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Die Wahrheit der Dinge: Die Suche des Richters Frank Petersen nach der Grenze zwischen Recht und Gerechtigkeit

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    Krimis sind es ja eigentlich nicht, die der Rechtsanwalt Markus Thiele schreibt. Und trotzdem betritt er mit seinen Romanen dieselbe Welt. Nur stehen bei ihm nicht die Ermittler im Mittelpunkt, sondern die Juristen. Im Roman „Echo des Schweigens“ war es der Strafverteidiger Hannes Jansen. In Thieles neuem Buch ist es der Richter Frank Petersen.

    Ihn hat die unerwartete Reaktion seiner Frau und seines Sohnes auf sein jüngstes Urteil aus der Bahn geworfen. Eine Reaktion, mit der er eigentlich hätte rechnen können, denn das Urteil hat er über den Vater der Freundin seines Sohnes verhängt. Da hätte er sich schon aus persönlicher Betroffenheit für befangen erklären müssen, auch wenn er zutiefst überzeugt davon ist, dass nur Fakten zählen und von ihm als Richter Urteile erwartet werden, die nur das faktisch Bewiesene zur Grundlage haben.Gut möglich, dass viele Richterinnen und Richter genau so arbeiten. Was auch bitter nötig ist. Denn genau das darf ja ein Bürger vor Gericht erwarten: Urteile, die keine Willkür kennen und sich streng ans Gesetz halten. Das verlangt Richtern eine Menge ab. Schaffen sie es wirklich, sich als Person bei jedem Urteil so weit zurückzunehmen, dass ihr Urteil tatsächlich nicht von eigenen Emotionen und Einstellungen gefärbt ist?

    Viele Berichte aus dem Gerichtssaal erzählen etwas anderes. Wobei man auch nie vergessen darf: Auch die Gerichtsreporter sind nur Menschen. Auch sie lassen sich von Stimmungen und Vorurteilen leiten. Gerichtssäle sind keine außerirdischen Orte. Und die Diskussionen in der Öffentlichkeit beeinflussen auch Prozesse, bringen Staatsanwälte und Richter unter Druck.

    Und selbst wenn ein Mann wie dieser Frank Petersen sich sicher ist, stets nur streng nach den Buchstaben des Gesetzes geurteilt zu haben, ist er jetzt auf einmal wie aus der Bahn geworfen. Und während er mit Freunden und Kolleg/-innen spricht und – für einige Tage beurlaubt – sein Haus renoviert, wird ihm immer klarer, dass ein Fall, den er vor fünf Jahren urteilen musste, möglicherweise der eigentliche Anstoß war für seine nagenden Zweifel.

    Damals erschoss die Mutter eines Opfers den Täter im Gerichtsaal ausgerechnet am Tag der Urteilsverkündung. Und nun erfährt er, dass die Frau kurz vor ihre Entlassung aus dem Gefängnis steht. Ist sie der Schlüssel für seine Unsicherheit, sein komplettes Infragestellen seines Berufes? Haben die Richter am Bundesgerichtshof nicht recht, wenn sie schon einige seiner Urteile verworfen und damit seine Befähigung infrage gestellt hatten?

    Mit diesem Frank Petersen taucht man ein in die Welt eines Richters, der bei aller Buchstabentreue nicht wirklich aufgehört hat, sich selbst in Zweifel zu ziehen. Nur: Das hat er so bisher niemandem gezeigt. Auch nicht seiner Frau Britta, die ihm wohl zu Recht vorwirft, arrogant und beratungsresistent zu sein. Es wird mehr als nur das Bild eines Mannes erlebbar, der auch im Privatleben nicht aufhört, Jurist zu sein.

    Was auch damit zu tun hat, dass ihn seine Fälle auch dort nicht ruhen lassen und er sich die Aktenstapel mit nach Hause nimmt. Ein scheinbar nur beiläufiges Thema, denn was richtet es eigentlich mit einer Partnerschaft an, wenn einer keine Grenze zu ziehen vermag zwischen Beruf und Privatleben? Wenn er sich auch nach Feierabend nicht öffnen kann für die Fragen und Probleme von Frau und Sohn?

