Vor ein paar Jahren hat der georgische Autor Beka Adamaschwili seinen Helden Piere Sonnage in die Literatenhölle geschickt. Das Buch gefiel nicht nur den Georgiern. Vielleicht auch, weil Adamaschwili sie nicht mit den Malaisen der gegenwärtigen georgischen Politik oder der jüngeren Geschichte konfrontierte. Im Gegenteil: Augenzwinkernd nahm er sie mit in die großen Bücher der Weltliteratur. Denn nichts öffnet Horizonte so sehr wie große Literatur. Auch wenn der Autor darin seltsame Dinge anstellt.

Und eigentlich macht er in „In diesem Buch stirbt jeder“ nichts anderes. Erschienen ist es 2018 in Tbilissi und Sybilla Heinze hat es ins Deutsche übersetzt, so dass es jetzt schon Band 31 in der Reihe Sonar von Voland & Quist ist, in der die Entdeckungen spannender Autor/-innen aus Ost- und Südosteuropa erscheinen.

Und wer zu diesem Buch greift, muss mit allem rechnen. Zumindest mit allem, womit gestandene Leser/innen rechnen – also letztlich allem. Denn gute Autoren überraschen ihre Leser. Ihre Geschichten gehen nie so aus, wie sie der naive Leser erwartet. Und selten mit dem, was die Hollywood-Märchenerzähler Happyend nennen. Nicht mal im Märchen.

Wobei: Auch der Titel ist schon eine kleine Irreführung. Und der Covertext auch. Seinen Helden hat er wieder sehr sprechend mit einem Namen versehen: Memento Mori. Auch ein bisschen als Warnung, weil ja nun die berühmten unter den europäischen Autoren oft ziemlich fahrlässig mit ihren Helden umgehen – Shakespeare etwa mit Romeo und Julia (wie konnte er nur!) oder Gustave Flaubert mit Emma Bovary (was für eine Gemeinheit!) oder Arthur Conan Doyle, der seinen Sherlock Holmes in den Reichenbachfällen entsorgte, weil er keine Sherlock Holmes-Geschichten mehr schreiben wollte.

Man kann die Reihe fortsetzen mit Werther (was hat Goethe sich da eigentlich gedacht?) oder auch Jesus Christus – aber zu letzterem gibt es ja schon stapelweise Romane, in denen kühne Zeitreisende versuchen, ihn vorm Kreuz zu retten.

Und laut Klappentext versucht auch Memento Mori allerlei berühmte Romanheld/-innen zu retten. Aber er ist in der Geschichte nicht ganz allein, auch wenn das schon ein für erfahrene Leser/-innen sehr freudvoller Schachzug ist, wenn Adamaschwili den Burschen aufwachen und feststellen lässt, dass er eine Romanfigur ist.

Er bekommt dann auf recht turbulente Art noch drei Gefährten: Professor Arno, Matthäus und Lea, welche eigentlich verreisen möchte und erst durch das Auftauchen der anderen drei mitkriegt, dass auch sie „nur“ eine Buchheldin ist – in die sich natürlich später jemand verliebt. Denn wozu sind Frauen eigentlich in Büchern, wenn sich keiner in sie verliebt? Das ist jetzt frech gefragt. Aber wer große Geschichten in den Romanen der Weltliteratur näher beschaut, der merkt, dass es meistens um Frauen und Liebe geht. Man wird ja so idyllisch beim Lesen.

Aber natürlich haben Buchheld/-innen ein Problem: Sie können zwar ein richtiges Eigenleben entwickeln und ihre Schöpfer zur Verzweiflung bringen, wenn sie ein Eigenleben entwickeln und alle schön ausgedachten Pläne ihres Schöpfers über den Haufen werfen, aber ganz kommen sie nie von der langen Leine. Denn jedes Wort, das sie sprechen, muss der Bursche an der Tastatur erst einmal schreiben, jede Handlung ausformulieren.

Vom in deutschen Professor-Romanen so beliebten „Inneren Monolog“ ganz zu schweigen, den Adamaschwilii zwar nicht erwähnt, aber meint, wenn er sein Quartett an entscheidenden Stellen darüber diskutieren lässt, was der Kerl sich eigentlich einbildet, wenn er sie Dinge denken lässt, die sie einfach als unverschämt empfinden, ja, geradezu als Zwang, sich so verhalten zu müssen, wie der Bursche es will. Und wie unlogisch das ist: Woher will der Autor eigentlich wissen, was sie denken? Das ist doch völlig unglaubhaft und vor allem willkürlich.

