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Fakten gegen Fake News: Wie Desinformationskampagnen unsere Demokratie zerstören

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    Es ist, als hätte jemand den Geist aus der Flasche gelassen, die zerstörerischen Alpträume herausgelassen, und nun zermürben sie die Demokratie: Hass, Beleidigung, Lüge, Verleumdung. Diskussionen entgleisen, Menschen werden zu Trollen und Berserkern und sind für realistische Berichterstattung kaum noch erreichbar. Aber was können Medien dagegen noch tun? Patrick Gensing, der seit 2017 beim Projekt ARD-faktenfinder arbeitet, versucht, es zu erklären.

    Ergründen muss er es gar nicht mehr. Darüber wurde an zahlreichen Instituten schon intensiv geforscht. Soziologen haben sich mit dem Thema beschäftigt, Historiker haben detailliert darauf hingewiesen, dass das Phänomen gar nicht so neu ist. Aber mit dem Aufkommen der sogenannten „social media“ (Facebook, Twitter, Google, Youtube usw.) hat es eine völlig neue Dimension erreicht. Denn diese internetbasierten Giganten haben den klassischen Medien die Gatekeeper-Funktion genommen, also jene klassische Kontrolle darüber, welche Nachrichten überhaupt große Reichweiten bekommen und wie gesichert die Nachrichteninhalte sind.

    Mit den „social media“ wird jeder Nutzer selbst zum Sender, kann veröffentlichen, wozu immer ihm die Lust kommt, kann Geschichten erfinden, Thesen in die Welt setzen oder regelrechte Kampagnen starten, die schnell gigantische Reichweiten erzielen, wenn die Sender wissen, wie die Belohnungssysteme von Facebook & Co. funktionieren, jene Algorithmen, die vor allem eines befeuern sollen: möglichst viel Action in diesen Netzwerken. Alle Kampagnen, die das Zeug haben, in diesen Netzwerken riesige Aufregung auszulösen, werden gepuscht.

    Und es wäre eher ein Wunder gewesen, wenn Parteien, Konzerne, Geheimdienste und Lobbygruppen die Möglichkeiten, die diese Instrumente bieten, nicht für sich entdeckt hätten. Denn wenn immer mehr Menschen sich ihre Informationen bei Facebook & Co. holen, dann findet man dort auch den schnellsten Zugang zu ihnen, kann Themen setzen, Vermutungen hypen, Meinungen streuen – aber auch andere Meinungen angreifen, niederbrüllen oder einfach mit falschen Meldungen überschwemmen und damit auch Wahlkämpfe beeinflussen, Personen des öffentlichen Lebens diskreditieren, ja, ganze Desinformationskampagnen starten und damit gerade Menschen, die von den Informationsfluten, die heute über hunderte Kanäle in den Alltag gespült werden, sowieso schon überfordert sind, noch ratloser machen.

    Und sie in jene Fallen locken, in denen sie die mit riesigem Kampagnenaufwand verbreiteten Fake News für bare Münze nehmen.

    Ein Problem, das im Bewusstsein der Öffentlichkeit spätestens mit dem us-amerikanischen Präsidentschaftswahlkampf 2016 angekommen ist, als nicht nur ein machtgieriger Immobilienunternehmer mit Lügen und Halbwahrheiten Wahlkampf machte, sondern dabei auch massive Unterstützung durch eine russische Trollfabrik bekam. Was nicht bedeuten muss, dass Donald Trump davon wirklich wusste.

    Denn – darauf geht Patrick Gensing in einem eigenen Kapitel ein – die russische Trollfabrik IRA verfolgt ganz eigene Ziele. Und zwar nicht nur in den USA. Sie wurde nach der Georgien-Krise 2014 ins Leben gerufen, als Russland seine Medienpolitik radikal änderte und dazu überging, mit eigenen Mitteln Einfluss auf die internationale Berichterstattung über Russland zu nehmen.