    Darüber dürften eine Menge Leute nachdenken – ab und zu wenigstens, wenn sie mal die Ruhe dazu finden. Denn wir sind ein Land der Workaholics. Das gilt als Standard, wird oft sogar erwartet, nicht nur im Justizapparat, wo mit viel zu wenigen Richter/-innen versucht wird, eine immer komplexere Gesetzeslage zu bewältigen. Und oft genug – das ist ja im Grunde die Hauptblickrichtung der Medien – muss das Justizsystem auch irgendwie als Reparaturbetrieb dafür herhalten, was politisch nicht bewältigt wurde. Und das unter völlig ungenügenden Bedingungen, wie ja kürzlich erst der Berliner Staatsanwalt Ralph Knispel in seinem Buch „Rechtsstaat am Ende“ kritisierte.

    Auch er fand lobende Worte für die Richter/-innen und Staatsanwält/-innen, die trotz widriger Arbeitsbedingungen weitermachen, weil sie ihre Arbeit wirklich als essenziellen Dienst an der Gesellschaft empfinden. Aber zu diesem starken Verantwortungsgefühl gehört letztlich auch das Wissen darum, dass man Fehler machen kann. Dass die Ermittlungen ein falsches Bild gezeichnet haben können, dass Angeklagte zuweilen schlecht verteidigt werden oder clevere Rechtsanwälte mit allen Tricks versuchen, eine Verurteilung um jeden Preis zu verhindern.

    Und dann sind da ja noch die Hintergründe, die beim Aufrollen des Tatvorgangs oft keine Rolle zu spielen scheinen. War der Mord vielleicht doch nur ein Totschlag, weil der Angeklagte im Affekt handelte oder unter Alkoholeinfluss oder im „Eifer des Gefechts“ agierte?

    Irgendwie weiß es Frank Petersen, auch wenn er sich, als er darangeht, die entlassene Corinna Maier vom Gefängnis abzuholen, erst schrittweise wieder vortastet bis zu jenem ersten Fall, der den zweiten Fall bedingt. Dieser erste Fall aber liegt mehr als zwei Jahrzehnte zurück, hier hat Markus Thiele den Tod von Amadeu António Kiowa zum Vorbild genommen, den Nazis 1990 in Eberswalde zu Tode trampelten. Das Urteil im Prozess sorgte damals schon für Entsetzen, weil die Täter mit milden Urteilen davonkamen.

    Und man merkt, wie das auch Markus Thiele bis heute beschäftigt. Denn es war nicht der einzige Fall, in dem Richter derart geringe Urteile gegen Täter aussprachen, die eindeutig als Rechtsextreme und Rassisten auftraten, oft auch – wie Thiele es schildert – von ihren Gesinnungsgenossen im Gerichtssaal unterstützt. Tatsächlich berührt sich an dieser Stelle das neue Buch mit dem „Echo des Schweigens“, in dem der schlichtweg unverständliche Umgang des Landes Sachsen-Anhalt mit dem Tod von Oury Jalloh in einer Dessauer Polizeistation und das Schweigen der Beteiligten zentrale Rollen spielen.

    Und die Frage, die Markus Thiele ja tatsächlich aufwirft, ist: Wie sehr lassen sich Richter/-innen beeindrucken von diesem Schweigen, von politischer Einflussnahme oder der Unfähigkeit unseres Staates, rechtsradikale Umtriebe tatsächlich zu unterbinden? Dass wir da ein Problem haben, ist ja nicht erst seit Aiko Kempens Buch „Auf dem rechten Weg?“ ein Thema. Wie unabhängig sind Polizei und Justiz, wenn seit über 30 Jahren auf dem politischen Parkett eher das Misstrauen gegen Minderheiten, Migranten und farbige Menschen geschürt wird und gegen rechtsradikale Umtriebe gar nicht oder nur mit Zögern vorgegangen wird?

    Wie sehr lässt sich auch ein Richter Frank Petersen davon beeindrucken? Kann ihm das ausgerechnet Corinna Maier beantworten, die ihm in den wenigen Tagen, die er mit ihr zu tun hat, ohne viel Aufwand zeigen kann, dass sich zwischen 1990 und 2015 in Deutschland nicht wirklich viel geändert hat? Beide geraten mitten hinein in die Demonstrationen gegen die Flüchtlingspolitik der Bundesregierung. Alles war wieder da, genauso wie in Ostdeutschland nach dem Fall der Mauer, als sich rechtsradikale Schläger nicht nur auf Eberswalder Straßen ihre Opfer suchten.

