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Johann Sebastian Bachs Töchter: Carola Moosbach erzählt die Lebensgeschichte der vier überlebenden Töchter des großen Komponisten

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    Eigentlich hätte man so ein Buch von einer Leipziger Forscherin oder auch einem Forscher erwartet, wo ja nun Leipzig das große Zentrum der Bach-Forschung ist. Aber in diesem Fall war die Kölner Autorin Carola Moosbach schneller. Oder das Thema brannte ihr einfach auf den Nägeln. Denn über die berühmten Bach-Söhne wissen wir eine Menge. Aber der Leipziger Thomaskantor hatte auch Töchter. Waren die etwa unwichtig und untalentiert?

    Vier seiner Töchter überlebten ihn. Doch während die ja wirklich erfolgreichen Söhne alle ihren Wikipedia-Eintrag bekommen haben, gibt es zu diesen vier Töchtern nicht mehr als die bloße Aufzählung der Lebensdaten:

    Catharina Dorothea (1708–1774)
    Elisabeth Juliana Friederica, genannt „Liesgen“ (1726–1781)
    Johanna Carolina (1737–1781)
    Regina Susanna (1742–1809)

    Das war’s. Aber wenn man Carola Moosbachs Roman liest, dem das Studium der wichtigsten Veröffentlichungen rund um die Bach-Familie und das Leben in Leipzig im 18. Jahrhundert zugrunde liegt, dann merkt man schnell, warum das so ist. Denn so aufgeklärt einige Männer in dieser Zeit schon waren – den Frauen gestanden sie weiterhin keine Reche zu.

    Frauen wie Luise Adelgunde Victorie Gottsched oder Christiana Mariana von Ziegler waren die absoluten Ausnahmen. Und die Tochter des berühmten Thomaskantors zu sein, bedeutete nach Bachs Tod in Leipzig wenig – außer dass die Stadt sich in einer gewissen Almosenpflicht sah – übrigens auch Anna Magdalena Bach, seiner Witwe, gegenüber.

    Das änderte sich erst ein halbes Jahrhundert später, als ein engagierter Musikschriftsteller wie Friedrich Rochlitz nicht nur emsig daran arbeitete, den Zeitgenossen die Bedeutung von Johann Sebastian Bach wieder klarzumachen, sondern auch dessen letztlebende Tochter Regina wieder zu würdigen.

    Das halbe Jahrhundert davor ist eigentlich eines, in dem die Frauen auch bitterste Armut erleben, wohl wissend, dass ein wirkliches Auskommen in diesem Leipzig des späten 18. Jahrhundert nur durch die Heirat mit einem Mann zu erlangen war, der selbst eine auskömmliche Stellung innehatte.

    Was zumindest Elisabeth Juliana kurz gegeben ist, als sie den Naumburger Organisten Johann Christoph Altnickol heiratet, einen Schüler von Johann Sebastian Bach, der aber schon 1759 im Alter von 39 Jahren starb, sodass auch Elisabeth wieder zurückkehren musste in den Haushalt ihrer Mutter Anna Magdalena in der Haynstraße, wo die Frauen im Haus ihres Vormunds Graff ein Unterkommen gefunden haben.

    Unverheiratete oder verwitwete Frauen bekamen damals einen rechtlichen Vormund bestellt und Moosbach gelingt es sehr bildhaft zu zeigen, was diese Abhängigkeit bedeutete. Von einem selbstbestimmten und unabhängigen Leben konnte da keine Rede sein, gar von einer für Historiker wahrnehmbaren Stellung in der Gesellschaft.

    Und Moosbach hat wohl recht, wenn sie davon ausgeht, dass nicht nur Anna Magdalena eine hochbegabte Musikerin war, sondern auch die Töchter Talent hatten – insbesondere Regina. Doch diese Talente hatten keine Chance auf Verwirklichung in einer Stadt, in der Frauen selbst das Singen in der Kirche verboten war und Musik öffentlich nur von Männern gemacht wurde.

    Das Jahr 1781 fällt auf in den Biografien der Frauen, denn Elisabeth und Johanna starben wohl nicht ganz zufällig im selben Jahr – wohl an der Ruhr, die damals Leipzig heimsuchte. Wobei man ja unweigerlich ans Corona-Jahr denkt, auch wenn uns moderne Hygiene zumindest so etwas wie die Ruhr erspart. Und auch die schrecklichen Methoden der damaligen Ärzte. In der großen Stadtchronik wird diese Ruhr-Epidemie nicht erwähnt.