    Dazu gehört freilich auch, mit den gigantischen Möglichkeiten des Internets auch direkt in den Staaten des Westens Einfluss auf die öffentliche Meinung zu nehmen, das Misstrauen in die demokratischen Parteien und Institutionen zu säen und die Gesellschaften des Westens zu spalten. Alles mittlerweile sehr detailliert belegt, nicht nur am US-Wahlkampf. Dasselbe passierte in der britischen Brexit-Abstimmung. Und es war auch im deutschen Bundestagswahlkampf nachweisbar, wo sich die russische Einflussnahme mit den Aktionen der AfD überschnitt.

    Und das nicht einmal erstaunlicherweise, denn die AfD steht – wie eigentlich jede rechtspopulistische Partei in Europa – genau für diesen Prozess des gesellschaftlichen Zwiespalts. Und die meisten Fake News, die seit 2015 in regelmäßigen Kampagnen die Netze fluten, stammen entweder direkt aus Afd-nahen Quellen oder werden von diesen schnell aufgegriffen und verstärkt.

    Und das passiert natürlich nicht dadurch, dass alle AfD-Mitglieder fleißig twittern, posten, retweeten und Likes verteilen. Aber System steckt schon dahinter. Und auch diese Mechanismen wurden mittlerweile recht gut untersucht, auch weil klassische Medien natürlich wissen wollten, wie es passiert, dass Empörungswellen binnen weniger Stunden das ganze Netz fluten und Diskussionen bestimmen, gegen die alle journalistische Arbeit kaum noch hilft.

    Denn wenn die Lügen und Halbwahrheiten erst einmal die Atmosphäre prägen, können recherchierte Medienbeiträge bestenfalls noch die Flammen einhegen. Aber selbst bei Google dominieren die Fakenews dann meist dauerhaft die Suchliste. Und alle Appelle an eben jene Konzerne, die diesen Effekt erst ermöglichen, nutzen nichts. Sie leben ja von diesen wilden Empörungskampagnen. Die bringen Klicks und damit Werbeumsatz.

    Im Grunde gibt die russische Trollfabrik IRA ein Grundmuster vor, wie solche Kampagnen gesteuert werden können. Es wird mit falschen Identitäten gearbeitet, einige davon sind sogar reine „social bots“, generieren also ihre Tweets und Meldungen automatisiert, indem sie ihrerseits die Meldungen einschlägig rechtsradikaler Blogs und Portale verbreiten, bestätigen, positiv voten und damit in kürzester Zeit eine Relevanz vortäuschen, die diese Meldungen gar nicht haben.

    Aber in den „social media“ wird ja nicht das wichtig, was für das Leben der Gesellschaft wirklich elementar ist, sondern das, was am schnellsten vehemente Empörungswellen auslöst. Sei es ein Anschlag, den rechte Trolle sofort okkupieren und mit Deutungen und Halbwahrheiten aufladen, sei es die aus dem Kontext gerissene Äußerung eines Politikers, sei es eine Polizeimeldung, die nur die ersten dürftigen Fakten liefert. Ruckzuck füllen sich die Kanäle mit Mutmaßungen, Gerüchten, Gemunkel über eigene geheime Quellen und Mutmaßungen über einen „Maulkorb“, den die Regierung den Medien verpasst haben soll.

    Am Beispiel der Kölner Silvesternacht macht es Gensing sehr anschaulich, wie solche Ereignisse sofort okkupiert und hochgeschaukelt werden, noch lange bevor Journalisten dazu kommen, mit Augenzeugen zu sprechen und die Behörden mit Fragen zu löchern.

    Wobei gerade die Kölner Ereignisse mit ein Auslöser dafür waren, dass der ARD-faktenfinder eingerichtet wurde. Denn sie machten deutlich, dass auch öffentlich-rechtliche Medien nicht mehr ignorieren können, dass Themen in den „social media“ sofort von Gruppierungen besetzt werden, die damit Stimmung machen wollen und Falschbehauptungen verbreiten, um den Menschen im Land Angst zu machen, sie regelrecht aus einer Panikattacke in die nächste zu treiben und sie damit einzufangen in einem immer dichteren Gespinst von Desinformation, das im Lauf der Zeit zu einer in sich geschlossenen Blase aus lauter Mutmaßungen und Verschwörungstheorien wird.

