Feine Auslese: 100 Minuten Überleben im Wirrwarr der Gegenwart mit Paul Bokowski

Für alle LeserOb das mit seiner Lesetour ab dem 22. April klappt, ist völlig offen. Die meisten Lesetermine zu seiner frisch zur Buchmesse erschienenen Hör-CD musste Paul Bokowski absagen. Der Bursche ist neu im Programm von Voland & Quist. Seine Bücher erschienen bislang bei Goldmann. Aber Lesebühnen leben ja auch davon, dass die Vortragenden ihren unverwechselbaren Vortragsstil entwickeln. Der zuweilen sehr schwarze Humor muss auch zu hören sein.

Und so begab sich der in Mainz geborene Lesebühnen-Autor Paul Bokowski, der heute in Berlin lebt und unter anderem Mitglied der Lesebühne „Fuchs & Söhne“ ist, daran, das Beste aus seinen Veröffentlichungen der letzten Jahre zusammenzutragen und für eine „Feine Auslese“ einzusprechen. Herausgekommen sind zwei CDs mit rund 100 Minuten Bokowski-Sound, der so manchem jungen Großstädter sehr vertraut vorkommen dürfte.

Was ja oft das Markenzeichen der Leute ist, die sich auf Lesebühnen tummeln. Sie sind im Grunde alle gelernte Großstädter, durch Studium, Arbeit und/oder Liebe in einer dieser „hippen“ deutschen Großstädte gelandet (vorzugsweise Berlin), durch die Lernprozesse beim Ankommen und Sich-Hineinfinden sozialisiert. Und irgendwann abgeklärt und stocknüchtern, wie man das nur als Provinzgewächs sein kann, das sich mit Beulen und Schrammen endlich hineingefitzt hat in diesen Dschungel.

Der zuallererst natürlich ein Dschungel der Fahrpläne, Anmeldeformulare, Begegnungsirritationen und Kleiderordnungen ist. Denn hier ist natürlich vieles anders. Von Kuschelwärme kann keine Rede sein. Wer aus einer kleinen Stadt wie Mainz in eine große Stadt wie Berlin zieht, lernt ziemlich schnell, die Dinge gelassener zu nehmen und sich nichts mehr anmerken zu lassen.

Was einem nicht nur in Berlin hilft, nicht ständig als erkennbares Landei angemacht zu werden, sondern auch rotztrocken mit diversen Typen in der Provinz umzugehen. Oder auch mit einem kleinen Raubüberfall vor der eigenen Haustür, auch wenn man nur noch sechs Euro im Portemonnaie hat. Aber auch dafür gibt es Umgangsformen, die auch ein Laien-Räuber beherzigen muss.

„Hauptsache nichts mit Menschen“ von Paul Bokowski – Goldmann Verlag

Aber natürlich merkt der so zum Großstädter Gereifte auch, wie schwer es seinen lieben Eltern daheim fällt, sich ihren flügge gewordenen Kindern gegenüber nicht ganz so lächerlich zu benehmen, wie sie das im Altertum mal gelernt haben. Oder in jener Extrarunde des Lebens, in der sich auch erwachsene Eltern mit aller Kraft bemühen, genauso hip zu sein wie die Kinder.

Was nicht nur einige echte Bokowski-Geschichten ergibt, in denen der doch etwas Verwirrte versucht, die übersprudelnde Selbstgewissheit von sich überzeugter Eltern in sein eigenes Welterleben irgendwie einzuordnen, ohne dabei rücksichtslos oder gar überheblich zu werden.

Was nicht leicht ist. Das weiß ja jeder, der durch unsere seltsame Gegenwart reist, in der das Bild eines „mündigen Verbrauchers“ zum politischen Topos geworden ist, der nun einmal alles sofort beherrscht, auch die übelsten Sackgassen der Technik kennt und so geschmeidig durch alle selbstverständlich vorausgesetzten Fertigkeiten rauscht, dass jeder Verbraucherminister auf ihn stolz sein kann.

Was dann diese durchaus spürbare emotionale Zurückhaltung der gelernten Großstädter ergibt, die sehr genau wissen, wie leicht man immerfort in peinlichste Situationen geraten kann. Und dass es ganz und gar von Nachteil ist, dabei auch nur die geringste Spur von Verunsicherung zu zeigen.

Soziologen haben zwar allerlei plastinierte Begriffe für dieses Milieu. Aber wer drin leben muss, weiß, dass die Soziologen vor allem Schreibtischtäter sind, die sich auch nie wirklich durch die Fährnisse eines Alltags kämpfen mussten, in denen das Versagen des Systems eigentlich normal ist.