Sie sehen schon: Sie dürfen das Buch keinem Jugendlichen schenken, der in einer deutschen Schule noch seine Punkte im Literaturunterricht sammeln muss. Denn wenn er da anfängt, die ganzen von Deutschlehrern (oder doch wohl besser: unseren akademischen Lehrplanautoren) so geliebten verwissenschaftlichen Erzähltechniken infrage zu stellen, mit denen deutsche Preisträger ständig ihre Leser verblüffen, dann kann es sein, dass er sich jede Menge Ärger einhandelt. Oh heilige Erzähltechniken! Oh heiliger auktorialer Erzähler!

Denn genau mit dem lässt Adamaschwili seine Personage hadern. Und weil er das ja in diesem Buch stellenweise selber ist (und in einigen Kapiteln auch mit herrlicher Hinterlist eingreift), wird das Buch gerade wegen seiner völlig aus dem Ruder laufenden Handlung zum Lesevergnügen. Natürlich für all jene erst recht, die ihren Schwung Weltliteratur tatsächlich gelesen haben – die russische von Dostojewski bis Bulgakow und Ilf und Petrow mit eingeschlossen. Diese Burschen sind ja nicht deshalb so berühmt geworden, weil ihre Stories so genial erfunden sind, sondern weil ihre Bücher die Leser/-innen mitnehmen in die Doppelbödigkeit des Erzählens. Die sich übrigens nicht verfilmen lässt. Ganze Berge von Verfilmungen dieser Autoren haben sich in bebilderten Kitsch verwandelt, weil man zu so einer Verfilmung mindestens das Talent eines Quentin Tarantino braucht.

Zuweilen erinnert die Bibliothek, die Adamaschwili aufruft, natürlich an das, was in eine richtige Jugendbibliothek gehört. Neben Arthur Conan Doyle gehören dazu nun einmal auch Herbert George Wells, Jules Verne und Robert Heinlein. Wer die nicht in jungen Jahren gelesen hat, kann nicht mitreden. Die Verfilmungen gesehen zu haben, genügt nicht. Denn die erzählerischen Tricks findet man nur in den Büchern. Und zwar in den ungekürzten.

Und darum geht es eigentlich, wenn Adamaschwili seine vier Buchhelden losziehen lässt, um berühmte Heldinnen und Helden der Weltliteratur zu retten – mit lauter mysteriösen Koordinaten in ihrer Buch-Reisemaschine, die sie zu immer neuen Schauplätzen führt, die an die Kulissen berühmter Erzählungen erinnern, die aber in der Regel wieder humorvolle Dekonstruktionen des Erzählens sind.

Denn wenn die Kulissen anfangen, Rätsel aufzugeben oder gar ein seltsames Eigenleben entwickeln (übrigens eine Technik, die selbst schon die Artus-Erzählungen drauf hatten), merkt der Leser natürlich auch, dass der Autor selbst ein stets präsenter Deus ex Machina ist, der auch in einer launigen Stunde fertigbringt, seine Erzählung aus der Rahmenhandlung in die (eingerahmte) Nebenhandlung zu schicken, in der ein Erzähler die Tür in eine weitere Nebenhandlung öffnet, in der wieder eine neue Geschichte angefangen wird …

Man darf sich durchaus an „Alice im Wunderland“, das „Dekameron“ oder Calvinos „Schloss, in dem sich die Schicksale kreuzen“ erinnert fühlen, auch wenn man eigentlich eher bei Sokrates und Homer landet. Und sich dabei gar nicht wundert. Denn wer in heutigen literarischen Welten unterwegs ist, der weiß, dass immer wieder Geschichten in Geschichten miterzählt werden. Und dass das meist der größte Spaß an dicken Wälzern ist – wenn man etwa an den „Don Quijote“ denkt. Auch der kommt vor.

Das heißt: Das Vergnügen wächst in dieser Reise der vier Buchhelden durch die verblüffenden Techniken des Erzählens auch aus der Begegnung mit altbekannten Motiven. Nur betet Adamaschwili diese alten Erzähler nicht an, sondern stellt sie genauso vor die forsche Frage, ob sie mit ihren Helden eigentlich fair umgegangen sind.