    Was übrigens Absicht ist: Wer Menschen einredet, die komplette andere Parteienlandschaft mitsamt der Presse und den Behörden sei gekauft, werden gar von geheimen Mächten ferngesteuert, der erschafft genau jenes von Misstrauen getragene Weltbild, das Menschen dazu bringt, Parteien zu wählen, die in der Zerstörung der Demokratie wieder alles Heil versprechen.

    An etlichen Beispielen zeigt Gensing, wie Fake News gemacht wurden, denn sie entstehen nicht von allein. Es steht praktisch immer eine Interessengruppe dahinter, eine, die davon profitiert, dass wissenschaftliche Erkenntnisse und ernsthafte journalistische Arbeit diskreditiert werden, dass immer mehr Menschen dem Glauben verfallen, man könne die Arbeit tausender Wissenschaftler einfach nicht ernst nehmen, wenn sich ein selbst ernannter Experte mit einer gegenteiligen Meinung zu Wort meldet.

    Denn in diesen Kampagnen geht es ja immer um das Meinen, nicht um Fakten und Wissen. Die Mechanismen gehen geradezu davon aus, dass man Dinge auch einfach ganz anders sehen könnte, und das sei dann ebenso berechtigt wie das, was Forscher in jahrzehntelanger Arbeit penibel und gründlich erforscht haben.

    Und wie man damit auch Politik beeinflusst, das haben seit den 1950er Jahren große Konzerne immer wieder bewiesen. Exemplarisch führt Gensing die Desinformations-Strategie der großen US-Tabakkonzerne an, die damit jahrzehntelang gesetzliche Regularien verhindert haben und am Ende das Suchtpotential ihrer Produkte immer weiter gesteigert haben. Aber die Diesel-Kampagnen der neueren Zeit gehören genauso hierher wie die Kampagnen von Monsanto oder die der Waffenlobby in den USA oder auch der deutschen Rüstungskonzerne, nicht zu vergessen die Konzerne der fossilen Energiegewinnung.

    All die Methoden, den Bürgern einzureden, die Produkte seien gar nicht schädlich und die Forschungsergebnisse der Wissenschaft wären durch eigene (meist geheimgehaltene) Gutachten widerlegt, zeigen über Jahrzehnte Effekte, wirken auch auf die Politik und verschaffen den riesigen Konzernen weiterhin lukrative Marktbedingungen.

    Und natürlich funktionieren Parteien in diesem Umfeld genauso. Denn nichts anderes machen ja AfD und Verbündete, wenn sie die „Altparteien“, die „Lügenpresse“ und die „Eliten“ immerfort diskreditieren. Womit eigentlich ein sehr beeindruckender Befund entsteht, denn es ist eben nicht nur ein Player, der gelernt hat, die Instrumente der „social media“ erfolgreich für seine Desinformations-Kampagnen zu nutzen – es sind mehrere, die sich teilweise auf diabolische Art und Weise bestärken und ergänzen –“man denke nur an die AfD-Kampagne für das Recht aufs Diesel-Fahren, verkauft unter dem alten Manipulations-Slogan „Freie Fahrt für Freie Bürger“. Über den Gensing auch so einiges zu sagen hat.

    Er skizziert zumindest den Aufwand, der beim ARD-faktenfinder betrieben wird, um wenigstens die größten und wirksamsten Fake News des Tages auseinanderzunehmen und zu korrigieren, hoffend, dass eben doch auch Menschen sich damit beschäftigen, die sonst leichtgläubig jede Verschwörungstheorie glauben, die ihnen in den Netzwerken aufgetischt wird.

