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Leipziger Geschichten: Ralph Grünebergers Geschichten aus dem Leipzig der ersten 20 harten Jahren danach

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    Im Herbst brachte der Gmeiner Verlag schon Ralph Grünebergers Roman „Herbstjahr“ über die beiden doch sehr aufwühlenden Jahre 1989 und 1990 heraus. Da lag der Gedanke nahe, auch seine Nach-„Wende“-Geschichten einmal in einem Band zu versammeln, all jene Geschichten, die er über die ersten 20 Jahre „danach“ schrieb, die für viele Leipziger voller Frustration, Enttäuschung und oft auch dem endgültigen Scheitern waren.

    So betrachtet liest sich das Buch jetzt wie die sensible Beschreibung einer Wirklichkeit, die heute fast völlig aus der Wahrnehmung verschwunden ist, zugekippt mit lauter Erfolgsmeldungen, Jubel über Rekorde und Wachstum. Wo aber sind all die Gescheiterten und Entsorgten geblieben? Was passiert mit einer Gesellschaft, der die Schicksale der unter die Räder Gekommenen so völlig gleichgültig sind? Hätten ja nicht scheitern müssen, hätten sich ja nur anstrengen müssen …

    So wie der Vertreter in „Oldtimer-Blues“, der es geschafft hat, die „Wende“ zu meistern und sich in einem neuen Betätigungsfeld zu behaupten. Bis die Sache mit dem Knöllchen passierte, die sich binnen weniger Wochen zur Katastrophe auswächst.

    Denn mit seinem liebevoll aufgemotzten Oldtimer wird er augenscheinlich zur Zielscheibe verfolgungssüchtiger Politessen. Die den Helden am Ende zum Äußersten treiben. Der Stolz auf das Selbstgeschaffene (das liebevoll restaurierte Auto) kollidiert mit der Straflust einer Behörde, die dem ungehorsamen Bürger all ihre stupide Macht zeigen will.

    Mit Grüneberger schlüpft man hinein in all diese Heldinnen und Helden einer Geschichte, in der sie sich nicht schonen, in der sie oft genug unter die Räder kommen, das Liebste verlieren und sich oft genug nicht wehren können gegen das, was ihnen die vermeintlich Stärkeren antun.

    Es sind typische Leipziger Geschichten, auch wenn man sich als Leser im Jahr 2020 lieber anschnallt beim Lesen, weil einen diese Geschichten, die zum größten Teil zwischen 1990 und 2010 entstanden, zurückwerfen in eine Zeit, in der es Leipzig ganz und gar nicht gutging, egal, was die führenden Zeitungen damals schrieben, wo die meisten Leipziger erfuhren, wie brutal und elementar die „neue Zeit“ in ihr Leben eingriff und alles infrage stellte – ihre Ehe (wie in „Weiße Weihnacht“), ihr Zuhause (wie in „Niemandslicht“), ihre Arbeit (wie in „Am Rand oder Das Leben ist ein Roman“).

    Grüneberger hat nicht nur ein Faible für die „Erniedrigten und Beleidigten“. Er ist in ihrer Welt zu Hause. Er ist kein Star- und Glamour-Autor, kein philosophischer Wolkenbauer (weshalb er auch nie den Preis der Leipziger Buchmesse bekommen wird). Er hört den Menschen zu, versucht, ihre Schicksale zu begreifen. Und er weiß, wie das ist, wenn man sich knapp am Limit durchschlagen muss.

    Denn wenn Geschichten nicht wohlfeil sind oder der Autor nicht ins Beuteschema der Kritiker, Verleger und Zeitschriftenredakteure passt, dann lernt er sehr schnell, mit wenig auszukommen, jobbt vielleicht noch nebenbei (so wie die Helden in den Geschichten „Das Interview“ und „Der Juror“) und gewöhnt sich eine gewisse Gelassenheit an gegenüber den irren Fragen von Jungjournalistinnen, die schon alles wissen, bevor sie überhaupt mit den Leuten geredet haben.

    Oder sie wagen alles wie der Verlagsgründer in „Alles aus einer Hand“ und erfahren dann genauso heftig wie der oben erwähnte Oldtimer-Besitzer, zu was deutsche Behörden fähig sind, wenn sie an einem jungen Gründer durchexerzieren wollen, wie deutsches Recht funktioniert.

    Wer dabei war in diesen „frühen Jahren“, der weiß, wie viel Mut zum Neubeginn, wie viel Euphorie und Opferbereitschaft da verbrannt wurden. Die heute fehlen. Wenn jemand versucht, wenigstens zu begreifen, was den Osten derart frustriert und demoralisiert hat, wird er hier fündig. Und man kann noch weitergehen: Es betrifft die gesamte Republik. Wahrscheinlich könnten aufmerksame Autor/-innen auch aus NRW, Bremen oder selbst Bayern solche Geschichten des verwalteten Scheiterns erzählen. Nur dass es dort nicht den Kern der Gesellschaft betrifft, so wie im Osten.

    Denn als es 1990 für fast alle Ostdeutschen darum ging, sich neu zu erfinden und quasi an den eigenen Haaren aus dem Sumpf zu ziehen, hatten sie weder Rücklagen noch Besitztümer. Die meisten begannen mit nichts. Und so könnte man natürlich auch Erfolgsgeschichten schreiben. Aber nicht sehr viele. Denn wer es in den frühen 1990er Jahren geschafft hatte, der erlebte um die Jahrtausendwende, dass ihm oder ihr das gar nichts nutzte.

