Kompakte Auswahl zum 200.

Das Appetitmacherbuch zum Reisenden Theodor Fontane: Mehr als Weisheit aller Weisen galt mir Reisen, Reisen, Reisen

Für alle LeserEs gibt ja so einige berühmte 200-Jährige, deren Geburtstag wir in diesem Jahr feiern. Zu ihnen gehört auch Theodor Fontane, der am 30. Dezember seinen 200. Geburtstag gefeiert hätte. Aber wie kann ein Geburtstagsbuch aussehen? Könnte man da nicht den wichtigsten Fontane-Kenner fragen, der die großen Fontane-Gesamtausgaben betreut hat? Der Mann heißt Gotthard Erler, ist aber auch schon 86 Jahre alt. Aber er sagte auch nicht „Nein“, als der Verlag anfragte.

Denn was wichtig ist für diese nun mit Illustrationen von Carsten Busse ausgestattete Auswahl im Verlag Faber & Faber, hat er ja alles schon geschrieben. Es steht in den ausführlichen Vor- und Nachworten der von Erler betreuten Einzelausgaben zu all den Reisen, die Theodor Fontane im Lauf seines Lebens unternommen und fast immer auch in Beiträgen für die Zeitung oder Reisebänden niedergeschrieben hat. Denn Fontane war keiner, der aufs Schreiben verzichten konnte. Und aufs Nachdenken, Studieren und Vergleichen schon gar nicht.

Er berichtete in Briefen an die Daheimgebliebenen, wie es ihm unterwegs erging, schrieb ausführlich Tagebuch und dachte schon beim Unterwegssein immer daran, über das Erlebte auch fürs lesende Publikum zu berichten. Und wer die „Wanderungen durch die Mark Brandenburg“ kennt, weiß, was das bedeutete. Im Grunde war Fontane der Erste, der den Brandenburgern in fünf (heute sechs) Bänden klarmachte, wie geschichtsträchtig ihre Landschaft ist und was man alles finden kann, wenn man nur offenen Auges und mit der Bereitschaft, auch die Leute zu fragen, loszieht. Egal, ob auf Schusters Rappen, mit der Bahn oder der Kutsche.

Was selbst viele seiner Leser nicht wissen: Er hat nicht nur über die Mark Brandenburg geschrieben. Das hat Gottfried Erler gerade in den letzten Jahren mit lauter Einzelausgaben zu Fontanes Reisen auf herrliche Weise deutlich gemacht, Bände, die Fontanes Reisen nach England und Schottland, nach Frankreich und Dänemark und sogar nach Italien erlebbar machen. Sehr plastisch, wie man weiß, denn Fontane nahm sich selbst nie heraus, war immer präsent mit eigenen Einschätzungen und Erlebnissen, erzählte von der oft rustikalen Unterbringung, von seltsamer Wirtshausverpflegung, von aufregenden Kutschfahrten, Bettlern, Postillonen, Reisebekanntschaften …

Wer diese Bände gelesen hat, hat ein Gefühl davon, wie sich das Reisen in Fontanes Zeit anfühlte – aber auch, wie es sich veränderte. Denn als Fontane aufbrach in ein Leben, das eigentlich wie das seines Vaters ein Apothekerleben werden sollte, herrschte noch das reine Kutschen- und Pferdezeitalter. Er erlebte mit, wie die ersten Eisenbahnstrecken gebaut wurden und Lokomotiven und Dampfschiffe begannen, die Art des Reisens nicht nur zu beschleunigen. Mit diesen Transportgefährten kam auch der Tourismus in die Welt – mit all seinen fürchterlichen Auswüchsen, die Fontane in seinem geliebten Schottland schon erleben konnte.

Was Gotthard Erler jetzt aus all diesen Reisebänden ausgefiltert hat, ist im Grunde so eine Art Grundphilosophie des Reisens mit Theodor Fontane. Aus all den Bänden hat Erler weniger die landestypischen Kapitel und Texte ausgewählt, als jene Texte, in denen Fontane das Abenteuer Reisen selbst in unterschiedlichster Form thematisiert hat. Denn wer sich so in fremde Länder begibt, muss auch erzählen, wie er sie anschaut und vergleicht zwangsläufig. Und wer behauptet, er vergleiche nicht, der lügt. Man schleppt den Sand seiner Herkunftsregion immer mit.

Was ja bei Fontane gleich eine mehrfache Herkunft bedeutet, denn zum Preußen und Berliner wurde er ja erst, fast zwangsläufig, weil nur eine Stadt wie Berlin diesem unermüdlichen Schreibarbeiter auch wirklich die Bühne bieten konnte, auf der er sich akzeptiert fühlen konnte. Aber seine Heimat sah er immer im kühlen Norden – ganz real in seiner Geburtsstadt Neuruppin und vom Gefühl her an der Nord- und Ostseeküste, wo er einige seiner beeindruckendsten Romane spielen ließ.

Was Fontane-Leser natürlich zu der sehr frühen und sehr erhellenden Einsicht bringt, dass man die Welt mit viel offeneren Augen und mehr Verständnis betrachtet, wenn man tatsächlich eine geistige Heimat hat und das Besondere und Faszinierende im Fremden bereit ist wahrzunehmen. Und dabei auch das eigene Herkunftsland aus einer gewissen kritischen Distanz zu betrachten. Was bei Fontane mit Blick auf das selbstgerechte und feldwebelmäßig arrogante Preußen natürlich zum Teil sehr deutlich wird.