Was Paul Bokowski ja zum Beispiel mit seinem Klassiker einer Reise nach Magdeburg zum Exempel gemacht hat, wobei die Verlassenheit der sachsen-anhaltinischen Provinz diesem Deutsche-Bahn-Abenteuer einen besonders düsteren Reiz verleiht, auch wenn jeder Regionalzugreisende weiß, dass einem so etwas auch in Niedersachsen oder der bayerischen Provinz passieren kann.

Paul Bokowski – Der Newsletter

Denn gerade die Bahn, auf die ja ein normalgefragter Lesebühnen-Autor beim Reisen angewiesen ist, zeigt ja gern in den überraschendsten Momenten, wie schnell der moderne Reisende mit den Kalamitäten eines durchgetakteten Systems zu tun bekommt, das unverhofft aus der Spur springt, sodass aus dem Schlaf gerissene Busfahrer dann irgendwie dafür sorgen sollen, dass die Gestrandeten doch irgendwie da hinkommen, wo sie ursprünglich hinwollten.

Und auch wenn es solche Texte bei Lesebühnen-Autoren öfter gibt, betrifft das ja nicht nur das buntscheckige System Bahn. Es trifft auf alle modernen Systeme zu, in denen sich Regelungslust, Privatisierungsunwesen, technokratische Filterblasen und ganz normale Menschen begegnen, die einfach nur von hier nach da wollen, ohne unterwegs eine Expeditionsausrüstung kaufen zu müssen. Die sie dann meistens trotzdem kaufen müssen, weil technokratische Systeme meist auch unter der Unfähigkeit leiden, das noch zu verstehen, was diese eigentlich störenden Nutzer am anderen Ende eigentlich wollen.

Die technischen Geräte dazu kann hier jeder selbst nach Lust und Laune eintragen …

Und so begegnen wir mit Paul Bokowski einem jungen, durchaus lernwilligen Großstädter, der vor allem eines gelernt hat: Das Leben im Großstadtuniversum ist eines aus lauter Improvisationen, labilen Zwischenzuständen und dem Versuch, auch bei Schlager-Nackt-Partys in der Schwulenkneipe seine Würde zu bewahren. Bei unverhofften Begegnungen mit seltsamen Nachbarn und Nachbarinnen erst recht. Ganz zu schweigen von den seltsam flippigen Zeitgenoss/-innen, mit denen es Paul Bokowski beim Versuch, einen Tisch auf ebay zu verkaufen, zu tun bekommt.

Man spürt es regelrecht knistern, wie sich hier die seltsamsten Welten vermischen – von elterlicher Blamagen-Freude über die Ernsthaftigkeit des Großstadt-Singles bis hin zu diesen scheinbar total lockeren Kommunikationswelten, in denen Menschen miteinander freudig per Du sind, die man im gewöhnlichen realen Leben nicht wiedererkennen würde.

Alles sehr ernsthaft vorgetragen. Keine Frage. Wer sich die 100 Minuten „Feine Auslese“ besorgt, hat im Grunde auch so etwas wie die nötige Erdungs-Software für Corona-Einsamkeiten. Denn damit weiß man das Alleinsein zu Hause zu schätzen und ist ganz froh, dass man für ein Weilchen mal nicht unter Menschen muss. All diese Typen, die nie im Leben lernen werden, wie man sich als gelernter Großstadtnutzer zu benehmen hat und die Paul nur zu gern mit einem feuerspeienden Drachen von der Erde pusten würde.

Den er zum Glück nicht hat. Außer als 90-Meter-Phantasie-Monstrum im Kopf. Denn der Bewohner der Neuzeit hat auch gelernt, nie seine Würde zu verlieren, nicht auszuflippen und den Drachen wirklich rauszulassen. Das machen nur die, die tatsächlich noch jeder S-Bahn hinterherrennen, auch wenn die in Berlin tatsächlich alle vier Minuten fährt.

In Leipzig ist das schon ein bisschen anders. Aber deshalb haben Leipziger Lesebühnen-Autoren ja auch einen etwas gemütlicheren Humor. Die richtig harten Hunde ziehen alle nach Berlin und versuchen dort so lange durchzuhalten, wie es Geräuschkulisse, Nachbarn und Haustürräuber so zulassen.

Paul Bokowski Feine Auslese, 2 Audio-CDs, Voland & Quist, Dresden, Berlin und Leipzig 2020, 18 Euro.

Ein Spiel auf Zeit: Die neue Leipziger Zeitung zwischen Ausgangsbeschränkung, E-Learning und dem richtigen Umgang mit der auferlegten Stille

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