    Und als die große deutsche Politik die Schutzlosen und Bedrohten im Stich ließ, lieber die Einwanderungsgesetze verschärfte und damit ein eindeutiges Zeichen setzte. Ausländerhass war wieder hoffähig. Oder kann man das anders interpretieren? Aus der Sicht von Corinna Maier, die Markus Thiele nun gleich zwei Mal erleben lässt, wie schnell die von ihr geliebten Menschen zum Opfer des Rassenhasses werden, hat sich in Deutschland nichts gebessert, sind Menschen mit dunkler Hautfarbe weiter schutzlos und können auch nicht unbedingt damit rechnen, bei der Polizei Verständnis und vor Gericht Gerechtigkeit zu finden. Jedenfalls traute sie es diesem Richter Fank Petersen nicht zu.

    Am Ende erfährt er zwar, warum sie geschossen hat und dass ihre Angst vor dem in alten rassistischen Mustern verhafteten Deutschland wohl nur zu berechtigt ist. Aber hilft ihm das? Beantwortet es seine Fragen, die er sich in Bezug auf die Verlässlichkeit seiner Rechtsprechung und auf die Offenheit seine Familie gegenüber stellt?

    Schwierig zu sagen, weil Thiele nicht erzählt, warum seine Frau Britta dennoch zurückkehrt. Denn was er in den Gesprächen mit Corinna Maier gelernt haben sollte, hat ja eher weniger mit seiner Ehe zu tun, auch wenn er sich sichtlich bemüht. Aber vielleicht spüren es ja Lebenspartner, wenn einer anfängt, seine Schale zu öffnen und nicht mehr den Unfehlbaren zu spielen. Vielleicht müssen das nicht nur Richter lernen, wenn sie als Menschen nicht beschädigt werden wollen, wenigstens im privaten Umfeld loslassen zu können und die Welt nicht mehr nur mit den Augen des wachsamen Gesetzes zu betrachten.

    Denn die Erkenntnis bleibt ja: Das Gesetz kann auch unbarmherzig sein, wenn man die Nöte und Beweggründe der Angeklagten ausklammert und auch nicht in die Bewertung mit einbezieht. Und noch unbarmherziger können gedankenlose Journalist/-innen sein, die auch über Richter urteilen, als wären diese selbst Angeklagte und müssten sich dem Urteil der Öffentlichkeit stellen – als wäre die wild dreinhauende Zeitung selbst schon die Öffentlichkeit und zu Urteilen berechtigt.

    Im Grunde erzählt Petersens Fahrt ja von der Suche nach Einfühlung. Denn wer wirklich begreifen will, warum Menschen manchmal auch gegen das Gesetz handeln, muss fähig sein, sie in ihren Beweggründen zu verstehen, muss sich selbst in Zweifel ziehen können. Tatsächlich verknüpft Markus Thiele hier zwei Fälle, auch wenn der eine – der Fall Marianne Bachmann – noch viel weiter zurückliegt. Und da er die Ereignisse von 1989/1990 immer wieder einblendet, kennt der Leser auch die große Not der Corinna Maier – und die Leere, die zurückbleibt, wenn die Träume eines Lebens brutal zertreten werden.

    Im Grunde ist auch dieses Buch ein Appell, den Menschenhass unter uns nicht mehr als normal zu akzeptieren. Und schon gar nicht als Entschuldigungsgrund für die Täter, die sich auf der großen Bühne dann meistens herausreden und sich selbst gar zum Opfer stilisieren, ganz so, als wären „die Zeitumstände“ schuld daran, dass sie solche brutalen Schläger geworden sind.

    Frank Petersen hat zwar am Ende glücklich seine Frau wieder. Aber seine Zweifel ist er nicht los. Es sind wahrscheinlich genau die Zweifel, die die wirklich engagierten Richter/-innen immer plagen werden: Ob sie bei aller Klarheit des Urteils tatsächlich dem Menschen vor sich im Gerichtssaal – oder auch den Opfern der Tat – wirklich gerecht geworden sind und nicht mit ihrer Härte neue Wunden zugefügt haben, die nicht mehr heilen werden.

    Im Grunde nimmt dieser Frank Petersen seine Leser/-innen mit auf eine zutiefst menschliche Suche. Denn ungerecht oder selbstgerecht sind wir alle mal. Nur der Zweifel hilft uns, Mensch zu bleiben und nicht zu urteilen, als wären wir besser als die anderen. Das muss man aushalten lernen, spätestens, wenn man tatsächlich über das Leben anderer Menschen zu urteilen hat. Nur versteinern darf man dabei nicht. Auch wenn es keine eindeutigen Antworten gibt. Nur die Suche nach möglichen Antworten.

    Markus Thiele Die Wahrheit der Dinge, Benevento Verlag, Salzburg 2021, 22 Euro.

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