im Raum, die ahnen lassen, wie sehr es hier um Leben und Leid ging.

Ein frappierendes Gefühl für den Fotografen, denn diese Häuser stehen oft mitten im Wald oder in eindrucksvoll wuchernden Parklandschaften, dort also, wo nach überstandener Krankheit auch die Hoffnung bestand, an gesunder Luft und in lebendiger Natur bald wieder auf die Beine zu kommen. Was für viele dieser Häuser wohl auch der Todesstoß war. Denn selbst beim heutigen Ausflugstourismus gilt die Marktformel: immer größer, immer lauter, immer effizienter. Man bewegt sich kaum noch zu Fuß durch die Landschaft, abgelegene Orte werden gemieden, weil meist auch die Bahnstrecke dorthin eingestellt wurde. Der Tourismus konzentriert sich auf einige wenige völlig überlaufene Hotspots, während man schon auf dem Weg zu diesen verlassenen Kurhotels und Sanatorien in menschenleere Landschaften kommt und spüren kann, was Einsamkeit ist.

Es ist im Grunde die Kehrseite unserer rasenden Welt, die sich dort, wo man mit Masse keine Gewinne erwirtschaften kann, nicht mehr rechnet. Sodass auch willige Investoren nach dem Kauf dieser Immobilien ihre Pläne für eine neue Nutzung lieber nicht verwirklicht haben. Es lohnt sich nicht einmal mehr, die Gebäude wenigstens instand zu halten, denn es ist überhaupt nicht absehbar, dass sich das irgendwann in den nächsten Jahren wieder ändert.

Und so zerspringen die Fensterscheiben, werden Dächer undicht, bröckelt der Putz, dringt Wasser in die Mauern und Birken setzen sich in Mauerfugen fest. Die Abwesenheit des Menschen überleben diese oft 100 Jahre alten Häuser nicht mehr, die eben auch von einer Zeit erzählen, in der die Deutschen sich nicht von Billigfliegern nach Mallorca tragen ließen, sondern mit Kind und Kegel in solche großen Hotels in waldige Gegenden reisten und sich dabei wahrscheinlich auch besser erholten.

Man sieht diese stillen Bilder, die trotzdem sehr eindrucksvolle Geschichten erzählen, auch mit den Gedanken an die Diskussionen um den Klimawandel im Hinterkopf an. Denn diese Leere in gar nicht so weit entfernten Regionen Mitteldeutschlands ist das Gegenbild zu den All-inclusive-Ferienressorts, zu denen Millionen Deutsche jedes Jahr fliegen. Mit verheerenden Folgen fürs Klima.

Während ganze Regionen im Land sich entvölkern und auch der einst blühende Fremdenverkehr nicht mehr funktioniert. Der„morbide Charme“ der Bilder erzählt eben auch von einer sehr seltsamen Gegenwart, die viel kürzere Verfallszeiten hat und – so sieht es auch Sünderwald – kaum noch einen Sinn für die stilvolle Gestaltung von ganz profanen Gebäuden.

Christian Sünderwald Lost Places Mitteldeutschland, Sutton Verlag, Erfurt 2019, 29,99 Euro.

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