    Auch Historiker tun sich bis heute schwer, die Rolle von Seuchen in der Geschichte zu begreifen, obwohl die Akten der damaligen Zeit voll mit Notizen dazu sein dürften. Immerhin hat auch das etwas mit Armut zu tun, denn die Ruhr geht auch in Moosbachs Roman vor allem bei den Armen um, die in zumeist sehr unhygienischen und schäbigen Wohnungen hausen mussten.

    Und einige dieser Behausungen (neben denen sich das Breitkopfsche Wohnhaus wie ein Palast ausnahm) schildert Moosbach sehr anschaulich. Das ist sozusagen das arme, heruntergekommene Leipzig der Seitengassen, das Gegenstück zu jenem beeindruckenden Leipzig der Handelsburgen, das Goethe später in „Dichtung und Wahrheit“ schildern sollte.

    Und an diesem Punkt nimmt sich Carola Moosbach die dichterische Freiheit, die Bach-Töchter auch einigen der Berühmtheiten aus dieser Zeit begegnen zu lassen. Angefangen bei der selbstbewussten Gottschedin über die Familie Breitkopf bis eben zum jungen Studiosus Goethe, der Sängerin Corona Schröter und Käthchen Schönkopf bis hin zu Johann Heinrich Rochlitz, dessen Engagement für die Bach-Tochter Regina ja tatsächlich verbürgt ist.

    Wir erleben mit, wie der Siebenjährige Krieg die Hilfebedürftigen in Leipzig besonders hart trifft und wie später die revolutionären Gedanken aus Frankreich auch ins biedere Sachsen schwappen. Und in kleinen hellen Stellen erleben wir mit den Frauen den Apelschen Garten, das Ausflugslokal auf der Milchinsel und sogar den ersten Auftrittsort des Großen Konzerts in den Drei Schwanen, während der neue Saal im Gewandhaus, der 1781 eröffnet wurde, den Frauen verwehrt bleibt.

    Die jedes Mal dann, wenn der „Ernährer der Familie“ stirbt, in bitterste Armut abrutschen – so auch 1787 wieder, als der Siegellackfabrikant Ernst Friedrich Ahlefeldt, der Elisabeths Tochter Augusta Magdalena geheiratet hatte, mit gerade einmal 35 Jahren stirbt. Womit dann auch das glücklich gefundene neue Zuhause im Apelschen Haus am Markt wieder verloren ist.

    Nicht zu vergessen, dass sich Regina auch um die Töchter ihrer 1781 verstorbenen Schwester Elisabeth kümmert. Da bleibt ganz einfach kein Raum mehr für künstlerische Träume – außer beim fleißigen Sticken und Nähen, um damit ein bisschen Geld zu verdienen.

    Man staunt dabei gelegentlich, wie schnell so ein halbes Jahrhundert vergeht, fünf Jahrzehnte, die Carola Moosbach oft wirklich mit Phantasie auffüllen muss, da ja über das Leben der Frauen kaum mehr bekannt ist, als in den Rechnungsbüchern der Stadt zu finden ist. Es sei denn, im Nachlass der Bach-Söhne werden noch Briefe dieser Frauen gefunden.

    Das wäre ein Ansatz, mehr zu erfahren über ihre Träume, ihre Lebensplanungen und ihren Charakter. Und natürlich über ihren Alltag in Leipzig und ihre Ansprüche. Denn mindestens mit Carl Philipp Emanuel Bach müssen sie im Briefwechsel gewesen sein, der sie bis zu seinem Tod 1788 auch finanziell unterstützte.

    Eigentlich legt Carola Moosbach mit diesem Roman den Finger in eine Wunde, die die Forschung möglicherweise nie heilen kann, weil schlicht niemand daran dachte, die Dokumente zum Leben dieser Bach-Frauen aufzubewahren. Es war ja schon mit den Zeitzeugnissen zum berühmten Thomaskantor selbst eine Heidenarbeit. Denn auch wenn er nie wirklich vergessen war, hatte das späte 18 Jahrhundert zumindest eine gewisse Gleichgültigkeit seinem Werk gegenüber.

    Erst mit Mozart, Beethoven und Mendelssohn Bartholdy wuchs das eigentliche Verständnis für dieses kosmische Werk, dessen Entstehung die kleine Regina ja quasi aus der heimlichen Beobachterperspektive mitbekam. Als Johann Sebastian starb, war sie gerade einmal acht Jahre alt.