Und das auch in Texten, die mitten in seinem geliebten Berlin spielen.

Die Auswahl, die Erler getroffen hat, zeigt erstaunlich kompakt, wie viele Reisen Fontane im Lauf seines Lebens unternommen hat, die meisten davon aus beruflichen Gründen oder im „Nebengewerbe“, da er ja Jahrzehnte als angestellter Korrespondent für die Zeitung arbeitete und sich die Rechercheausflüge irgendwie ins Wochenende packen musste. Oder er wurde – weil er sich längst einen Namen als lesenswerter „Kriegsberichterstatter“ gemacht hatte – extra losgeschickt, um die Schlachtfelder Frankreichs zu erkunden.

Wer diese Bände gelesen hat weiß, dass auch da die Schlachten und Militäroperationen nur das Gerüst sind – die eigentliche Lebendigkeit dieser Berichte von den Schlachtfeldern liegen in seinen genauen und anschaulichen Schilderungen von Städten, Kirchen, Menschen, Begegnungen und den eigenen Abenteuern. Bei Fontane ist man immer mittendrin. Man spürt mit ihm die Mühen des Reisens, die Zumutungen der Verpflegung, selbst den Ärger über schreckliche Schreibfedern. Denn das alles musste er ja noch mit eigener Hand schreiben. Schreibmaschinen oder gar Tablets standen ihm nicht zur Verfügung.

Und das Ergebnis? Es gibt eigentlich keinen anderen deutschen Reiseschriftsteller, der so viele heute immer noch lesbare Reisetexte geschrieben und veröffentlicht hat, voller Humor, Erzählfreude und echtem Lokalkolorit. Und berechtigter Kritik an den damals so beliebten Reiseführern. Denn nicht alles, was Fontane besichtigen konnte, erfüllte dann die Erwartungen. Das ist bis heute so. Dafür wurde er an Orten, an denen er gar nichts erwartete, positiv überrascht. Denn er wusste ja noch, dass kein Mensch dasselbe erlebt, wenn er dieselben Touren bereist. Und ebenso gilt: Wer nicht auf Reisen geht, sieht nichts. Und wer die ausgelatschten Wege nicht verlässt, sieht auch nur immer wieder dasselbe – also auch nichts.

Seine Reisebücher sind also bis heute – wie Erler feststellt – richtige Reiseverführer geblieben. Und Erlers Auswahl hier ist dann quasi die Verführung dazu, den Reiseschriftsteller Theodor Fontane auf kurze, kompakte und lebendige Art kennenzulernen. Aus den Vor- und Nachworten zu den Reisebüchern hat Erler jeweils informative und lesenswerte Einführungen für jedes einzelne Kapitel gemacht, sodass der Leser schon mit den wichtigsten Informationen einsteigt in die ausgewählten Texte, die ihn dann praktisch ohne Umwege mitnehmen ins Abenteuer – auf Kutschen, mit denen Fontane die Alpen genauso überquert hat wie die legendären Einöden seines geliebten Schottlands, in Gasthöfe, alte Schlösser oder selbst ins Spreewald-Abenteuer.

Und es ist noch nicht einmal alles veröffentlicht, was Fontane reisend aufgeschrieben hat. „Nahezu tägliche Berichterstattung war ihm menschliches und literarisches Bedürfnis“, schreibt Erler.

Und damit haben wir auf einmal einen Typus vor uns, der fast verschwunden ist aus der Welt. Denn Journalisten nennen sich heute vielleicht noch Korrespondent oder Reporter, verstehen darunter aber meist etwas völlig anderes, als in diesem alten Berichterstatter noch steckt, für den es ein Bedürfnis war, denen daheim zu erzählen, was ihm unterwegs alles begegnet ist. Der Zeugnis abgibt im ganz reellen Sinn, weil er das für ein Bedürfnis und – auch das ist Fontane – als eine Pflicht ansieht. Denn er reiste auch mit dem Wunsch, andere an seinem Unterwegssein auf lebendige Weise teilhaben zu lassen.

Und wie viel das ist, merkt jeder, der auch nur eins seiner Unterwegs-Bücher in die Hand bekommen hat. In ihnen steckt der ganze (zuweilen rauchige) Atem des 19. Jahrhundert, das Gefühl für ein Zeitalter, das immer mehr Menschen überhaupt erstmals die Möglichkeit gab, in andere Länder zu reisen. Und Fontane hat diese Reisen – so sehr sie für ihn auch Broterwerb waren – stets mit allen Sinnen genossen und zu Papier gebracht. Er ist in all diesen Texten stets ganz präsent, weil er seine Leser immer vor Augen hatte. Zuallererst seine zeitgenössischen. Aber das wirkt bis heute und wird noch viele Generationen begeistern.

Und wer diese Bücher noch nicht kennt, wird mit dieser Auswahl tiefgehend neugierig gemacht auf den Reisenden Theodor Fontane.

Theodor Fontane; Gotthard Erler Mehr als Weisheit aller Weisen galt mit Reisen, Reisen, Reisen, Faber & Faber, Leipzig 2019, 24 Euro.

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