    Denn von journalistischer Seite kann man die katastrophalen Folgen dieser Lügen nur eindämmen und einfangen, indem man sie gründlich auf ihren Faktengehalt untersucht, die Quellen dieser Lügen findet und den Lesern (und Zuschauern) erklärt, wie die tatsächliche Geschichte in diesen Fakes eigentlich verdreht wurde. Denn auch Fake News haben einen kleinen Kern, der sie mit den realen Ereignissen in der Wirklichkeit verbindet. Aber die Leute, die sie dann umdeuten und mit Bedeutung aufladen, verpassen den Ereignissen ganz gezielt einen Dreh.

    Sie wollen, dass die Leser in den Netzwerken verunsichert und verängstigt werden und gar nicht mehr zum kritischen Nachfragen kommen, weil sie sich umstellt fühlen von lauter Horrornachrichten.

    „Fake News und Verschwörungslegenden lassen sich nicht voneinander trennen“, schreibt Gensing in der Zusammenfassung seines kurzen Ausfluges in die Welt der „falschen Nachrichten“. „Sie bilden einen Sumpf der Desinformation, in dem Differenzierung und faktenbasierte Argumentation keinen Halt finden und schließlich versinken. Sie sind zugleich der Treibstoff von autoritären Bewegungen, die zum Sturm auf den demokratischen Rechtsstaat blasen, und selbst das Produkt einer Postmoderne, die sie eigentlich bekämpfen.“

    Und für die Menschen, die erst einmal in dieser Blase der allgegenwärtigen Verschwörungen gelandet sind, ist es richtig schwer, wieder herauszufinden. Denn nicht ohne Grund schüren AfD & Co. das Misstrauen in die klassischen Medien. Welchen Informationen soll man denn noch trauen, wenn einem in dieser Blase immerfort eingetrichtert wird, dass „die Medien“ lügen?

    „Fake News“, so schreibt Gensing, „sind anpassungsfähig, kompatibel zueinander und lassen sich beliebig kombinieren. Fake News bauen aufeinander auf und bilden am Ende ein großes Referenzsystem …“

    Menschen, die in diese Blase geraten, leben quasi wie in einer Sektenwelt, in der ausgerechnet all das, was in den demokratischen Staaten Meinungsvielfalt und Interessenausgleich ermöglicht, immerfort mit Argwohn verfolgt wird, diskreditiert und angezweifelt wird. So wird natürlich in dieser Blase immerfort das Gefühl erzeugt, von unheimlichen Mächten regiert zu werden. Ein uraltes Mittel, das auch schon bei den Nazis der 1920er Jahre funktioniert hat. Wenn Menschen nicht mehr klar und kritisch denken, dann werden sie manipulierbar und missbrauchbar. Und das zerfrisst die ganze Gesellschaft.

    Gensing jedenfalls findet Grund genug zur Warnung: „Gezielte Falschmeldungen wirken dabei wie fatale Klimakiller, die irreversibel sind. Sie erscheinen, isoliert betrachtet, wenig bedrohlich, erst in einem größeren Kontext wird ihre toxische und zerstörerische Wirkung deutlich – und wenn die erwähnten Kipppunkte erreicht werden, könnte es zu spät sein.“

    Das klingt schon sehr fatalistisch. Aber genau diese Zerstörung des demokratischen Miteinanders wollen die Akteure hinter diesen Desinformationskampagnen ja erreichen.

    Dagegen hilft tatsächlich nur: verantwortungsvoller Journalismus, wie Gensing betont. Denn Journalisten, die ihre Arbeit noch ernst nehmen, sind nun einmal die einzigen, die immer wieder für Aufklärung sorgen können, wo andere Leute mit Absicht Lügen verbreiten und Vernebelung betreiben.

    Gensing hat hier quasi das komprimierte Buch zum Thema geschrieben, eine handliche Warnung für alle, die immer noch nicht wahrhaben wollen, wie „social media“ tatsächlich längst gebraucht (oder auch missbraucht) werden, um den gesellschaftlichen Zusammenhalt in den demokratischen Ländern zu zerstören.

    Patrick Gensing Fakten gegen Fake News oder Der Kampf um die Demokratie, Dudenverlag, Berlin 2019, 18 Euro.

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