    Denn Politik und Behörden kümmern sich nicht um Kleinvieh. Das halten sie für überflüssig. Wenn „Investoren“ mit Millionenansiedlungen winken, sind die Kleinen und Nicht-ganz-so-Kleinen vergessen. Dann wird den winkenden Riesen der rote Teppich ausgerollt und die Fördergeldschatulle geöffnet. Dann werden auch Gesetze gebogen und Vorschriften ausgesetzt.

    Wer diese 17 Geschichten liest, merkt ein wenig von der Enttäuschung, die den Osten nicht 1990 erfasste. Nein, an diesem Frust ist die Treuhand nicht schuld. Diese Enttäuschung wurzelt in den späten 1990er Jahren, als auch viele Leipziger stolz darauf waren, dass sie den Weg in die neue – auch die unternehmerische – Freiheit gegangen waren.

    Und dann merkten, dass sie eigentlich nicht vorgesehen sind in der Schönen Neuen Welt, die so gern von Renditen und Wachstum redet. Und dabei ihre Empathie verloren hat, ihre Hilfsbereitschaft. Auch Leipzig ist kaltherziger geworden, was Grüneberger in einfühlsamen Geschichten wie „Frau M.“ oder „Schande“ erzählt. Wo Empathie und Hilfsbereitschaft nicht mehr zählen, greifen Hass und Bosheit um sich. Und bleiben Menschen allein.

    Deshalb wirken diese Geschichten ganz und gar nicht alt. Im Gegenteil. Die meisten berühren direkt den Nerv der Gegenwart. Und sie stellen die unerbittliche Frage: Wie hat es so weit kommen können? Ist es wirklich nur diese jubelnde Mischung aus Schöner Schein und Selbstbetrug, die in „Das Date“ sichtbar werden?

    Denn wo der Schein regiert, ist die Selbstgerechtigkeit nicht weit. Versuchen alle einander zu blenden. Wer wird da noch zugeben, verletzlich zu sein und diesem Scheinriesentum nicht zu genügen? Oder gar zuzugeben, dass der überall verkündete Erfolg bei ihm (oder ihr) nicht angekommen ist? Dass das Leben noch immer genauso hart und unsicher ist wie 1990.

    Man kann sich nicht einmal vorstellen, dass all diese Menschen mit ihren tiefen Verwundungen überhaupt noch zu irgendeiner Wahl gehen. Denn wer interessiert sich noch für das Wohlergehen der Gesellschaft, wenn sich niemand um das eigene Wohlergehen kümmert? Wenn jeder allein bleibt mit seiner Einsamkeit, so wie der Held in „Die Frisur der Mutter“?

    Wer will auch all diese Geschichten hören von jenen Menschen, die im Land der „Leistungsträger“ auf der Strecke geblieben sind, mit ihrem Anspruch auf ein einfaches, planbares Leben Niederlage um Niederlage erlitten? Man ahnt freilich beim Lesen, was da alles unter die Räder geriet, schulterzuckend abgeschrieben wurde. Es vermengt sich mit den Enttäuschungen über das, was vor 1990 geschah.

    Und wenn man die beiden Geschichten „Wiederkehr“ und „Anders“ liest, merkt man, wie alleingelassen all jene waren und sind, die versuchten, die Wunden zu heilen, die sie aus der Zeit des Verrats mitgebracht haben. Die alten Rechnungen blieben offen. Und in „Wiederkehr“ entschließt sich der junge Held, dann doch lieber auf die Liebe zu verzichten. Jedenfalls kann man das Ende so interpretieren. Ralph Grüneberger lässt seine Geschichten nur selten mit einer eindeutigen Botschaft enden. Lieber wählt er offene Enden, in denen er die möglichen Ausgänge ganz dem Leser überlässt.

    Er spielt nicht den Richter. Lieber erzählt er aus der Position einer leicht melancholischen Betroffenheit. Er will nicht wegschauen. Er will sie verstehen, all diese nur scheinbar einfachen Menschen, die am Ende eine Stadt erst ausmachen, die man aber nicht sieht, wenn man nicht bereit ist, hinzuschauen und zu verstehen.

    All die ganz gewöhnlichen Leipziger und Leipzigerinnen, die höchstens mal in kurzen Polizeimeldungen auftauchen, manchmal als Täter, weil ihr Leben völlig entgleist ist (wie in „Niemandslicht“, „Schluckauf“ und „Oldtimer-Blues“), meistens aber als Opfer. Denn sie sind schutzlos. Und sie leben dort, wo die Konflikte des Lebens ganz existenziell ausgetragen werden und niemand seinen Rechtsanwalt losschickt, wenn es Probleme gibt.

    Dort, wo man seine Haut wirklich zu Markte trägt. Wo es immer um alles geht. Aber wie erzählt man das einer bequem gewordenen Gesellschaft, die bestenfalls ahnt, wie es ein, zwei Etagen tiefer aussieht bei denen, die schon froh sind, wenn ihnen nicht gekündigt oder die Miete erhöht wird.

    Ralph Grüneberger Leipziger Geschichten, Gmeiner Verlag, Meßkirch 2020, 12 Euro.

    Herbstjahr: Ralph Grünebergers Roman über drei junge Leipziger im Umbruchjahr 1989/1990

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