    Was kann man als damals Achtjährige eigentlich noch erzählen über den Vater, der beim Komponieren aus guten Gründen nicht gestört werden wollte und möglicherweise auch wirklich nicht viel Zeit für seine Töchter übrig hatte? Der sich ihnen wohl auch nie so intensiv widmete wie seinen Söhnen, da er selbst ja nur zu gut wusste, dass in seiner Welt nur Männer die einträglichen Stellungen bekamen und man die Töchter möglichst an eben solche Männer verheiraten musste, damit sie versorgt waren.

    Moosbach trifft wohl die Atmosphäre dieses sich langsam erst aufklärenden Jahrhunderts recht gut, in dem Männer vor allem erst einmal nur mit Männern über die Freiheit des Denkens diskutierten. Und in dem auch in Leipzig Männer das gestalteten, was wir heute als Bild des Leipzigs der Aufklärung vor Augen haben – Männer wie Dauthe, Müller und Oeser.

    Und so hat man mit dieser Romanreise durch die zweite Hälfte des 18. Jahrhunderts eher das Leipzig der Armen und Bedürftigen vor Augen, das mehr als karge Leben derer, die sich in ärmlichen Wohnungen in den Seitengassen durchschlagen mussten und die sich – wie Bachs Töchter – kaum noch nach einer guten bürgerlichen Partie sehnen konnten, da sie ja nicht einmal eine Mitgift einbringen konnten in die Ehe.

    Haben die Frauen wenigstens einmal die Gelegenheit gehabt, sich zu verheiraten? Auch hier muss die Phantasie tätig werden. Und was Moosbach erzählt, schildert sehr eindringlich die geradezu beklemmenden Bedingungen, unter denen Frauen damals ihr Leben organisieren mussten – ob nun in den wirklich beengenden Ehen mit einfachen Handwerkern, oder eben in so einem nicht wirklich unabhängigen Frauenhaushalt. Aber – die kleine Frage darf durchaus gestellt werden: Lebten sie wirklich freiwillig unverheiratet oder steckte in ihnen ein Selbstbewusstsein, das sie auch aus eigener Entscheidung auf die Abhängigkeit einer Ehe verzichten ließ?

    Es liegt ja fast alles im Dunkel, was man über das Leben der Bach-Töchter wissen könnte. Carola Moosbachs Roman ist ein erster Aufschlag, diesem Leben Farbe und eine mögliche Tiefe zu geben. Und natürlich das erste Achtungszeichen für eine bislang von Männern dominierte Geschichtsschreibung: Vergesst die Frauen nicht! Schreibt auch die weibliche Geschichte auf!

    Denn es genügt nicht, die Weltsicht eines fernen Jahrhunderts wie des 18. zu akzeptieren, als Frauen als Akteure praktisch unsichtbar waren und selten nur daran denken konnten, ihre Talente tatsächlich zu entfalten, wenn sie nicht aus reichen Familien stammten.

    Auch die weibliche Geschichte des 18. Jahrhunderts in Leipzig muss noch geschrieben werden und findet sich so auch nicht in der vierbändigen „Geschichte der Stadt Leipzig“, die thematisch nicht verhehlen kann, dass sie weiterhin von den Themen bestimmt wird, die Männern in Machtpositionen immer wichtig waren. Männer, die sich um Krieg, Verwaltung und Handelsgeschäfte kümmerten, während sie davon ausgingen, dass sich die Frauen nur um Haushalt und Kinder kümmerten. Und auch nicht aus lauter Neugier das Haus verfließen. Wegen des Geredes und der möglichen Strafpredigt des Pastors.

    Man spürt, wie starr die Vorstellung vom „heiligen Ehestand“ damals noch war und wie selbstverständlich und tiefverwurzelt diese Männersicht auf „geregelte Verhältnisse“, die sich ja teilweise bis heute erhalten hat. Jedenfalls lässt Carola Moosbach eine Zeit wieder lebendig werden, in der es verdammt erniedrigend sein konnte, eine Frau zu sein und abhängig von der Gutwilligkeit eines Vormunds, während an Karrieren irgendwelcher Art nicht einmal im Traum zu denken war.

    Carola Moosbach Johann Sebastian Bachs Töchter, St. Benno Verlag, Leipzig 2020, 16,95 Euro.

    60 kleine und etwas größere Texte über 50 Jahre Bachforschung und die Facetten eines modernen Bach-Bildes

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      1 KOMMENTAR

      1. Ich habe das Buch bestellt und bin sehr gespannt.
        Danke für die informative und unterhaltende Buchbesprechung!

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