Oder was diese ganzen Abschweifungen und Rätsel eigentlich bedeuten, an deren Ende keine Auflösung kommt – egal ob in „Warten auf Godot“ oder all den Märchen und Epen, in denen seltsame Wegweiser die irrenden Helden irgendwo hinschicken, wo sie sich zu bewähren haben. Aber oft will die Tochter des Königs gar nicht gerettet werden, schon gar nicht von Macho-Typen, die sie hinterher doch wieder nur als Gebärmaschine benutzen.

Oh ja, es rät sich wirklich, vorher mindestens „Alice im Wunderland“ gelesen zu haben. Und es lohnt sich, die Kapitelüberschriften (die man sonst ja meistens überliest) ernst zu nehmen und auch die kleinen Späße in den Fußnoten mitzunehmen. Und auch wenn der Autor am Ende anbietet, man könne sich aus dem Buch das Ende herausschneiden, das man gern hätte, würde ich selbst garantiert keine Schere benutzen.

Auch weil die Enden eigentlich keine Wahl darstellen, sondern nur weitere Varianten eines an Joyce geschulten Autors, wie man eine Geschichte zu Ende bringt, ohne dass es ein Ende gibt. Klar: Die Variante, dass in dem Buch wirklich alle sterben, gibt es auch. Aber wo ein allwissender Autor waltet, entpuppt sich auch diese irre Aussicht als Illusion.

Genauso wie der Wunsch des idealen Helden, der an seinem fehlerfreien Leben keine Freude mehr hat, dieser langweiligen Fehlerlosigkeit ein Ende zu setzen. Aber da sind ja auch noch die Wesen vom Planeten Kyliejenn, die von außen versuchen, die Erdlinge zu steuern – ja, auch die größten Verschwörungstheorien stammen ursprünglich alle aus mehr oder weniger verrückten Büchern, in denen mehr oder weniger verrückte Autoren entweder ihren wilden Spaß mit leichtgläubigen Lesern trieben oder ihre eigenen verrückten Mutmaßungen mit einer Geschichte ummantelten, in der fremden Mächten allein die Größe zugesprochen wird, unter den Menschen Genies hervorzubringen. Menschliche Phantasie kann sich alle möglichen intergalaktischen Zivilisationen und Aliens ausdenken.

Kann Memento Mori am Ende wenigstens einen Erfolg melden? Wenigstens ein paar der berühmten Literaturtoten retten?

Aber darum geht es eigentlich nicht. Nicht mal um die Rückkehr des Kleinen Prinzen auf seinen Planeten. Eher um einen Heidenspaß, den Adamaschwili hat, die beliebtesten Erzähltechniken der üblichen Vielschreiber zu entlarven. Bis hin zu dem ganzen schrecklichen Wortmulch, den die Autoren ihre Helden am Ende sprechen lassen, um irgendwie bedeutsam aus der Handlung zu kommen. Zum Beispiel: „Die Katastrophe wurde zwar aufgehalten, die Gefahr ist aber trotzdem nicht abgewendet.“

Spätestens bei solchen Sätzen weiß man, dass das Geld für das Buch rausgeschmissen war und man wieder nur auf einen Scharlatan hereingefallen ist, der wahrscheinlich felsenfest glaubt, ein begnadeter Erzähler zu sein. Balsamiere den Leser nur mit Bedeutungsschwere ein, er wird’s schon irgendwie schlucken. Auch wenn vorher alles nur zusammengeschustert war und jeder auf der vorletzten Seite merkt, dass die Geschichte überhaupt keinen Sinn ergibt und erzählerisch völlig unlogisch ist.

Auch damit spielt Adamaschwili am Schluss, als er seinen Memento Mori feststellen lässt, dass der Autor es schwerlich schaffen wird, auf den letzten Seiten noch irgendetwas entscheidendes zu stemmen oder in die Luft fliegen zu lassen. „Lebt in Frieden weiter. Es kann euch kein Großer Bruder beobachten.“

Beka Adamashwili In diesem Buch stirbt jeder, Voland & Quist, Berlin, Dresden und Leipzig 2020, 25 Euro.

Mit Pierre Sonnage in der Literatenhölle

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Die neue Leipziger Zeitung Nr. 81: Von verwirrten Männern, richtigem Kaffee und dem Schrei der Prachthirsche nach Liebe

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